Produkt: Gitarre & Bass Digital 04/2018
Gitarre & Bass Digital 04/2018
Extended Range Guitars auf der NAMM Show 2018 +++ London Calling! DieHighlights von der London BassGuitar Show 2018 +++ Test: Gibson Les Paul +++ Playalongs
Edelbiester

Test: Gibson Ol’ Witches Heavy Aged 1958 Les Paul Standard und 1961 SG Standard

Gibson Ol’ Witches(Bild: Dieter Stork)

Klassisch zeitlos, aber runtergerockt bis auf runzliges Hexenniveau … ein Traum in Beerdigungsschwarz? Keine Sorge, die Trauer hält sich in Grenzen, denn die schrundige Fassade ist natürlich reines Understatement. Schauen wir aber doch mal, was diese künstlich recht heftig gealterten Damen sonst noch so alles drauf haben!

Das Musikhaus Kirstein hat sich auf Basis klassisch-zeitloser Modelle von den Gibson Custom Buildern in Nashville fünf Unikate nach eigenen Wünschen und Spezifikationen bauen lassen, von denen wir an dieser Stelle die Modelle Les Paul und SG vorstellen.

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Der Händler bewirbt die Einzelstücke wie folgt: „Mit den Gibson Ol‘ Witches präsentiert Kirstein antikonformen Gitarristen und hungrigen Gitarren-Sammlern, die auf der Suche nach orgastisch relevanten Einzelexponaten sind, aktuell eine exklusive Gibson-Custom-Kollektion, bestehend aus fünf schwarzen Ladies, die aufregender nicht sein könnten. Ihre Körper sind pure Magie, ihr Erscheinungsbild ist atemberaubend. An einigen Stellen ist bei den Heavy Aged Ol‘ Witches der Lack dann auch schon ab. Und gerade das unterstreicht ihre kompromisslose Schönheit. Allen fünf Unikaten wurde ein Heavy-Aged-Ebony-Finish verpasst, das im Zusammenspiel mit der Aged-Gold-Hardware und den Standard-Specs göttlich abgefuckt rüberkommt.“ Na denn …

Gibson Ol’ Witches(Bild: Dieter Stork)

konstruktion

Für das 1958 Les Paul Modell der unikalen Ol’-Witch-Auflage wählte man als Grundlage eine 1958 Standard Reissue mit Plain Top. Das schwarze Heavy-Aged-Ebony-Outfit mit Aged Gold Hardware erinnert wohl an Gibsons „Custom“-Modellreihe, sollte auftragsgemäß aber deutlich „dreckiger“ rüberkommen, was auf jeden Fall gelungen ist – viel zusätzliche Arbeit, die ihre Wirkung aber nicht verfehlt. Besonderen Wert legte man auf ultraleichtes Mahagoni für den Body. Die Decke ist mit einem einfachen „Tan“ Binding eingefasst.

Den Hals wollte man X-tra Heavy Aged, was nichts anderes heißt, als dass er rückseitig vom Halsansatz bis zum Kopf eigentlich komplett entlackt wurde. Ansonsten verfügt er über das kräftige „chunky“ Halsprofil der 58er Les Paul und ist mit Long Tenon per Knochenleim in den Korpus eingesetzt. Im Griffbrett von 12″ Radius aus Palisander finden wir 22 sauber abgerichtete, eher historisch angelehnt schlanke Bünde (Jescar FW50078) und Trapezoid-Einlagen.

Gibson Ol’ Witches
Klassische Auslegungen mit sauberen Bundierungen und Trapezoid Inlays (Bild: Dieter Stork)

Der klassische Kopf ist mit dem erwarteten 17″-Winkel herausgeführt und weist einen leicht konischen Zuschnitt auf (Tapered Headstock Design). Aged Single Band Kluson Deluxe Tuner sorgen für den passenden Look und problemfreies Stimmen. Die Saiten schwingen mit der ebenso klassischen Mensur von 628 mm zwischen dem Sattel aus Nylon und der ABR-1 Bridge, bevor sie von einem Lightweight Aluminium Stopbar gekontert werden.

