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Test: Volt Electrics Reverse

Volt Electrics Reverse
FOTO: Dieter Stork

Die Gibson Firebird in der Ausführung Reverse gehört zweifellos zu den großen ikonischen amerikanischen Gitarren-Designs. Dem vogeligen Entwurf wurde allerdings erst später Ruhm zuteil, auch wenn diese eigenwillige Schöpfung heute gar nicht mehr wegzudenken ist aus dem Kreis der Großen. Die schräge, irgendwie auf links gezogene Konstruktion mit dem durchgeführten Hals hatte aber auch so ihre Macken – eine Steilvorlage für Custom-Builder zur Optimierung?

Da haben sich zwei Nerds gefunden: Sander de Gier, gestandener Gitarrenbauer und Ewout Nijman, gelernter Architekt mit ausgesprochenem Gitarrenspleen. Zusammen haben sie in Schiedam in den Niederlanden die Firma Volt Electrics gegründet und sich der Verfeinerung klassischer E-Gitarren-Designs verschrieben, die sie erklärtermaßen auf eine höhere Ebene bringen wollen. Was dahinter steckt und ob das klappt? Wir kriegen das jetzt raus!

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konstruktion

Traditionshersteller Gibson suchte nach den Misserfolgen seiner in den späten 50er-Jahren einfach zu früh an den Markt gebrachten „Modernistic Guitars“ Flying V und Explorer weiter nach einer Image-Verbesserung, um sich im Konkurrenzkampf mit dem kalifornischen King of Brettgitarre Leo Fender als ein ebenfalls auf der Höhe der Zeit agierendes Unternehmen verkaufen können. Gibsons damaliger Präsident Ted McCarty hatte den Automobil-Designer Raymond Dietrich aus Detroit mit dem Entwurf einer zeitgemäßen Gitarre beauftragt. Der schuf mit außergewöhnlicher Formensprache die Firebird, ein Design, das aber wiederum nicht den erhofften Erfolg brachte. 1963 eingeführt, wurde die Produktion der heute so begehrten Reverse-Version bereits 1965 wieder eingestellt. Erst später sollte sich das Instrument als Liebling der Stars erweisen und wie der Phönix aus der immer noch heißen Asche wiederauferstehen.

Das Reverse-Modell von Volt orientiert sich aus formaler Sicht natürlich am Original, schnell aber wird klar, dass abgesehen davon vieles neu gedacht und überarbeitet wurde. Schon von den Konturen her unterscheidet sich die Reverse stark von der Firebird, was sich aber erst im direkten Vergleich erschließt. Das Gibson-Firebird-Design gehört auch zu den wenigen Gitarren mit durchgeführtem Hals. Ein Hals also, der die erhabene Korpusmitte mit einschließt und an den die Korpusflügel oben und unten angesetzt sind. Ein wesentliches Konstruktionsdetail, das bei der Volt-Nachschöpfung vollkommen fehlt, denn die kommt mit einer ganz speziellen Schraubhalsverbindung – später mehr dazu.

Volt Electrics Reverse
FOTO: Dieter Stork
Fixe Schraubhalsverbindung mit integriertem Gurtpin

Die Fakten: Der Korpus der Volt Reverse besteht aus Mahagoni mit den bekannten Konturen einer erhabenen Korpusmitte. Die Korpusflügel sind von leicht konischem Zuschnitt, verjüngen sich folglich leicht nach außen hin. Einen deutlichen Schritt weg vom Firerbird-Konzept macht Volt dann mit dem montierten und nicht eingeleimten Hals aus Ahorn (1- Piece Selected Maple), der mit einem besonderen Neckjoint, bestehend aus nur einer großen Schraube im Korpus, fixiert ist. Metall am Halsfuß und in der Korpustasche sorgt für eine höchst rigide Verbindung, die auch auf eine optimale Schwingungsübertragung hin angelegt wurde. Dieser besondere Neckjoint mit integriertem Gurtpin sollte ansonsten ohne ausgeprägten Halsfuß nahe am originalen Spielgefühl einer Firebird bleiben.

Der Ahornhals ist in leichtem Winkel in den Korpus eingesetzt und Gitarrenbauer Sander de Gier beschreibt ihn als Anleihe bei der Telecaster: „Viele Gitarrenbauer bieten einen Telebird an, im Wesentlichen eine Tele mit Firebird-Style Body-Konturen. Unser Hybride ist anders herum, also vor allem ein Vogel mit konturiertem Korpus und konischen Bodywings, abgewinkelt eingesetztem Hals und abgewinkelter Kopfplatte. Unsere Mischung mit aufgeschraubtem Ahornhals im Tele-Stil soll das Attack-Verhalten und die Schlagkraft verbessern, Eigenschaften, die viele Firebirds vermissen lassen.“ Um dieses Ziel zu erreichen, entschied man sich auch für eine 64-cm-Mensur, die näher bei der Tele als bei der Firebird liegt.

