Riss im Raum-Zeit-Kontinuum

Test: Walrus Audio Lore

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(Bild: Dieter Stork)

Was passiert, wenn man Reverb oder Delay nicht nur einfach rückwärts abspielt? Sondern auch noch ineinander laufen lässt? Oder die rückwärts laufende Zeit gar manipuliert? Finden wir es heraus!

Unter Fans des gepflegten Ambient-Sounds ist die Pedal-Schmiede Walrus Audio aus Oklahoma nun wahrlich keine Unbekannte mehr. Bereits seit mehreren Jahren versorgen sie experimentierfreudige Spieler:innen mit immer neuen, abgefahrenen Kreationen, bei denen es hauptsächlich um die Manipulation von Raum und Zeit geht. Mit dem neuesten Streich – Lore genannt – treiben sie das Ganze nun so auf die Spitze, dass man Angst vor einem Riss im Raum-Zeit-Kontinuum bekommen könnte. Ob die wirklich berechtigt ist, haben wir hier in sicherer Umgebung ausprobiert.

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KONSTRUKTION

Das wunderschön gestaltete Gerät kommt im kompakten Doppeltreter-Format. Alle Anschlüsse befinden sich stirnseitig, allerdings sind es auch nicht besonders viele für ein so umfassendes Ambient-Werkzeug: Eingang, Ausgang, 9V-Stromanschluss – hier werden 300 mA Stromversorgung fällig, das bietet nicht jeder Powerbrick! Im Test funktionierte das Lore aber einwandfrei mit einem 200 mA Standard-Netzteil. Mit 373g Gewicht ist es zudem angenehm leicht und doch wertig verarbeitet.

Als „Reverse Soundscape Generator“ bezeichnet Walrus das Lore – eine anschauliche und treffende Beschreibung. Laut Walrus wird das reingehende Signal in zwei analoge Pfade gesplittet, die von zwei DSP-Chips „bearbeitet“ werden. Damit nicht genug, das Feedback wird wiederum von Chip B in Chip A zurückgeleitet. Das Lore liefert also zwei Delays/Reverbs, die je nach Programm moduliert, rückwärts oder vorwärts abgespielt und ineinander gelenkt werden.

Fangen wir mal bei den Schaltern an: Links Bypass (An/Aus), rechts Tap, der auch eine momentane Haltefunktion übernimmt, man kennt das bereits von zahlreichen anderen Delays oder Reverbs. Hier verändert sich jedoch die Tonhöhe des Geschehens, Walrus beschreibt das anschaulich als „Dive“ – der Ton taucht quasi ab. Ein bisschen martialisch könnte man das „Granaten-Flugbahn“- Effekt bezeichnen.

Schauen wir uns die acht Potis an: Tone ist eine Filterblende für die Delay- oder Hallfahne, Time bestimmt die Ausklinglänge des Geschehens. Mod regelt einen Chorus/Vibrato-Effekt, Mix die Lautstärke des Ganzen gegenüber dem trockenen Signal (bei Rechtsanschlag ist dieses stumm und man kann das Lore quasi wie ein Synth-Pad spielen). Die beiden als Feedback und Regen betitelten Regler wirken jeweils auf Pfad eins und zwei des Signals – je nach Programm bestimmt man hier die Signalstärke oder auch die Länge und Zahl der Delays. Auch der X-Knopf hat verschiedene Funktionen je nach Programm, wie auch übrigens der Tone-Regler. Das Handbuch beschreibt alles exakt, wie so oft heutzutage muss man da aber der englischen Sprache mächtig sein.

Wer nicht ganz so analytisch und systematisch einsteigen will, dem empfehle ich, an das Lore eher intuitiv und experimentierfreudig heranzugehen und sich an den vielen Sound-Beispielen zu orientieren, die Walrus selbst in YouTube-Videos und auf der Webseite bereitgestellt hat. Bereits bei anderen Walrus-Geräten fiel mir auf, dass die Regler-Belegung oftmals etwas verwirrend ist, da sie je nach Modus wechselt. Insgesamt handelt es sich aber beim Lore um ein noch relativ leicht zu bedienendes Gerät aus dem Portfolio.

Was fehlt? Nun, bei einem nicht ganz billigen Ambient-Gerät mit mehreren Modi wäre an sich eine kleine Preset-Speichermöglichkeit schön. Wer also bei einer Session verschiedene Sounds anwenden will, sollte sich Notizen machen oder die Einstellungen merken. Ebenfalls auffällig ist das Fehlen eines Expression-Pedal-Anschlusses, von Midi ganz zu schweigen. Für all diese zusätzlichen Features hat Walrus die Mako-Reihe ins Leben gerufen, die nochmal deutlich teurer ist – wobei die Sounds des Lore aber nur ansatzweise aus den artverwandten Geräten Slö, Descent, R1 und D1 rauszuholen sind.

(Bild: Dieter Stork)

SOUNDS IN THEORIE …

Kommen wir nun zum Herz des Lore, den Soundmodi. Und damit zur entscheidenden Frage: Wie klingt das Teil? Bevor ich darauf eingehe, gehen wir die Programme mal durch:

I. Reverse Delay into Reverse Reverb: Dieser Modus ist so etwas wie der Signature-Sound des Lore. Wie der Titel andeutet, wird das Delay umgedreht und in einen ebenfalls rückwärts ablaufenden Hall eingespeist. Es bildet sich dadurch eine wunderschöne, Synth-Pad-artige Raum-Atmosphäre.

