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Was hat es mit Aria Black Widow Gitarren auf sich?

Hast du Fragen zum Thema „alte und/oder merkwürdige Gitarren“? Wir beantworten sie! Monat für Monat. Diesmal geht es um eine Aria Black Widow von ca. 1972 – und ihr Vorbild, eine Acoustic Black Widow.

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1970: Made by Bartell (Bild: G&B-LESER, NATIONWIDE GUITARS)

Q: Ich fand diese Aria-Gitarre in wirklich erbarmungswürdigem Zustand vor – mit uralten Saiten, stumpfer, angelaufener Hardware, verranztem Lack etc. Die Saitenlage erlaubte es, etwa ab Höhe des 12. Bundes einen Hut zwischen Griffbrett und Saiten zu werfen, der Begriff „Halskrümmung“ war wörtlich zu nehmen. Aber ich habe sie wieder gut hinbekommen, inkl. der Halskrümmung, die an der Schraube, die vorne am Steg (!) sitzt, eingestellt werden kann. Ach ja, der Lack: Nachdem ich den alten Schmodder heruntergewischt und die Oberflächen sorgfältig poliert hatte, kam ans Tageslicht, dass der nicht schwarz, sonders ganz dunkelgrün ist – mit, je nach Lichteinfall, einem Stich ins petrolfarbene. Ach ja, meine Waage teilte mir neulich mit, die Gitarre wiege 4,9 Kilo. Und jetzt bist du dran …

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Peter Weigangs-Abel

 


 

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Aus einem Acoustic-Katalog von 1969. Die Instrumente sind von Bartell gebaut. (Bild: G&B-LESER, NATIONWIDE GUITARS)

 

A: Hallo Peter – das ist in der Tat eine ungewöhnliche Gitarre. Die zudem sehr, sehr selten ist! Um die Geschichte dieser Aria Black Widow aber ganz zu verstehen, muss ich etwas weiter ausholen. Denn ihr Ursprung bzw. Vorbild ist die amerikanische Acoustic Black Widow, eine der seltensten und mysteriösesten Gitarren der amerikanischen E-Gitarren-Landschaft. Und das nicht nur wegen ihres Namens. 1969 stellte die kalifornische Firma Acoustic Control Corporation, die vor allem durch ihre Bass-Verstärker bekannt geworden war, wie aus dem Nichts E-Gitarren und -Bässe vor – die Black-Widow-Serie.

Mit der Herstellung wurde die ebenfalls in Kalifornien ansässige Firma Bartell Guitars beauftragt. Bartell gehörte Paul Barth, der seine Meriten bereits bei Ro-Pat-In verdient hatte, einer Firma, die u. a. für die Rickenbacker Frying Pan verantwortlich war. Später arbeitete Barth für Rickenbacker am Design der Capri-Gitarren mit, entwickelte Magnatone-Gitarren und gründete schließlich Bartell Guitars. Die Black-Widow-Instrumente glichen den eigenen Bartell-Gitarren und waren, wie diese auch, halbmassive Konstruktionen mit ausgefrästen Hohlkammern. Bartell jedoch konnte die Stückzahlen nicht garantieren, die Acoustic erwartete, sodass ein Auftrag an Matsumoku in Japan erging, der auch damals schon Aria-Instrumente baute.

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Der 1972er Katalog zeigt japanische Black Widows. (Bild: G&B-LESER, NATIONWIDE GUITARS)

Acoustic-Mitarbeiter Harvey Gerst veränderte für die japanische Produktion einige Details am Design der Bartell Black Widow. So wurden die Cutaways etwas tiefer geschnitten und die Bundzahl von 22 auf 24 erhöht. Die Pickups sahen den Bartell-Aggregaten zwar ähnlich, waren aber nun deutlich heißer abgestimmt, und die Regler ein bisschen mehr nach vorne gesetzt, damit sie besser erreichbar waren. Im Gegensatz zu den halbmassiven Bartell-Witwen waren die japanischen Schwestern Solidbodys, was auch das hohe Gewicht deiner Aria Black Widow erklärt. Und die scheint doch tatsächlich im Mittelpunkt einer reinrassigen Produktpiraterie gestanden zu haben.