Zwei Custombucker stehen in Verbindung mit individuellen Volume- und Tone-Reglern und werden ganz traditionell per Toggle Switch allein oder zusammen geschaltet. Handverdrahtung mit CTS 500k Pots und Bumblebee-Konsendatoren versteht sich bei diesen Edelversionen von selbst. Bleibt noch das schwarze Pickguard zu erwähnen.

Beim 1961 SG Modell finden wir historisch korrekt noch Les Paul auf dem Truss Rod Cover eingeprägt, unter dessen Namen die SGs anfangs ja noch verkauft wurden – also unter Les, nicht unter Truss (der blieb musikalisch zeitlebens vollkommen erfolglos; im Gegensatz zu Rod, aber das ist eine andere Geschichte). Wie bei der 58er Les Paul zuvor schon, so kam auch hier leichtgewichtiges Mahagoni für den Korpus zum Einsatz, was das Instrument mit nur knapp 2,9 kg erfreulich leicht macht.

Auch der Mahagonihals der SG wurde rückseitig vom Halsansatz bis zum Kopf komplett entlackt und ist ebenfalls mit Long Tenon in den Korpus eingeleimt. Eine sinnvolle Abweichung vom 61er Original finden wir im Halsprofil. Anstelle des flachen Slim-Taper-Zuschnitts wählte man ein fluffiges Spät-50er-Medium-C-Profil. In das Griffbrett aus Palisander setzte man 22 Historic Medium Jumbo-Bünde und ebenfalls Trapezoid-Einlagen. Der Kopf verfügt ebenfalls über den „Tapered Headstock“-Zuschnitt. Auch kamen wieder gealterte Kluson Deluxe Tuner zum Einsatz. Und natürlich wurde auch das SG-Modell mit der ABR-1 Bridge und einem leichtgewichtigen Aluminium Tailpiece ausgerüstet.

Pickups: Für die Halsposition entschied man sich für ein Classic-’57-Humbucker-Modell; an den Steg setzte man den Classic ’57 Plus. Geschaltet wird wiederum konventionell mit Dreiwege-Toggle. Die Handverdrahtung mit 500k CTS Pots plus Bumblebees entspricht dem klassischen Muster. Das Pickguard der SG besteht aus fünfschichtigem Kunststoff.

Die Les Paul wird in einem angemessenen Brown Case geliefert, den sich zuvor auch noch mal ein Folterknecht vorgeknöpft hat; die SG entkam dieser letzten Tortur und wird in einem unschuldigen, also unversehrten Custom Hardshell Case geliefert.

Gibson Ol’ Witches
Worauf warten? Weather Checking mit dem Skalpell (Bild: Dieter Stork)

praxis

Die Heavy Aged Ol‘ Witches sind erst einmal ungewohnt leichte Exemplare ihrer Gattung. Die Les Paul mit nur 3,7 kg (ohne verdeckte Gewichtsreduzierungen) und die SG mit lässigen 2,9 kg fühlen sich aber nicht nur deshalb hervorragend an. Die Gitarren verfügen wohl über differierende Halsprofile – die LP hat das fettere 50s-Profil, das der SG ist leicht breiter, dafür etwas flacher – und sind auch recht unterschiedlich bundiert, bieten aber mit ihren glatten Halsrückseiten und perfekt eingerichteten Saitenlagen beide höchst komfortable Spielbedingungen.

Das 1958 Les Paul Modell fällt mit seinem rundlichen Hals absolut angenehm in die Hand. Die altmodisch schlanke Bundierung mag nicht jedermanns Sache sein (man findet sie z. B. auch auf der Les Paul Slash ’58), aber nicht nur ist sie hervorragend gemacht mit glatt die Bundenden abschließenden Fret Nibs (Binding-Nasen), sie sorgt auch für präzise Intonation und legeres Gleiten bei Bendings.

Dieser kraftvolle Hals vermittelt darüber hinaus eine enorme Festigkeit und Substanz, die dem Klangvermögen der Gitarre noch zusätzlich auf die Sprünge hilft. Der Ton entfaltet sich schnell und anschlagskonform, das Sustain ist von exzellenter Länge und gleichmäßig über das komplette Register hinweg erzielbar. Akkorde rollen frei und offen ans Ohr, die Transparenz der stimmlichen Auflösung begeistert wie auch die enorme Schwingintensität – imposante Eröffnung!

