Produkt: Gitarre & Bass 5/2019
Gitarre & Bass 5/2019
INTERVIEWS: Slash, Phil Campbell, J.J. Cale, Bill Frisell, Kreator +++ VINTAGE-SPECIAL: Fender Princeton
Röstcaster

Test: Music Man Cutlass SSS

 

(Bild: Dieter Stork)

„Get Roasted“ – welch verwegene Aufforderung springt uns denn aus diesem Werbeslogan so provokativ lässig an? Nun, nach dem höllisch heißen Sommer sind wir ja alle miteinander bestens vorgewärmt. Ob wir uns da im Nachgang von dem brandneuen Cutlass-RS-Modell einfach noch mal gutwillig rösten lassen wollen?

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Auf Basis des ursprünglichen Music-Man-Designs aus den 70er-Jahren, für das Leo himself bekanntlich noch Pate stand, wurde das Cutlass-Modell mit Hals aus geröstetem Ahorn, leichtgewichtigem Erlekorpus, verbesserten Spieleigenschaften und überarbeiteter, Vintage-orientierter Elektrik neu aufgelegt.

Alte Tugenden, neu interpretiert

Mit dem Music-Man-Cutlass-Modell liegt ein Design vor, das seine starke Affinitat zu Leo Fenders Stratocaster gar nicht leugnen will.

Der Korpus aus Erle kommt auch hohen Ansprüchen an den Spielkomfort mit bestens verrundeten Korpuskanten, zweckmäßig gesetzten Konturen auf der Decke und am Boden, sowie einem weich abgeglichenen Hals-/Korpusübergang vorbildlich entgegen.

Geschmeidiger Hals-Korpusübergang (Bild: Dieter Stork)

Mit fünf Schrauben ist der recht dunkel getoastete Hals aus Figured Roasted Maple, also geriegeltem, wärmebehandeltem Ahorn über eine verchromte Halsplatte mit eingeprägter Seriennummer verwindungsfrei und fest im Korpus verankert.

(Bild: Dieter Stork)

Das Griffbrett mit 10“-Radius aus Roasted Maple beherbergt 22 sauber verarbeitete High-Profile-Medium-Bünde aus Stainless Steel und schwarze Dots zur Lagenkennung.

Die MM-typische, matt lackierte und trotz leichter Vergrößerung immer noch kleine Kopfplatte ist mit Schaller M6-IND Locking-Mechaniken in 4+2-Anordnung ausgestattet, was die übliche Saitenniederhaltung per Stringtree überflussig macht.

Die Saiten schwingen mit 64,8 cm Mensur zwischen einem Sattel aus Kunststoff und dem aufliegend montierten Music Man Modern Tremolo mit individuell einstellbaren Vintage Bent Steel Saddles, ein auf zwei Stützschrauben ruhendes Vibratosystem mit Alu-Block und Einsteckarm, das im Messerkantenprinzip arbeitet.

Funktionsstarkes „Modern Tremolo“ (Bild: Dieter Stork)

Die Elektrik: drei Music Man Custom Wound Singlecoil Pickups sind mit ihren weißen Kappen nach guter alter Strat-Manier auf ein dreischichtiges Pickguard geschraubt und stehen in Verbindung mit dem neuen Wide Spectrum Music Man „Silent Circuit“. Ein aktiver Schaltkreis zur Unterdrückung von Brummen und „zum Erhalt des wahren Singlecoil-Sounds.

Die elektrische Verwaltung geschieht über generell arbeitende passive 250-kOhm-Volume- und -Tone-Potis mit .022μF-Tonkondensator und buffered Output. Das sorgt für tonale Konsistenz in allen Stellungen des Lautstärkereglers und macht auch lange Kabelwege möglich.

Das zur Stromversorgung nötige Batteriefach (Klippverschluss) ist auf der Korpusrückseite zu finden. Die Korpuskammer für die Aufnahme der elektronischen Komponenten unter dem Pickguard vorn wurde mit Graphite Acrylharz ausgemalt; das mit Aluminium ausgekleidete Pickguard dient ebenfalls der elektronischen Abschirmung.

