Produkt: Fender Stratocaster
Fender Stratocaster
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Test: Tausch Electric Guitars 665 RAW – 25th Anniversary

(Bild: Dieter Stork)

Rainer Tausch hat mit seinem 665-Design längst allgemeine Akzeptanz, ja internationale Aufmerksamkeit erzielt. In seiner Semi-Hollowbody-Konstruktion bedient er sich traditioneller Design-Ansätze lediglich, um sie mit seinen eigenen gestalterischen Ideen auf ein höheres Niveau zu heben. Anforderungen, wie einer variablen Sound-Auslegung und einer möglichst optimalen Handhabung, will er sowieso gerecht werden.

Rainer hat seine Linie gefunden, schaut nun auch schon auf eine 25 Jahre andauernde Karriere als selbständiger Gitarrenbauer zurück und arbeitet seit langem mit heimischen Hölzern. Nachdrücklich hat er bewiesen, dass es auch mit Birne, Walnuss, Ahorn und Pflaume möglich ist, ganz wunderbare, vor allem aber klangstarke Instrumente zustande zu bringen.

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GEHÖHLTER KORPUS – VERLÄNGERTE MENSUR

Die Konstruktion des 665-Designs weist fraglos Bezüge zur Fender Telecaster auf. Die Korpusform des Fender-Modells wird allerdings nur zitiert, keineswegs aber kopiert. Nicht nur ist der 4,5 cm starke Body aus Birnenholz gefertigt, er ist abgesehen von einer massiv belassenen Mitte auch großzügig ausgefräst und um eine aufgeleimte Decke, ebenfalls aus Birne, ergänzt.

Auch der vordere Korpusbereich ist durchgehend schwungvoll in einer S-Form gestaltet, was uns zu einem weiteren grundlegenden Unterschied führt: Der Ahornhals der 665 ist nicht geschraubt, sondern in Höhe des 18. Bundes in den Korpus eingeleimt. Seine einteilige Fertigung ohne aufgeleimtes Griffbrett erzwang den Einsatz des Halsstabes durch eine Nut im Halsrücken. Die wurde traditionell mit einem dunklen Holzstreifen verschlossen (Pflaume).

Der Hals ist in lobenswerter Perfektion mit 22 recht kräftigen Jumbo-Frets (Wagner 9684) bundiert. Dots aus braunem Kunststoff markieren die Lagen. Der parallel herausgeführte Kopf – mit dem hübschen kleinen Kehlschnitt oben – ist mit Sperzel-Trim-Lok-Tuners ausgestattet. Deren gestaffelte Wickelzylinder erlauben die Saitenführung ohne Niederhalter, mit geradem Zug und ausreichend Andruck über den Sattel aus Knochen.

Mit der namensgemäßen 665-mm-Mensur werden die Saiten zum Korpus geführt und daselbst in der feinen T-Tune-Bridge mit drei kompensierten, präzise abgestimmten Messing-Sätteln (Harmonic-BridgeSaddles) geankert. (Rainer: „Wie die von Barden, nur besser!“). Die T-Tune-Bridge ist übrigens ein deutsches Produkt von Drazen Jasic aus Hamburg.

Die Tele-Style-Bridge legt eigentlich einen Singlecoil-Pickup nahe, verbaut ist aber ein Humbucker (von Häussel), genauer gesagt ein Tauschbucker mit zwei unterschiedlich stark gewickelten Spulen, der quasi gerahmt ins Holz geschraubt ist.

Bridge: T-Tune-Bridge mit kompensierten Messingreitern (Bild: Dieter Stork)

Von Harry Häussel stammt auch der für Rainer speziell gewickelte Tauschbucker in der Halsposition. Beide Tonabnehmer verfügen über Alnico-5-Magneten und können als Varianten der Häussel VIN+ Humbucker betrachtet werden. Zur Verwaltung der Pickups stehen generelle Volumeund Tone-Regler bereit; geschaltet werden sie mit einem 5-Wege-Kippschalter – dazu später mehr.

