Produkt: Gitarre & Bass 10/2019 Digital
Gitarre & Bass 10/2019 Digital
INTERVIEWS: Toto & ZFG – FAMILIENTREFFEN, The Allman Betts Band, In Extremo, Jared James Nichols, Nathan Navarro u.v.m. +++ TEST: Kemper Profiler Stage, Engl Savage 120 Mark II, Gretsch G5655TG Center Block Jr., Ibanez Fingerstyle-Collection, Reverend Rick Vito Soulshaker, Phil Jones Bass BP-800, Dingwall NG3 Combustion 5, Fender Vintera ’70s Telecaster Thinline & ’50s Precision Bass
Kleiner Elefant

Test: Gibson CJ-165 Cutaway Model

(Bild: Dieter Stork)

Heute ist bei vielen Musikern der Name Gibson auf elektrische Gitarren reduziert. Les Paul, SG, ES und Flying V. Dabei hat Gibson wie so viele andere natürlich mit akustischen Instrumenten begonnen, und war jahrzehntelang der Intim-Konkurrent von Martin. So ging es immer höher, schneller, weiter und auch lauter.

Der richtige Wettkampf startete Mitte der 1920er-Jahre, als akustische Flattop-Modelle modern wurden, die aber alle noch klein und handlich waren, wie z. B. die Gibson L-O oder die Martin-Modelle, deren Bezeichnungen mit 0 begannen (wie z. B. 0-18). Jedes Mal wenn einer der beiden Hersteller seine Modelle mit einem größeren Korpus anbot, zog der andere nach. So entstanden im Zeitraum der 30er-Jahre die Gitarren-Klassiker schlechthin, und alle Modelle, die in die sogenannte Pre-War-Zeit fallen, wurden zu Sammlerobjekten. Was nicht nur an der Einzigartigkeit lag, sondern auch daran, dass die Gitarren aus fantastischen Materialien gefertigt und beste Hölzer verarbeitet wurden. Martin vergrößerte den Korpus, und die Modelle wurden erst 0, 00, dann 000 (Triple 0) genannt. Als das erschöpft war, kam die sogenannte Dreadnought, das größte bis dahin gebaute Modell, benannt nach dem größten aller Kriegsschiffe.

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Gibson wurde nicht so militant, sondern wechselte, was die Namensgebung betrifft, eher ins Tierreich. L0, L1, L00, Nick Lucas, Roundshoulder, Jumbo, Advanced Jumbo, und schließlich Super Jumbo – das Topmodell wurde die SJ-200. Die Klassiker Martin Dreadnought und Gibson SJ-200 werden übrigens bis heute gebaut.

SJ-165/SJ-165CE

Jetzt endlich nähern wir uns dem Modell CJ-165CE. Die Country-Musikerin und Singer/Songwriterin Emmylou Harris spielte immer eine Gibson SJ-200. Meistens ein Modell von 1960, das sie von Gram Parsons (Ex-Byrds, und von 1970 bis 1973 mit Emmylou in einer Band) bekommen hatte. Sie liebte es, weil der Hals dünner und das Griffbrett schmaler waren. Gibson verlegte die Produktion der akustischen Instrumente 1989 nach Montana, und Ren Ferguson wurde Master Builder. Er suchte schnell den Kontakt zu Musikern und baute auch einige SJ-200-Modelle als Replika für Emmylou Harris. Zu diesem Zeitpunkt wurde Gibson klar, dass sie ihre akustischen Instrumente wieder aufs alte Niveau heben mussten. Ren und Robi Johns, der als A&R übernommen hatte, traten mit Musikern aller Gattungen in Kontakt, untersuchten alte Instrumente und versuchte das Geheimnis der alten Modelle zu lüften.