So wie es heute im Fernen Osten gang und gäbe ist, aber damals eher die Ausnahme darstellte. Eine englische Quelle will nämlich wissen, ein Acoustic-Mitarbeiter habe bei einer Fahrt durch Japan eine mit Aria gelabelte Black Widow in einem dortigen Musikladen entdeckt und daraufhin Matsumoku mit der sofortigen Auflösung des Produktionsvertrages gedroht, wenn das AcousticDesign weiterhin mit Aria-Label erscheinen würde.

Matsumoku hätte zugestimmt, aber nicht mehr verhindern können, dass, neben der entdeckten, zwei weitere Aria Black Widows verkauft worden waren, die das Land gen Westen verließen. Eine davon müsste ja dann deine sein, und die zweite wäre dann die, die der Engländer, von dem diese Geschichte stammt, in seinem Shop anbietet. Ob die nun wirklich stimmt, lässt sich nicht nachvollziehen – aber es ist unstrittig, dass die Aria Black Widow in keiner offiziellen Aria-Literatur aufgetaucht ist und mit Sicherheit nur in einer ganz geringen Stückzahl gebaut wurde.

Ob Acoustics Entschluss, ab etwa 1972 die Black-Widow-Produktion wieder in amerikanische Hände zu legen, von diesem Vorfall beeinflusst worden war, weiß man ebenfalls nicht mehr. Wie auch immer: Man kontaktierte Semie Mosley, den Besitzer von Mosrite Guitars, und der nahm die Sache nun in die Hand. Die neuen Mosrite-Versionen der Black Widow hatten eine Vierfach-Verschraubung mit der typisch geschwungenen Mosrite-Halsplatte, Mosrite-typische Hardware und sehr gut klingende, schmale Humbucker mit je zwei Reihen Polepieces, die optisch und klanglich an Rickenbacker-Pickups erinnerten.

1975 war dann aber der Spuk mit den schwarzen Witwen schon wieder vorbei und die Black Widow Gitarren und Bässe ver schwanden vom Markt. Einziger namhafter Endorser war der junge Larry Coryell, außerdem geistert ein Bild von Jimi Hendrix mit einer Linkshänder-Mosrite/Acoustic-Black-Widow durch das Netz. In den frühen 1980er-Jahren stellte Hohner noch eine günstige Black-Widow-Lizenzversion her und unter dem Namen Ariana wurden kurzzeitig günstige Fernost-Varianten auf den Markt geworfen, aber nur in Europa. Lass mich mal zusammenfassen: Die Acoustic Black Widow wurde also von drei Herstellern gebaut – Bartell, Matsumoku und Mosrite. Man schätzt, dass insgesamt ca. 1000 Stück gebaut wurden, davon 50 von Bartell und ca. 200 von Mosrite. Der Rest samt der wenigen Aria-Versionen geht also auf das Konto von Matsumoku.

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Mosrite Black Widow (Bild: G&B-LESER, NATIONWIDE GUITARS)

Aber wie unterscheiden sich diese drei Reihen? Die Hälse der Bartell- und Matsumoku-Gitarren waren mit einer Dreifach-Verschraubung am Korpus befestigt, Mosrite hingegen verwendete eine Vierfach-Verschraubung, meist mit einer schwungvoll gestylten Halsplatte. Außerdem war die Pickup-Bestückung unterschiedlich – P-90-ähnliche Singlecoils bei Bartell und Matsumoku, Humbucker bei Mosrite. Aber es gab auch Versionen – sowohl aus Japan wie von Mosrite –, die mit großformatigen Humbuckern bestückt wurden, die aber die Ausnahmen darstellen. Schwieriger ist die Unterscheidung zwischen den Bartell- und Matsumoku-Black-Widows. Beide verwendeten ja die Dreiloch-Verschraubung, bei der die dritte Schraube von vorne in den Halsfuß griff.

Bestes Unterscheidungsmerkmal ist die Anzahl der Bünde: Die Matsumoku (und auch die Mosrite) Black Widow hatte 24, die Bartell nur 22. Außerdem war die Bartell-Kopfplatte länger als die japanische Variante. Die Seriennummern der japanischen Instrumente waren vierstellig oder bestanden aus dem Kürzel BA, gefolgt von einer vierstelligen Zahl. Die Mosrite-Seriennummern starteten mit BC bei den Gitarren und BD bei den Bässen, gefolgt von einer vierstelligen Zahl. gg

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