Die Hype-Kultur auf dem Prüfstand

Till & Tone: Don’t believe the hype – Hör auf deine Ohren!

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(Bild: Boris Breuer / Digitech)

Na, mal ganz ehrlich – hat irgendjemand von euch in den letzten Wochen mit dem Gedanken gespielt, sich einen Digitech Bad Monkey zu kaufen? Dieses glitzergrüne Billo-Verzerrer pedal mit dem Prestigefaktor eines Yugo 45, der automobilen Streptokokken-Kutsche aus dem ehemaligen Jugoslawien?

Wieso ich das wissen will? Na, wegen dem heftig diskutierten YouTube-Video von Josh Scott (JHS Pedals), wo jener den Low-Budget-Cruncher gegen seine gehypten, zum Teil auch extrem teuren Kollegen wie den Klon Centaur, Hermida Zendrive, Fulltone Fulldrive, JHS Morning Glory und den Nobels ODR-1 Overdrive antreten lässt.

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Langer Schwede, kurzer Finn: In dem Video konnte man wirklich kaum wahrnehmbare Sound-Unterschiede feststellen. Herrlich! Da werden sicher einige finanzgeplagte Gearheads vor dem Monitor triumphierend gejohlt haben: „Schön blöd, 4000 Euro für einen Klon zu latzen, wenn man den ungefähr gleichen Midrange-Overdrive doch auch für ‘nen Fuffi bekommt!“ Andere haben vielleicht vor Wut geschäumt, weil der Herr Scott ja den Klon völlig falsch eingestellt hat, nämlich mit viel zu viel Gain! „Dann klingt der nämlich nicht nach 4000, sondern nur noch nach 50 Euro! So hat John Mayer das Teil nie benutzt, sondern nur als Booster! Buh, Schiebung!“

Wiederum andere haben schnell in ihrer alten Pedalkiste nach ihrem ollen Bad Monkey gesucht, ihn gefunden und sofort für ca. 400 Euro bei Kleinanzeigen.de oder Reverb eingestellt – solange der Hype noch heiß ist, will man schließlich auch vom Hype profitieren! Vor allem von den Leuten, die den Hype nicht hinterfragen: Kann man eigentlich nicht alle Pedale, die das Mittenspektrum betonen und einen 2-Band-EQ haben, ziemlich ähnlich einstellen?

Josh Scott sagt „ja“, denn seiner Meinung nach sind sich die meisten Overdrive-Pedale sehr ähnlich. Ich finde einen anderen Aspekt auch sehr wichtig: Was gefällt mir eigentlich, was will ich hören? Welcher Sound gefällt mir? Was zum Beispiel, wenn ich überhaupt nicht auf den Sound eines dieser Pedale aus dem Bad-Monkey-Video stehe? Wenn ich Fuzz-Pedale viel besser finde? Meiner Meinung nach ist das die Königsdisziplin für uns Gitarristen – herauszufinden, was eigentlich unser eigener Sound ist. Das ist anstrengend, denn das erfordert eine eigene Meinung. Und die traut sich nicht jeder, warum auch immer!

BLINDTESTS

Ich war vor zehn Jahren mal bei meinem Freund, dem Pickup-Hersteller Andreas Kloppmann, in seinem Shop in Stuhr und wurde Zeuge eines faszinierenden Vorfalls. Ein Kunde hatte vor Ort seiner gut klingenden 80er Gibson Les Paul Kloppmann-Pickups spendiert und wollte, dass Meister Kloppi ihm noch zwei originale NOS-50’sBumblebee-Kondensatoren einbaut. Wie es seine zurückhaltende Art ist, versuchte Andreas den Kunden von dieser sehr kostspieligen Maßnahme abzuhalten und machte folgenden Vorschlag: Er würde auf einen 5-Wege-Strat-Schalter fünf verschiedene Kondensatoren löten und für den Kunden unsichtbar hin und herschalten, dann sollte der Kunde während des Spielens feststellen können, welcher Kondensator ihm am meisten zusagt!