Nach einiger Zeit erfolgreicher Zusammenarbeit äußerte Emmylou den Wunsch, für Reisen und fürs Hotelzimmer ein kleineres, handlicheres Instrument zu bekommen. Ren baute ihr eine SJ-165, die insgesamt einen kleineren Korpus und eine kürzere Mensur bekam. Sozusagen eine zu heiß gewaschene Super Jumbo. 2006 kam das Modell CJ-165 dann als Serienmodell auf den Markt. (Testbericht in G&B 6/2006 von Heinz Rebellius, der das Instrument in höchsten Tönen lobt). Ein Small-Body-Modell, was aber im Vergleich zu den anderen Gibson-Modellen wie Dove, Hummingbird und Advanced Jumbo, keine klassischen Vorbilder hat, nur eben eine Ähnlichkeit zur Super Jumbo. Ren Ferguson muss von der Klangqualität der CJ-165 sehr begeistert gewesen sein, denn schon ein Jahr später brachte er ein weiteres Instrument auf den Markt, das CJ-165-Cutaway-Modell. Die gleiche Gitarre wie die CJ-165 aber jetzt mit rundem Cutaway und Pickup ausgestattet.

Um die Wichtigkeit zu unterstreichen, wurden im Februar 2007 vorab 24 Instrumente gefertigt, ein Gibson Acoustic Pilot Run. Jedes Instrument wurde mit Zertifikat ausgeliefert. Zielgruppe waren laut dieser Urkunde Gibson Artists, Gibson Guests und Gibson Afinicados.

Jedes der 24 Modelle wurde mit einem Zertifikat geliefert. (Bild: Dieter Stork)

Tatsächlich kam diese identische Gitarre ins Serienprogramm. Aber sie blieb nicht lange. Es kann nicht am Aussehen, nicht am Klang und der Bespielbarkeit gelegen haben. Vielleicht lag es daran, dass Taylor im Bereich der kleinen Modelle mit Cutaway gerade besonders beliebt war und die Gibson-Käufer doch lieber traditionelle Instrumente wollten und nicht so etwas „Modernes“. Aber vielleicht war es auch die Finanzkrise, die im Jahr 2008 auch die Gitarrenbranche hart traf. Es gab dann eine Zeitlang noch eine CF-165R, mit Boden und Zargen in Palisander, und vereinzelte Modelle tauchten bis 2010 noch bei Händlern (auch in Europa) auf.

Das von Ren Ferguson signierte Label mit Auskunft über den Pilot-Run. (Bild: Dieter Stork)

Dann aber verliert sich ihre Spur. Ein guter Freund aus der Musikbranche kam vor Jahren über einen amerikanischen Händler an eins der 24 Pilot-Run-Modelle, laut Seriennummer sogar das erste (00337001). Da er dieses Instrument immer nur zu Hause gespielt hat, ist es erstaunlich gut erhalten und bis auf ein paar Spielspuren am Griffbrett quasi ein Closet Classic.

HÖLZER, OPTIK & AUSSTATTUNG

Eigentlich ist alles an der CJ-165 wie bei der großen Schwester: Fichten-Decke, Zargen und Boden aus Riegelahorn in AAA-Qualität, eingeleimter, zweiteiliger Ahorn-Hals mit Palisander-Griffbrett, nur der Palisander-Steg ist kleiner als der des Moustache-Originals. Hals, Decke und Boden sind creme-farbig eingefasst, das Schallloch mit einer Abalone-Rosette.

Einer der wenigen Unterschiede zur SJ-200: ein kleiner Palisandersteg mit kompensierter Einlage statt des klassischen „Moustage“-Monsters. (Bild: Dieter Stork)

Interessant sind die Einlagen im Griffbrett: Ren Ferguson wollte einen Unterschied zur SJ-200 machen und trotzdem eine klassische Einlage verwenden: So finden sich hier die doppelten Parallelogramm-Einlagen aus Abalone, die E-Gitarristen von der ES-345 und Akustiker von alten Modellen wie Southern Jumbo, J-185, Dove und Hummingbird kennen. Sattel und die kompensierte Stegeinlage sind aus Knochen gefertigt.

