Produkt: Gibson Guitars Special
Gibson Guitars Special
Gibson Guitars: Testberichte, Stories, Workshops im Gitarre & Bass-Special
Made in Kalamazoo

Test: Harmony Comet

(Bild: Dieter Stork)

Mit den Gitarren der Harmony-Guitar-Company aus Chicago starteten viele Musiker der 60er-Jahre ihre Karrieren. Aktuell bringt die wiederbelebte Firma ein frisches Line-up auf den Markt: „inspiriert von der Vergangenheit, gestaltet für die Gegenwart und gebaut für eine dauerhafte Zukunft“.

Die Harmony Company baute zwischen 1945 und 1975 um die zehn Millionen Gitarren. Die Produktion erreichte 1965 mit 350.000 Exemplaren, die auch unter Markennamen wie Stella oder Silvertone vertrieben wurden, ihren Höhepunkt – zehn Jahre später musste die Firma – wegen der massiven Konkurrenz asiatischer Billiganbieter – die Segel streichen.

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VERHEISSUNGSVOLL

Was uns besonders neugierig auf die Harmony-Neuerscheinungen macht, ist, dass sie allesamt in Kalamazoo gefertigt werden, dem ehrwürdigen Ort der frühen Gibson-Produktion in Michigan. Heute ist die legendäre Fabrik in Händen von Heritage Guitars, gegründet 1985 von ehemaligen Gibson-Mitarbeitern, nachdem Gibson die Produktion nach Nashville verlagert hatte. Gefertigt wird dort seitdem im alten Geist.

Im weitesten Sinne inspiriert vom 1966 vorgestellten „Double-Cutaway-Arched-Hollow-Body“-Modell H72, tritt die aktuelle Comet mit einer ganzen Reihe von zeitgemäßen Updates an. In Sachen Konstruktion, Materialauswahl, Elektrik und Hardware haben wir es mit einem rundum modernen Instrument zu tun, das allerdings auch durch hübschen Retro-Charme zu gefallen weiß. Formal wurde die Silhouette, verglichen mit der H72, deutlich kompakter ausgelegt.

Tief geschnittener, symmetrischer Double Cutaway (Bild: Dieter Stork)

Der verkleinerte, im Randbereich gut 3,8 cm starke Korpus tritt zudem mit tiefer ausgearbeiteter Taille und zugespitzten Hörnern auf – ein durchaus attraktives Erscheinungsbild. Für die Klangbildung wesentlicher ist aber wohl der bis unter die Bridge reichende Center-Block, der die semiakustische Gitarre Feedback-resistent macht. Die zu leichter Wölbung gefräste Decke mit ihren geschlitzten f-Löchern und der ähnlich konturiert ausgelegte Boden bestehen aus Mahagoni, jeweils eingefasst von weißen Bindings.

Der mit langem Halsfuß (Long-Neck-Tenon) in Höhe des 19. Bundes eingeleimte Hals aus Mahagoni mit C-Profil erhielt ein Griffbrett aus Ebenholz mit 12“-Radius. 22 Medium Jumbo-Bünde zeigen löblich saubere kantenrunde Verarbeitung, Dots markieren die Lagen. Der Six-in-line-Headstock ist eine Referenz an das ikonische Erscheinungsbild der H72, seine Ausstattung mit Locking-Tuners entspricht modernen Anforderungen. Mit geradem Zug werden die Saiten über einen höchst akkurat bearbeiteten Knochensattel hinüber zur Tune-o-matic-Bridge mit Stoptail geführt. Die Mensur umfasst 63,5 cm.

Six-in-line-Headstock (Bild: Dieter Stork)

Elektrisch verstärkt wird die Comet durch zwei Custom-Gold-Foil-Humbucker, die von Master-Volume (Push/Pull) und Master-Tone mit griffig gerippten „Custom-Cupcake-Knobs“ kontrolliert werden. Konventionell schalten lassen sich die Pickups mit dem dahinter platzierten 3-Wege-Schalter. Das in jeder Hinsicht sauber gefertigte Testmodell ist in Trans-Red mit Nitrozellulose lackiert. Alternativ ist die Gitarre in den Farben Midnight-Blue und Sunburst zu haben. Zum Lieferumfang gehört ein MONO-Vertigo-Electric-Guitar-Case.

REDESIGNED

Der fast schon zierliche Korpus macht sich vollkommen lässig auf dem Oberschenkel breit (und das bei eher schmaler Zargentiefe), und die Gitarre hängt mit angenehm leichten 2,7 kg ausgewogen am Gurt. Der Kopf zieht zwar leicht nach unten, mit aufgelegtem Arm ist das aber kein Problem. Mit dem sehr griffig gestalteten C-Profil und der sauber verarbeiteten, glanzpolierten, mittelstarken Bundierung, schmeichelt der Hals der greifenden Hand.

Die Saitenstärke von .010-.046, in Kombination mit der mittleren 63,5-cm-Mensur, ergibt hier den genau richtigen Saitenwiderstand und ein sehr schönes Spielgefühl!