Gute Idee. Der Mann spielte, Kloppi schaltete mit Ansage durch die fünf verschiedenen Kandidaten. Ich war total begeistert. Erst mal, weil mir überhaupt nicht klar war, dass so ein kleines Elektroteil den Sound wirklich hörbar verändert. Nach zehn Minuten traf der Kunde seine Entscheidung und Andreas lüftete den Schleier: „Okay, du wählst die Nr. 3? Glückwunsch, du hast gerade 300 Euro gespart.“ Der Glückspilz mit der Paula war jedoch überhaupt nicht begeistert. Obwohl er die billigen, unter 10 Euro teuren Kondensatoren besser fand, ließ der gute Mann zwei sauteure Bumblebees verlöten! Ich war fasziniert! Klar, des Menschen Wille ist sein Himmelreich, aber viel Geld ausgeben für etwas, was einem nicht richtig gefällt? Eine interessante Erfahrung.

Die teuren NOS-Bumblebee-Kondensatoren sind im Blindtest vielleicht gar nicht jedermanns Favorit. (Bild: Pipper)

Nach diesem Erlebnis habe ich alles hinterfragt, was ich benutze. Habe z. B. meinen Amp blind getestet, gegen die Amps meiner Freunde. Vorher haben wir sie ähnlich eingestellt, dann musste ich raus, die Verstärker wurden umgestellt und dann durfte ich mit verbundenen Augen wieder rein. Was kam beim Blindtest raus?

Ich fand zwar den Sound meines Amps gut, aber noch besser fand ich den Verstärker meines Freundes: Einen „Golden Ton Smart 20“, den er für ca. 280 Euro im Online-Shop des Discounters Plus aus Neugierde gekauft hatte. Ein „funky“ Amp, vor allem die Version in Orange! Ein schmuckloser 18 Watt Handwired-Verstärker, der manchmal noch bei Kleinanzeigen.de für kleine Kohle zu finden ist. Ob das Teil mit Erscheinen dieser Kolumne zum neuen Hype wird? Wohl kaum, aber der chinesische Brüllwürfel kann meiner Meinung nach locker mit einem Fender Excelsior oder Pro Junior mithalten – und die wurden immerhin von Mike Campbell und Jeff Beck live benutzt!

Überraschend gut im Blindtest: der „Golden Ton Smart 20“-Discounter-Amp (Bild: Archiv)

LIVE AUSPROBIEREN

Aber wie findet man heraus, was man gut findet? Klar, YouTube kann hilfreich sein bei der Sondierung des Angebots. Aber zum Teil nachbearbeitete, komprimierte mp3-Sounds aus dem Handy oder Laptop-Lautsprechern sagen mir persönlich wenig über den Klang eines Pedals oder Amps. Wichtiger ist doch: wie klingt es, wenn ich es „live“ spiele, im Geschäft, auf der Probe, im Bandkontext? Lautstärke ist ein physisches Erlebnis, das weiß jeder, der mal einen aufgerissenen 50- oder gar 100-Watt-Marshall über eine 4×12-Box gebrettert hat. Jede Gitarre, ob teuer oder preisgünstig, kann noch so gelobt werden – deswegen weiß ich noch lange nicht, ob ich mit der Haptik des Instrumentes klarkomme: Wie fühlt sich der Hals an, wie komme ich mit dem Griffbrettradius zurecht, sitzen die Knöpfe und Schalter an der für mich richtigen Stelle? Wie hängt die Gitarre an mir, fühle ich mich wohl, wenn ich sie spiele?

Mit meinem G&B-Kollegen und Freund Michael Dommers besuchte ich vor vielen Jahren mal Tommy’s Music in Viersen. Der leider verstorbene Tommy war immer eine Reise wert, auch damals hatte er für uns zufälligerweise ein Highlight parat: Er präsentierte uns eine Vintage Fender Stratocaster, Baujahr 1958. Sunburst, wie aus dem Ei gepellt, alles original samt Koffer. Ehrfürchtig betrachteten wir das gute Stück. Klar, Tommy erlaubte Michael auch, die ’58er mit Amp zu checken. Um es kurz zu machen: Die alte Strat klang beschissen. Jede andere Stratocaster im Laden klang in unseren Ohren besser. Wir waren entsetzt, aber auch glücklich. Hatten wir gerade noch überlegt, ob Tommy mit 40 Jahren Ratenzahlung à 40 Euro im Monat einverstanden wäre, konnten wir nun das Geld anders investieren.

