Produkt: Fender Stratocaster
Fender Stratocaster
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Als wir noch Helden waren

Test: Kraushaar Gina Anniversary 1989

(Bild: Dieter Stork)

Es gab mal eine Zeit, in der es normal war, dass selbst jeder seichte Popsong ein ausuferndes Gitarrensolo beinhaltete. In der man von „Saitenhexern“ sprach und ganze Filme über sie drehte. Eine Zeit, in der wir Gitarristen Helden waren.

Ich spreche natürlich von den 1980er-Jahren. Viele von uns durchliefen damals adoleszente Prägephasen, die bis heute nachwirken. Die Fantasien drehten sich um Ferrari Testarossa, Lethal Weapon und natürlich die aufregende Welt der Gitarrenhelden: Eddie Van Halen, George Lynch, Steve Vai, Warren DeMartini, Yngwie Malmsteen, C.C. DeVille.

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„Höher, schneller, weiter“ war eine der Maximen der 1980er-Jahre, und die Gitarren waren so schamlos bunt, wie die Soli exaltiert und schnell waren.

Womit wir bei Gina wären, genauer gesagt der „Gina Anniversary 1989“ von Walter Kraushaar. Der sympathische Gitarrenbaumeister aus dem nordrhein-westfälischen Dürboslar nahm sich das 30-jährige Firmenjubiläum zum Anlass und schuf die ultimative Hommage an ein Jahrzehnt, an das so mancher von uns mit nostalgischer Verklärung zurückdenkt. Als eine augenzwinkernde Sammlung von Zitaten will Kraushaar die Gina 1989 verstanden wissen, und das ist ihm rundum gelungen.

Ähnlich wie bei Charvels Satchel-Signature erblinde ich fast beim Auspacken der quietschgelben Gitarre. Gewagt, sage ich da nur. Das galt damals als geil, nach Nirvana und Pearl Jam war es jedoch über Nacht vorbei mit den bunten Äxten. Mit dem Erfolg von Bands wie Steel Panther und der Wiederkehr der 1980er in Mode und Musik, kann man sich heute wieder mit so einer Gitarre hinaustrauen.

Unter der Lackierung verbirgt sich ein Korpus aus Kastanie – laut Walter Kraushaar verhält sich dieses heimische Holz ähnlich wie Sumpfesche und wiegt dabei nur unwesentlich mehr. Die Gina hat einen schnittigen Body – klein und handlich mit ergonomischen Kurven. Mit lediglich 3,36 kg Gewicht, dürfte sie auch bei Spagatsprüngen in der Spandexhose nicht zum Bandscheibenvorfall auf der Bühne führen. Selbst bei Spielern, die schon 1989 aktiv waren.

Nicht zu dünn: Wunderschöner Riegelahornhals (Bild: Dieter Stork)

30 BÜNDE MÜSSEN ES SEIN

Der Hals ist aus wunderschön geriegeltem Ahorn mit einem Griffbrett aus Katalox (einer mexikanischen Eisenholz-Art). Darauf prangen 30 Bünde. Ja, richtig gelesen. Auch weil es sich bei der Gina um ein Instrument zum 30-jährigen Firmenjubiläum handelt. Damit die Finger bei den recht eng beisammen liegenden Bünden ganz oben zurechtkommen, wechselt der Bunddraht ab dem 12. Bund vom 6000-Format auf 6105. In den Korpus fräste Kraushaar eine großzügige Hohlkehle neben der Halstasche, denn was soll man mit 30 Bünden, wenn man an die Oberen nicht mehr rankommt? Nur posen, oder was?

Stilecht: 30 Bünde braucht der Poser (Bild: Dieter Stork)

Die Saiten starten bei Schaller Mini-Tunern auf einer stilecht gestalteten Kopfplatte im traditionellen „Hockeyschläger“-Format, laufen durch einen Klemmsattel und wandern über eine Mensur von 650 mm zum anderen Ende. Unter ihnen liegt ein Seymour-Duncan-TB4-Jeff-Beck-Humbucker, laut Walter Kraushaar der Standard-Nachrüst-Pickup damals. Zwischenzeitlich war er, ob seiner Mittenfräse, verpönt, aber heute gilt ja endlich: Was beliebt, ist auch erlaubt.

