Session Deluxe

Test: Godin Session Custom T59

Godin Session Custom T59
FOTO: Dieter Stork

Robert Godin hatte die Session-Reihe zunächst quasi als Budget Line konzipiert und dabei die Messlatte für deren Fertigungsniveau ziemlich hoch gehängt. Nach wie vor werden die Einzelteile der Instrumente in Kanada gefertigt und in den USA montiert – ein Konzept, das erstaunlicherweise aufzugehen scheint. Die Custom-Modelle sollen das Lineup preislich nach oben hin erweitern.

Was die T59 von den anderen Godin Session Customs unterscheidet ist zum einen ihr modifizierter Tele-Ashtray-Steg mit durch den Body geführten Saiten und voll justierbaren massiven Messingreitern, zum anderen das spiegelglatt polierte, sommerlich frische Coral Blue Finish ihres Korpus, das in den zentralen Decken- und Rückenbereichen die Maserung der kanadischen Linde mehr oder weniger – eher weniger – durchscheinen lässt. Einen geschmackvollen Kontrast bildet dazu das vierschichtige Tortoise-Schlagbrett.

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specs

Dem flachen, 43,5 mm dicken, hälftig gefügten Body hat Godin zahlreiche Facetten und Abschrägungen spendiert, die den Spiel- und Tragekomfort enorm erhöhen. Zudem erleichtert die im Bereich der Halsaufnahme verrundete Zarge den Zugang zu den höchsten Lagen. Im per elektrisch leitendem Silberlack effizient abgeschirmten E-Fach tragen zwei staubgeschützte Minipotis die Platine mit dem verkapselten High Definition Revoicer und dessen On/Off-Schalter. Ein solider Blade Switch mit vier Schaltebenen liefert fünf Klangvarianten.

Zuverlässig in einer Ausfräsung arretiert, speist eine 9-Volt-Batterie die Elektronik über einen einfachen Kabelclip. Die Spannung wird erst dann freigegeben, wenn ein Stecker die Klinkenbuchse belegt und der H.D.R. per Schalter aktiviert wird. Die stramm packende Output-Buchse wird von einem in der Zargenbohrung zweifach verschraubten Topf gehalten. Schaller Security Locks bieten dem Gurt einigermaßen Halt. Trotz mehrfacher Kritik kann sich Robert Godin nicht dazu durchringen, die gurtseitigen Gegenstücke mitzuliefern.

Die überaus passgenau gefräste Halstasche, ein der Zargenkrümmung folgend gerundetes Blech und vier Holzschrauben garantieren eine stabile Verbindung beider Hauptkomponenten. Der einteilige Ahornhals trägt ein Palisandergriffbrett mit inklusive der Bünde stark verrundeten Kanten. „Ergocut“ nennt der Hersteller dieses Shaping, das ein extrem angenehmes Profil ergibt. Schlichte Dot Inlays und kleine Sidedots markieren die Lagen.

Alle 21 Bünde hat man vorbildlich eingelassen, abgerichtet, verrundet und poliert. Der optimal aus- und abgerichtete GraphTech-Tusq-Sattel führt die Saiten geradewegs zu den mit präzise und geschmeidig arbeitenden, im Retro-Look designten Godin-Tunern. Unmittelbar oberhalb des Halsstabzugangs erhöhen zwei Stringtrees den Druck der E1/H2- bzw. G3/D4-Saiten auf den Sattel.

Der auf der Korpusdecke verschraubte Ashtray-Steg ist mit drei massiven Messingreitern ausgestattet, die nicht nur in Längsrichtung und Höhe sondern auch im Winkel justierbar sind, und damit präzise Oktaveinstellungen jeder einzelnen Saite ermöglichen. Auf der Body-Rückseite halten Oberkante bündig eingelassene Hülsen die Ballends. Leider hat man vergessen, den hochgezogenen Rand des Ashtray-Stegs zu entschärfen, birgt dieser doch hohe Verletzungs- bzw. Schnittgefahr für den Ballen der Spielhand.

Godin Session Custom T59
FOTO: Dieter Stork
Optimierte Messingreiter

Ein Seymour Duncan 59 Humbucker in der Halsposition und ein Godin Custom Cajun Steg-Singlecoil wandeln die Saitenschwingungen und werden per Master-Volume und Master-Tone kontrolliert. Der Pickup-Schalter bietet folgende Spulenkonstellationen:

Position 1: Humbucker
Position 2: Halsspule HB + Steg-PU seriell
Position 3: HB + Singlecoil, parallel
Position 4: Halsspule HB + Steg-PU, paral.
Position 5: Steg-Pickup

Der High Definition Revoicer verdoppelt quasi das Klangangebot, indem er dem Spieler die Wahl zwischen passiven und aktiven Tonabnehmern und damit zu jedem eingestellten Klang eine Alternative bietet, sodass unterm Strich quasi 10 „Presets“ zur Verfügung stehen.

results

Ergonomie und Haptik der Session Custom T59 betreffend, beweist Robert Godin wieder mal ein goldenes Händchen. Die Gitarre lässt sich sensationell komfortabel bespielen. Na ja, die hochstehende scharfe Kante der Ashtray-Stegplatte möchte ich davon jedoch ausdrücklich ausnehmen. Der Hals liegt perfekt in der Hand, und der Ergocut kommt nicht nur Spielern zugute, die den Daumen über die obere Griffbrettkante legen und ihn beim Greifen einbeziehen.

