Masterpiece!

Westfälischer Landadel: Baron Elektro-Gitarren Modell 1 im Test

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(Bild: Dieter Stork)

Von einem Westfalen erwartet man zu Recht Gediegenes und Bodenständiges. Bevor man warm mit ihm wird, muss man erst einmal einen Sack Salz mit ihm gegessen haben, so heißt es jedenfalls. Die Geduld wird dann aber doch oft belohnt.

Was lange währt … mehr als zwei Jahre hat Oliver Baron von Helliver Guitars in Münster an seinem neuen Konzept „Baron Elektro-Gitarren“ gearbeitet, Materialien und Finishes getestet, Details verändert, Pickups und Hardware anfertigen lassen etc., bis er nun endlich mit einem ihn selbst befriedigenden Ergebnis an die Öffentlichkeit tritt.

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„Ich fragte mich: welches Instrument möchte ich jetzt bauen? Was begeistert mich persönlich und wie möchte ich arbeiten? Zwei Jahre und 15 Prototypen später hatte ich die Antwort: das Modell 1. Ein ganz besonderes Instrument mit wirklicher Tonkultur. Für mich bringt es die elektrische Gitarre auf den Punkt und auf Augenhöhe mit ihren akustischen Schwestern.“

KONZEPTION UND TECHNISCHE UMSETZUNG

Der Plan: Handliche semiakustische Single-Cutaway-Gitarre mit mittlerer (625 mm), alternativ auch kurzer (600 mm) Mensur von durchaus gewünscht klassischer Anmutung und umwerfend hoher akustischer Kompetenz. Implementiert ein Optimum an Resonanzstärke und Schwingvermögen. Akzent auf gut abgelagertes und besonders leichtes Holz unter Verzicht auf Plastik und Perlmutt. Metall nur, wo unumgänglich. Perfekt angepasste Elektrik durch Sonderanfertigungen von Charlie-Christian-Style-Pickups durch US-Hersteller Lollar. Ausgefuchste Konstruktion, umgesetzt in detailgenauer Handfertigung mit Blick auf perfekte Spieleigenschaften. Kurz: das definitive Instrument!

Angepasste Charlie-Christian-Style-Pickups von Lollar in Holzkappen (Bild: Dieter Stork)

Die Details: Als Basis für das vorliegende Modell 1 dient besonders leichtes und gut abgelagertes afrikanisches Okumé (zur Wahl steht natürlich auch Mahagoni). In die massive Platte wurden zunächst wohlerwogen gesetzte Hohlkammerfräsungen eingebracht, um dem Holz ein Optimum an sensibler Ansprache, Dynamik und Frequenzbreite zu entlocken.

Darauf fand dann eine 4,5 mm starke Decke aus massiver Fichte mit sehr schön gestalteten f-Löchern Platz, von denen das untere durch Gravur auf das partiell darauf gesetzte Pickguard aus Ebenholz nachvollzogen wird. Grundsätzlich stehen auch Ahorn und Mahagoni als Deckenhölzer bereit, Nuss oder Kirsche sind ebenfalls möglich. Bindings aus Ebenholz fassen die Deckenränder ein, eine fein ausgearbeitete Armauflage ergänzt das elegante Bild um eine spielpraktisch hilfreiche Nuance.

Der für eine sehr stabile Verbindung mit perfekter Koppelung passgenau und großflächig in die Korpusfräsung eingeleimte einteilige Hals aus Okumé ist aus demselben Stamm wie der Korpus gefertigt und mit einem unverzierten Griffbrett aus Ebenholz von 12″ Radius versehen, in das 22 penibel verarbeitete Bünde in gefräste Bundschlitze gesetzt wurden. Punkteinlagen auf der Griffbrettkante aus Neusilber gewährleisten eine sichere Lagenkennung.

Ebenholzgriffbrett mit undurchstochenen Kanten (Bild: Dieter Stork)

Der Halsfuß ist zur optimalen Bespielbarkeit der hohen Lagen mit weicher Rundung ins Cutaway hinunter geführt. Der über eine Volute herausgeführte Kopf trägt das Baron-Logo im Ebenholzfurnier und ist mit den offenen und leichten SX510-Mechaniken von Gotoh ausgestattet. Hinter einer Abdeckung aus Ebenholz oberhalb des Knochensattels liegt der Zugang zum besonders leichten Einweg-Halsstab verborgen. Die einteilige Baron-Wraparound-Brücke aus Messing wurde für optimalen Schwingungstransfer konstruiert. Eine zweite Bridge, die für Sets mit umsponnener G-Saite kompensiert ist, liegt zusätzlich bei.

Die Baron kommt mit zwei unterschiedlich kompensierten Brücken.