Kontrolliert wird der Tonabnehmer von einem ominös als „Tone“ markierten, einsamen Poti (stilecht mit giftgrünem Knopf), auch wenn es eigentlich ein Volume-Poti ist. Laut Kraushaar muss das so, denn es kommt ja Ton raus – logisch, oder? „Für das cleane Intro oder zum Stimmen“ kann man es splitten, heißt es weiter. Ist also auch für die gelegentliche Powerballade geeignet. Endstation der Saiten ist, standesgemäß, ein Schaller-Lockmeister-Vibrato im FloydRose-Stil, für angemessenen Katzenjammer.

Die „Gina Anniversary 1989“ basiert zwar auf Kraushaars preisgünstiger Gina-Serie, ist aber ein Einzelstück und wird für exakte € 1989 direkt bei Kraushaar erhältlich sein. Da sich die Firma als Custom-Shop versteht, wird keiner enttäuscht von dannen ziehen müssen, sollte er dringend noch eine brauchen. Der Preis ist für das gebotene Handwerk und die verbaute Hardware unfassbar gut, oder, um es mit dem Marketingsprech der 80er zu sagen: Ein „No-Brainer“.

DER HIMMEL BRENNT

Irgendwie reizt es mich ja, die Gina demnächst mit zum Indierock-Gig zu nehmen. Doch so lange will ich gar nicht warten, ran an den heimischen Amp mit ihr. Der Hals ist kräftiger als erwartet, einen derart dünnen Bleistift, wie er 1989 auf so mancher Gitarre verbaut wurde, wollte Walter Kraushaar dem neuen Besitzer dann doch nicht zumuten.

So einige Leser werden sich leidvoll an die verzogenen Hälse von damals zurückerinnern. Der Hals der Gina ist immer noch schlank und agil, man hat aber was, um sich dran festzuhalten. Das braucht man auch, denn die Finger wollen vor allem eines: rasen! Und genau dazu ist dieser Hals auch da. Die flache Saitenlage der Gina lädt den Spieler zu präzisen, schnellen und modernen Spieltechniken ein, nichts behindert die schnelle Shredder-Hand.

Bringen denn die 30 Bünde was? Jein. Man kommt durchaus ran – aber ab dem 27. Bund schwingen die Töne nicht mehr so lang aus, da müssen Volume und Gain (und das Vibrato) mithelfen. Riesenhände wie die von Steve Vai schaden auch nicht, denn trotz Hohlkehle muss man sich ganz schön strecken. Rasch die linke Hand von oben über den Hals, Finger auf den 30. Bund, Hebel jaulen lassen und dann mit der Rechten die Pommesgabel in die Luft gereckt! YEAAAAH!

Der Pickup klingt erwartungsgemäß: Laut, brachial, mittig, ohne Kompromisse. Wer hätte auf so einer Gitarre auch etwas anderes erwartet? Na gut, wer es etwas zahmer braucht, bemüht das Poti – entweder runterdrehen oder splitten, bevor man wieder Vollgas gibt. Akkorde stellt der Pickup gut dar, fräst sich mittig durch jeden wüsten Mix. Sogar ohne heimliches lauter drehen am Amp, obwohl der Soundcheck schon vorbei ist.

Vermisse ich einen Hals-Pickup? Nee, das langsame Sahne-Solo in der Powerballade kann man auch dem Sänger überlassen. Wenn dann der Spaß so richtig losgeht und der Himmel brennen soll, ist Gina wieder am Start – und genau das fasst es gut zusammen: Es geht hier um den Spaß.

Schaller Lockmeister und „Tone“-Poti (Bild: Dieter Stork)

RESÜMEE

Und so macht Gina alles wieder gut. Vergessen sind die Jahrzehnte, in denen man sich kaum traute, mehr als ein paar scheue Singlenotes in den Bandproberaum zu werfen, und zögerlich darum bat, vielleicht in diesem Song doch ein Solo…? Nein? OK, dann nicht …

Gina räumt damit auf, Shredding als „guilty pleasure“ zu betrachten; mit ihr kann man sich zum Ego-Trip bekennen und jede Gniedel-Scham ablegen. Ob der Wunsch hier Vater des Gedankens ist? Wir werden es sehen, aber ich habe so das Gefühl, dass Gina selbst auf einem Indie-Hipster-Festival wieder voll im Trend läge. Die Welt von heute ist wieder bunt, und das ist auch gut so.

(erschienen in Gitarre & Bass 05/2020)

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