Was ist besser?

Kabel vs. Wireless

Seit jeher wird unter Gitarristen, mehr noch unter Bassisten, das Thema „Kabel oder drahtlos?“ höchst kontrovers diskutiert, wobei Aspekte wie Funkfrequenzbereiche, Klang, Dynamik, Nebengeräusche, Reichweite, Dropouts und Batterieverbrauch im Vordergrund stehen, der Sicherheitsaspekt indes völlig außen vor bleibt.

(Bild: Dommers)

Wireless

Und genau diesen hatte ein Radiotechniker namens Leo Fender auf dem Schirm, als er 1961 das weltweit erste Wireless- System für Gitarre präsentierte. Die TR-105 Wireless Remote Unit, so die offizielle Bezeichnung, sollte in erster Linie Musiker vor Stromschlägen schützen, die damals aufgrund mangelhafter Elektroinstallationen und fehlender Erdung fast an der Tagesordnung waren.

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Der Fender-Prospekt sprach auch E-Bassisten, Akustikgitarristen und sogar Akkordeonisten an. Optisch unterschied sich das TR-105 kaum von heutigen Systemen: Ein Taschensender im Zigarettenschachtelformat mit fest montiertem Gitarrenkabel, welches gleichzeitig als Senderantenne diente, und ein kompakter Empfänger ohne sichtbare Antennen. Eine Mercury-Batterie bescherte dem Sender 100-150 Betriebsstunden, der Frequenzgang betrug schon damals 20Hz-20kHz, der Aktionsradius allerdings nur rund 15 Meter. Ein hochsensibler FM-Tuner ermöglichte wahlweise FM-Radioempfang (!) oder verzerrungsfreien Empfang des Instrumentensignals vom Taschensender. Leo Fender ist also wie so oft seiner Zeit weit voraus gewesen. Mangels Interesse verschwand das recht zuverlässig funktionierende TR-105 bereits nach einem Jahr wieder aus dem Fender-Programm. Die populärsten Systeme kamen 1976 vom US-Hersteller Nady, waren jedoch eher unerschwinglich. Bei uns kam das erste bezahlbare Wireless Guitar System 1981 mit dem Ibanez TR-2 auf den Markt, das damals umgerechnet ca. ! 459 (empf. VK) kostete.

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Dass gut klingende und praxisorientiert konzeptionierte Wireless-Systeme speziell für die Performance auf der Bühne eigentlich nur Vorteile bringen, ist wohl kaum von der Hand zu weisen. Dennoch trauen viele Gitarristen und Bassisten dem Braten nicht und vertrauen lieber „ihrem“ Kabel. Ohnehin spielt der Sicherheitsaspekt angesichts von VDE-Vorschriften und EU-Normen zumindest in unseren Regionen keine große Rolle mehr, obwohl im Falle von Brummschleifen nach wie vor das gute alte Gaffa-Tape zum Abkleben von Verstärkererdungen missbraucht wird. Dabei gibt es heute von etlichen Anbietern relativ kostengünstige und gut funktionierende Trenntrafos. Wer jedoch im Ausland unterwegs ist, speziell in Ländern, in denen man es mit Elektroinstallationen nicht ganz so genau nimmt, wird seine eigene Sicherheit sicherlich gerne einem Wireless System anvertrauen wollen. Auch hinsichtlich der Bühnen-Performance überwiegen deren Vorteile, denn weder man selbst, noch die Bandkollegen können einem aufs Kabel steigen. Stecker, Klinkenbuchsen oder Zargenplatten aus Kunststoff, schlimmstenfalls aber auch ausgebrochene Decken- oder Zargenpartien lassen sich so, genau wie Kabelverknotungen und Stolperfallen vermeiden.

Andere scheuen die senderseitige Abhängigkeit von Batterien oder Akkus, obwohl der Stromverbrauch in den letzten Jahren drastisch gesenkt werden konnte, und heute schon mit zwei Alkali-Batterien des Typs AA problemlos drei Gigs inklusive Soundchecks möglich sind. Einige Hersteller bieten sogar Sender mit umwelt- und kostenfreundlicheren Lithium- Ionen-Akkus und Schnellladefunktion an (Line6, Shure, stageClix u. a.), wobei meist der aktuelle Batterie- bzw. Akkuzustand sowohl sender- als auch empfängerseitig angezeigt wird, um frühzeitig aufs Nachladen hinzuweisen. Da das niederländische stageClix-System den mit Abstand kleinsten und leichtesten Taschensender aller Mitbewerber besitzt, arbeitete es zunächst mit zwei Akkus des Typs AAA, die ausschließlich vom Hersteller getauscht werden konnten, was mit Versand, Zeit und relativ hohen Kosten verbunden war. Inzwischen bietet stage- Clix aber auch einen speziellen Akku zum – wenn auch kniffligen – Selbstaustausch an.