Gibson Ol’ Witches
Relic total – entlackt, aber handfreundlich fluffig (Bild: Dieter Stork)

Elektrisch: Die Gibson Custombucker in der 58er Les Paul sind mit ausgeglichen moderaten Widerständen (jeweils ca. 8,3 kOhm) an die historischen Originale angelehnt. Der Kollege am Hals vermittelt ein rundes, volumenreiches und doch transparent zeichnendes Akkordbild mit solidem Tiefgang in klaren Einstellungen. Die Bässe erweisen sich dank einer leicht kehligen Attitüde als beachtlich konturstark, bilden damit bestes Rückgrat für die konzentriert warmen, nicht zu fetten Mitten und das offen zeichnende Höhen-Top.

Neben den stimmlich differenziert und harmonisch stimmig agierenden Akkorde zeigen Linien gute vokale Ausbildung und samtigen Schmelz – sehr schön!

Jetzt aber auf den Besen und zum Hexentanz: in Zerrpositionen kommt uns die verschlagene Dame nämlich mit schön dunklem Grollen und haut dir knurrende Powerchords kraftvoll um die Ohren. Sie zeigt sich bei entsprechender Behandlung aber durchaus auch von ihrer geschmeidigen, gewinnenden Seite. Mit seidig gutturalem Ton singt sie dann wie eine Sirene, hält lange und ebenmäßig aus. Voller Anmut gar lässt sie warme Noten über ihre Lippen perlen. Drückst du sie im hohen Tonbereich dann aber wieder etwas energischer, schnellen die Töne vor, schnappen nach markant aufgerissenem Anschlag harmonisch ineinander und zeichnen dabei die Fingeraktion willig und präzise nach.

Schalten wir auf den Steg-Pickup, so zuckt der Vamp leicht nach vorn, ready to boogie, aber in der Abteilung Clean bleibt zunächst noch alles dezidiert transparent und plastisch trocken, sodass die klangliche Beweglichkeit auch bei kraftvollem Plektrumeinsatz ohne jeden Höhenmuff erhalten bleibt. Knochig im Bass, leicht nasal in den Mitten und leicht picky im Höhensegment – damit lässt sich rhythmisch funky arbeiten!

Geben wir Gummi, so zeigt die jung gealterte Dame zwei Gesichter – du bestimmst die Gangart. In Overdrive-Einstellungen geht alles, was an wohl gerundeten klassischen Rock-Sounds selbst DJs wie Ötzi oder Bobo kaum irritieren würde, aber es geht natürlich auch böse und aggressiv. Aus der festen Tonsubstanz lässt sich mit gezielter Attacke nämlich leicht heiß brennendes Feuer schlagen. Provoziere die Hexe nur etwas und sie kontert mit knochentrockenen Voodoo-Bässen und drückenden Tiefmitten, weist jeden Konkurrenten mit harschem Vorstoß in die Schranken, beißt sich mit aggressiver Lead-Macht vor in die erste Position – da sind Lackschäden wirklich das kleinere Problem und einfach nicht zu vermeiden.

Das 1961 SG-Modell wartet mit einem etwas breiter gezogenen „Late 50s Medium C“-Halsprofil auf, das aber ebenfalls noch gut Fleisch hat. Diese Halsform ist nicht nur geradezu sexy, sie repräsentiert auch so etwas wie den idealen Kompromiss zwischen optimalem Spielkomfort und tonbildender Substanz, zumal der SG-Hals ja immer auch etwas von einem Giraffenhals an sich hat. Dieser jedenfalls weist eine gute Stabilität auf, auch wenn sich der Ton mit etwas Druck und Zug baubedingt noch modulieren lässt, ein Effekt den mancher Spieler zu nutzen weiß.

Die Historic-Medium-Jumbo-Bundierung tut ein Übriges für eine optimale Griffigkeit, um jeglichem spieltechnischen Anspruch gerecht zu werden. Das Timbre der Gitarre ist SG-gemäß etwas höher angesiedelt, zeigt mehr Luft in der Tonentfaltung, bietet aber fraglos dichte und substanzreiche Sounds von der erwartet klassischen Qualität. Mit hoher Schwingintensität, offenherzig kompakter Akkordauflösung und geschmeidig abfederndem Ton zeigt sie sofort Klasse.

