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Test: Kuhlo Guitars Rawhide Airborne Driftwood HB

Kuhlo Rawhide Airborne Driftwood(Bild: Dieter Stork)

Unter dem Namen Rawhide interpretiert Jörg Kuhlo das T-Style-Design auf eigene Art. Voraussetzung ist lediglich die Schraubverbindung von Hals und Korpus, für alles andere lässt er dem Kunden fast unbegrenzte Möglichkeiten der Auslegung und Ausstattung.

Jörg Kuhlo betreibt das Plek-Haus in Berlin, bietet aber neben der computergesteuerten Bundbearbeitung als Gitarrenbauer auch alle Service-Leistungen rund um die Gitarre an und entwirft und fertigt überdies immer wieder auch eigene Designs: „Ich baue ja hauptsächlich im Auftrag. Hier lautete er: geeignet für Jazz (auch unverstärkt klar, offen und warm), aber auch gut für rockigere Sachen, und bitte nur ein PU.“

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THINLINE-DESIGN – SUBSTANZIELLE ELEKTRIK

Die vorliegende Ausführung der Rawhide Driftwood ist natürlich eine Variation der (vom Deutschen Roger Rossmeisl für Fender gestalteten) Thinline Telecaster mit einigen durchaus eigenständigen Zügen. Für den einteiligen, sandgestrahlten Korpus mit etwas eigenwillig gestaltetem unteren Horn stand US-amerikanische Sumpfesche zur Verfügung.

Die zwei großzügig von oben in beide Korpusflügel gesetzten Hohlkammerfräsungen – die Mitte ist durchgehend massiv belassen – wurden dann mit einer planen, dem selben Holzstück entnommenen Decke mit einzelnem f-Loch maserungsgerecht wieder abgedeckt. Der damit durchgehend 43 mm starke Body ist mit Hartwachs-Öl samtweich versiegelt.

Der über vier Schrauben mit Neckplate verschraubte Hals aus US-Ahorn ist präzise und spielfrei in seine Halstasche eingebracht. Den Halsfuß ziert ein von Hand geschnitzter Riftschnitt. Im Griffbrett aus ostindischem Palisander finden wir 22 mittelstarke Bünde aus Edelstahl, die mit der Plek-Methode perfekte Verarbeitung erfuhren; Dot-Einlagen aus Perlmutt kennzeichnen die Lagen.

Die Kopfplatte ist mit 6-in-Reihe positionierten Mechaniken von Gotoh ausgestattet (SD91-05M Relic, aged Nickel). Auch der Hals ist mit Hartwachsöl samtig versiegelt. Die Saiten schwingen mit der erwarteten Mensurlänge von 648 mm zwischen dem schmalen, polierten Knochensattel und der aus einem Block Glockenmessing gefrästen ABM-3024N-Wraparound-Bridge mit verstellbaren Einzelsaitenreitern.

(Bild: Dieter Stork)

Die überschaubare Elektrik stützt sich auf einen einzelnen, in einem gebürsteten Metallrahmen in Halsposition aufgehängten Häussel-Sagmeister-Pickup im „Tronbucker“-Gewand. Dessen Spulen lassen sich allerdings via 3-Weg-Toggle (vier Ebenen) in Serie, geteilt (Split Coil) oder parallel schalten – ganz nette Ausbeute also. Schalter und generelle Volume- und Tone-Regler sind gut positioniert auf eine mattsilberne Metallplatte gesetzt. Umgeben ist der Tonabnehmer von einem schwarzen herzförmigen Pickguard aus Bakelit. Die Rawhide Driftwood Thinline ist mit lediglich 2,5 kg ein beachtlich leichtes Instrument und in jeder Hinsicht tadellos verarbeitet und spieltechnisch eingerichtet.

Kuhlo Rawhide Airborne Driftwood
3-Weg-Schalter für Klangvariationen: seriell, gesplittet und parallel (Bild: Dieter Stork)

BASIS-SOUND MIT SCHALTVARIATIONEN

Das grundlegende Design der Rawhide Airborne Driftwood HB ist nun nicht wirklich neu, aber eine bewährte Konzeption zur Grundlage weiterführender Überlegungen zu machen, ist ja absolut kein Fehler. Jörg Kuhlo haucht seiner Thinline-Variante jedenfalls bemerkenswert vitales Leben ein, ringt der Konstruktion unter Einsatz bester Komponenten fabelhafte Schwingeigenschaften ab. Natürlich versteht er es auch, seiner Gitarre zweifelsfrei professionelle Spielbereitschaft zu verschaffen.

Der angenehm verrundete Hals von mittelstarkem C-Profil bei knapp 43 mm Sattelbreite greift sich dank weich abgeglichener Griffbrettkanten ganz ausgezeichnet. Nicht zu vergessen dabei ist die mit perfektionistischer Plek-Methode bearbeitete Bundierung aus Edelstahl im Griffbrett mit aufsteigend flacher werdendem Compound-Radius. In allen Positionen gehen Bendings leicht von der Hand, die tief eingerichtete Saitenlage garantiert lässiges Spiel und über das gesamte Register hinweg bleiben alle Aktionen so gut wie frei von Nebengeräuschen, besser geht’s nicht.