(Bild: Dommers)

Moderne Wireless-Geräte arbeiten heute mit Digitaltechnologie, deren Klang- und Übertragungsqualität von der Güte der AD- und DA-Wandler und deren Rechengeschwindigkeit abhängt. Latenzen von 1,5-3 Millisekunden sind heute Standard. Zur Verdeutlichung: In trockener Luft von 20° Celsius beträgt die Schallgeschwindigkeit 343,2 Meter pro Sekunde, nach Adam Riese bzw. Taschenrechner also 34,32 cm pro Millisekunde. Bei Kabelverbindung und 1 Meter Abstand vom Lautsprecher müsste somit eine Latenz von 3 ms wahrnehmbar sein. Ist sie aber nicht, oder? Auch die Angaben zu den Reichweiten der Systeme sind lediglich als Richtwerte anzusehen, da bereits 20 Meter vom Lautsprecher entfernt das Gitarren-/ Bass-Signal mit knapp 58 ms Verzögerung aufs Gehör trifft und man dabei groove-technisch ganz schön ins Schwimmen gerät. Kompensieren lässt sich dies allein mit adäquatem In-Ear- Monitoring.

Das Hickhack um die dem Musikbetrieb zugeteilten Funkfrequenzen hat sich inzwischen etwas gelegt. folgende Frequenzen stehen kostenfrei zur Verfügung:

* VHF Band = Very High Frequency (174- 230 MHz), neu zugeteilt

* UHF Band = Ultra High Frequenzy (823- 832 MHz, LTE-Mittenlücke, ML 800, gültig bis mindestens 31.12.2025)

* UHF Band (863-865 MHz, ISM-Band = Industrial, Scientific and Medical, gültig bis mindestens 31.12.2023).

* 1G8 Band (1785-1805 MHz, LTE-Mittenlücke ML 1G8, gültig bis mindestens 31.12.2025)

* 2G4 Band: 2400- 2483,5 GHz (gültig bis mindestens 31.12.2024)

Anmelde- und somit kostenpflichtige Funkfrequenzbereiche umfassen 470-608 MHz, 614-703 MHz und 733- 823 MHz. Da die Frequenzen oberhalb von 694 MHz zunehmend durch die LTE-Signale der Anbieter von mobilen Internetzugängen besetzt werden, sind ohnehin Systeme vorzuziehen, die (auch) auf niedrigeren Frequenzen arbeiten. Bei der Neuanschaffung eines Wireless- Systems empfehlen sich in jedem Fall digitale Systeme im 1.8GHz- oder 2.4GHz- Band, da diese nicht nur ohne klangbeeinflussende Compander auskommen, sondern inzwischen auch Übertragungsbereiche von 10Hz-20 kHz und Dynamikbereiche von 110dBA bieten, was speziell Bassisten die Drahtlos-Paranoia nehmen dürfte. Die mitunter verwendete Digital- Channel-Lock-Technologie verschlüsselt sogar die Audiosignale und vermeidet dadurch im allgegenwärtigen WLAN-Smog Signalinterferenzen.

Kabel

Unter den Kabelverfechtern fachsimpelt man derweil über qualitative Unterschiede von Kabeln oder „Klangleitern“, Kapazitäten, Dämpfung, Isolierung, Flexibilität/ Steife und natürlich Klinkenstecker. Da es auch unter Wireless-Usern solche gibt, die das Gras wachsen hören, bieten heute die meisten digitalen Systeme sogar die Möglichkeit, Kabelkapazitäten und -längen sprich Klangverluste zu simulieren. Nach wie vor schwören die meisten Gitarristen und Bassisten immer noch auf hochwertige Koaxialkabel. Vor allem seit dem Boom der Pedalboards, die mit immer teureren Boutique-Effektpedalen bestückt werden, nahm das Interesse an High-End- Instrumentenkabeln immens zu. Diese sind in der Regel mit 6,35 mm Klinkensteckern ausgestattet und sollen bei hoher Impedanz relativ niedrige Pegel übertragen, die vor allem bei konventionellen Magnettonabnehmern vorliegen.

Fender TR-105 Wireless Remote Unit (Bild: Archiv)

Durch die niedrigen Pegel passiver Gitarren- und Bass-Pickups besteht eine hohe Anfälligkeit gegenüber Störquellen, die mit zunehmender Kabellänge natürlich steigt. Aus diesem Grund besitzen die Instrumentenkabel immer eine Abschirmung aus gewickelten (Billigkabel) oder dicht geflochtenen dünnen Kupferdrähten (hochwertigere Kabel). Bei asymmetrischer Signalführung, wie sie bei den meisten Koaxialkabeln verwendet wird, führt man den Plus-Pol in der Mitte und den Minus-Pol als Schirm, der weitgehend vor Störquellen wie Leuchtstoffröhren, TV- oder Computer-Bildschirmen, Dimmern usw. schützt. Bei Instrumentenkabeln und passiven Tonabnehmern spielt die Kapazität eine entscheidende Rolle.

