Produkt: Gitarre & Bass Digital 05/2018
Gitarre & Bass Digital 05/2018
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Edelhall mit Extras

Test: Neunaber Immerse Reverberator MKII

(Bild: Dieter Stork)

Mit dem MK II stellt Neunaber Audio eine überarbeitete Version seines Luxus-Hallpedals Immerse vor. Neben den vier Grundsounds überzeugen dabei auch die Kombinationen mit weiteren Effekten wie Echo oder Detune. Damit geht der Bodentreter weit über konventionelle Anwendungen hinaus.

Keine Massenfertigung, aber auch kein Boutique-Hersteller – die Firma von Brian Neunaber produziert im südkalifornischen Orange County Hi-End-Effektgeräte, die von modernen Maschinen zusammengesetzt werden und damit auf jede Form von Voodoo verzichten. Mit seinem Ingenieurs-Background hält der Firmenchef diese Art der Produktion für zuverlässiger als die Arbeit von Hand. Bevor er die Company 2009 gründete, war Brian 15 Jahre lang für andere Größen im Business tätig, darunter St. Louis Music, einst Heimat von Crate und Ampeg, sowie der Pro-Audio-Anbieter QSC. Nach einem Vierteljahrhundert im Geschäft hat der Mann mehr als ausreichend Erfahrung in Sachen Design und Fertigung.

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Die Arbeit und damit die Produkte von Neunaber fußen auf drei Prinzipien:

  1. Die besten Lösungen sind einfach und elegant.
  2. Musik ist Kunst, Audiotechnik hingegen eine nachvollziehbare Wissenschaft und keine schwarze Magie.
  3. Digitale Signalverarbeitung ist nichts als ein Werkzeug, genau wie Röhrenoder Transistor-Technologie. Ob die Ergebnisse gut oder schlecht sind, hängt davon ab, wie man sie einsetzt.

Diese Hintergründe sollte man kennen, wenn man sich den Effekten der Firma nähert. Brian Neunabers Ansatz ist es, hochwertige Audio-Technologie in kompakte Pedale zu packen, die Gitarristen – und nicht nur die – begeistern können.

Und damit wären wir bei der Produktpalette. Wer die Möglichkeiten der digitalen Welt ausloten will, wird bei Neunaber mit dem programmierbaren „Expanse“-Pedal fündig, auf der anderen Seite steht die „Element“-Serie, die Einzeleffekte auf digitaler Basis mit konventioneller Bedienung umfasst, etwa das „Wet“-Reverb oder das „Echolon“-Echo.

Das vorliegende Immerse-Hallpedal wird ebenfalls konventionell via Potis bedient, liefert aber insgesamt acht digitale Presets, bei denen der Hall zum Teil mit weiteren Effekten gekoppelt wird.

Dem MK II hat das Unternehmen nicht nur ein paar neue Sounds und Features spendiert, auch in Sachen Bedienbarkeit macht das Upgrade einen Schritt nach vorne. Die Linienführung des Vorgängers wurde durch eine Farbkennung ersetzt, die die Funktion der beiden unteren Regler, „Time/Tone“ und „Pre-Dly/Mod/Blend“, innerhalb der jeweiligen Presets klar anzeigt.

(Bild: Dieter Stork)

Vorab noch ein paar weitere Details: Wie alle Neunaber-Effekte, arbeitet das Immerse MK II ausschließlich mit Netzteil, ein Batteriebetrieb ist nicht vorgesehen. Im Test mit einem handelsüblichen Boss PSA-Stromversorger traten keinerlei Probleme auf. Das Gehäuse des rund 250 Gramm leichten Treters besteht aus Aluminium-Druckguss, damit bringt es rund ein Drittel weniger Gewicht auf die Waage als das zum Vergleich herangezogene Boss RV-6.

Das Pedal lässt sich über je zwei Ein- und Ausgänge auch in Stereo-Setups integrieren, in Sachen Bypass hat man sich für die Buffered-Variante entscheiden, da die Firma der Meinung ist, dass ein Hallpedal am Schluss der Effektkette stehen und als solches letztes Glied im Buffered-Modus arbeiten sollte.

Identisch mit dem Vorgänger sind die beiden im Gehäuse versenkten Mini-Schalter an der Stirnseite: „Kill Dry“ schaltet das Original-Signal stumm, zu hören ist dann nur noch der effektierte Ton. Dieser Modus bietet sich an, wenn das Pedal in einen parallelen Effektweg eingeschliffen wird. Der rechte kleine Switch mit der Bezeichnung „Trails“ entscheidet, ob die Hallfahne nach Ausschalten des Geräts weiter weht oder abrupt abgeschnitten wird.

Neu hingegen ist der erweiterte Arbeitsbereich des „Mix“-Reglers, der den Anteil zwischen Original- und Effektsignal steuert. Bei Linksanschlag ist nur das Eingangssignal zu hören, ganz rechts erklingt ausschließlich der Effekt.