Sound: Oben herum klanglich hell und crisp, aber auch mit warmen Mitten und bemerkenswert schöner Saitenseparation. Feinfühlig in der Ansprache und schnell im Reflex auf den Anschlag hin, dazu eine stabile Tonentfaltung mit ebenmäßigem Schwingungsverlauf. Das ist nicht so schlecht für den Anfang. Diese schönen akustischen Eigenschaften mit luftig-offener Tonentfaltung sind der semiakustischen Mahagonikonstruktion zu verdanken und bestimmen dann prinzipiell auch das verstärkte Klanggebaren der Gitarre.

Die Gold-Foil-Humbucker wurden jeweils auf maßvollen Output gewickelt und übertragen die zuvor genannten Eigenarten mit substanzvoller Gelassenheit. Die gitarrentypischen Frequenzen werden mit weit geöffnetem Spektrum und harmonischer Noblesse dargestellt, beide Tonabnmeher zeigen sich bei klar eingestelltem Verstärker als differenzierte Tonübersetzer. Saubere Saitentrennung und klangliche Delikatesse kennzeichnen die sich dreidimensional öffnenden Akkorde. Linienspiel wird mit einem perkussiven Grip und geschmeidigem wie wendigem Tonverhalten markant in Szene gesetzt. Diese Clean-Sounds sind beeindruckend offen und frisch, hervorragend auch der kehligweiche Kombi-Sound der zusammengeschalteten Pickups.

Mittelböse bis böse Amp-Einstellungen stellen das knackfrische Attack-Verhalten nochmals stärker heraus. Die semiakustisch geprägten Sounds haben dabei allesamt viel Luft unter den Flügeln, federn willig und schnell aus den Speakern. Sehr dynamisch wird der Anschlag nach Stärke und Position herausgestellt. Vom Charakter her sind damit viele Ansprüche an erdige, bluesige Klänge abzudecken. Denk etwa an die kernigen Sounds von Gary Clark Jr. – aber wozu den Radius enger ziehen als notwendig?

Unterhalb der Metal-Baumgrenze öffnet sich die Harmony Comet ohne Frage für vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Erweitert werden diese noch durch die per Push/Pull in Mittelposition aufzurufende Option auf einen sehr speziellen Out-of-phase-Sound. So eigen und spirrig der auch erscheinen mag, ein Bonus mit speziellem Vintage-Flair ist das auf jeden Fall.

Gold-Foil-Humbucker (Bild: Dieter Stork)

RESÜMEE

Harmony ist wieder da – und wie! Das trefflich gestaltete und mit ansprechender Perfektion in Kalamazoo gefertigte Comet-Modell ist ein wunderbar leichtes und bemerkenswert einfach zu handhabendes Instrument, das mit besten Spieleigenschaften und tollen Sounds voll zu überzeugen weiß.

Der semiakustischen Bauweise und den starken Gold-Foil-Humbuckern sei Dank, dass mit dieser schon akustisch gut klingenden Gitarre auch elektrisch viel Klanggold zu schürfen ist. Der Hals ist sehr schön profiliert, und der durch die tief gesetzten Cutaways bestens freigestellte hohe Tonbereich macht auch das ambitionierte Lead-Spiel zum reinen Vergnügen. Fazit: Harmonischer wurde eine Harmony noch nicht gestaltet!

PLUS

● gelungenes Redesign
● beste Verarbeitung (USA, Kalamazoo)
● Anprache/Schwingverhalten
● offene Sounds
● Spieleigenschaften


interview

Die Reanimation ist eine Initiative von BandLab Technologies. BandLab wurde 2014 von Kuok Meng Ru und Steve Killings als soziale Musikplattform mit Sitz in Singapur gegründet. Neben der Cloud-basierten Plattform besitzt BandLab inzwischen eine Reihe musikbezogener Marken, und pflegt eine Vertriebs- und Marketingpartnerschaft mit Heritage Guitars, die Ende 2017 vereinbart wurde. Bald darauf gab das Unternehmen die Wiedereinführung der Marke Harmony Guitar Company bekannt. Kuok Meng Ru, der CEO von BandLab, gibt uns im Interview Auskunft über die Produktion der neuen Harmony-Gitarren:

Wie kam es zu der Idee, Harmony wiederzubeleben und die Produktion in den USA anzusiedeln?

Harmony hat eine unglaublich reiche Geschichte, die 1892 in Chicago begann, in der Massenherstellung von Instrumenten gipfelte und zu einem hohen Bekanntheitsgrad führte, da viele legendäre Musiker im Laufe der Jahre Harmony-Gitarren gespielt haben. Es fühlte sich also richtig an, sowohl emotional als auch operativ, die Marke in den USA neu zu starten. Es kam nie in Betracht, unsere erste Standard-Collection nicht in Amerika herzustellen.

Kalamazoo als Produktionsstandort zu wählen war ein guter Schachzug. Wie sind die Mitarbeiter von Heritage in die Produktionsplanung und die Beschaffung von Materialien eingebunden?