Volltönend und wohlgerundet kommen akustisch angespielt die Akkorde zum Ohr, leicht ist der Ton erzeugt, präzise und schnell reagiert er auf das variabel eingesetzte Plektrum. Die saubere Saitentrennung gibt Mehrklängen eine griffige Statur, die Sounds erscheinen plastisch, sind mit bester Tiefenschärfe und einer soliden Basiswärme gesegnet – das fängt ja gut an!

Ein einzelner Pickup klingt zunächst einmal nach „One Trick Pony“, aber sind wir nicht dankbar für einen richtig guten Basis-Sound? Holger Czukay erzählte mal von einem CAN-Konzert, wo Drummer Jaki Liebezeit ihm zurief: „Was spielste denn so viele Töne? Du suchst doch nur den Einen!“ Nun ja, so kann man das sehen. Davon abgesehen bietet die Rawhide aber auch mit einzelnem Pickup, der übrigens etwas mehr als bei einer Fender in Richtung Steg eingerückt positioniert ist, immerhin drei verschiedene Sounds, weil sich ja die zwei Spulen des Humbuckers folgendermaßen schalten und über den Drei-Weg-Toggle entsprechend anwählen lassen: Pos. 1 in Serie (Standard), Pos. 2 getrennt (Split Coil), Pos. 3 parallel.

In der Schaltstellung Pos. 1, Spulen in Serie, liegt der volle, kraftvoll rund tönende Humbucker-Sound an. Der Sagmeister-Pickup von Häussel erweist ich in dieser Position als Chef im Ring, kommt mit schöner Beweglichkeit, transparenter Darstellung, aber bei Bedarf auch mit kraftvollem Punch an den Start. Akkorde zeigen bei klar eingestelltem Amp stimmlich klare Durchsicht, eignen sich mit weichem Timbre bestens für Jazz und alle ähnlich dezenten Spielweisen bis hin zum pflaumenweichen Handschuhton bei zurückgenommenem Klangregler (den man allerdings sehr weit zurücknehmen muss, um Wirkung zu erzielen). Andererseits ist das kein Grund für falsche Zurückhaltung, denn „man soll die Biber nicht zählen, bevor sie in der Falle sind.“

Mit den gut konturierten Bässen, holzgetränkten Mitten und dichten Glanzhöhen springt die Rawhide bei etwas hitzigeren Betriebsarten auch sofort mit sehr schön knurrigem Crunch, aber gern auch mit wohldefinierten Zerr-Sounds vor, die es an Perkussion und luftig abfedernder Ansprache – der Konstruktion sei es gedankt – nicht mangeln lassen. Nicht gerade Metal-, aber doch gehörig sattelfest – Yeehaw!

Gehen wir in die Mittelposition, so hören wir lediglich die vordere Spule des Pickups und damit einen klassischen Singlecoil-Sound. Wir bewegen uns damit also im typischen Klangrahmen einer Tele, nur dass der Singlecoil bei einer Fender Thinline nie in Halsposition vorkommt. Das schert uns weiter nicht, denn wir erzielen damit einen knackig schlanken, angenehm hohlkehligen und fraglos kompetenten Ton, der zwar nicht gerade über bemerkenswert viel Twang verfügt, aber doch direkt zupackt und eine echte Klangalternative darstellt.

In Position 3 liegen die Spulen parallel geschaltet an, was lediglich zu einem Viertel ihrer kombinierten Impedanz führt. Ergebnis ist ein scharfer, höhenreicher Klang, der aber nicht so weit von der Mittelposition abfällt wie eigentlich erwartet. Etwas spirrig im Clean-Kanal, bietet er vor allem im Overdrive eine interessante, etwas abgefahrenere Tonfarbe für spezielle Anwendungen – ein typischer Bonus-Sound.

In Summe ist es doch erstaunlich, was an Klangausbeute mit nur einem Pickup alles möglich ist, auch wenn der Humbucker in gewohnter serieller Schaltung seine zentrale Geltung dann doch sehr gut zu verteidigen versteht.

 

RESÜMEE

Mit der Rawhide Airborne Driftwood HB erfüllte Jörg Kuhlo den Kundenwunsch nach einem flexibel nutzbaren Instrument, das mit einem einzelnen Pickup Sounds von Jazz bis Rock möglich macht. Keine leichte Aufgabe, aber im begrenzten Rahmen der Möglichkeiten von einem alten Fuchs wie Jörg Kuhlo mit Bravour erfüllt! Die angenehm leichte und resonanzstarke, mit besten Zutaten erstellte T-style Thinline Rawhide Driftwood HB bietet die erwartet professionelle Handhabung, aber über den Häussel-Sagmeister-Pickup dazu noch einen tiefgreifenden Grund-Sound, der von den Schaltoptionen (Split Coil und parallel) zudem noch bestens nutzbare Erweiterungen erfährt.

Abgesehen davon, dass keine Gitarre alles kann – am wenigsten solche, die das behaupten – ist es doch beeindruckend, was an Klangschöpfung auch in engem Rahmen möglich ist. Genau für solche Ansprüche gibt es den individuellen Gitarrenbau. Bravo!

PLUS

● unikale Thinline-Konstruktion
● Resonanzverhalten
● Häussel-Sagmeister-Pickup
● Sounds, drei Schaltebenen
● Spieleigenschaften
● Edelstahlbundierung, Plek-Behandlung
● detailgenaue Verarbeitung

MINUS

● etwas enger Wirkungsbereich des Tone-Reglers

(erschienen in Gitarre & Bass 11/2021)

Produkt: Fender Stratocaster
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