Zwei durch Isolationsmaterial elektrisch voneinander getrennte Leiter bilden einen Kondensator, dessen Kapazität umso größer ist, je dichter die Leiter zusammenliegen. Ähnlich einem Tonkondensator wirkt das Kabel quasi als Hochpass gegen Masse. Je höher die Kapazität, die in Pico-Farad pro Meter (pF/m) gemessen wird, umso stärker die Bedämpfung der Höhen. Die Einheit pF/m gibt also an, wie stark die Höhen bedämpft werden. Je kürzer das Kabel, umso weniger Höhenverluste, halbe Länge bedeutet also halbe Kapazität. Aus diesem Grund empfiehlt sich die Verwendung möglichst kurzer Kabel. Ein Kabel mit 50 pF/m klingt sehr höhenreich, eines mit 200 pF/m dagegen warm und betont Mitten und Bässe.

Sony DWZ B30GB – ebenfalls Board-kompatibel (Bild: Dommers)

Die Wahl der richtigen Kapazität hängt somit vor allem von der eigenen Klangvorstellung ab. Für glasklaren Sound empfehlen sich Kabel mit niedrigen Kapazitäten, bei Zerrsounds kann es sogar vorteilhaft sein, wärmer klingende Kabel zu verwenden, da die zusätzliche Verstärkung (Gain) die Höhen anhebt. Typische Koaxialkabel mit geringer Höhendämpfung besitzen Kapazitäten von 50 bis 100 pF/m. Da neben der Kapazität noch zahlreiche weitere Einflüsse das Übertragungsspektrum eines Kabels bestimmen, ist die Kapazität nicht immer das Maß aller Dinge, denn entscheidend sind auch gerade beim Bühneneinsatz Parameter wie Flexibilität, Qualität der Abschirmung und der äußeren Ummantelung sowie des Klinkensteckers, dessen Zugentlastung (vorzugsweise nach dem Spannzangenprinzip) und Knickschutz.

Neben dem konventionellen Aufbau von Koaxialkabeln mit vertwistetem Innenleiter (Plus) und gewickelter bzw. geflochtener Abschirmung haben Hersteller von High-End-Kabeln, für die man bis zu ! 180 auf die Ladentheke blättern kann, innovative Konzepte zur Optimierung der Signalübertragung und Minimierung von Störgeräuschen entwickelt. Zunächst wird für die Leiter möglichst reines Kupfer verwendet. Sogenannte Solid-Coil- Kabel besitzen anstelle von mehradrigen Litzen einen einzigen Innenleiter aus Starrdraht, also massivem Kupferdraht, was natürlich zu Lasten der Flexibilität geht. Außerdem sind die Leiter intern symmetrisch aufgebaut, es gibt also separate Leiter für den heißen (+) und den kalten Signalanschluss (-). Nach einer Isolierung aus Polyesterschaum oder Teflon wird das Ganze zusätzlich von dichtem Abschirmgeflecht umgeben, welches kein Signal überträgt, sondern ausschließlich zur Ableitung von Störungen dient. Diese Abschirmung wird häufig nur an einem Kabelende mit einem markierten Stecker verbunden, der auf die empfohlene Laufrichtung des Signals hinweist. Bei anderen High-End-Kabeln ist jede einzelne der Innenlitzen von Isolierlack umgeben, sodass jede als separater Starrdrahtleiter fungiert.

Shure GLX-D16E Beta Guitar Pedal Digital Wireless (Bild: Dommers)

Nachdem die in den 70er-Jahren beliebten Spiralkabel in den Achtzigern aufgrund ihrer Störanfälligkeit vollständig verschwunden waren, erlebten sie vor ein paar Jahren eine Renaissance. Ihr Vorteil ist rein praktischer Natur, da sie auf der Bühne seltener Stolperfallen bilden und immer die Länge entfalten, die gerade benötigt wird. Wenngleich die Hersteller das Kabelmaterial und damit die Störanfälligkeit immens verbessern konnten, sind die Coil Cables relativ schwer und setzen, zusammen mit dem Spannungszug, die Klinkenstecker höheren mechanischen Belastungen aus.

Fazit

Die inzwischen erstklassigen digitalen Wireless-Systeme dürften Gitarristen und Bassisten die Pro- oder Contra-Entscheidung erheblich erleichtern. Der damit erzielten Bewegungsfreiheit auf der Bühne und den nicht zu unterschätzenden Sicherheitsaspekten (Elektrik, Stolperfallen) ist außer klanglichen Gesichtspunkten eigentlich nichts entgegenzusetzen. Anderseits haben auch die Kabelhersteller konzeptionell und qualitativ erheblich nachgebessert. Eines fällt jedoch auf: Die meisten der Gitarristen und Bassisten, die für ihren exzellenten und dynamischen Sound bekannt sind, benutzen selbst auf großen Hallenbühnen Kabel. Ungeachtet dessen setzt die mit Abstand größere Zahl populärer Musiker und Bands Wireless-Systeme ein.


Aus Gitarre & Bass 11/2016

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