Produkt: Gitarre & Bass Digital 04/2018
Gitarre & Bass Digital 04/2018
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Normal ist woanders

Test: JPTR FX Eternal Youth, Jiveevil, Add Violence

(Bild: Dieter Stork)

Was macht man, wenn man als Newcomer Effektpedale auf einem völlig übersättigten Markt platzieren will? Nun, Chris Jupiter, Mastermind von JPTR FX, beantwortet die Frage, indem er seine Pedale als „der Welt hässlichste, dystopische und magische Klangwerkzeuge“ anpreist.

Das kann man zumindest so auf der toll gemachten Internetseite von JPTR FX lesen – auf Englisch übrigens, denn die Vermarktung der Effekte darf ja gerne über nationale Grenzen hinaus erfolgen. Die Aussage macht natürlich erst mal neugierig, denn weder „hässlich“ noch „dystopisch“ sind positiv besetzte Begriffe. Was steckt also hinter dieser Ansage? Aus der durchaus ansehnlichen Produktpalette liegen drei Pedale zum Test vor: Eternal Youth (Overdrive), Add Violence (Fuzz), und der Jiveevil, die Doppelversion eines Boosters mit umfangreichem Dioden-Modding. Mal schauen, was es mit den kryptischen Ankündigungen der Internetseite auf sich hat.

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VON WEGEN „HÄSSLICH“

Nein, hässlich sind die Pedale zumindest äußerlich schon mal nicht, zumal Chris das auch auf den Klang und nicht auf das Äußere bezieht. Solide deutsche Wertarbeit in schwarz-silber spricht mich durchaus an. Das Design mit Beschriftung ist direkt auf dem unlackierten Aludruckgussgehäuse aufgebracht und besticht mit einem „industrialstyle“-Charme. Knöpfe, Schalter, Potis, Buchsen – das sieht alles sehr ordentlich aus.

Auf der durchkontaktierten doppelseitigen Platine tummeln sich übrigens neben konventionellen Transistoren und Dioden auch SMD-Bauteile. Das ist zwar nicht Service- oder Modding-freundlich, aber mittlerweile Standard. Besonders beeindruckend sind die dicken Litzen, mit denen die Anbauteile mit der Hauptplatine verbunden sind. Die Bauteilequalität stimmt also schon mal und die Verarbeitung ist auch völlig OK. Ästheten mögen sich an der sparsamen Verwendung von Lötzinn stören, der Umwelt kommt das aber sehr entgegen.

Apropos Umwelt: Die hat Chris besonders im Blick. Denn von jedem verkauften Pedal geht eine Spende an die Organisation Onetreeplanted. Zudem ist der unter Nachhaltigkeitsaspekten wenig sinnvolle Batteriebetrieb bei den JPTR-Effekten erst gar nicht vorgesehen. Dafür bieten alle Pedale im Inneren noch jede Menge Eingriffsmöglichkeiten über Trimpotis oder Schalter. Die lassen wir aber mal außer Acht, denn auch Außen haben die drei Pedale schon eine ganze Menge zu regeln.

GRENZGÄNGER

Beginnen wir mit dem Eternal Youth Overdrive. Vier Regler und zwei Fußschalter deuten darauf hin, dass sich der Verzerrer nicht nur auf das Kerngeschäft konzentrieren will. In der Tat gehört der Eternal Youth zu den flexiblen Vertretern seiner Zunft, denn er bietet nicht nur ein breites Sound-Spektrum, sondern auch zwei per Fuß abrufbare Gain-Stufen. Damit kann aus einem einkanaligen Verstärker ganz einfach ein Pseudo-Dreikanaler werden, der auch Crunch und Overdrive im Angebot hat.

Eternal Youth: Flexibler Grenzgänger zwischen Overdrive, Distortion und Fuzz

Herzstück der Schaltung sind J201-Transistoren, denen ein besonders röhrenähnliches Verhalten nachgesagt wird. Und tatsächlich verfügt auch der Eternal Youth über die Eigenschaften Transparenz und Dynamik, die man von einem guten Röhrenverstärker erwartet. Die Bedienung des Eternal Youth ist einfach und nach kurzem Ausprobieren selbsterklärend. Der linke Fußschalter aktiviert die Verzerrung, die mit dem linken Gain-Poti und natürlich dem Ton- und Lautstärkepoti angepasst werden kann. Der rechte Fußschalter wechselt zum rechten Gain-Poti. Belässt man den linken Gainpoti im unteren Bereich und den rechten Gainpoti im oberen Bereich, hat man den oben erwähnten Dreikanaler mit Clean, Crunch und Medium-Gain. Der jeweils andere Gain-Poti ist dann nicht aktiv.

