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Wah ohne Pedal

Test: Keeley Neutrino V2

(Bild: Dieter Stork)

Ihre große Zeit hatten Auto Wahs im Funk der 1970er-Jahre, doch Robert Keeley beweist mit der zweiten Inkarnation seines Neutrino, dass dieser Effekt zeitlos gut ist und uns Gitarristen eine Spielweise bietet, die sich mit konventionellen Wah-Pedalen so nicht eröffnet. Und das nicht nur für groovige Rhythmus-Parts! Wer sein Signal gerne per Anschlag moduliert, sollte unbedingt weiterlesen.

Mutter aller Auto Wahs, alternativ auch als Touch Wah, Dynamic Wah und Envelope Filter oder Envelope Follower bezeichnet, ist das Mu-Tron III aus dem Hause Musitronics, das 1972 das Licht der Welt erblickte und speziell Funk-Musiker in seinen Bann zog. Grundlage des Effekts war ein von Guild Guitars geplantes Synthesizer-Projekt, das aber nie realisiert wurde. Elemente dieses Konzepts extrahierte dessen Entwickler Mike Beigel und gründete mit dem einstigen Guild-Ingenieur Aaron Newman seine eigene Firma.

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Mit dem Mu-Tron III erreichten die beiden nicht nur Gitarristen, auch Bassisten und Keyboarder verfielen dem besonderen Charme des Pedals. Zum größten Botschafter wurde Stevie Wonder, der sein Hohner Clavinet auf dem Song ,Higher Ground’ seines 1973er-Albums ,Innervisions’ durch das Mu-Tron III schickte. Aber nicht nur die Funk-Gemeinde fand Gefallen an diesem Effekt, auch Jerry Garcia von Grateful Dead wusste derartige Sounds zu schätzen.

Heute ist der Touch-Wah-Effekt längst nicht mehr so verbreitet, dennoch gibt es einige Hersteller – allen voran Electro-Harmonix mit seinen Q-Trons – die ihre Varianten des Auto Wah am Markt anbieten.

DESIGN & BEDIENUNG

Vor rund sechs Jahren trat auch Robert Keeley mit dem namentlich ebenfalls an die Urform angelehnten Neutrino der Gemeinschaft bei. Seiner zweiten Version hat er ein kleines Update mit auf den Weg gegeben, auch optisch wurde das Pedal überarbeitet und erstrahlt nun im dezenten Weiß mit schwarzer Umrandung, die bunten Kurven des Erstlings sind verschwunden.

Die wesentlichen Bedienelemente hingegen blieben unverändert: „Gain“ kontrolliert den Eingangspegel und passt das Neutrino so an verschiedene Instrumente oder unterschiedliche Tonabnehmer-Outputs an. Der dreistufige Filter-Band-Selektor mit den Einstellungen L, B und H wählt die Art des Filters an.

„L“ steht dabei für Low Pass Filter, hierbei lässt das Gerät tiefe Frequenzen durch und beschneidet hohe. Das Resultat sind warme, runde Sounds, die recht mellow und vergleichsweise sanft daherkommen. Am anderen Ende der Frequenzpalette steht „H“ für das Gegenteil. Dann sorgt ein Hochpassfilter dafür, dass die oberen Frequenzen herausgestellt und die tiefen gekappt werden. Das ergibt je nach Einstellung einen schlanken bis dünnen, bei extremen Settings sogar kratzig-zirpenden Ton, der sich dann in erster Linie als Spezialeffekt anbietet.

Dazwischen steht „B“, der Bandpassfilter, der beide Enden absenkt, die Mitten verstärkt und dabei in Sachen Frequenz am ehesten wie ein konventionelles Wah agiert. Feinjustiert wird der Grund-Sound über den Range-Schalter, der die Center-Frequenz zwischen Hi und Lo wählt und damit die oberen oder unteren Register des Instruments betont.

Das dritte Poti im Bunde ist mit Peak bezeichnet und kontrolliert die Filter-Frequenz – oder anschaulicher formuliert: die Stärke und Schärfe des Effekts. Je weiter es aufgedreht ist, desto intensiver tönt das Wah. In der ersten Hälfte des Regelwegs blendet es sich dezent ins Geschehen ein, bei Rechtsanschlag wird das Signal dann extrem verbogen. Mit diesem flexiblen Konzept lässt das Neutrino zahlreiche Abstufungen zu, die von sanfter Sound-Variation bis zur fast völligen Entfremdung reichen.

Rechts im Gehäuse versenkt sitzen zwei weitere Zugriffsmöglichkeiten, zum einen der bereits von Version 1 bekannte Richtungs-Schalter, der den virtuellen Pedalweg umkehrt. Aktiviert man ihn, wird der Effekt umso intensiver, je sanfter man in die Saiten schlägt – aus dem „Wah“ wird dann ein „Au“, um es lautmalerisch zu formulieren. Das klingt zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, fügt dem Neutrino aber eine weitere Option hinzu, mit der man experimentieren und originelle Sounds kreieren kann.

Beim neuen Modell ist dieser Schalter als „Dir“ für Direction betitelt, bei der Urform hieß er weniger passend „Drive“. Die wahre Neuerung jedoch ist eine unscheinbare, im Gehäuse versenkte Kreuzschlitzschraube, die die Ausgangslautstärke regelt – laut Keeley ein Wunsch der Musiker, die eine derartige Kontrolle bislang vermisst hatten. Beide Optionen sind durch ihre Lage und den erschwerten Zugriff offensichtlich für fixe Einstellungen vorgesehen, was ein bisschen schade ist.

