Gemischtes Doppel

Test: Vertex Tone Secret & Steel String Supreme SRV

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(Bild: Dieter Stork)

Mit dem Tone Secret und dem Steel String Supreme SRV bietet die kalifornische Company Vertex ein ungleiches Paar Drive-Pedale an. Das eine eifert dem wohl bekanntesten Vertreter seiner Zunft nach, das andere einem der rarsten und teuersten Amps aller Zeiten – außergewöhnliche Upgrades bringen beide mit.

Vertex ist eine der zahlreichen kleinen Boutique-Firmen, die mit viel Hingabe und in kleinen Stückzahlen Pedale produzieren, die entweder bekannte Designs optimieren oder, auf der anderen Seite des Spektrums, Raritäten im Kompaktformat auf die Boards bringen wollen.

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Unsere beiden Testmodelle unterscheiden sich nicht nur optisch deutlich, sie folgen auch zwei sehr unterschiedlichen Pfaden: Das Tone Secret rekreiert laut Vertex die klangliche DNA des „grünen Screamers“, mit dem Steel String Supreme SRV (Slight Return Version) widmet sich die Firma dem sagenumwobenen Dumble Steel String Singer, der vor allem für seine plastischen Clean- und Breakup-Sounds berühmt wurde und mit Stevie Ray Vaughan einen äußerst prominenten Fan hatte. Die Doppeldeutigkeit im Namenszusatz legt nahe, dass sich nicht nur die Soundtüftler, sondern auch die Marketingverantwortlichen gerne mit cleveren Detaillösungen beschäftigen.

So sehr sich die Ansätze auch unterscheiden, außer der Gehäusegröße verbinden beide Geräte noch ein paar weitere Details. Neben den umgedrehten Beschriftungen der Buchsen sind dies je zwei Zugriffsebenen mit verschieden großen Regelmöglichkeiten, die das Handling etwas speziell machen, sowie Bezeichnungen, die sich nicht immer auf den ersten Blick erschließen – doch, so viel sei vorab gesagt, die Beschäftigung lohnt sich.

TONE SECRET

Wie zahlreiche andere Drive-Pedale basiert auch das Tone Secret auf dem allgegenwärtigen Tube Screamer, allerdings haben ihm seine Entwickler einige Erweiterungen unter die Haube gepackt. Die beiden großen Potis mit den Bezeichnungen „Master Vol“ und „Grit“ regeln den Ausgangspegel sowie die Zerrmenge.

In Sachen EQ-Optionen zeigt sich das Pedal flexibler als das Urmodell, denn mit „Treble“ und „Mids“ stehen gleich zwei Mini-Potis zur Soundformung parat. Ein drittes namens „Pre-Vol“ kümmert sich um den Eingangspegel. Diese Potis sind aufgrund ihrer Abmessungen und der fehlenden farblichen Ablese-Optionen in der Live-Anwendung quasi nicht bedienbar, sodass davon auszugehen ist, dass Vertex sie eher für ein Grund-Setup konzipiert hat, das eher selten verändert wird.

Beim SSS gibt es ein ähnliches Konzept, das etwas eigen ist und nicht jedem Anwender Freude bereiten dürfte – vor allem, weil diese drei Minis massiven Einfluss auf den Sound nehmen und es daher reichlich Sinn ergibt, sich mit ihren Möglichkeiten und Optionen eingehend zu beschäftigen. Nicht nur die Stellung des Potis für Eingangspegel verändert, logischerweise, deutlich das Zerrverhalten, auch die beiden EQ-Potis greifen hier sehr formend ein. Vertex schreibt im Manual, dass das Tone Secret im Vergleich zum Original nur die Hälfte an Gain aufweist, mit den drei Minis lässt sich allerdings ein deutliches Plus an Drive erzeugen.

Dort steht auch geschrieben, dass es nicht nur vor einem Fenderartigen Verstärker mit schlanken Mitten gute Dienste tut, sondern auch in anderen Settings. Da beim Test mein Standard-Pedal-Plattform-Amp, der Fender Pro Reverb zum Einsatz kam, lässt sich das nicht exakt nachvollziehen, eines aber fiel auf: Im Vergleich zu anderen TS-artigen Modellen aus meinem Fundus kam das Tone Secret um einiges bissiger zur Sache und wirkte insgesamt weniger mittenlastig, ohne dass man dafür extreme Settings anwählen musste. Damit könnte es vielleicht sogar ein Pedal für Gitarristen sein, die Screamer-Sounds eher reserviert gegenüber stehen.

STEEL STRING SUPREME SRV

Ist das Tone Secret als klassischer Verzerrer für den Betrieb vor einem Amp vorgesehen, stellt sich das Steel String Supreme SRV breiter auf. Als Preamp-in-a-box kann es auch per DI in einen Mixer oder ein Interface gespielt werden, verbreiteter dürfte jedoch auch hier der Einsatz auf dem Board vor einem Verstärker sein. Dabei bietet sich das Pedal, speziell für Blueser und anverwandte Gitarrist:innen, als nuancenreiche Sound-Zentrale an, deren zwei Ebenen mit entsprechenden Fußschaltern einzeln oder zusammen angewählt werden können. Der Hauptfokus liegt dabei auf dem Klangspektrum des Originals, also Clean-Sounds, die bis in Richtung Crunch geschoben werden können. Versorgt werden kann das Pedal übrigens nur via Netzteil, ein Batteriebetrieb ist, anders als beim Tone Secret, nicht möglich.