Die beiden Gainstufen werden durch je eine weiße LED deutlich angezeigt. Mir ist das übrigens zu viel des Guten, denn die LEDs haben Taschenlampenstärke und blenden recht ordentlich, wenn man das Pedal einstellen will. Ein etwas größerer Vorwiderstand könnte das Problem aber schnell lösen. Allerdings kann das Helle für Open-Air-Gigs auch genau das Richtige sein …

Klanglich überzeugt der Eternal Youth völlig und macht mir richtig Spaß. Allerdings zweifle ich an der Einordnung als Overdrive. Klar, das gemäßigte Gain-Potential, die Dynamik und die Transparenz sprechen dafür, aber ein aggressiv-fuzziger Unterton und eine eher raue Distortion-ähnliche Gainstruktur machen mal wieder klar, dass die drei Kategorien fließend ineinander übergehen und der Eternal Youth im besten Sinne ein Grenzgänger zwischen den Bereichen Overdrive, Distortion und Fuzz ist.

VOLLE PACKUNG

Das ist ja mal interessant. Chris Jupiter hat sich bei der Konstruktion des Jive von der Vorstufe der Akai-GX210-D-Bandmaschine inspirieren lassen. Hat nicht Ritchie Blackmore zu seinen MK-III-Deep-Purple-Zeiten auch eine Bandmaschine benutzt, um mit seiner Strat die Marshalls zum Zerrern zu bringen? Auf jeden Fall steckt hier bester Vintage-Mojo drin, um unsere modernen, häufig steril-glatten Sounds ordentlich aufzumischen.

Zu der Vorstufe hat Chris dem Jiveevil noch die Möglichkeit, spendiert, mit verschiedenen Clipping-Dioden den Klang anzupassen. Und um den flexiblen Einsatzmöglichkeiten die Krone aufzusetzen, gibt es das Ganze dann noch in doppelter Ausführung, sodass der Booster entweder wahlweise kaskadiert oder stereo verwendet werden kann.

Jiveevil: Booster Deluxe mit doppelter Tonbandvorstufe und üppigem Dioden-Clipping

Wem das zu viel des Guten ist, bekommt bei JPTR übrigens auch den Jive als Einzelpedal oder nur die Vorstufe als Mini-Pedal ohne Clipping-Möglichkeiten. Die Einheiten des hier vorliegenden Doppel-Jive sind komplett getrennt regelbar mit eigenem Fußschalter und separaten Ein- und Ausgängen, sodass man einen Jive am Anfang der Effektkette als klassischen Booster und einen am Ende der Effektkette als allgemeinen Klangverbesserer im Sinne eines „Always-On-Enhancers“ nutzen kann. Werden die beiden Einheiten nicht getrennt angesteuert, liegen die Schaltkreise direkt hintereinander, sodass der Boost-Effekt in zwei Stufen abgerufen werden kann.

Oder man nutzt die beiden Jives für ein Stereo-Setup. Die in den beiden Einheiten verwendeten Dioden sind allerdings nicht identisch. Während der eine Schaltkreis mit Kleinsignal-, Powerdioden und LEDs ausgestattet ist, kommen im anderen Schaltkreis Kleinsignal-, Power- und Germaniumdioden in jeweils anderer Konfiguration zum Einsatz. Alle Dioden-Settings sind per Kippschalter separat ein- und ausschaltbar.

Akustisch macht sich die hier bereits angedeutete Klangvielfalt dann auch ganz positiv bemerkbar: Von leichtem Boost bis zu deutlichen Verzerrungen unterstützen die Dioden die Arbeit der Akai-Vorstufen-Schaltung. Mir hat der Einsatz in der kaskadierten Anordnung vor zerrschwachen Vintage-Verstärkern besonders gut gefallen. Allein der kräftige Booster bringt meinen Referenzverstärker für solche Tests, einen Marshall 2003, schon ordentlich ins Schwitzen.

Durch das Zuschalten einzelner oder mehrerer Diodenkonfigurationen kann man den Verzerrungsgrad und die Gain-Struktur noch zusätzlich dosieren und steuern. Der Jiveevil ist ein wirklich feines Teil, an dem nicht nur Nutzer von Vintage-Amps ihre Freude haben dürften.