Elektrisch: Die Classic-’57-/Classic-’57- Plus-Pickups mit Alnico-2-Magneten lassen sich ebenfalls als Reissues des legendären PAF Pickups kategorisieren. Der ’57 Classic am Hals bringt demgemäß luftig aufgefächerte Mehrklänge zu Gehör, die es an klarem Glockenton nicht mangeln lassen. Wie erwartet ist die Darstellung nicht so tiefgreifend wie bei der Les Paul, dafür aber von fast schon dreidimensionaler Qualität.

Gibson Ol’ Witches(Bild: Dieter Stork)

Leichtfüßig federn Akkorde vom Griffbrett, der einzeln angeschlagene Ton springt förmlich in Position und zeigt langen Atem mit eindrucksvoll ebenmäßigem Abklang. Auch in Zerre bleibt über den Hals-Pickup gespielt noch eine gewisse Luft im Spiel. Trocken lassen sich hölzern kompakte Powerchords vorwuchten, Lead-Spiel ist von leicht kehliger Attitüde gekennzeichnet. Die tritt vor allem in den höheren Lagen gespielt mit toll schlonzigem Ausdruck in den Vordergrund.

Der Classic Plus in der Stegposition ist der perfekte Gegenspieler des Classic-’57- Pickups. Mit ein wenig mehr Output ergänzt er das Klangbild als etwas offensiver tönende Alternative, beim Umschalten geht also das Licht an. Dennoch bleiben klar gespielte Akkorde sauber umrissen und bestens gegliedert, zeigen aber sehr direkte Ansprache, Drive und Biss. Diese leichte Reizbarkeit kommt in Gain-Positionen dann noch deutlicher zum Zuge. Nach perkussiv pointiertem Anschlagsaufriss drückt der Ton mit leicht nasaler Vokalität offensiv nach vorn durch, steht wie eine Eins, lässt sich aber auch sehr direkt und facettenreich gestalten. SG-Sound deluxe eben!

Natürlich sind beiden Ol’ Witches mit kombinierten Pickups und den graduellen Abstimmungen über die individuellen Regler noch weitere Klangnuancen differenziert zu entlocken, aber diese letzten Geheimnisse zu lüften, überlassen wir Hirn, Hand oder Peitsche des späteren Hexenbezwingers.

resümee

Die vorgelegten Exemplare der unikalen Sonderauflage der ‚Heavy Aged Ol‘ Witches’ aus dem Gibson Custom Shop überzeugen auf ganzer Linie! Die Gitarren verfügen über bestes Custom Shop Niveau, sind im Rahmen ihrer gesetzten Designs optimal auf den Punkt gezogen, spielen sich hervorragend und repräsentieren den traditionellen amerikanischen Gitarrenbau auf höchstem Niveau.

Die Heavy Aged 1958 Les Paul Standard präsentiert sich mit dem erwartet pfundigen Ton, der dieser Konstruktion mit fettem ’58-Chunky-Hals zugesprochen wird; das 1961-SG-Standard-Pendant erweist sich mit etwas flacherem „Late 50s Medium C“-Profil als das spieltechnisch etwas moderner ausgerichtete, auch klanglich agiler agierende Instrument mit luftig leichter Tonentfaltung und perkussivem Touch.

Beide Gitarren sind ohne jeden Zweifel extraordinäre Vertreter ihrer Art und behaupten ihre Position mit Nachdruck. Sie lassen sich folglich lediglich nach Stilempfinden und Einsatzpunkt differenzieren. Teuer? Ja klar, immerhin gibt es diese extremen Hexenbesen ja nur jeweils ein Mal und Unikate dieser Güte sind doch immer auch mehr, als einfach nur Gitarren!

PLUS
• Custom Shop Unikate
• Heavy Aged Ebony Finish
• Schwingverhalten/ Sustain
• adäquate Pickups
• klassische Sounds
• kraftvoll elegante Halsprofile
• Spieleigenschaften
• Verarbeitung/ Bearbeitung
MINUS
• hohe Preise

Gibson Ol’ Witches

(erschienen in Gitarre & Bass 04/2019)

Produkt: Gitarre & Bass 8/2019
Gitarre & Bass 8/2019
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