Zweiteiliger Ahornhals mit leichten Grover-Mechaniken gegen Kopflastigkeit. (Bild: Dieter Stork)

Das Instrument ist mit sechs Mini-Grover-Mechaniken bestückt, dauergeschmiert und verkapselt. Sie sind so leicht, dass sie nicht zu Kopflastigkeit führen, wie bei den normalen Grover üblich. Auffällig ist, dass bei dem Vorserien-Modell, wie schon bei dem Vorgänger CJ-165, auf ein Schlagbrett verzichtet wurde. Serienmodelle bekamen dann aber eins verpasst. Wie schon erwähnt, die CJ-165CE hat eine kurze 628-mm-Mensur (im Vergleich zur 648er bei der SJ-200), was Bespielbarkeit und Klang beeinflusst. Der aktuelle Besitzer verwendet sehr dünne Saiten (.010 – .047), was aber zu diesem Instrument passt und den Klang eher unterstützt.

ELEKTRISCH

Ren Ferguson, den ich zu dieser Zeit mehrfach getroffen hatte, stattet seine Instrumente gerne mit einem Piezo-Pickup unter der Stegeinlage aus, der von einem 9-V-getrieben Preamp voreingestellt verstärkt wurde. Es gibt keine Regler, das Signal wird über die im Gurtpin integrierte Klinkenbuchse weitergegeben. Rens Philosophie dazu: Das Instrument hat den klassischen Look, es werden keine Löcher für Preamp und Bedienelemente ins Instrument gefräst. Und die Erfahrungen vieler Live-Musiker gaben ihm recht, dass man einen einmal eingestellten Sound besser nicht mehr am Instrument verändert.

SOUND

Wie klingt so eine Gitarre? Toll. Sie hat mehr silbrige Höhen als erwartet, aber dennoch einen sehr ausgewogenen Bassanteil und gesunde Mitten. Und vor allem spricht sie schnell an und ist daher auch für Fingerpicker viel besser geeignet als ihre große Schwester. Die SJ-200 kann tolle Sounds bieten, aber oft muss man sie fordern, fest Anschlagen, sie liebt Plektren, und sie hat eine enorme Lautstärke. Typisches Beispiel: Pete Townshend, der „Meister“ der SJ-200.

Ganz anders die CJ-165CE. Sie spricht auch auf soften Anschlag an, wird natürlich bei hartem Anschlag auch lauter, aber irgendwann komprimiert auch sie wie ihre große Schwester. Es bleibt trotzdem luftig und offen. Ich habe zum Vergleich eine L-150 zur Hand, etwas größer und mit Palisander-Zargen/Boden. Auch sie ist viel träger und hat nicht die feinen, brillanten Höhen. Sie ist aber auch viel schwerer, im Gegensatz zu unserem absoluten Leichtgewicht hier. Dazu kommt der handliche und nicht zu dicke Hals, der ein filigraneres Spiel erleichtert.

(Bild: Dieter Stork)

Interessant ist, dass die CJ-165CE für viele Stile einsetzbar ist: wie viele Gibsons kann man sie zum Strummen nehmen (einige Songwriter lieben das), aber sie kann weitaus mehr, und durch den zusätzlichen Platz durch den Cutaway ist auch der Tonumfang erweitert. Schade, dass dieses Instrument aktuell nicht mehr gefertigt wird. Aber wer weiß …


INFO

REN FERGUSON, MASTER GUITAR BUILDER

Über 25 Jahre hat Ren Ferguson für Gibson gearbeitet, 2012 wechselte er zu Fender und leitete danach den Bereich „Entwicklung und Manufaktur“ bei Guild. Ren Ferguson ist ohne Zweifel einer der legendärsten Gitarrenbaumeister der Vereinigten Staaten. Doch in all dem großen Trubel zwischen Verkaufszahlen, Massenproduktion und Geschäft geht es für ihn auch heute noch in erster Linie um das Handwerk und den Bau von guten, schönen und nachhaltigen Instrumenten – und das macht er aktuell mit Hingabe bei Shadow Guitars. Ren wurde 1946 in Detroit geboren. Die Familie zog nach Kalifornien.