Elektrik: Die in seitlich zugespitzte Holzkappen gesetzten Lollar-Tonabnehmer lässt Oliver Baron speziell für das Modell 1 in den USA fertigen. Sie sind dem legendären Charlie-Christian-Klingen-Pickup aus den 30er-Jahren nachempfunden, verfügen demgemäß über nur geringe elektrische Widerstände und wurden mit dickerem Draht, also auch entsprechend weniger Windungen gewickelt. Alle Schalt- und Steuerelemente des Modell 1 sind auf eine hinter die Bridge platzierte Auflage aus Ebenholz montiert, die an einen Trapez-Saitenhalter erinnert. Dem unverzichtbaren Volume-Poti steht dann noch ein Charakterschalter zum Aufruf von vier Grund-Sounds und ein 3-Weg-Schalter für die Pickup-Wahl zur Seite. Der Master-Lautstärkeregler ist so ausgelegt, dass die Höhen beim Herunterregeln erhalten bleiben.

Ausgefräster Okumé-Korpus mit massiver Fichtendecke und Armrest (Bild: Dieter Stork)

Das minutiös verarbeitete Instrument ist mit hauchdünn aufgetragenem Nitrolack ohne Weichmacher versiegelt, was die natürliche Schönheit des Holzes mit einem Appeal von Streichinstrumenten hervorhebt.

LUXURIÖSE DEZENZ – FAMOSER CHARAKTER

Das Modell 1 ist mit gut 2,6 kg zunächst einmal ein ungemein leichtes Instrument. Mit ihrem matten Antique-Finish fühlt sich die Gitarre nicht nur gut an, sie fügt sich auch lässig an ihren Spieler. Mit 35 cm Korpusbreite liegt die Baron vom handlichen Format her einer Les Paul (32 cm) näher als etwa der Gibson ES-175 (41 cm), an die sie mit ihren f-Löchern etwas erinnert. Von der Bauweise her ist die Baron aber doch völlig eigenständig konstruiert. Das schlägt sich auch in ihrem akustischen Vermögen nieder. Mit offenem Ausdruck und seidiger, dazu trennscharfer Auflösung im sich frisch und frei aufschwingenden Akkord reklamiert sie sofort eine Sonderstellung für sich.

Dann dieses spontane Spielvergnügen: Der rundlich und mit 42,6 mm am Sattel nicht zu breit gestaltete Hals gibt der greifenden Hand sofort ein Gefühl von Heimat. Die elegante Schulterrundung, undurchstochen glatte Außenkanten des Griffbretts und die perfektionistisch abgeglichene Bundierung sorgen bei einer flach eingestellten Saitenlage für ein ungemein schmeichelndes Greifgefühl. Hervorragende Grundeigenschaften also, die nun förmlich nach angemessener Tonwandlung schreien.

Die wenig komprimierenden Baron/Lollar-Klingen-Pickups tönen im Vergleich mit schmalen Singlecoils schon konstruktionsbedingt wärmer und runder, verfügen über einen größeren Dynamikbereich und eine höhere Anschlagsempfindlichkeit. Damit sind sie natürlich eine gute Wahl, um den komplexen, holzgetränkten Ton des vorliegenden Instruments differenziert an den Verstärker zu übertragen. Allerdings ist die Ausrichtung nicht nur auf Varianten des weichen Jazz-Tons gemünzt. Eine Menge weiterer Sounds für unterschiedliche Anwendungen gehören zum intendierten Klangspektrum.

Der Singlecoil in der Halsposition vermittelt die akustisch so bemerkenswert feingliedrig aufgelösten Klänge mit souveräner Präsenz. Die Kombination von Wärme und Kraft, aber auch von Klarheit und Reizbarkeit in der Ansprache ist schlagend. Kernig trocken und nicht zu tief greifend im Bass, ergänzen plastisch warme Mitten und freie Höhen das akkordische Bild. Bemerkenswert ist dabei nicht nur die plastische Griffigkeit und Tiefenschärfe der Darstellung, sondern auch das Geschehen jenseits der vordergründig hörbaren Präsenztöne.

Gemeint ist damit das fabelhafte Obertonverhalten der Gitarre, das gehaltenen Noten und Akkorden eine ungemein farbreich atmende Aura verleiht. Der Anschlag wird zudem markant und positionsgerecht herausgestellt, spontan reagiert der Ton, folgt jeder Fingerbewegung präzise. Sehr schön kommen dann auch leicht angeschmutzte Klänge mit etwas offensiver eingestelltem Amp zum Ohr. Perkussiv, vital und mit guter Kralle fasst die Gitarre dann im Overdrive zu, lässt holzgetränkte Crunch-Sounds aufblühen und macht auch beim Lead-Spiel mit singenden Linien eine richtig gute Figur. Gern würde man jemanden wie Larry Carlton mit diesem Instrument hören!