Das Griffbrett aus Palisander ist mit einem Creme-Binding eingefasst und beherbergt 22 höchst akkurat verarbeitete, kantenglatte Medium-Bünde von Jescar, sowie Trapezoid Inlays. Die in leichtem Winkel herausgeführte Kopfplatte ist mit Gotoh SDS510-Mechniken bestückt, deren Knöpfe auch in der Reverse-Anordnung, also nach unten gesetzt, gut zu handhaben sind.

Die Saiten werden mit geradem Zug über den längenkompensiert ausgearbeiteten Sattel aus Knochen hinüber zur ABM Tune-o-matic ABR-Style-Bridge am Korpus geführt, wo sie nachfolgend von der Custom-Volt-Bridge-Plate gekontert werden.

Volt Electrics Reverse
FOTO: Dieter Stork
Stylisch und praktisch zugleich: die Saitenaufnahme

Elektrik: 2 Lollar Firebird Pickups (Alnico5-Magnete) mit patinierten Kappen und Montageringen sorgen für die Umsetzung in elektrische Signalkraft. Geschaltet werden sie ganz konventionell mittels eines unten auf das Horn gesetzten Dreiwege-Toggles, verwaltet von einem nach vorn gesetzten generellen Summenregler und zwei nachgeordneten Tone-Potis – etwas anders als beim Original.

Ein cremefarbenes Pickguard mit rotem Feuervogel-Symbol und vor allem das tolle, einem 1965er Oldsmobile entlehnte ‚Turquoise Mist’ (Nitro-Finish – medium aged) machen die ganze Sache rund. Bei Volt-Metallicfarben handelt es sich übrigens immer um Vintage US Car Colors. Die Konstruktion ist stimmig auf den Punkt gebracht, der Look famos, die handwerkliche Ausführung von minutiöser Perfektion. So wollen wir das – Daumen hoch!

Volt Electrics Reverse
FOTO: Dieter Stork

praxis

Das modernistische Firebird-Design war immer schon etwas speziell in der Handhabung. Nicht jeder konnte mit dem eckigen Spielgefühl der lang nach oben ausgelenkten Korpuskufe etwas anfangen, wie auch die frühen Banjo-style Tuners nicht unbedingt den Gipfel des möglichen Stimmkomforts markierten. Den späten Erfolg der Gitarre, welchen sie natürlich nicht zuletzt ihrer augenfälligen Optik dankt, konnte das nicht aufhalten – und gekuschelt wird dann eben zu Hause. Volt zieht sich aus der Affäre, indem die konisch angelegten Korpusflügel die Anlage und mithin die Armauflage doch deutlich verbessern, ohne den Look zu verwässern. Dennoch haben wir mit dem Reverse-Modell immer noch einen imposanten Vogel unter dem Arm, der auch mit einem durchaus kraftvoll gestalteten Halsprofil zu imponieren vermag.

Mit der toll gemachten Bundierung und optimal eingerichtetem Setup fühlt sich die Gitarre aber überraschend gut an und spielt sich auch so bis in die letzten Bünde hinein, was nicht zuletzt dem bestens freigestellten oberen Lagenbereichs mit übergangsloser Hals-/Korpusverbindung zu danken ist. Was die Intonation angeht, ist auch das Detail des ausgearbeiteten Knochensattels zu loben: Die Längenkompensation sorgt gerade in den unteren Bünden für harmonisch stimmige Akkorddarstellungen – sehr schön!

Der akustische Klangeindruck ist geprägt von vitaler Schwingintensität. Perfekt aufgelöste Akkorde erscheinen straff und kraftvoll, einzeln angeschlagene Noten vermitteln feste Substanz, ganz zu schweigen von dem über das ganze Register hinweg zu erzielenden ebenmäßig langen Sustain – alle Achtung!

Am Amp trumpft die Volt Reverse über ihre Firebird-Pickups von Lollar souverän auf. Der Hals-Pickup kommt dabei mit seiner schlanken und doch runden und kraftvollen Tonwandlung einem fetten Singlecoil näher, als einem Standard-Humbucker. Allerdings bewahrt er sich den sanften Schmelz eines Doppelspulers, was uns bei klar eingestelltem Amp geschmeidige und doch griffige Linien an die Hand gibt. Akkorde erscheinen mit ausgesprochener Transparenz und Tiefenschärfe. Gehen wir in den Overdrive-Modus, so begeistert die elegante Tonumsetzung nicht nur mit präziser Definition und flinker anschlagsgerechter Umsetzung jeder Fingeraktion, sondern ebenso mit einem agilen, enorm durchsetzungsstarken Ton, der mit klangfarblicher Noblesse überzeugt.

