Produkt: Gitarre & Bass Digital 01/2018
Gitarre & Bass Digital 01/2018
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6V6-Premiere

Test: Koch Ventura V20 C112

(Bild: Dieter Stork)

Erstmals präsentiert der niederländische Amp-Hersteller Koch einen Verstärker mit 6V6-Endröhren. Damit möchte er an die klassischen kleinen US-Combos der 50er- und frühen 60er-Jahre anknüpfen, jedoch ohne dabei auf zeitgemäße Upgrades zu verzichten.

Mit seinem sorgfältig aufgebrachten, roten, cremefarbenen und extra-dicken Koch Custom Vinylbezug, abgegrenzt durch schwarze Keder, macht der Ventura V20 optisch richtig was her. Der Zweikanaler liefert 20 Watt und ist mit 12″-Speaker, seriellem FX-Loop und Lautsprecher simulierendem Klinkenausgang ausgestattet, auf den auch die Klangcharakteristik der Endstufe Einfluss nimmt. Dank integriertem Lastwiderstand kann der Speaker sogar komplett ausgeschaltet werden.

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BALTISCHE BIRKE

… findet für das solide Sperrholzgehäuse Verwendung, und zwar für Rahmen und Schallwand 15 mm, für die verschraubte Rückwand, an der auch das Amp-Chassis vertikal montiert ist, 12 mm. Eine straffe Frontbespannung, acht verschraubte Stahlecken, vier große Gummifüße und ein komfortabler Griff komplettieren das Exterieur. Eine große Öffnung in der Rückwand bietet nicht nur Stauraum, sondern gibt auch den Blick frei auf das in einer Kunstledertasche am Boden befestigte große Federhallsystem, den von hinten verschraubten Koch Custom VG12-60 12″-Lautsprecher und die Klettbänder an der Seitenwand, die beim Transport den Fußschalter und das Netzkabel halten.

Aufwendige Schaltung – top verarbeitet (Bild: Dieter Stork)

Alles wurde sehr penibel verarbeitet, was u.a. auch an den sorgfältig in den Ecken verlegten und fixierten Send- und Return-Kabeln des Federhalls zu erkennen ist. Bedient wird der Ventura von oben, alles Weitere findet man auf der Unterseite des Amp-Chassis. Um die nach vorne herausragenden Röhren zu wechseln, muss man um das Chassis herum greifen oder – empfehlenswerter – die Rückwand demontieren. Da ich gerade dabei bin: Im Innern des aus 1,6 mm Stahlblech gebogenen Amp-Chassis präsentiert sich mir solider sorgfältiger Platinenaufbau, viele isolierte Steckschuhe und zu Kabelbäumen zusammengefasste Verbindungen. Das dicke Lautsprecherkabel wird direkt ins Verstärkergehäuse geführt und ist Speaker-seitig gesteckt.

Das Bedienfeld ist übersichtlich layoutet, und dank cremefarbener Chickenhead-Knöpfe sind Settings auf Anhieb zu erkennen: Input, Kanalschalter Clean/Overdrive, die Potis Clean Volume, OD Gain, OD Volume, die passive Klangreglung mit Bass, Mid und Treble, Reverb Volume, FX Send- und Return-Anschlüsse, Standby-Schalter und große rote Betriebsanzeige (Pilot Lamp).

Anschlüsse Fußschalter, Rec/PA Out und Speaker On/Off Switch (Bild: Dieter Stork)

Auf der Unterseite zugänglich sind der Anschluss für den Fußschalter (Channel/Reverb), der Recording/PA-Ausgang mit Speaker-On/Off-Schalter, Halterung der HT-Sicherung, die Netzkabelbuchse mit Schublade für Sicherung und Ersatzsicherung, sowie der Hauptnetzschalter.

KLEIN?LAUT!

Power On … Standby On … Clean Channel. Zunächst bringe ich die schaltungsbedingt eher nuanciert agierenden passiven Klangregler in die Mittelposition und Reverb auf Null. Meine Les Paul mit Vintage-style-58er-PAFs kommt als erste Gitarre zum Einsatz. Ich drehe Clean Volume vorsichtig von Null bis 1 auf, wo ich erste Töne vernehme. Bei 2 falle ich beinahe vom Stuhl, denn der 12-Zöller brüllt mich förmlich an. Gute Güte, welch eine Lautstärke! Diesen Cleansound dürfte selbst ein alter Tweed Amp nicht besser hinbekommen. Glasklar, warm und breit, wunderbar transparent, straffe, definierte, vollmundige Bässe, seidige Brillanz oben herum und dazwischen prägnante, perkussive Mitten, alles perfekt ausgewogen. Kontinuierlich geht‘s weiter bis 5, wo ich bei intensivem Anschlag erstes Anzerren vernehme. Pegelmäßig könnte ich damit problemlos auf die Bühne.

Ich drehe Volume weiter auf, die Lautstärke steigt völlig gleichmäßig an, um – ich traue mich kaum – bei 10 mit fettem Crunch zu enden. Aua, das geht eigentlich nicht mehr ohne Gehörschutz! Jetzt tönt es richtig fett aber dennoch definiert und selbst bei vollen Akkorden mit feiner Auflösung. Die dezente Kompression unterstützt das Sustain der Gitarre, und die impulsfreudige Ansprache verleiht dem Koch Ventura feinste Dynamik. Es kommt noch besser.

