Schweizer Messer meets Gangschaltung

Test: Genzler re/Q & 4 On The Floor

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(Bild: Dieter Stork)

Jeff Genzler ist, das werden manche wissen, der Mann hinter Genz Benz, einer Firma, die sich früh den kleinen und leichten Class-D-Amps widmete und sehr erfolgreich war, bis Fender sie aufkaufte und bald darauf einstellte. Jetzt ist Jeff auch schon seit einigen Jahren mit Genzler Amplification am Start. Mit dem früher schon für Genz Benz tätigen und mittlerweile regulär bei Mesa Engineering in Lohn und Brot stehendem Andy Field zusammen kramte er alte Ideen wieder vor.

Die ersten Ergebnisse dieser wieder erwachten Kollaboration sind diese beiden Bass-Pedale – ein Verzerrer für Leute, die Verzerrer sonst eher meiden, und ein groß geratener Equalizer mit gut ausgesuchten Features.

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ALLROUNDER

(Bild: Dieter Stork)

Hm, ich höre schon die Frage: Das re/Q-Dual-Function-EQ-Pedal ist aber gar nicht mal so klein! Warum sollte ich mir das aufs Board schnallen? Nun, vielleicht weil es einfach einen sehr guten Job macht! Aber der Reihe nach … Der erste Eindruck direkt aus dem Karton ist, dass das Pedal dank seines Alugehäuses im Vergleich sehr leicht ist. Trotzdem lässt es an Robustheit nichts zu wünschen übrig.

Im Styling passt es in seiner Nüchternheit gut zum gesamten Firmenportfolio, die Beschriftung ist gut ablesbar. Die Anschlüsse finden sich auf der Stirnseite: Mit Input, Output, und dem Netzanschluss gibt es nichts Geheimnisvolles zu entdecken – außer vielleicht, dass das Netzteil recht frei gewählt werden kann: zwischen 9 und 18 Volt muss es haben, die Polung ist egal. Praktisch! Ein Batteriebetrieb ist dagegen nicht vorgesehen.

Beide Geräte haben dieselben Anschlüsse: In, Out & Netz. (Bild: Dieter Stork)

Die beiden soliden Fußschalter bringen einerseits rechts den EQ, andererseits links die Filter ins Spiel, beides im Off-Zustand mit True Bypass. Statt einer zweifarbigen LED oder einer, die mit dem Effekt an- oder ausgeht, hat hier jede Funktion eine separate LED für Bypass und Active. Ungewöhnlich, aber gut ablesbar.

Der Equalizer hat fünf Bänder zu bieten: 90 Hz im Bass, 250, 630 und 1300 Hz in den Mitten, und 2,6 kHz in den Höhen. Jedes Band kann mit 12 dB angehoben oder abgesenkt werden, um eventuelle Pegelunterschiede auszugleichen (oder einen bewussten Lautstärkeunterschied zu erzeugen) gibt es noch einen Output-Level-Regler mit plus/minus 9 dB. Die Filtersektion ist ganz schlicht mit einem Lowpass und einem Highpass ausgestattet. Der HPF ist zwischen 30 Hz und 200 Hz einstellbar, der LPF zwischen 1 kHz und 14 kHz.

Im Betrieb macht sich das Pedal erstmal mit großer Laufruhe bemerkbar, schon mal sehr gut! Anfänglich irritieren mich die Equalizer-Potis mit ihrer fehlenden neutralen Mittenraste, aber der EQ ist ja komplett aus dem Signalweg zu schalten, und wenn er an ist, will ich doch auch was hören davon.

Meistens sind EQs so ausgelegt, dass die Mittenregler mit Glockencharakteristik, die äußeren Bänder dagegen als Kuhschwanz ausgelegt sind. Heißt übersetzt, dass in den Mitten ein konkreter Bereich bearbeitet wird, in Bässen und Höhen dagegen nach unten resp. oben breitbandig offen. Das hat sich bewährt und ist keinesfalls verwerflich, Genzler geht aber einen anderen Weg und lässt auch die Außenbereiche als Glocke arbeiten. Damit wird vor allem der Bass konkreter, ohne dass dem Ton seine Natürlichkeit abhandenkommt.

Überhaupt ist die Abstimmung der Regler sehr, sehr durchdacht und musikalisch, man merkt die lange Erfahrung der beiden Protagonisten. Auch der auf dem Papier für meinen Geschmack recht tief, und dann auch noch nicht als Kuhschwanz, ansetzende Höhenregler macht real seinen Job sehr gut und öffnet den Ton. In den Mitten bestätigt sich das gute Gefühl, das ich beim Lesen der Specs hatte – jeder Regler sitzt für mich perfekt. Bemerkenswert, wie Anhebungen in den Mitten den Ton selbst in höheren Lagen noch mit anfetten. Mit einem universell einsetzbaren Bass wie einem passiven Jazz Bass und diesem Pedal kann so eine Menge abgedeckt werden. Und wir sind ja noch nicht fertig!

Die Filter können einzeln oder gemeinsam genutzt werden, aber nur zusammen geschaltet werden. In milderen Settings kann der Bassbereich schön aufgeräumt werden, was im Bandkontext Wunder wirken kann und gleichzeitig die Bassanlage entlastet, während die Höhen fast wie mit einer passiven Tonblende bedämpft werden – aber mit einem Fußtritt schaltbar. Extremere Einstellungen gehen im Höhenbereich für mich sehr gut, im Bass geht irgendwann zu viel Druck flöten. EQ und Filter können aber auch kombiniert werden, ein satter Boost bei 90 Hz mit einem Cut bei ca. 80 Hz bringt einen Punch zum Niederknien. Da kommt Freude auf!

