Produkt: Jazz Amp
Jazz Amp
Realität oder Illusion?
Karibische Träume

Test: LTD by ESP Deluxe H-1001FR

(Bild: Dieter Stork)

Statt eines Blicks aus dem Fenster schaue ich mir gerade lieber die Decke der neuen LTD Deluxe H-1001FR an. Die lässt mich nämlich von karibischen Stränden, Palmen, Badebuchten mit glasklarem Wasser, vor allem aber von angenehmeren Temperaturen träumen.

Die H-1001FR ist mit ihrem ansprechend gemaserten Wölkchenahorn-Deckenfurnier, dem das von Violett ins Türkis verlaufende Transparent-Finish die Optik von Meerwasser verleiht, ein echter Eyecatcher. Das Ganze wird von Abalone-Randeinlagen opulent in Szene gesetzt. Schauen wir mal, ob die Gitarre auch das Zeug zum Earcatcher hat.

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AUGENWEIDE

Zunächst lässt die kritische Inaugenscheinnahme keinerlei Anzeichen von nachlässiger Verarbeitung erkennen. Ganz im Gegenteil, Perfektion bis ins kleinste Detail: Hochglanzlackierung, Fräsungen, E-Fach, Verdrahtung, Kammerdeckel, Bindings, Übergänge, Bünde, Sattelniveau…

Der dreiteilige, gleichmäßig gemaserte Mahagonikorpus besitzt das typische Shaping der LTD Deluxe H-Modelle, nämlich beidseitig leicht gerundete Kanten und die klassische rückseitige Ergofräsung für angenehmen Körperkontakt. Die mit Ausnahme des Pickup- und Vibratobereichs gewölbte Decke ersetzt die Armschräge, das großzügig geschnittene untere Cutaway gewährt in Kombination mit dem fließenden Halsfuß stressfreien Zugang bis zum 24. Bund.

Fließender Halsübergang (Bild: Dieter Stork)

ESP spricht bei den LTD-Modellen ja stets von „Quilted Maple Tops“, de facto beschränkt sich dies jedoch auf ein dünnes Furnier. Versteckt sich dennoch eine (schlichtere) Ahorndecke darunter? Mitnichten, denn eine solche würde man in den Cutaways erkennen, da das knapp 6 mm breite Binding die Leimfuge nicht abdecken würde. Somit sollten wir eher von einem puren Mahagoni-Body sprechen, da das Ahornfurnier nur wenig klanglichen Einfluss nimmt. Auf der Rückseite verschließen präzise bündig eingepasste Kunststoffplatten die Kammern der Vibrato-Federn und Elektrik. Erstere hat man mit Schlitzen versehen, die direkten Zugang zu den Federspannschrauben bieten. Letztere trägt innen eine Alufolie, die zusammen mit dem Grafitlack abschirmende Aufgaben übernehmen soll. Zargenseitig trägt ein ovales Stahlblech die stramm packende Klinkenbuchse, große Knöpfe bieten dem Gurt sicheren Halt.

(Bild: Dieter Stork)

Den aus drei Ahornstreifen längs gesperrten Hals hat man nach ESPs Set-thru-Prinzip eingesetzt, bei dem der Fuß bis in die Mitte zwischen den beiden Pickups reicht. Während der Übergang durch die unterschiedlichen Holzfärbungen deutlich sichtbar ist, lässt er sich selbst mit geschlossenen Augen nicht erfühlen. Ich sag ja, perfekt! Das schwarz eingefasste Griffbrett aus Makassar-Ebenholz trägt 24 vorbildlich bearbeitete Xtra-Jumbo-Bünde. Zwischen E- und A-Saite markieren parallele Abalone-Inlays die Lagen, dem Spieler selbst reichen die weißen Sidedots zur Orientierung völlig aus.

erstklassiger Fret-Job
Abalone-Randeinlagen

Der Floyd-Rose-Klemmsattel, auf dessen Rückseite ein großzügig ausgearbeiteter Kragen den Übergang zur Kopfplatte stabilisiert, wurde präzise ausgerichtet, auf optimale Saitenlage eingepasst und frontseitig verschraubt. Der traditionelle FR-Stringbar drückt alle Saiten in die Sattelkerben und führt sie zu den präzise und geschmeidig arbeitenden Mini-Rotomatic-Tunern von Grover. Nach dem Entfernen der kleinen Truss-Rod-Abdeckung lässt sich der bi-direktional arbeitende Halsstab problemlos mit dem größten der vier beiliegenden Inbusschlüssel justieren. Passend zur Korpusdecke hat ESP die Kopfplattenfront mit Wölk­chenahorn furniert und die Ränder mit schwarzem Kunststoff und Abalone eingefasst.

Die Seymour-Duncan-Sentient- und Pegasus-Humbucker wurden höhenjustierbar direkt im Korpus montiert, die passgenauen Frä­sungswände schwarz lackiert. Kontrolliert werden die Tonabneh­mer per Dreiwegschalter, Master-Volume- und Master-Tone-Potis, Letzteres mit Pull-Push-Funktion, die die äußeren Spulen beider Pickups – die mit den Polschrauben – deaktiviert. Das Floyd Rose 1000SE Vibrato schwebt in seiner mit Moosgummi ausgelegten Deckenfräsung, wobei die Basisplatte bündig mit der Korpusdecke ausgerichtet ist. Der Drehmoment des Steckhebels lässt sich mit einer Schraubmuffe variieren. Alle Klemmschrauben von Vibrato und Sattel bestehen aus Edelstahl.