Custom Wound Singlecoils mit aktivem „Silent Circuit“ (Bild: Dieter Stork)

Über den 5-Wege Pickup-Selector stehen folgende Schaltoptionen zur Wahl:

  • Pos. 1 – Hals-Pickup
  • Pos. 2 – Hals- und Mittel-Pickup parallel
  • Pos. 3 – Mittel-Pickup
  • Pos. 4 – Mittel- und Steg-Pickup parallel
  • Pos. 5 – Steg-Pickup

Der Korpus der Testgitarre ist mit High-Gloss-Polyester-Lack in Firemist Silver versiegelt, ihr griffiger Hals bekam eine Handpolitur mit Öl und Wachs. Alle Arbeiten zeigen hohes professionelles Niveau.

gerösteter Riegelahornhals (Bild: Dieter Stork)

Perfekte Handhabung – Verfeinerte Sounds

Die Music Man Cutlass fühlt sich natürlich nicht fremd an mit ihren bekannt fluffigen Komfortkonturen. Auffällig ist da eher der Hals mit seinem schlanken, wohlgeformten Profil. Damit liegt er ausgesprochen gut in der Hand und dank seiner Premium-Bundierung mit mittelstarken, recht hohen Edelstahl-Bunden geht die Arbeit flott von der Hand und Bendings laufen wie gebuttert.

Akustisch fügen sich die tiefen Saiten mit schlankem, aber stark konturiertem Ausdruck vollkommen ausgeglichen zu den anderen Stimmen im klar strukturierten Akkord. Der zeigt vielleicht nicht den letzten Tiefgang in den Bässen, kontert aber mit glockenklarer harmonischer Rundung und enormer Schwingfreude – Holla!

Elektrisch allgemein: Die drei Music Man Custom Singlecoils sollen es in Verbindung mit dem neuen Wide Spectrum „Silent Circuit“ möglich machen, lästiges Rauschen zu eliminieren und den wahrhaftigen Ton der Singlecoils unabhängig vom gewählten Pegel beizubehalten.

Nun, beide Vorgaben werden im Test bestätigt: auch bei höheren Lautstarken bleiben die Sounds lobenswert arm an Nebengeräuschen und der crisp brillante Ton ist auch bei stärkeren Abregelungen des Ausgangssignals noch achtbar vital zu haben.

Elektrisch spezifisch: Der Hals-Pickup eröffnet mit einem ungemein stabilen und knochentrockenen Grund-Sound, der sich dem akustischen Bild gemäß schlank, aber ausgesprochen konturstark gibt.

Akkorde verfügen in der Abteilung Clean über ein starkes Strat-Flair, wie es im Buche steht. Die crispe, hohlwangige Struktur lässt dabei eher an die funky-Sounds eines Nile Rodgers als an die des tiefgründiger agierenden Stevie Ray Vaughan denken, um einmal einen groben Vergleich zu bemühen.

Aber bei der hohen Gute des Signals, bleiben die Grenzen fließend. Gehen wir nämlich auf den Gain Kanal, so ist auch dieses Blues-getränkte kehlige Raunen absolut greifbar. Wunderbar plastisch schiebend zum Beispiel bei Oktavspiel auf den tiefen Saiten.

Mit Schalten auf den Singlecoil in der Mittelposition versetzt sich das Klangbild naturgemäß nach oben, verliert aber kaum an Ausdruckskraft. Der nun zwar etwas schmallippige Ton verfügt aber über eine tolle Präsenz und charaktervolle Kehligkeit, die mit angenehmer Bissigkeit das akzentuierte Akkordspiel belebt. Aber auch in Zerrpositionen ist er keineswegs zweite Wahl, liefert höchst prägnante, straffe Powerchords oder zupackende Lead-Sounds.