Versiegelt ist der Korpus der 665 RAW mit Nitrolack in Phthalo Green. Das Finish wurde anschließend einem maßvollen künstlichen Alterungsprozess mit feinem Crackling unterzogen. Auch der Hals in seinem satten Goldton blieb, einschließlich der Greiffläche, von grober Schändung verschont und erfreut uns mit einem tatsächlich wie abgespielt erscheinenden Rücken-Finish.

Beeindruckend sind hier die weichen Übergänge, welche beim gängigen Aging oft genug unnatürlich krass ausfallen. Allen Hardware-Parts wurde vom Gitarrenbauer ebenfalls eine angemessene Patina verschafft. Geliefert wird das auf verlässlich hohem gitarrenbauerischen Niveau gefertigte Instrument in einem soliden Hardcase.

FLOTTE HANDHABUNG – ELEKTRISCHE POTENZ

Das Jubiläumsmodell 665 RAW ist, dank seines gehöhlten Korpus, mit knapp 3,2 kg zunächst einmal angenehm leicht. Trotz ihres etwas verlängerten Halses hängt die Gitarre durchaus ausgeglichen am Gurt und mit ihren großzügig verrundeten Korpuskanten fühlt sie sich auch rundum gut an. Der Hals fällt mit seiner kraftvoll gestalteten C-Form angenehm griffig in die neugierige Hand und die etwas längere Mensur ist aus spieltechnischer Sicht schnell in Gewöhnung genommen.

Zwar fühlen sich die Saiten einen Tick straffer an als bei einer Standardmensur, aber dank der fabelhaft sauber und kantenglatt verarbeiteten Bundierung, mit komfortabel tiefgelegten Saiten, kommen wir sofort freudvoll ins Spiel. Die akustischen Klangfarben sind in der Tendenz tatsächlich von der T-Style-Bridge geprägt. Vor allem die hohen Saiten zeigen diesen charakteristischen, leicht metallischen Schimmer.

Pickups: Tauschbucker von Harry Häussel in variabler Verschaltung (Bild: Dieter Stork)

Die semiakustische Bauweise bringt sich zudem mit resonanzstarker, leicht perkussiver Tonentfaltung in Erinnerung. Ansonsten überzeugt das Akkordbild mit ausgeglichener Stimmlichkeit bei sauberer Saitentrennung. In Sachen Dynamik, Tonlänge und Schwingverhalten bewegen wir uns ebenfalls auf sicherem Boden – bleibt also nur noch, die elektrische Umsetzung dieser fabelhaften Eigenschaften zu prüfen.

Harry Häussel ist seit Jahr und Tag Haus- und Hoflieferant für Tausch Guitars und wickelte natürlich auch diese Tauschbucker ganz nach Rainers Vorstellungen. Letztere verlangten nach kraftvoller Tonwandlung einerseits, aber auch nach flexibler Klangdifferenzierung andererseits, was zu einem konventionell ausgelegten Hals-Pickup hier und einem leicht überwickelten Steg-Tonabnehmer dort führte. Über einen 5-Weg-Schalter stellen sie, neben den konventionellen Einzelschaltungen, auch noch verschiedene alternative Kombinationen zur Verfügung:

Der Tauschbucker in der Halsposition transportiert die oben beschriebenen Grundeigenschaften der 665 RAW mit Klarheit und Präsenz. Der Anschlag wird klar herausgestellt, der Ton entfaltet sich spontan und schwingt frei aus. Vor allem die straff und pointiert artikulierenden Basssaiten vermitteln viel Charakter. Der leicht glasige Ton zeigt Rückgrat. Neben harmonisch bestens ausgeleuchteten Akkorden und frisch perlenden Linien in klaren Amp-Positionen lassen sich damit im Overdrive bemerkenswert kernige und gut abfedernde Powerchords, aber auch durchsetzungsstarke Sololinien ins Werk setzen.