TOTAL IRRE

Der Add Violence wird als Fuzz in der JPTR-Familie vorgestellt. War mir der Eternal Youth schon recht „fuzzy“ vorgekommen, lässt der Add Violence aber gar keinen Zweifel daran, dass er die Bezeichnung wirklich verdient. Er ist eindeutig das Pedal für das Extreme. Was die drei unbeschrifteten Potis eigentlich machen, ist zumindest auf Anhieb nicht so klar, weil sie alle miteinander interagieren und irgendwie die Intensität der Verzerrung beeinflussen. Nach intensiverer Beschäftigung lässt sich zumindest der untere der drei Potis als Tone-Poti identifizieren, der ziemlich effektiv Einfluss auf die Mitten nimmt und dadurch Art und Intensität der Verzerrung mitbestimmt.

Add Violence: Extrem-Fuzz für Mutige

Der Kippschalter dagegen hat eine eindeutige und ebenfalls sehr effektive Aufgabe: Technisch gesehen schaltet er Germanium-Dioden in den Signalweg. Akustisch betrachtet, verwandelt er den Sound von einem mehr oder weniger summenden Bienenschwarm in brachiales Donnergrollen eines Fuzzgewitters. In ersterem Modus ist der Anschlag immer noch hörbar und die Verzerrung liegt quasi über dem cleanen Gitarrensignal, was das Pedal sehr dynamisch agieren lässt. Im „Fuzzgewitter“-Modus ist die Verzerrung so dicht, dass in höheren Einstellungen, alles was über Singlenote-Spielen hinausgeht, den unbedarften Zuhörer einen technischen Defekt vermuten lässt.

Wem das noch nicht reicht, der findet im Inneren noch drei Trimpotis. Wie schon erwähnt, lass ich die mal in Ruhe. Das Pedal ist ja auch so schon ziemlich flexibel und ausreichend fordernd. Klanglich ist der Add Violence nämlich kein einfach zu handhabender Partner, und wenn man das „hässlich“ auf den Sound bezieht, dann verstehe ich jetzt, was mit der Aussage „most ugliest pedals“ von der Internetseite gemeint ist. Der Add Violence ist extrem! Und alles Schöne, Glatte, Runde ist ihm fremd.

Mir ist es in keiner Einstellung gelungen, das Fuzz zu bändigen. Immer klingt es gebrochen, zerrissen oder bröselnd. Das aber in erstaunlich vielen Nuancen und je nach Einstellung auch dynamisch und durchaus musikalisch. Wer auf abgefahrene und experimentelle Sounds steht, findet im Add Violence sicher den richtigen Partner für drastische Klänge.

RESÜMEE

Uff, das war anstrengend! Die JPTR-Pedale sind keine leichte Kost. Hier wird deutlich mehr als normaler Standard geboten. In allen Testgeräten steckt ganz schön viel Grips, Klangverliebtheit, aber auch ein bisschen Wahnsinn. So viele Einstell- und Einsatzmöglichkeiten und soviel Sound! Ich gebe zu, der Add Violence hat mich klanglich völlig geschafft. Das war schon ein bisschen sehr viel an abgedrehten Fuzz-Sounds.

Und der Jiveevil fordert wegen seiner vielfältigen Einsatzmöglichkeiten auch jede Menge Aufmerksamkeit ein. Aber dafür kommt er mir klanglich gerade recht. Der Booster/Overdrive hat mich sofort in die Tiefen der 70er-Jahre teleportiert, als meine Gitarrenhelden auch mit unkonventionellen Ideen versuchten, die damaligen Verstärker zum Verzerren zu bringen. Eine Bandmaschinenvorstufe in einem Pedal und mit diesen üppigen Spielmöglichkeiten im Diodenclipping – ich gebe zu, das hat was.

Die Begeisterung für das Doppelpedal wird nur noch von dem dritten im Bunde, dem Eternal Youth, getoppt. Von dem Jungbrunnen konnte ich mich wirklich kaum lösen. Der kleine zweikanalige Grenzgänger zwischen Overdrive, Distortion und Fuzz hat so richtig Spaß gemacht. Alles in allem gibt es hier auch mit dem Blick auf den Preis ein positives Fazit. Schön, dass es im Meer der Effektpedale so erfrischenden Nachschub gibt.

PLUS

● Klangqualität
● Klangvielfalt
● Verarbeitung
● Vielfältige Einsatzmöglichkeiten

MINUS

● Buchsen z. T. recht eng am Kopfende

(erschienen in Gitarre & Bass 10/2020)

Produkt: Treble Booster im Test
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