OHRENWEIDE

Dank gelungener Ergonomie besitzt die LTD H-1001FR hohen Tra­gekomfort, einen schlanken, hochglanzlackierten aber dennoch  angenehm in der Hand liegenden Hals, perfekt bearbeitete Bünde und optimal platzierte, butterweich rotierende Potis. Das FR-Vibra­to arbeitet selbst nach extremen Einsätzen 100%ig verstimmungs­frei. Einen einzigen Wermutstropfen gibt es allerdings, denn sowohl am Gurt als auch auf dem Bein gibt sich die Gitarre recht kopflastig.

Trocken angespielt offenbart sie enormes Resonanzpotential, direkte akzentuierte Ansprache, schnelle spontane Tonentfaltung und ein stabiles, langsam und gleichmäßig abklingendes Sustain. Ihr straffes, klares, luftiges, vor allem aber obertonreiches Klang­bild wird von beachtlicher Dynamik unterstützt.

Die Duncan-Humbucker – der Sentient am Hals und der Pegasus in der Stegposition – bilden ein abgestimmtes Paar und bieten pro­gressiven Spielern eine breite Palette moderner Metal-Sounds mit einer praxisorientierten Mixtur aus Artikulation und Aggressivität. Dank Vintage-Output, ausgewogenem Klangbild und vielseitigem Ton punktet der Sentient zunächst mit glasklaren bluesigen Clean­sounds, die ein PAF auch nicht besser hinbekommt.

Aufgrund der stegwärts verschobenen 24-Bund-Position erreicht er jedoch nicht ganz das voluminöse Fundament des Klassikers, tönt dafür aber wesentlich luftiger, offener und lebendiger, artikuliert sauber, reagiert dynamisch auf jede Nuance des Anschlags und wahrt sogar bei Drop Tunings die Contenance. Seine präzise Saitentrennung kommt vor allem High-Gain-Sounds zugute. Der Coilsplit lässt die Halsspule verstummen, was den Klang eines Strat-Halseinspulers inklusive des konstruktionsbedingten Brummens andeutet. Insofern erweisen sich die Abschirmungsmaßnahmen als wenig effizient, was allerdings bei den meisten vergleichbaren Gitarren von Mitbewerbern auch ein schwieriges Thema ist. Etwas schlanker im Spektrum klingt die Sentient-Stegspule ebenso geschmack- wie charaktervoll und überzeugt auch beim verzerrten Solieren.

Mit seinem Alnico-5-Magnet und speziellen Wicklungen wurde der Pegasus Steg-Pickup ursprünglich für Extended-Range-Gitarren entwickelt. Er liefert nicht nur deutlich mehr Output als der Sentient, sondern gefällt durch seine Wärme, Ausgewogenheit, direkte Ansprache und den fetten, voluminösen Ton, ohne dabei Transparenz und Spritzigkeit vermissen zu lassen. Sein Klangbild zeigt fokussierte, straffe Bässe, ausgeprägte Mitten und ein breites Obertonspektrum, seine hohe Resonanzfrequenz steuert brillante Höhen bei und lässt Akkorde selbst im High-Gain-Betrieb regelrecht aufblühen. Dank exzellenter Dynamik, präziser Reaktion auf den Saitenanschlag und Durchschlagskraft wird er sich selbst im dichtesten Band-Gefüge behaupten. Splittet man den Pegasus, bleibt dessen Halsspule aktiv, die erwartungsgemäß Fender-Terrain betritt. Irgendwie eine Mischung aus Strat- und Tele-Pickup ohne die bissige Aufdringlichkeit mancher klassischer Vertreter, sondern angenehm twangy mit glockigen oberen Mitten und knackig drahtigen Bässen.

Wer die Kombi zweier Humbucker mag, kommt bei der LTD H-1001FR voll auf seine Kosten, denn es perlt glockig und klar, in den unteren Frequenzen etwas schlanker als gewohnt aus den Lautsprechern. Wenn die Coilsplits zum Einsatz kommen, ist sogar die leicht nasale Paarung aus Steg- und Mittel-Pickup einer Strat zu erkennen. Im Zerrbetrieb bleiben Transparenz und Dynamik der Cleansounds nahezu vollständig erhalten.

Die gleichmäßige Regelcharakteristik der Potis gestattet präzise Kontrolle von Ausgangspegel/Verzerrungsgrad und Klang. Bei moderater Distortion regelt das Master-Volume-Poti sogar bis auf Klarklang herunter.

RESÜMEE

Mit der Deluxe H-1001FR erweitert ESP seine LTD-Reihe um ein echtes Schmuckstück, das aber auch klanglich auf ganzer Linie überzeugt. Basierend auf einer schwingfreudigen Konstruktion aus Mahagonikorpus und Set-thru-Ahornhals mit Ebenholzgriffbrett liefert das Seymour-Duncan-Sentient/Pegasus-Humbucker-Set nicht nur erstklassige High-Gain- bzw. Metal-Sounds, sondern kann auch im Crunch- und Clean-Einsatz überzeugen. Die Coilsplit-Optionen bereichern das Klangangebot um charaktervolle fender-eske Sounds. Das FR-Vibrato arbeitet absolut stimmstabil und beeinträchtigt das ausgezeichnete Sustain der Gitarre in keiner Weise. Feinste Dynamik und hoher Spielkomfort unterstreichen den sehr guten Gesamteindruck, der durch die Kopflastigkeit nur wenig geschmälert wird.

PLUS

  • Sounds
  • Schwingfreude & Dynamik
  • Qualität Hölzer & Hardware
  • FR-Sattel und -Vibrato mit Edelstahlschrauben
  • Optik
  • Spielbarkeit
  • Verarbeitung
  • Preis/Leistung

MINUS

  • Kopflastigkeit

(erschienen in Gitarre & Bass 03/2020)

Produkt: Testbericht: Yamaha SG1801PX Phil X Signature
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