Also, vergesst nicht – nicht nur Videos gucken, sondern auch in die Musikläden zu fahren und alles auszuprobieren, was euch vor die Flinte kommt! Fragt andere Musiker, tauscht euch aus und wann immer sich eine Chance bietet, etwas neues anzutesten, dann macht es! Wenn ihr euer Zeug gut findet, nehmt es mit ins Geschäft, dann habt ihr den direkten Vergleich! Ich war mal in einem Shop und hatte mich in eine Custom Shop Stratocaster „schockverliebt“! Der Fachmann aus der Gitarren-Abteilung und ich waren uns einig: Ein geiles Gerät, aber auch nicht billig! Zwei Tage später bin ich mit meiner Strat wiedergekommen, der gute Mann hatte kein Problem damit, ich sollte in Ruhe beide Instrumente miteinander vergleichen. Ich saß im Amp-Testraum, mit dem Rücken zur Tür und legte los. Meine neue Liebe klang immer noch so betörend wie die Sirenen in Odysseus Ohren. Also meine Strat umgeschnallt und losgedengelt. Oha! In dem Moment meines Erstaunens ging die Tür auf und der freundliche Gitarrenwärter brüllte in den Raum: „Jawollski! So klingt eine geile Strat!“ Ich drehte mich um und antwortete trocken wie Löschpapier: „Ja, ist ja auch meine!“ Wieder was gelernt.

Wir sollten also Josh Scott von JHS Pedals dankbar sein, dass er uns sehr witzig und provokativ an etwas erinnert hat: Don’t believe the hype, hör auf deine Ohren! Benutzt das Equipment, das ihr habt, es ist vielleicht besser oder mindestens so gut wie so viele propagierte „holy grails“. Ihr habt eigene Ohren und einen eigenen Geschmack, findet euer eigenes Geräusch! Lasst euch so wenig wie möglich vom Hype und der Verpackung blenden!

Warum fliegen die besten Weintester regelmäßig beim Blindtest auf die Schnauze und preisen einen 10-Euro-Wein, den sie sonst keines Schluckes würdigen? Weil das Auge mittrinkt. Macht mit euren Freunden auch mal einen Blindtest mit euren Amps und Pedalen, im Proberaum oder im Musikladen – ihr werdet euch wundern!

Tom Bukovac, Nashville Session Ace, hat nur wenig später nach dem Bad-Monkey-Video von Josh Scott auf YouTube in seinem Homeskoolin’- Video „Uncle Larry’s Hearing Test“ einen Overdrive-Blindtest gemacht. Wieder waren viele legendäre Pedale am Start. Tom aka Uncle Larry gefiel der Mini Nobels ODR am besten. Na bitte, da kann er sich freuen! Ein eigener Geschmack kann, muss aber nicht teuer sein. Es kommt ganz darauf an, was ihr hören wollt …


TILL HOHENEDER

(Bild: Boris Breuer)

Till Hoheneder, geb. 1965, begründete mit seiner Gruppe Till & Obel Anfang der Neunziger die Neue Deutsche Comedy. Heute ist der dreifache Deutsche Comedypreis-Träger ein gefragter Bestseller-Autor, Podcaster, Comedian und Musiker. Seine erfolgreichen Podcasts „Zärtliche Cousinen“ (mit Atze Schröder) und „Musik ist Trumpf“ wurden schon millionenfach gestreamt. Wenn seine knappe Freizeit es zulässt, spielt der leidenschaftliche Sänger & Gitarrist mit seinen Bands „The Slowhand All Stars“ und den „Rockafellers“ auf.

www.till-hoheneder.de


(erschienen in Gitarre & Bass 06/2023)

Produkt: Jazz Amp
Jazz Amp
Realität oder Illusion?

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Das trifft genau den Punkt!

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  2. Leider wahr, wenn man das Ohr entscheiden lässt, hat man hinterher alles Sachen auf dem Pedalboard „ womit man sich nirgends blicken lassen kann“🤣🤣🤣.