Meine Paula hat ein konventionelles 50s Wiring, normale CTS-Potis, aktuelle Bumblebee-Kondensatoren und no-Treble-Bleeds. Nichts Besonderes also. Drehe ich das Gitarren-Volume zurück, komme ich bis auf 1 herunter, und der Pegel nimmt kontinuierlich ohne nennenswerte Höhenverluste ab. Ich bin verblüfft.

(Bild: Dieter Stork)

Im Grunde komme ich mit der bisherigen EQ-Einstellung klar, korrigiere aber noch Bass auf 4, Mid auf 6 und belasse High auf 5. Wohlgemerkt, die Regler interagieren, und drehe ich alle auf Null, nichts mehr zu hören. Traditionelle passive Klangreglung eben.

Etwa bei Gain 2 entspricht die Zerrintensität des Overdrive-Kanals der des voll aufgedrehten Clean Channels. Bei identischen EQ-Settings klingt der OD insgesamt etwas schlanker und lässt oberen Mitten mehr Raum. Dreht man Gain weiter auf, nimmt nicht nur die Verzerrung gleichmäßig zu, sondern der Sound wird bei kaum eingeschränkter Transparenz fetter, druckvoller und sustainreicher, behält jedoch stets Durchsetzungsvermögen und Dynamik, das alles bei erstaunlich geringen Nebengeräuschen.

Selbst mit voll aufgedrehtem Gain, dessen Klangereignis ich mal als Hardrock- oder Mid-Gain-Lead bezeichnen möchte, regelt OD Volume über seinen gesamten Bereich völlig kontinuierlich. Eine Strat mit Vintage-Einspulern liefert am Ventura nicht weniger erfreuliche Klangergebnisse, wenn man die Volume- und Gain-Regler stets ein bis zwei Striche höher einstellt. In jedem Fall aber bleibt der individuelle Klangcharakter der Gitarre stets erhalten.

Auch den berüchtigten High-Gain-Wohnzimmerpegel meistert der kleine Koch bravourös. Ich drehe also OD Volume auf 1 und Gain auf 10. Klangcharakteristik und Dynamik bleiben nahezu erhalten, und sogar die Tonbildung findet noch Unterstützung. Das Ganze zwar nicht mit dem Druck höherer Volume-Settings, aber fett, lebendig, transparent und mit hohem Spaßfaktor.

Der Recording/PA-Ausgang liefert eine gut abgestimmte Speaker-Simulation, die ein wenig von der Vitalität, Frische und Transparenz des Bordlautsprechers vermissen lässt, sich aber nach leichten Korrekturen per Mischpult-EQ bestens zur Direktabnahme, für Aufnahmen oder fürs Üben daheim eignet. Klarer Vorteil des Ventura ist, dass man den Speaker einfach ausschalten kann, in diesem Fall aber ein Kopfhörer verstärkendes Gerät benötigt. Das Reverb-Poti mischt den Hall dem Direktsignal zu, was sich präzise dosieren lässt und bei Vollaussteuerung natürlich, dicht und warm klingenden Federhall liefert, dem eine Prise Brillanz, Frische und Transparenz beschert ist. Dank ihres Nominalpegels von -10 dBV ist der signaltreu arbeitende serielle FX-Loop sowohl mit Pedalen als auch mit 19″-Prozessoren kompatibel.

RESÜMEE

Die 6V6-Premiere kann Koch als überaus gelungen verbuchen. Klanglich eher in Tweed-Gefilden angesiedelt, liefert der VenturaV20-Combo nicht nur exzellente, lebendige Clean- und Break-Up-Sounds – für einen 20-Watter sogar mit beachtlichem Headroom und überwältigendem Pegel – sondern überzeugt auch mit homogen zerrenden, ausgesprochen dynamischen Rhythmus- und Lead-Sounds, die sich mit ausdrucksstarkem variablem Spiel formen lassen.

Auch im Heimeinsatz büßt der Combo selbst bei Wohnzimmerpegel kaum von seiner Dynamik und Klangcharakteristik ein. Soll es noch leiser sein, kann man auch den Speaker-simulierenden Output mit Dummy Load heranziehen, bei dem sich sogar der Lautsprecher abschalten lässt. Federhall und FX-Loop klingen und funktionieren bestens. Der Ventura V20 C112 wurde vorbildlich verarbeitet und besitzt zudem Eyecatcher-Qualitäten. Gerne stelle ich ihm da ein sehr gutes Verhältnis von Preis und Leistung aus.

PLUS

  • Sounds & klangliche Flexibilität
  • Ansprache & Dynamik
  • harmonischer Zerrcharakter
  • Speaker-Simulation mit Dummy Load
  • nebengeräuscharm
  • Qualität der Bauteile & Verarbeitung
  • Preis/Leistung

MINUS

  • Zugang Netzschalter
  • Röhrenwechsel umständlich

(erschienen in Gitarre & Bass 03/2021)

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