Clean, klar, charakterstark
Test: Shergold Guitars Provocateur Standard
von Franz Holtmann, Artikel aus dem Archiv
TROTZIG SELBSTBEWUSST
Das Modell Provocateur rangiert mit seinem Preis von gut 500 € im erschwinglichen Bereich, wartet aber dennoch mit einem beachtlichen Leistungsangebot auf. Zum annähernd doppelten Preis gibt es dieses Design dann auch noch mit einer hochwertigeren Ausstattung an Hölzern (Mahagoni, Ebenholz) und Elektrik (Seymour Duncan Pickups).
Interessiert mich nicht, sagt der ganz schön selbstbewusst auftretende Standard Provocateur und zeigt sich selbst gehobenen Ansprüchen in dieser Basisversion bereits durchaus gewachsen. Die Gitarre fühlt sich mit ihren knapp 3,5 kg Lebendgewicht gut an (Holz ist nach dem Einschlag ja noch lange nicht tot) und fällt mit angenehm griffiger Halsversiegelung und schön verrundetem Profil bei gut 42 mm Sattelbreite absolut animierend in die Hand.
Die Höhe aber ist, dass die provokante Dame nun auch noch mit mehr als achtbarem akustischem Vermögen antritt. Straff und stabil im Ausdruck, klar und offen aufgelöst im Akkordbild und mit guter Gewichtung der Stimmen bietet sie einfach bestes Fundament für alles, was sich nun über ihre Alnico-Pickups elektrisch noch daraus gewinnen lassen mag.
Die offenen Humbucker sind auf konventionellen Output hin gewickelt und unterscheiden sich nur wenig in ihren elektrischen Widerständen. Der Hals-Pickup liefert ein volles Akkordbild mit guter stimmlicher Spreizung. Obwohl es an letzter Öffnung in den Höhen fehlt, ist der gerundete Klang doch zu loben, sind damit doch griffig jazzige Sounds leicht zu erzielen und auch solistische Aktionen lassen sich dank präziser Ansprache und erfreulicher Tonlänge effektiv in Szene setzen.
Der Steg-Pickup springt gut vor – Spot an – und kommt mit seiner nur wenig höheren Ausgangsleistung klangfarblich dann doch deutlich anders in Stellung. Er bringt mittenorientiertere Sounds hervor, tönt frecher und schmutziger. Rhythmisch lässt sich damit durchaus aufreizend tanzen. Akkorde haben Schmackes und greifen wie mit leicht zusammengebissenen Zähnen kess an.
Diese forsche Attitüde nimmt dann im Zerrkanal geradezu unartig draufgängerische Züge an. Straff und schnell abfedernd lassen Powerchords die Hosenbeine flattern; solistische Ambitionen werden mit akzentuierter Ansprache und bestens definierter Tonentfaltung belohnt. Gehaltene Noten lassen bei guter Länge dann auch noch harmonische Obertöne elegant aufsteigen. Der Steg-Pickup ist damit klarer Sieger nach Punkten!
Über die Push/Pull-Funktion im Tone-Regler lassen sich die Spulen der Tonabnehmer trennen. Bei beiden Pickups in der Provocateur Standard ist die Wirkung des Coil Split dann auch ausgesprochen deutlich bis krass. Der Hals-Pickup hellt stark auf, die Darstellung von Mehrklängen wird mit guter Transparenz umgesetzt. Mit dem zuvor so gepflegtem Handschuhton hat das natürlich nichts mehr zu tun.
Beim Steg-Pickup sind die überbetonten Mitten mehrheitlich gekappt. Leicht spirrige Akkorde erscheinen nun mit knochig kompaktem Bass und Melodielinien brizzeln kehlig drahtig unter den Fingern weg. Im Overdrive machen sich beide Pickups in dieser zweiten Klangebene dann richtig gut.
Dem Kollegen am Hals verhilft der Zugewinn an Draht zu deutlich mehr Frische. Mit seiner nun irgendwie angespitzten Präsenz und feiner Single Coil-Kehligkeit lässt sich überraschend gut arbeiten. Dem setzt der geteilte Steg-Pickup eine angriffslustige Bissigkeit entgegen. Harsch im Aufriss beeindrucken trocken abfedernde Powerchords und dann beißen dir auch noch messerscharfe Sololinien neckisch ins Ohrläppchen.