Dafür macht das Neutrino auf dem Bedienpanel selbst einen umso aufgeräumteren Eindruck. Und noch eine Anmerkung zur Pegelschraube: Die war beim Test stets voll aufgedreht, denn so entspricht das Ausgangslevel in etwa dem Bypass-Signal. Was immer Keeley damit im Schilde führt – ich hätte mir da mehr Luft nach oben gewünscht. Das ist aber auch so ziemlich der einzige Kritikpunkt am Neutrino.

Bevor wir uns weiter mit den Optionen und Sounds beschäftigen, noch ein paar formelle Dinge: Das Gehäuse ist mit rund 12 × 7 Zentimetern recht kompakt gehalten, neben dem Betrieb mit einem externen Netzteil, kann es auch mit einer 9-Volt-Batterie gespeist werden. Dazu müssen die vier Schrauben der Bodenplatte gelöst werden. Diese wurde übrigens im Inneren mit einem Isolator beklebt.

Das in den USA gefertigte Pedal basiert auf Optokopplern, arbeitet komplett analog und ist als True Bypass konzipiert. Intern wird die Spannung für mehr Headroom von 9 auf 18 Volt verdoppelt. Eine angenehme Entwicklung gibt es beim Preis: Wurden für das Urmodell noch € 249 aufgerufen, geht das V2 für € 219 über den Tresen, es ist also um mehr als 10% günstiger geworden.

(Bild: Dieter Stork)

THE HARDER YOU PICK, THE HARDER IT WAHS

Wer Auto Wah sagt, denkt, der Historie entsprechend, meist an cleane Funk-Sounds. Hierfür bietet das Neutrino mit den drei Filtern und dem Range-Schalter eine breite Palette an Möglichkeiten. Etwas vorsichtig muss man dabei mit dem Gain-Poti umgehen.

Vor allem mit Humbuckern kann das Signal bei zu starker Öffnung, im Test ab rund 14 Uhr, schnell mal übersteuern, was dem Groove hinderlich ist – es sei denn, man hat es gerne psychedelisch. Wenn man diesen Aspekt im Blick behält, kann man sich mit den restlichen Potis seinen Lieblings-Sound sehr feindosiert auf den Leib schneidern. Ob man sich dabei lieber weich und dezent oder spritzig und scharf ins Band-Gefüge einbringt, entscheidet der persönliche Geschmack.

Schon ohne die Pedalumkehr liefert das Neutrino eine Vielzahl an Optionen, die einige seiner Konkurrenten so nicht aufbieten können. Dafür muss man sich auch ein wenig mehr mit den Details auseinandersetzen, denn die verschiedenen Kombinationen aus Filter, Range und Intensität wollen erarbeitet werden. Und damit kommen wir zu einem weiteren echten Highlight des Pedals: Es inspiriert und regt dazu an, mit ihm und weiteren Effekten zu experimentieren.

Im Test habe ich es dazu spaßeshalber auch mal hinter einen Kompressor geschaltet, auch wenn die reine Lehre das aufgrund der bearbeiteten Dynamik eigentlich nicht zulässt und die Pedale anders herum angeordnet werden sollten. Aber genau so etwas macht den Reiz und damit den Spaß eines derartigen Geräts aus. Auch die Kombi mit Modulationseffekten wie einem Phaser führte zu ebenso ansprechenden wie originellen Ergebnissen.

Richtig groß trumpft das Neutrino auf, wenn das Signal anschließend verzerrt wird. Abseits der ebenso klassischen wie ausgetretenen Pedal-Pfade kann man seine Soli damit derart aufpeppen, dass man gar nicht mehr zu spielen aufhören mag. Etwas Delay und Hall dazu, fertig ist ein origineller und anschlagsdynamischer Leadsound der Extraklasse. Hierbei wird das eben noch mit etwas Vorsicht zu genießende Gain-Poti zum besten Freund und Helfer, der die nachfolgende Zerr-Einheit – ob Pedal oder Amp – perfekt bedienen und anfahren kann.

Will man das Pedal live sowohl mit cleanen als auch mit verzerrten Sounds einsetzen, muss man ein wenig herumprobieren, bis man den bestmöglichen Kompromiss gefunden hat, denn beide Settings stellen unterschiedliche Anforderungen. Zum Schluss noch ein weiteres Argument für das Neutrino und seine Kollegen: es weicht vom Standard ab! Wer auf gefilterte Sounds steht, dabei aber nicht auf der breiten Hauptstraße der wippenden Wah-Pedale cruisen mag, sondern gerne Nebenrouten nimmt, findet mit einem Auto Wah ein passendes Gefährt.

RESÜMEE

Natürlich bietet sich das Neutrino – ganz im Stil seines berühmten Vorbildes – für groovige Akkordarbeit an. Mit einer Vielzahl von Zugriffsmöglichkeiten und der entsprechenden Bandbreite an Sounds, kann es dabei von dezent bis massiv ins Geschehen eingreifen. Doch auch bei verzerrten Sololinien erweist es sich als eine exzellente Alternative zu klassischen Wah-Pedalen. Außerdem lädt Keeleys Kreation zum Experimentieren förmlich ein und vermittelt dabei jede Menge Spaß. Aber Achtung: Das Neutrino kann süchtig machen …

PLUS

● breite Palette an guten Sounds
● vielfältige Optionen
● interessante Alternative zu gängigen Pedalen

MINUS

● Volume-Regelung könnte mehr Headroom haben

(erschienen in Gitarre & Bass 04/2020)

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