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  3. Zwei Themen im Artikel, deshalb auch zwei Kommentare.
    1.) Overdrive:
    Wohl eines DER Themen unter Gitarristen. Dazu muß man aber grundsätzlich sagen, daß ein Overdrive mit zunehmender Lautstärke eine vollkommen andere Charakteristik entwickelt. Entsprechend kommt es immer auf das Anforderungsprofil an.
    Das Equipment eines Bühnenspielers macht unter Wohnzimmerbedingungen bei geringer Lautstärke einen vollkommen anderen Sound. Da der Typus Wohnzimmersolist heute weitaus verbreiteter als der Bandmusiker ist, sind Tests unter leisen Bedingungen für die meisten aufschlußreicher.
    Ok, jetzt die Kurve kriegen zum Bad Monkey. Ich besaß das Gerät zu Zeiten, als es noch als einer der wenigen Low Budget Verzerrer in den Läden stand. Als Tubescreamer-Derivat habe ich es wochenlang bei eher geringen Lautstärken in Studio und Wohnzimmer gegen einen originalen TS-9 und einen (pre-Fuchs) Plush Cream getestet.
    In verschiedenen Spielweisen fiel der Bad Monkey mit einer sehr grobkörnigen, bröseligen Auflösung auf. Es klang immer rauh, aber eben nicht auf die gute Art und Weise. Weit weg von den Qualitäten eines TS-9. Testsieger war eindeutig der Plush Cream, den man wirklich als den besseren Tubescreamer bezeichnen kann und den ich heute noch spiele. Auf dem Gebrauchtmarkt gibt es einige hochwertige Geräte zum Budgetpreis, die unter dem Radar fliegen. Es gibt weitaus bessere Alternativen als ein durch Hype vollkommen überteuerter Budgetverzerrer, der wirklich nicht mehr wert ist als die €35,-, für die er mal als Neugerät im Laden stand.
    Diese Meinung zum Bad Monkey teilen viele erfahrene Gitarristen, wie man verschiedenen Musikerplattformen entnehmen kann.
    2.) Vintage Fender
    Auch so ein Dauerthema. Ich betrieb in den 90er Jahren einen Gitarrenladen mit Schwerpunkt auf Vintage Fender. Die Menge an Gitarren, die durch meine Hände gingen, ist immens.
    Mein Fazit aus dieser Zeit ist, daß Vintage Fender vollkommen überbewertet sind. Es gibt massenhaft Durchschnitt und echte Gurken, die wirklichen Sahnestücke haben eher Seltenheitswert.
    Auch die so gerne bemühte Formel 50er und 60er toll, 70er Schrott, ist absolut nicht zutreffend. Besonders in der zweiten Hälfte der 60er lassen sich aufgrund der Einsparungen bei den Produktionskosten durch CBS als neuen Eigentümer massenhaft Gurken finden, während sich aus den oft kritisierten späten 70er Jahren eine ganze Menge.hervorragende Instrumente finden lassen.
    Insgesamt bieten aber Fenderklone aktueller kleinerer Hersteller wie Haar oder Rebel Relic eine gleichbleibend hohe Qualität, die weitaus besser als die hohe Serienstreuung bei Vintage Fender Gitarren ist.

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    1. Zum Schieflachen!
      Vor einigen Jahren habe ich auf FB ein Bild von meiner Neuanschaffung, einem Kemper, gepostet. Ein bekannter meinte, dass ich mich nicht von teurem Quatsch beeinflussen lassen sill, er hätte eine Tour mit einem Behringer V-Amp gespielt und die Techs seien immer begeistert von seinem Sound gewesen. Ich habe das natürlich etwas belächelt.
      Gerade gestern habe ich mal wieder die Rigs durchstöbert und einen Hammersound gefunden. Als Amphersteller stand da was von Vampire und das Modell hieß Blue. Nach kurzem Googlen hatte ich einen Verdacht, was dahintersteckt…
      Wenige Minuten später bin ich auf den JHS Notaklön gestoßen und heute auf diesen Artikel… 😄
      Danke, dass ihr mich an etwas erinnert, was ich achon einmal wusste…

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