Wechseln wir auf den Tauschbucker am Steg, so zeigt auch dieser Tonabnehmer jene offene Höhendarstellung bei ausgeglichener Stimmlichkeit im Akkord, die man von Häussel-Pickups kennt. Allerdings setzt er etwas offensiver um, drückt im angehobenen Gain-Status auch aus der Mitte heraus kraftvoll nach vorn und transportiert die reichen Obertöne der 665 souverän. Pointierter noch als der Kollege am Hals pumpt er in Zerre die Powerchords aus den Speakern, jede Anschlagsaktion wird differenziert und perkussiv markant herausgestellt.

Es ist diese Mischung aus tonfarblicher Substanz und resonanzstarker Federkraft, die bei der semiakustischen Konstruktion 665 den Unterschied macht. Als wäre es damit nicht schon genug, hat sich Rainer für sein Instrument auch noch alternative Schaltoptionen einfallen lassen:

In der Mittelposition des Schalters etwa liegt nicht einfach nur der übliche Zusammenschluss beider Pickups an, nein, hier wird der Hals-Humbucker mit der inneren Spule des Steg-Pickups kombiniert, was ein etwas schlankeres, aber ungemein glockiges Klangbild erzeugt. Die Einzelspule setzt hier einen unerwartet starken Akzent.

Mit den Schaltpositionen 2 (Kombination der jeweils vorderen Singlecoils der Pickups) und 4 (innerer Singlecoil des Steg-Pickups allein) stehen uns weitere effektive Klangvarianten zur Verfügung, beide in allen Betriebsarten sehr gut nutzbar, wobei Position 4 (die stärker gewickelte Einzelspule am Steg) tendenziell schon scharf, bissig und twangy klingt. Im bestens aufgefächerten Sound-Repertoire können wir das aber eine konsequente Abrundung nach oben nennen, sehr schön übrigens auch geeignet als Vorstufe für die finale Boost-Attacke mit dem Tauschbucker am Steg.

RESÜMEE

Mit seiner Jubiläumsausgabe der 665 RAW weist Rainer Tausch erneut seine verlässlich hohe Kunstfertigkeit im elektrischen Gitarrenbau nach. Eine Gitarre perfekt zu bauen, ist die eine Sache, ihr eine originäre Klangseele jenseits aller geriegelten und gevögelten Edelholzklischees zu verschaffen eine ganz andere.

Als Spieler, der er ist, weiß Rainer auch um unsere Bedürfnisse, was Haptik, Ergonomie und nicht zuletzt Klangqualität angeht. Die stimmige semiakustische Konstruktion mit leicht verlängerter Mensur, in Verbindung mit der elektrischen Kraft der tollen Häussel-Tauschbucker-Pickups und deren variablen Verschaltung, die tollen Spieleigenschaften und der unprätentiöse Look: All das findet sich im 665-Design zu einem souverän gestalteten Instrument von hoher Klasse kombiniert. Von Rainers quasi verlustfreiem Verzicht auf Tropenholz ganz zu schweigen. Er hat’s halt raus.

Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum vom G&B-Team und viel Erfolg weiterhin!

PLUS

● originäres Design
● Resonanzeigenschaften
● Tauschbucker-Pickups
● durchsetzungsstarke Sounds
● schalttechnische Variabilität
● toller Hals mit 665-Mensur
● Haptik, Spieleigenschaften
● kunstfertige Verarbeitung

(erschienen in Gitarre & Bass 05/2020)

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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Was bitteschön ist ein “gevögeltes Edelholzklischee” ? Wer dabei nicht an Schweinkram denkt…
    Ansonsten würde ich die Beschreibung der Tonabnehmer-Nuancen in obigem Artikel als literarische Kostbarkeit einstufen. So gut kann man mit Worten einen Sachverhalt erläutern, der eigentlich nur durchs Hören zu erschließen ist. Der Artikel sollte als Referenz für Fachjournalisten dienen und macht Neugier auf diese Gitarre.

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