Obwohl sich also ein Gefühl von Chili im Ohr breitmacht, ist diese Schärfe aber gar nicht mal so unangenehm. Aber brummt das denn nicht? Na klar machen einspulige Pickups Geräusche, das war nie anders. Aber hat das gute Musik denn jemals verhindern können?
(Bild: Dieter Stork)
RESÜMEE
Mit dem Modell Provocateur Standard stellt Shergold Guitars ein rundum sauber verarbeitetes, erfreulich gut spielbares und auch dann auch noch elektrisch mehr als achtbar funktionstüchtiges Arbeitsgerät vor. Gutes Gewicht, sehr schön profilierter, angenehm kantenglatt verarbeiteter, mithin samtig griffiger Ahornhals (Roasted Maple) und zwei Humbucker Pickups mit Push/Pull Coil-Split (zwei Schaltebenen) sorgen für lockeren Zugang einerseits und flexible klangliche Anwendungen andererseits. Grundgütiger: Für den verlangten Preis von gut 500 Euro ist das aber wirklich viel Gitarre!
Plus
- rudimentäres Design, funktionsstarke Abstimmung
- Humbucker mit Coil-Split-Option
- Schalt-/Sound-Variabilität
- Roasted Maple Neck
- beste Handhabung
- gute Verarbeitung
Minus
- Hals-Pickup etwas höhenschwach

(erschienen in Gitarre & Bass 01/2026)
Das könnte dich auch interessieren
Sherwoodhabe ich, obwohl durchaus E-Gitarren-affin, bis dato noch nicht gehört. Nach öffnen des Newsletters dachte ich “ah, mal wieder ein Instrument weit über der 1.000 €-Marke”. Wurde eines Besseren belehrt, und scheinbar ist das Ding auch noch mehr als tauglich. Obwohl nicht direkt mein Beuteschema doch erfrischend anders und irgendwie sexy. Wir brauchen mehr davon.
das hier ist ja auch Gold, kein Holz. Shergold heißt die Fa..
Sherwood kennt man eher als Forest in Verbindung mit Robin Hood. 🙂
Und unter den Playern sind auch The Sherlocks. Das passt ja dann.
Das ist auch ein älterer Artikel und die Übernahme war wohl schon 2017 seitens Patrick James Eggle. Lt. Webseite kam obige Gitarre 05/2019 raus.
Locking Tuner, Roasted Maple Hals, Coil Splitting (ohne Lautstärkeverlust?), String Through Body, alles für etwas mehr als 500 Euro – bin immer wieder bass erstaunt, was heutzutage möglich ist.
Beim Thema “Direct Mounting Humbucker” bleibt bei mir allerdings die Frage nach dem Wie? nicht aus. Also wie ist der Steg-HB genau im Holz befestigt? Wie ein P90 in einer alten Les Paul Junior/Special mit Holzschrauben, die direkt ins Holz gehen? Oder vielleicht mit Metallschrauben und passenden Inserts, also Holzeinsätzen aus Metall?
Das wäre ja gerade für die Höhlenverstellung relevant, wobei langfristig letztere Version eigentlich besser funktionieren sollte.
Man bräuchte allerdings nach meinem Verständnis entsprechende Schrauben (im oberen Teil kein Gewinde) bzw. die Befestigungsohren an der Grundplatte des Steg-HB dürften kein Gewinde haben (aber so müsste das heutzutage doch eigentlich gemacht werden, bei Gitarren von Ibanez bis Strandberg, oder?).
Sehr erstaunlich,was man heute für wirklich kleines Geld an professionell gestalteten E.-Gitarren bekommt. Und dazu auch noch qualitativ bestens gefertigt! Kompliment,da brauche ich ja zukünftig absolut keine teure Electric Guitar vom Gitarrenbauer zu bestellen! Shergold Guitars,-ein Name,den man sich unbedingt merken sollte. Ich besitze bereits einige Akustik-Gitarren von Patric James Eggle,und bin echt begeistert. Der Mann versteht sein Handwerk!
Ein frontales Foto wäre gut gewesen, denn mit diesem halbfrontalen kann man nicht gut die Form und die Proportionen beurteilen.
Hallo JuSch, dann schau dir doch gerne mal das Cover von Gitarre & Bass 1/2026 an 😉 (https://www.gitarrebass.de/shop/gitarre-bass-1-2026/)
Oder schau direkt auf der Herstellerseite von Shergold Guitars vorbei (siehe Übersicht).
Grüße aus der Redaktion!