Die sahnig weich rotierenden Potis hat man ebenso günstig positioniert wie den H.D.R.- und den satt einrastenden Pickup-Schalter. Die Kombination der verwendeten Hölzer gibt sich höchst schwingfreudig, was sich in ausgewogenen, luftigen und lebendigen Klangbildern, direkter spritziger Ansprache, exzellenter Dynamik und beeindruckend standfestem und gleichförmig abklingendem Sustain äußert.

Bekanntlich und wie die Bezeichnung schon vermuten lässt, hat Seymour Duncan den 59-Humbucker klanglich einem original PAF-Pickup nachempfunden. So kommt die Custom T59 trotz völlig unterschiedlicher Bauweise zumindest bei Hals-Pickup-Betrieb einer Paula sehr nahe und liefert runde, warme, voluminös aber transparent klingende Clean-Akkorde, klaren, knackigen Attack und singende Lead-Töne. Jeder Blueser, Blues-Rocker und/oder Jazzer wird sich angesprochen fühlen.

Die folgenden Schalterpositionen 2, 3 und 4 lassen sich mit ihren spritzig perlenden, glockigen Klängen quasi in dieselbe Sound-Schublade einordnen. Position 2 liefert davon den mächtigsten, lautesten Klang mit dem breitesten und luftigsten Spektrum. In der Mittelposition nimmt der Pegel etwas ab, der Sound wird wärmer und runder, während Position 4 noch weniger Output, etwas dezentere Höhen und weniger Fülle zeigt, dabei nicht ganz so spritzig aber dennoch transparent klingt. Perfekt für cleane Rhythmusarbeit.

Mit dem Wechsel zum Godin Cajun Steg-Singlecoil nimmt der Ausgangspegel wieder ein wenig zu, es wird klar und glockig brillant, ohne übermäßigen Biss oder gar Schärfe ans Ohr zu tragen. Ich möchte das mal als charaktervollen Twang bezeichnen.

Godin Session Custom T59
FOTO: Dieter Stork
Elegantes Retro-Design: Godin Tuner

Am zerrenden Verstärker punkten vor allem der Hals-Humbucker und der Stegeinspuler mit durchsetzungsstarken, dynamisch reagierenden Rock- und Leadsounds, wenngleich ich mir beim Cajun etwas mehr Fülle wünschen würde, da Distortion-Sounds naturgemäß die Höhen noch mehr verstärken. Hätte Godin hier jedoch einen zweiten Humbucker verwendet, wären die Cleansounds der Schalterpositionen 2-4 möglicherweise weniger reizvoll.

Aktiviert man den High Definition Revoicer durch Drücken des kleinen schwarzen Schalters, steigt der Ausgangspegel, das Frequenzspektrum wird förmlich auseinandergezogen und damit Transparenz und Spritzigkeit erhöht. Gleichzeitig erhält der Sound mehr Biss und Sustain, und die Gitarre scheint noch dynamischer zu reagieren. Im Zerrbetrieb hebt der H.D.R. die Mitten ein wenig an, verstärkt aber auch die Störgeräusche der Schalterstellungen 1, 2, 3 und 5, wenn auch in akzeptablem Rahmen. Ja, tatsächlich erzeugt die parallel verschaltete Kombi der Humbucker-Halsspule mit dem Steg-Pickup keinerlei Nebengeräusche!

Insgesamt lässt die H.D.R.-Wirkung mit zunehmender Amp-Zerre nach. Die gekapselten Potis agieren über ihren gesamten Regelbereich gleichmäßig und gestatten präzise Gain/Output- und Tone-Kontrolle. So lassen sich beispielsweise auch smoothe Schwelleffekte in Echtzeit erzielen.

resümee

Die Session Custom T59, das neue Workhorse des kanadischen Herstellers, kann schon nach erster kritischer Inaugenscheinnahme in puncto Stabilität, Ergonomie und Verarbeitung überzeugen. Hinzu kommen enorme Schwingfreude und Dynamik. Dank exzellenter Pickups, ausgefuchster Schaltung und High Definition Revoicer bietet die Gitarre ein breit gefächertes Klangspektrum, welches außer Metal (und Folk) alle erdenklichen musikalischen Stilistiken bedient. Genau das Richtige also für vielseitige ambitionierte Gitarristen. Die offenbar von einem Stanzwerkzeug hinterlassenen scharfen Kanten am Rand des Ashtray-Steges sollten unbedingt beseitigt werden.

Godin Session Custom T59
Godin Session Custom T59

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(erschienen in Gitarre & Bass 07/2018)

Ein Kommentar zu “Test: Godin Session Custom T59”
  1. Jörg Naumann

    Hallo,
    man liest viele tolle Test bei Euch und es ist immer wieder eine wahre Freude über diverse Erscheinungen informiert zu werden, schon aus diesem Grund habe ich die Gitarre & Bass seit vielen Jahren abonniert. Was ich allerdings vermisse sind Tests der Marke Chapman Guitars, diese Gitarren werden mittlerweile mannigfaltig angeboten und beim großen T vertrieben, mich würde es interessieren wie diese Modelle, bei euren Tests abschneiden. Hier gibt es mittlerweile eine Pro Serie, die von der Ausstattung und der Preisgestaltung sehr interessante alternativen darstellen aber ich kann mich an keinen Test bisher erinnern.
    Gruß

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