Bei der ersten Beschäftigung fallen zunächst die Chickenhead-Potis ins Auge, deren Bezeichnungen allerdings mitunter irreführend sind. Trotz ihrer Größe stellen sie nicht die Haupt-, sondern eher die Zusatzoptionen dar. Die eigentliche „Steel String“-Sektion besteht aus den drei Mini-Potis darunter, die obere Reihe gehört, wie die beiden Mini-Schalter, zur „Supreme EQ“-Einheit. Beginnen wir mit dem „Amp“: „Gain“ und „Level“ kontrollieren ganz klassisch Zerranteil und Ausgangspegel, bei „Filter“ wird es schon spezieller, denn dieser verschiebt den Fokus im Mittenbereich zwischen 800 Hertz und 1,2 kHz.

Hier gilt wohl das schon beim Tone Secret erwähnte Konzept: Aufgrund ihrer Kompaktheit und der fehlenden farblichen Markierungen sind sie offenbar dazu da, den Grundsound einmal einzustellen und dann zu verweilen. Das kann man so sehen, sonderlich anwenderfreundlich ist dieses Konzept meines Erachtens aber nicht.

 

 

SOUND-DETAILS

Üppig wird es dann mit dem zweiten Element, dem „Supreme EQ“, der aus insgesamt fünf Optionen besteht. Eines der drei Chickenheads wartet dabei, wie bereits erwähnt, mit einer Überraschung auf: „Output“ steuert entgegen den Erwartungen die Eingangsempfindlichkeit und damit auch die Sättigung in dieser ersten Stufe. „Fat“ stärkt bei Bedarf den Frequenzbereich der unteren Mitten, „Clean“ regelt dem Namen folgend ein unbearbeitetes Signal hinzu.

Abgerundet wird diese Sektion mit zwei Minischaltern für weitere Klangverfeinerungen: „Bright/Deep“ boostet die Frequenzen der jeweiligen Range, „Rock/Jazz“ variiert den Q-Faktor im unteren (Jazz) oder oberen (Rock) Frequenzbereich. In der Mittelstellung bleiben beide Schalter neutral. Bei so vielen Optionen sollte offensichtlich sein, dass sich das Pedal sehr akkurat einstellen lässt – man aber auch etwas Zeit zum Feintunen mitbringen sollte.

Auch wenn sich hiermit deutlich verzerrte Klänge realisieren lassen, könnte man das SSS mit dieser umfangreichen Ausstattung in erster Linie als Tone-Shaper bezeichnen. In beiden Anleitungen liefert Vertex übrigens Beispiel-Settings, beim Steel String Supreme hören zwei davon auf die Namen „Texas Flood“ und „Lenny“. Fans von Stevie Ray Vaughan wissen damit, wohin die Reise geht.

Und irgendwie schwebt die vor mittlerweile 33 Jahren verstorbene Texas-Blues-Legende nicht nur ein bisschen über dem Pedal. Mit dem SSS auf dem Boden und einer Strat in der Hand wird aus dem unverzerrt schon sehr ordentlich klingendem Test-Amp eine extrem auf das Spiel reagierende Soundmaschine, die sehr dynamisch und flexibel im Bereich von glasig-clean bis hin zu leichtem Crunch agiert. Diesen Grundsound kann man mit einem Tritt auf den rechten Fußschalter noch einmal gehörig anschieben, dann schmatzt es noch ein deutliches Stück mehr.

Man kann sich damit entweder so etwas wie einen Solosound basteln oder aber beide Einheiten für maximalen Spielspaß dauerhaft im Signalweg belassen. Freunde dezent härterer Klänge werden sich wohl eher am Tone Secret erfreuen. Wer im Bereich Blues & Co. unterwegs ist und einen perlig runden Ton mit hoher Sensibilität, reichlich Wärme und jeder Menge Tiefgang sucht, dürfte hier fündig werden. Abzüge gibt es in der Bedienung und der Benutzerführung, aber in Sachen Sound ist der Steel String Supreme SRV eine wahre Wonne.

RESÜMEE

Mit dem Tone Secret und dem Steel String Supreme SRV hat Vertex zwei Pedale im Programm, die klanglich auf ihrem jeweiligen Terrain absolut überzeugen können. Abzüge gibt es bei der Anwenderfreundlichkeit, denn die Optionen des Duos erschließen sich nicht unbedingt auf Anhieb, auch über die Mini-Potis sollte man bei Vertex noch einmal nachdenken, denn sie steuern wesentliche Soundelemente.

Mit jeweils deutlich über € 200 liegen beide Pedale im eher exklusiven Preissegment, für die gebotenen Sounds und Optionen kann man das allerdings als noch vertretbar bezeichnen. Generell ist es für unsere Branche gut, dass neben den großen Namen und den günstigen Anbietern aus Fernost auch am anderen Ende des Spektrums eine möglichst üppige Auswahl zur Verfügung steht. Wat den Eenen sin Uhl, is den Annern sin Nachtigall …

PLUS

● Sounds
● erweiterte Optionen (Tone Secret)
● umfangreiche Werkzeuge zum Feintunen des Klangs (SSS SRV)

MINUS

● Mini-Potis wenig nutzerfreundlich

(erschienen in Gitarre & Bass 06/2023)

Produkt: Gitarre & Bass 2/2024
Gitarre & Bass 2/2024
IM TEST: Charvel Pro-Mod So-Cal HSS +++ Engl E670FE Special Edition +++ Ortega Guitars Tour Player +++ Ampeg Venture V3, VB112 und VB115 +++ Ibanez Iceman IC420FM +++ Walrus Audio Fable +++ Meta Guitars Veil Bass +++ Fender CS Early 55 Strat Trem & Hardtail +++ Lakland Skyline Decade

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