Den Steg-Pickup mag manch ein Freund des samtigen Handschuhtons in einem solchen Instrument für vollkommen überflüssig halten, bis … na bis er dann den Kombi-Sound hört. Der nämlich punktet auch in allen Jazz-affinen Spielhaltungen mit leicht gehöhlten, geschmeidig perlenden Linien. Aber da geht ja noch so viel mehr. Der Steg-Pickup allein überzeugt stilistisch etwas breiter aufgestellte Spieler unbedingt mit einem authentisch knackigen Ton, ein Ton mit Rückgrat sozusagen, der trocken vorspringend auf einen etwas anderen Twang programmiert ist. Luftig abfedernd ist hier viel Spaß mit rhythmischem Spiel zu haben, dynamisch tänzelnd und funky.

Wer nun in den Overdrive-Modus des Amps schaltet – huch, darf das denn? Ja, das darf! – der bekommt jetzt nicht die grobe Keule auf die Mütze, dafür aber einen sehr präzise und anschlagsgerecht agierenden Ton an die Hand und der knallt auch ganz ordentlich. So kriegt man den knochentrocken vordrängenden Ton mit gezielt eingesetztem Plektrum dermaßen zum Schwitzen, dass sich sein Inneres quasi nach außen kehrt. Selbstredend schmeckt das alles nun aber keineswegs nach Metal, für wirklich heftige Bösartigkeiten hat die feine Baronesse dann doch nicht den sprichwörtlich richtigen Arsch in der Hose. Alles unterhalb der Heavy-Schallmauer jedoch meistert die Gitarre über diesen Pickup mit Stringenz und Noblesse.

Kontrollfeld: Schalt- und Regelmimik auf Trapez-Platte (Bild: Dieter Stork)

Nun kommt auch noch der Charakter-Drehschalter ins Spiel, denn mit dem lassen sich vier perfekt vorgewählte Grund-Sounds aufrufen. Das hat nichts mit den eher nasalen Filterstufen etwa eines Gibson-Vari-Tone-Schalters zu tun, sondern ist im Prinzip ein Tone-Poti mit besonders ausgeklügelten Sweet-Spot-Positionen. Die reichen von warm und mittig in Stellung 1 bis zum offen und brillant klingenden Bypass in Position 4, gewähren damit zusätzlich zum unverfälscht puren Ton in drei weiteren, eher leichten Bedämpfungsstufen sehr schöne tonfarbliche Varianten. Auf der einen Seite lassen sich damit sanft gerundete Clean-Jazz-Chords von bester Vitalität umsetzen, andererseits nimmt es den vokal starken Lead-Sounds im Overdrive bei Bedarf die Schärfe und gibt dem Ton eine samtene Fassung, ohne ihm die Präsenz zu nehmen.

Zusammen mit dem ohne Höhenschwund abregelbaren Volume-Regler sind die klanglichen Möglichkeiten der Gitarre also nicht nur originär, sondern auch erfreulich breit gefächert. Die dynamisch offenen, aber auch fein kalibrierten Sounds wenden sich allerdings, wie schon bemerkt, an Spieler mit Hang zur nuancierten Klangfindung.

Das noch: Die Schalt- und Regelmimik ist wohl etwas ungewöhnlich platziert, aber schnell in Gewöhnung genommen und ergänzt den optischen Gesamteindruck von adeliger Exklusivität.

RESÜMEE

Oliver Baron stellt mit der perfekt austarierten Konstruktion Modell 1 das für ihn persönlich ultimative Instrument vor. Die semiakustische Single-Cutaway-Gitarre erscheint wie kunstvoll durchkomponiert, ist die Essenz aus mehr als 20-jähriger Forschung und Erfahrung im elektrischen Gitarrenbau und lässt in Hinsicht auf die Auswahl von Materialien und Komponenten nichts mehr zu wünschen übrig.

Die feine Auflösung von Mehrklängen in harmonischer Transparenz, das unmittelbare Reflexverhalten auf den differenziert übersetzten Anschlag, die speziell für das Modell 1 wunderbar passgenau angefertigten Pickups mit ihrer holzgetränkten, farbstarken Tonwandlung – das alles summiert sich zu einem flexibel nutzbaren Instrument, dem man abseits von heißer Metallverarbeitung eigentlich keine Grenzen setzen muss. Die mit kunsthandwerklicher Finesse und in feiner klanglicher Abstimmung erstellte Gitarre klassischer Anmutung erhebt also mit Recht Anspruch auf einen Platz im Oberhaus!

PLUS

  • Konstruktion/Design
  • Materialauswahl
  • Schwingverhalten
  • Baron/Lollar-Pickups
  • Sound-Abstimmung
  • Handhabung
  • Detailwidmung
  • exklusive Verarbeitung

MINUS

  • hoher Preis erschwert Zugang

(erschienen in Gitarre & Bass 01/2022)

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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,
    ein Klangbeispiel für die Baron Gitarren wäre viel hilfreicher als ewig lange Texte für diese schöne Gitarren.
    Gruß
    Roland

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