Wir hatten bereits eine Partnerschaft mit Heritage Guitars und das Team war unseren neuen Ideen gegenüber extrem aufgeschlossen. Sie hatten sogar schon eine Erfolgsbilanz beim Bau und der gemeinsamen Nutzung von Räumlichkeiten mit anderen Marken vorzuweisen. Da beide Marken unter einem Dach gefertigt werden, war die gemeinsame Beschaffung bestmöglicher Materialien von Vorteil. Als Spieler ist deren Qualität für mich wesentlich wichtig. Ich hoffe, das zeigt sich auch bei unseren Gitarren!

Der aktuelle Harmony-Fertigungsstandard scheint besser als je zuvor. Wem ist die Überarbeitung der Designs zu verdanken?

Ältere Harmony-Gitarren waren nicht gerade für ihre Standards und Qualität bekannt – das wäre heute definitiv nicht mehr akzeptabel. Wir wollten die modernen Erwartungen an eine in den USA gefertigte Gitarre nicht nur erfüllen, sondern in dieser Preisklasse auch übertreffen. Ich bin stolz darauf, sagen zu können, dass jede Gitarre, die heute in den USA mit den gleichen Spezifikationen in vergleichbarer Qualität hergestellt wird, im Einzelhandel mindestens das Doppelte kosten würde.

Wir haben ein internationales Entwicklungsteam, das interaktiv in unserem Hauptquartier in Singapur und in der Fabrik in den USA zusammenarbeitet, um die Designs zu perfektionieren. Und wir haben obendrein das große Glück, dass auch Edwin Wilson, der früher den Custom-Shop einer Kult-Marke leitete (Gibson, Anm. d. Red.), mit uns zusammenarbeitet. Er ist seit vielen Jahren ein persönlicher Freund und optimierte unsere Design- und Fertigungsprozesse.

Wurden denn auch Spieler in die Entwicklung der Gitarren einbezogen?

Wir glauben tatsächlich sehr stark an das Feedback von Künstlern. Bei den allerersten Prototypen der Comet, die wir auf der NAMM 2020 gezeigt haben, waren die Tonabnehmer versehentlich phasenverdreht verschaltet. Wir erhielten aber so viel positives Feedback zu dem Effekt, dass wir diese anfängliche Unstimmigkeit in das endgültige Design einbauten. Das sorgt für einen wirklich bissigen, interessanten Sound, der der Gitarre ein zusätzliches Alleinstellungsmerkmal gibt.

Ich mag die Tonabnehmer sehr – wer hat sie entworfen und woher kommen sie?

Die Gold-Foil-Pickups sind ein ikonisches Harmony-Merkmal und gaben vielen alten Gitarren ihren unverwechselbaren Look und Sound. Sie waren historisch gesehen Singlecoil-Pickups, aber in der neuen Comet sind sie Humbucker. Die Pickups wurden von Edwin und unserem Team von Grund auf neu entwickelt und werden nun nach seinen Vorgaben in den USA handgewickelt. Unsere Tonabnehmer sollen den modernen Standards entsprechen, aber dennoch die Klarheit, die Dynamik und die magischen Klangqualitäten der Gold-Foil-Pickups vergangener Tage beibehalten.

Ist es heute eigentlich noch bedeutsam, wo die Instrumente produziert werden?

Nichts wird die unglaubliche Erfahrung übertreffen, die es in den USA gibt, wenn es um den Gitarrenbau geht – allein in unserer Fabrik gibt es mehr als ein Jahrhundert davon. Wenn es um moderne Gitarren geht, konzentrieren wir uns jedoch nicht darauf, wo die Instrumente hergestellt werden, sondern wie sie hergestellt werden. Wir sind bestrebt, das Beste aus den Fortschritten der Technologie zu machen. So ermöglicht etwa die CNC-Bearbeitung ein höheres Maß an Produktivität und Konsistenz. Gleichzeitig glauben wir aber auch, dass bestimmte Traditionen immer noch sehr relevant sind. Zum Beispiel werden unsere Standard-Harmony-Modelle mit Nitrocellulose-Finish geliefert.

Wie steht es um Pläne für weitere Entwicklungen, beispielsweise von Verstärkern?

Wir haben viele neue Produkte für 2021 geplant und tatsächlich die Amps der Harmony Serie 6 am Start. Wann sie in Europa ankommen werden, können wir noch nicht sagen, großes Interesse gibt es aber.

Hast du selbst eine Beziehung zur Musik, ein persönliches Interesse an der Gitarre?

Ja, natürlich! Ich bin mit Klavier und Geige aufgewachsen, hatte aber als Teenager, der in Großbritannien aufwuchs, das Glück, in die Gitarrenmusik eingeführt zu werden. Ich kaufte meine erste Gitarre mit 14 Jahren, eine Fender Highway 1 Stratocaster und bin stolz darauf, dass ich sie heute noch besitze. Was das Gitarrenspiel angeht, ging es für mich immer um Blues. Mein absoluter Lieblingsgitarrist ist B.B. King, gefolgt von SRV, aber eine besondere Zuneigung habe ich zu Robben Fords Spiel – ich weiß gar nicht, wie oft ich mir ‚Talk To Your Daughter’ schon angehört habe …

(erschienen in Gitarre & Bass 03/2021)

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