Volt Electrics Reverse
FOTO: Dieter Stork
Lollar Firebird Pickups

Gehen wir auf den Steg-Pickup, so verengt sich das Bild zwar wie immer anteilig um Bässe und Tiefmitten, exponiert dafür aber kraftvoll die Intensität der Darstellung im angehobenen Frequenzspektrum mit besonders obertonreicher Farbsättigung. In der Abteilung Clean erscheinen Linien demgemäß griffig und zupackend, reihen sich luftig und geschmeidig aneinander, während die auffallend harmonisch gerundeten Akkorde von der guten allgemeinen Transparenz profitieren und bei rhythmischem Spiel einen zupackenden Snap liefern. Besonders charaktervoll setzen die Lollars dann in Zerrpositionen den Spielerwillen um. Markant wird der Anschlag herausgestellt, sehr schön definiert federn eher knochentrockene als fette Powerchords aus den Speakern. Gehaltene Noten strecken sich mit elegantem Farbspiel lang und ebenmäßig aus, schnell gespielte Noten schmelzen harmonisch ineinander, geben Linien eine pulsierende Kontur – großartig!

Auch die zusammengeschalteten Firebird-Pickups überzeugen mit samtig rollendem Perlglanz und schlicht toller Substanz in allen Betriebsarten. Hervorzuheben ist vielleicht besonders die mittelböse Crunch-Position, wo es besonders fluffig und mit schön knorpeligem Growl perlt. Wie ihr längst gemerkt habt: die Reverse ist eine Gitarre die animiert, ja inspiriert und über die man noch länger schwadronieren könnte, allein: wir müssen ein Ende finden.

alternativen

Günstig: Die Gibson Firebird Studio gibt es für knapp € 900 aufwärts. Die, verglichen mit dem Original, lediglich noch angelehnte Modellvariante ist mit regulären Humbuckern, alternativ auch mit P-90-Pickups ausgestattet und besitzt einen eingeleimten Hals mit Mini-Mechaniken von Grover. Die preiswerte Epiphone Joe Bonamassa Firebird-I (ca. € 650) dagegen gibt sich authentischer und kommt mit durchgeführtem Hals, einzelnem Mini-Humbucker und Banjo-Mechaniken.

Teuer: das Original von 1963/64 … vergiss das mal lieber – es sei denn, du hast ein paar Zehntausender blöd rumliegen. Na gut, dann eben Custom Shop. Oh, auch schon wieder gut 4 Kilo! Ab € 1500 gibt es aber auch ein Standardmodell von Gibson mit Mini-Humbuckern und durchgehendem Hals (durchgezogen sagt man ja nicht mehr, könnte bei Rauchern zu Irritation oder Fehlverhalten führen). Wer es speziell mag, der findet Firebird-Variationen natürlich auch bei individuellen Gitarrenbauern. Spalt Guitars oder Helliver etwa haben sehr schöne zeitgerechte Versionen im Angebot, aber billiger wird es dadurch natürlich auch nicht.

resümee

Klasse Sache: Volt Electrics stellt mit dem Modell Reverse eine zeitgemäß überarbeitete Firebird-Version zur Verfügung, die optisch stilgerecht eng am Original bleibt, aber zugleich mit verschiedenen Detaillösungen das überkommene Design in Sachen Handhabung und Sound-Ausbeute zu optimieren vermag. Die spezielle, besonders feste Schraubhalsverbindung, ein kraftvoll gestalteter Ahornhals, die verlängerte Mensur und der längenkompensierte Sattel sorgen für straffe Klangumsetzung bei bester Intonation, die perfekt passenden, hochklassigen Lollar Firebird Pickups für den geschmackvoll geschmeidigen und doch enorm farb- und durchsetzungsstarken Tontransport. Dass dieser stolze Feuervogel nun auch noch mit einem großartigen Look dank cooler Farbgebung mit perfektem Aging angeflogen kommt, ist nun wahrlich kein Schaden. Am Reverse-Modell könnten am Ende also sogar die einer Firebird gegenüber skeptisch eingestellten Spieler Gefallen finden. Oranje boven? Bei Volt Electrics gilt das noch!

Volt Electrics Reverse
Volt Electrics Reverse

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(erschienen in Gitarre & Bass 02/2018)

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