Das Depth-Poti rechts daneben regelt die Abklingzeit des Effekts, beim Echo-Preset kontrolliert es zusätzlich die Anzahl der Wiederholungen. Die beiden unteren Regler sind je nach Programm mit verschiedenen Funktionen belegt. Der linke steuert in sechs von acht Fällen den Klang des Effektsignals, die beiden abweichenden Zugriffe erwähne ich im Zusammenhang mit den einzelnen Presets. Beim rechten Poti sind die Optionen in drei Segmente aufgeteilt. Gehen wir seine Funktionen anhand der einzelnen Effektarten durch:

M3T: Die neueste Generation von Neunabers Aushänge-Hall präsentiert sich als hochwertiger, üppiger Raum, quasi als Studioeffekt im Pedalformat, die Zahl im Namen steht für einen besonders dreidimensionalen Effektsound. Über den Regler unten rechts lässt sich ein Pre Delay von bis zu 200 Millisekunden hinzuregeln, was dem Preset neben Transparenz einen sehr natürlichen räumlichen Eindruck verleiht.

Plate: Dieses Programm ist die digitale Version eines Plattenhalls, ein früher in Studios gängiger Halleffekt, der über eine schwingende Platte generiert wurde und durch einen in den Höhen betonten Nachhall ein ganz eigenes Klangbild generierte. Auch hier bietet das Pedal die Option eines Pre Delays gleicher Länge an.

Das Preset Hall simuliert einen Konzerthall, das rechte Poti arbeitet dabei im Mod-Modus und steuert den Anteil der Modulation. Spring ist eine Emulation eines klassischen Federhalls, der auch in vielen Gitarrenverstärkern zu finden war und ist. Der rechte Regler kontrolliert dabei die Rate der Modulation. Mit beiden Optionen lassen sich sehr musikalische und originalgetreue Ergebnisse erzielen.

Die zweite Hälfte der Palette fügt dem eigentlichen Hall verschiedene Effekte hinzu. Das in der MK-II-Version neu hinzu gekommene Preset „Sustain“ ist vor allem etwas für Spezialisten und Soundtüftler. Es basiert auf dem W3T-Algorithmus und liefert bei Bedarf beinahe endlos lange Hallsphären, die sich über das Time/Tone-Poti in der Haltezeit sowie per Depth-Regler in der Abklingdauer steuern lassen. Mod regelt wiederum die Tiefe der Modulation. In der Praxis bietet sich dieses Preset an, wenn man gerne mit Ambient-artigen Sounds experimentiert.

Grundsound Nummer 6, Echo, ist da wieder greifbarer. Zum W3T-Hall gesellt sich ein Delay, dass über drei der vier Potis angepasst wird: Depth regelt, wie erwähnt, neben der Hallverfallszeit auch die Anzahl der Wiederholungen, Time unten links die Verzögerungszeit zwischen 50 und 700 Millisekunden, der Regler unten rechts wird dabei zum Blend-Poti und steuert das Verhältnis von Hall und Echo. Ganz links ertönt nur der Reverb, ganz rechts nur das Echo.

Detune ist eine Art feststehender Chorus. Bei diesem Preset wird dem Hall ein leicht nach unten transponiertes Signal hinzugefügt, das dem Sound mehr Breite verschafft. Blend arbeitet dabei wie im Echo-Modus und regelt das Verhältnis der beiden Effekte. Zum Ende wird es dann himmlisch: Im Modus Shim ertönen engelsartige Chöre, die auch auf Neunabers Seraphim-Pedal ihren Auftritt haben. Wer auf der Suche nach einem flächigen, Synthie-artigen Sound mit bei Bedarf reichlich Hall ist, findet hier einen passenden Partner. Blend agiert dabei wie bei den vorangegangenen Presets –  über diese Option lassen sich die jeweiligen Zweiteffekte auch einzeln nutzen, was das Pedal noch mal ein Stück vielseitiger macht.

Fazit: Während die rechte Hälfte der Preset-Palette mit einem hochklassigen Hall-Arsenal punktet, laden die Kombi-Präparate zum Experimentieren ein – vor allem aber erweitern sie die Einsatzmöglichkeiten des Treters noch einmal drastisch. Manch einer mag angesichts solcher Möglichkeiten bedauern, dass sich kein Expression Pedal anschließen lässt, über das Parameter wie etwa die Blend-Option extern gesteuert werden können, doch Brian Neunaber hat das Immerse MK II nun mal als „Hands on“-Effekt konzipiert – wer in dieser Hinsicht mehr Komfort sucht, sollte sich das Expanse-Pedal anschauen.

Resümee

Mit seinem Ansatz bietet sich das Immerse MKII als Luxushall auf dem Board ebenso an wie für den Einsatz im (Heim-)Studio oder als kompakter Effektprozessor zum Mitnehmen. Mit € 299 zählt es nicht eben zu den günstigen Ablegern seiner Zunft, aber Qualität und Hirnschmalz haben nun mal ihren Preis, der hier durchaus gerechtfertigt ist. Auch seine Flexibilität macht das Pedal zu einem echten „Will haben“-Gadget. Wer einen hochklassigen Hall im Pedalform sucht und den Luxus von Zusatzeffekten nutzen mag, sollte Neunabers neue Kreation definitiv genauer unter die Lupe nehmen.

PLUS

  • Effektqualität
  • Flexibilität
  • Konzeption der Kombinationseffekte

MINUS

  • konzeptbedingt keine externen Zugriffsmöglichkeiten

(erschienen in Gitarre & Bass 06/2019)

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