Egal, wie ich das Pedal einsetze, mit zwei schaltbaren Einstellungen oder einer Kombination aus Filter plus EQ, es fühlt sich immer richtig an und klingt immer gut. Das ist schon bemerkenswert. Einzig beide gleichzeitig aus dem Signalweg zu nehmen ist praktisch unmöglich, beide Fußschalter auf einmal zu bedienen würde zwangsläufig die Regler in Mitleidenschaft ziehen.

UN-VERZERRER?

(Bild: Dieter Stork)

Der 4 On The Floor Overdrive kommt in einem etwas kleineren Format daher, die Anschlüsse sind die gleichen. Hier gibt es nur einen Fußschalter, der den Effekt an- oder ausschaltet, auch hier wieder mit zwei LEDs für Bypass und Active gekoppelt. Bisschen witzig, aber jetzt kenne ich das ja schon. Ebenfalls bekannt ist die Filter-Sektion, die mit den gleichen Werten vertreten ist. Drive steuert die Verzerrung, die Lautstärke des verzerrten Signals stellt Drive Volume ein. Clean Volume ist selbsterklärend …

Rechts davon ist die „Gangschaltung“, passend mit Gear beschriftet. Wie im alten Mustang gibt es vier Gänge, die Zerr-Intensität und ihren Charakter einstellen, gekoppelt mit dem Schalter ganz links, der Low- oder High-Drive vorwählt. Der darf bei den meisten Bässen getrost auf High stehenbleiben, der Drive-Regler hat einen weiten und gleichmäßigen Regelweg. Filter und Clean mal außen vor gelassen, geht es im ersten Gang mit einem Sound los, der in Maximalstellung an einen leicht gestressten Röhren-Amp erinnert.

Mehr Gain und Kompression plus unterschiedlich akzentuierte Obertöne gibt es in den nächsten beiden Gängen, bis wir im Vierten mit Vollgas in fuzzigen Bereichen landen, wobei aber beide immer zahmer bleiben als zum Beispiel ein Big Muff. Im Gegensatz zum EQ ist die Filterschaltung nicht separat zu nutzen, sondern bei eingeschaltetem Pedal immer aktiv. In den Extremstellungen der Regler sind sie quasi aus, bringt man sie ins Spiel wird ausschließlich der Drivesound beeinflusst und kann so maßgeschneidert werden. Der Highpass sitzt dabei vor, der Lowpass hinter dem Drive. Von weit offen über extrem warm bis schneidend reichen die Ergebnisse, die für sich gehört nicht mehr alle nutzbar sind.

Aber keine Bange – es gibt ja noch den Clean-Regler. Mit dem wird das reine Fullrange-Signal wieder dazugegeben und ermöglicht so eine breite Palette an Sounds. Je nach Gewichtung ist die Zerre so subtil einzustellen, dass das 4 On The Floor das perfekte Pedal für alle ist, die um Basszerrer sonst einen Bogen machen. Erstaunlich, wie gut leicht angerauhtes Kratzen im Band-Kontext klingt und je nach Filterstellung und angewähltem Gang den Bass satter im Band-Sound platziert oder mit harmonischen Obertönen nach vorne holt. Auch ohne weitere Klangregelung gibt es da vieles zu entdecken!

Und wenn doch mehr EQ gewünscht wird, gibt es ja noch die Luxuslösung, einfach beide Pedale gemeinsam zu verwenden. Die für ein Drivepedal lobenswerte Nebengeräuscharmut macht es möglich, den re/Q vor oder hinter dem 4 On The Floor zu betreiben, ohne dass irgendwelches Rauschen „gestackt“ wird. Davor nimmt der EQ Einfluss auf Klang und Gain-Struktur gleichermaßen, dahinter kann der fertige Sound noch verfeinert werden. Beide Wege führen nach Rom, einfach ausprobieren, was persönlich besser gefällt! Oder noch ein re/Q vor dem 4 On The Floor … ? Man wird ja noch träumen dürfen …

(Bild: Dieter Stork)

RESÜMEE

Feine Pedale hat Genzler da am Start! Bassverzerrer gibt es wie Sand am Meer, für jeden Geschmack was dabei, und trotzdem findet der 4 On The Floor seine Nische. Eher – aber nicht nur – im Low Gain unterwegs und tatsächlich ein Anspieltipp für alle, die um Zerrer bislang einen Bogen gemacht haben. Reine Equalizer-Pedale gibt es für den Bass dagegen erstaunlich wenig. Seinen Auftrag erfüllt der re/Q mit Bravour, seine duale Funktion macht ihn sehr flexibel. Seine musikalische Abstimmung macht ihn zu einer gutklingenden Ergänzung vor dem Amp oder dem Interface. Ich bin gespannt, was das neue alte Team noch an Ideen in Petto hat!

PLUS

● Sound-Möglichkeiten
● EQ-Frequenzen re/Q
● Auswahl Zerrsounds 4OTF
● stabile Bauweise
● Nebengeräuschverhalten
● Filter

(erschienen in Gitarre & Bass 07/2022)

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