Schalten wir auf den Singlecoil am Steg, so beißt der natürlich nochmals kraftvoller zu. Sein angriffslustiger Twang ist allerdings bei aller Zuspitzung frei von kalter elektronischer Herzlosigkeit, eher kommt er pfeffrig und scharf gewürzt daher. Mit Entschiedenheit und pointierter Präzision schneidet er bei angehobener Verstärkerleistung wie ein Skalpell durch jeden Mix.

Toll auch die knochigen Bässe, die mit scharfem Attack markant aufgerissene Linien förmlich ausspucken. Da duckst du dich weg, oder hah: lässt dich grillen!

Die Zwischenpositionen bieten mit jeweils parallel geschalteten Spulen der Kombinationen Hals/Mitte und Steg/Mitte erwartungsgemäß zwei höchst crispe und schlanke Klangvarianten, eher feingliedrig als mager, aber schon speziell. Vor allem vermag die Kombination Hals/Mitte mit glasiger Knopflerei zu gefallen, was aber die helle Kehligkeit der alternativen Kombi gar nicht geringschätzen soll.

In gewissem Sinne ist in diesem Instrument, die allgemeine Akzeptanz dieser zugespitzt angelegten Singlecoil-Aura natürlich vorausgesetzt, für jeden Geschmack der richtige Sound angelegt.

Die Vibrato-Einheit, hartnäckig falsch Modern Tremolo genannt, ist bei gutem Zug aufliegend montiert und gewährt sorgenfreies Tremolieren (harhar) dank der wenigen Reibungspunkte, macht die kleine Kopfplatte einen Saitenniederhalter doch überflüssig.

Noch eine letzte Bemerkung zur Handhabung: Die etwas nach außen versetzte Positionierung des Volume-Reglers ist für alle Spieler interessant, denen Selbiger bei der Strat bei bestimmten Schlagtechniken immer etwas im Wege war. In diesem Sinne kann man den Aktionsrahmen als erweitert betrachten und gut erreichbar für den kleinen Finger ist der Regler auch so noch.

Resümee

Music Man liefert mit der Cutlass SSS wieder einmal erwartet hohe Qualität. Das sauber verarbeitete Instrument tritt mit einem formidabel schlank gestalteten Hals aus geröstetem Riegelahorn an, was uns zusammen mit der famosen Stainless Steel-Bundierung Spielvergnügen pur bietet.

Vorrangiges Ziel des Cutlass-Designs ist aber die Verfeinerung des klassischen Singlecoil-Sounds. Die Custom Wound Singlecoil Pickups sind zu diesem Zweck in den aktiven „Silent Circuit“ eingebunden, was nicht nur Brummen effektiv unterdrückt, sondern auch unabhängig von der Stellung des Volume-Reglers höchst präsente, crisp und kehlig tönende Sounds erster Gute generiert. Ziel erreicht, Leo lächelt!

Kann er auch, hat er doch das geniale Ursprungsmodell Stratocaster und auch dessen Nachfolger bei Music Man auf den Weg gebracht. Manchmal sind es kleinere, gelegentlich auch größere Veränderungen, die den Ausschlag für die Wahl in engem Kontext geben. Zugunsten der Cutlass SSS kann man neben dem tollen Hals den verbesserten Hals-/Korpusübergang, die aktiv unterstützte Elektrik, den versetzten Volume-Regler oder das etwas andere Vibrato-System ohne den Reibungspunkt Stringtree ins Feld führen.

Mir ist jedenfalls gut warm geworden, aber rösten lass ich mich trotzdem nicht ohne Weiteres. Gute Gitarre so oder so – ausprobieren!

PLUS

  • klassisches Design
  • verfeinerte Ausführung
  • Schwingverhalten
  • Pickups/Schaltung
  • präsente Sounds
  • toller Hals aus Roasted Maple
  • Stainless-Steel-Bundierung
  • Spieleigenschaften
  • akkurate Verarbeitung

(erschienen in Gitarre&Bass 11/2018)

Produkt: Gitarre & Bass 4/2019
Gitarre & Bass 4/2019
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