Schon früh interessierte er sich für Gitarrenbau, auf dem Gymnasium nahm er an einem Gitarrenbaukurs teil und baute für seinen Bruder einen Banjo-Hals. Ein Desaster, wie er heute sagt. Er hatte keine Ahnung, wie kompliziert das war. Aber sein Vater stellte Möbel her, dort lernte er den Umgang mit Holz und dem Lackieren. Der Folk-Boom Anfang der 60er-Jahre brachte ihn dann zur Gitarre, und er reparierte und modifizierte Instrumente, bis er in einem Laden in der Nähe des Flughafens LAX einen Job als Verkäufer bekam. Dorthin brachten die Fluggesellschaften täglich ihre Transportschäden, und oftmals gingen mit der Entschädigung neue Gitarren über die Theke, die defekten blieben im Laden, und Ren begann seine Reparatur-Karriere. Dort lernte er alles über Akustik-Gitarren, da er alle erdenklichen Gitarren zerlegen und reparieren konnte.

Er lernte in wenigen Jahren alle Klassiker kennen und lieben. Von 1971 bis 1975 besuchte er dann doch noch eine Luthier School, zog aber danach erst nach Colorado – wo er alte Häuser reparierte – und dann nach Montana, wo er als Trapper arbeitete und nebenbei alte Waffen restaurierte. Auch dort gab es einen Musikladen, der ihm einen Job anbot, den er nicht ablehnen konnte. Kurz drauf lernte er den in Bozeman, Montana ansässigen Steve Carlson kennen, der dort Flatiron Mandolinen fertigte und Ren anheuerte.

Ende der 80er auf einer NAMM-Show schlug Flatiron Gibson vor, für sie im Auftrag hochwertige Mandolinen zu fertigen, denn Gibson hatte keine mehr im Programm. Der Besitzer Henry Juskewitz bot einen anderen Deal an: Er schlug vor, die Company zu übernehmen und in einem neuen Gebäude nicht nur Mandolinen sondern auch Akustik-Gitarren im alten Gibson-Stil zu bauen. Gibson Montana war somit geboren. 1989 zog man ins neue Gebäude, und Ren Ferguson leitete den Aufbau der Zweigstelle, mit dem Ziel, Repliken von alten Instrumenten zu erstellen und diese weiter zu verbessern. Das Headquarter in Nashville vertraute ihm dabei voll und ganz.

Und Ren hatte hervorragende Beziehungen zu Taylor, Martin und anderen Herstellern, die sich gegenseitig berieten und Ideen austauschten. 27 Jahre lang dauerte die Zusammenarbeit mit Gibson, die erst in den letzten Jahren problematischer wurde, auch weil das Geld knapper wurde. Ein privater Unfall mit Knieverletzung führte bei Ren Ferguson letztlich zu dem Entschluss seine Karriere zu beenden. Immerhin war er schon 66 Jahre alt und seine Frau versuchte ihn zum Ruhestand zu überreden.

Doch sein Sohn, der schon für Gibson im R&D-Team gearbeitet hatte und mittlerweile zu Fender gewechselt war, brachte ihn in Kontakt mit dem damaligen Fender CEO Larry Thomas, der ihn überredete – obwohl er drei Monate einen Gips tragen musste – den Fender/Guild-Custom-Shop für Akustik-Gitarren in New Hartford zu übernehmen. Dort wirkte er drei Jahre lang, bis Guild verkauft wurde.

Über all die Jahre hatte Ren Ferguson Kontakte zum Pickup-Hersteller Joe Marinic von Shadow gehabt, der viele Gibson- und Epiphone-Gitarren mit Tonabnehmern ausgestattet hat. Joe baute gerade eine hypermoderne Fabrik in China und konnte Ren als Partner gewinnen, der mit Joe zusammen diese Fertigungsanlage konzipierte und umsetzte. Heute ist Ren 74 Jahre alt, und der Ruhestand ist immer noch nicht in Sicht.

Auf der Musikmesse 2019 führte ich ein Interview mit Ren mit dem Thema „American guitar master craftsman goes east – Knowing the past, building the future“. Ren ist nicht nur eine guter Gitarrenbauer, sondern auch ein humorvoller Erzähler.


(erschienen in Gitarre & Bass 08/2020)

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