II. Reverse Delay into Octave Up Reverb: Ich würde diesen Modus als den klassischen „Shimmer-Reverb“ bezeichnen, allerdings etwas nuancierter als bei vergleichbaren Konkurrenzprodukten, da man durch die rückwärts abgespielten Delays rhythmische Pattern erzeugen kann. Die hohe Oktave im Reverb sorgt für die engelsgleichen Sounds nach hinten raus – damit sie zur Geltung kommen, X weit aufdrehen!

III. Reverse Delay into Octave Down Reverb: Quasi die düstere Variante von Modus zwei – klingt wie ein dunkler, melancholischer Synth, der je nach Mix-Einstellung hinter der Gitarre mitspielt.

IV. Reverse Reverb into Forward Reverb: Ja genau, warum eigentlich nicht Rückwärts-Reverb mal in einen normalen Hall reinspielen? Eben. Genau das geht mit diesem Modus. Man kann dabei die hohe und die tiefe Oktave in der Hallfahne hinzufügen und so einen richtig fetten Synth-„Swoosh“ erzeugen. Das kommt besonders stark, wenn Mix voll aufgerissen ist, und entspricht am meisten dem, was man von einem Rückwärts-Effekt erwartet.

V. Pitch Delay into Pitch Delay: Die bisherigen Modi des Lore waren nicht verrückt genug? Bitte sehr, es geht auch noch abgefahrener. In diesem Modus speist das Lore einfach ein in der Tonhöhe verändertes Delay in ein weiteres, bei dem die Tonhöhe ebenfalls gepitcht wurde. Das klingt, als würde ein klassisches Kammerorchester mit DigiTech Whammys experimentieren. Der Pitch kann dabei entweder in beiden hoch oder runter sowie auch entgegengesetzt eingestellt werden. Letztlich wird daraus ein Tonhöhen-Step Sequencer in den Delays, den ich mir gut als Soundtrack einer Doku über Weberknechte vorstellen könnte …

… UND PRAXIS

Wie ist es mir ergangen mit dem Lore? Die grundsätzliche Natur eines rückwärts abgespielten Effekts erfordert beim Spielen ein gewisses Umdenken. Vereinfacht gesagt: Alles, was man reinspielt, kommt mit deutlich hörbarerem Attack zurück, als das bei einem normalen Delay oder Reverb der Fall ist – weil eben der Attack umgedreht wird, der angeschlagene Ton also am stärksten erklingt, wenn man gedanklich schon beim nächsten ist. Freilich lässt sich das bei den Modi des Lore abschwächen, aber da ist einfach immer etwas mehr Bewegung in der Klangfahne, die hintenraus ertönt. Man kann sich also nicht gedankenlos reinlegen in die endlose Weite an ätherischem Sound-Gemisch, die da zurückgebrandet kommt, sondern muss das beim Spielen bedenken.

Dadurch liefert das Lore einen ungewöhnlicheren, aber – wenn man so will – auch aufdringlicheren und weniger leicht „set and forget“ einstellbaren Sound. Viel leichter als bei gewöhnlichem Hall und Delay kommt man sich selbst in die Quere. Und so ist das Lore erneut ein Effektgerät, das seine Stärken vor allem bei „stehenden“ Tönen und Akkorden ausspielt, sofern man den Effekt im Mix (denkt an das Gerumpel im Bandraum) auch deutlich hörbar einstellen will.

Die digital erzeugten Klänge des Lore überzeugen dabei mit hoher Klangqualität und, mit Ausnahme des Pitch-Shiftings, wenig digitalem Geeier und Klirren, wobei man mit dem Mod-Regler aufpassen sollte – schnell wird der Sound „seekrank“, wenn man ihn auf mehr als 12 Uhr dreht.

RESÜMEE

Mit dem Lore gibt Walrus Audio im Ambient-Pedal-Segment erneut ein starkes Statement ab und liefert sich geradezu eine Schlacht auf Augenhöhe mit kürzlich erschienen Konkurrenten wie dem Old Blood Noise Endeavours Sunlight oder dem Astral Destiny von Earthquaker Devices. Und das mit einem eigenen, einzigartigen Fokus auf rückwärts abgespielten Hallfahnen und Delays. Als „Synth im Pedalformat“ ist das Lore eine Offenbarung für all jene, die ihre Gitarre nicht (immer) wie eine Gitarre klingen lassen wollen – und damit zufrieden sind, keine Presets und keinen Expression-Pedal-Anschluss zu haben. Die spezielle Natur rückwärts erklingender Reverbs und Delays erfordert eine interessante Herangehensweise ans eigene Spiel – damit sich für Zuhörer:innen nicht doch ein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum auftut.

PLUS

● tadellose Verarbeitung
● mitreißende Sounds
● wunderschönes Design
● alle Anschlüsse stirnseitig
● geringes Gewicht
● Funktionsumfang

MINUS

● Bedienungsfreundlichkeit an der Grenze zur Verwirrung
● keine Presets, kein Expression-Pedal-Anschluss

(erschienen in Gitarre & Bass 09/2022)

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