Produkt: Gitarre & Bass 6/2019 Digital
Gitarre & Bass 6/2019 Digital
Neoclassical Bluesrock: Yngwie Malmsteen+++Strat, Style, Strings, Sound: Jimmie Vaughan+++Glam-Metal 2019: Steel Panther+++Auf langer Abschieds-Tour: Rickey Medlocke & Lynyrd Skynyrd
Von drauß‘ vom Walde

Test: ESP LTD F-204 und F-1004 Deluxe

(Bild: Tom Schäfer)

Vor 45 Jahren gegründet, ist ESP seit Mitte der 80er eine DER Marken im Metal, wo die Instrumente gerne etwas auffälliger und aggressiver sein dürfen. Da gab bzw. gibt es dann die üblichen Verdächtigen mit zackigen, ausladenden Formen, und die subtilen, wie die F-Serie mit ihrer charakteristischen, einem düsteren Märchenwald entsprungenen Korpusform.

Die Reihe ist auch schon seit ein paar Jahren im Programm und hat dieses Jahr mal wieder eine Überarbeitung erfahren. Während die Veränderungen beim günstigeren Modell in Details liegen, ist die Deluxe-Variante komplett neu – und hat das Zeug zum echten Hit.

Anzeige

F FÜR FOREST

Mattschwarz kommt er daher, der LTD F-204, mit passend lackierter Kopfplatte. Das ist aufwendiger als normal, da der Headstock keine Kante hat, sondern nach hinten verrundet ist. Das hat LTD aber sauber hinbekommen!

Der Korpus mit seinem Mix aus Rundungen und Kanten ist aus Mahagoni, der geschraubte Hals besteht aus drei Ahornstreifen, die mit zwei Lagen Jatoba gesperrt sind, einem Holz, das vom mittleren Südamerika bis ins südliche und westliche Mexiko vorkommt. In gerösteter Form findet es sich als Griffbrettholz, was den Ton von einem hellrötlichen Braun zu „Ich-kann-nicht-glauben-dass-es-kein-Palisander-ist“ dunkelt. Die Kopfplatte ist nach hinten abgewinkelt und kommt ohne Saiten-Niederhalter aus, die schwarzen LTD-Mechaniken sind 2-links-2-rechts montiert.

(Bild: Tom Schäfer)

Im Griffbrett finden sich 24 Extrajumbo-Bünde und wunderschöne, dunkelblaue Punkteinlagen, die zwar wenig bei der Orientierung helfen werden, aber toll aussehen. Das meine ich durchaus ohne Ironie, denn mir sind die Punkte in der Flanke immer wichtiger, und da gibt es an den weißen Lagenmarkierungen nichts auszusetzen. Eingeschraubt ist der Hals mit vier Schrauben ohne Platte, und zwar so, dass der Zugang zu den obersten Lagen nicht beeinträchtigt ist.

Die Brücke läuft unter BB-604 und lässt die Einstellung von Saitenhöhe und Oktave zu, die Saiten (hier D‘Addario EXL165, 45-105) können einfach eingehängt werden. Konventionelle, große Gurtpins vervollständigen die Hardware. Die Abnahme des Tons besorgen zwei passive ESP-designte Soapbars, gekoppelt an ein Regelwerk mit Volume, Tone und Dreiband-EQ. Leider hat man – auch beim Deluxe Bass – die Madenschrauben der Potiknöpfe nicht genutzt, um die Stellung der Regler ablesbar zu machen – sie zeigen einfach irgendwo hin.

Der EQ und damit der F-204 ist immer aktiv, ohne Batterie geht nix, das Fach auf der Rückseite ist mit zwei Schrauben schnell geöffnet. An den Amp geht es aus der Zarge in der hinteren unteren Rundung, wo die Buchse auf einem ovalen Metallplättchen sitzt.

(Bild: Tom Schäfer)

Obwohl der F-1004 exakt identische Formen hat, wirkt es auf mich so, als wäre der F-204 unscharf und das teurere Schwestermodell in 4k. Ich vermute, das hat mit der Hochglanzlackierung zu tun, die den Bass anders rüberkommen lässt. Auch sonst gibt es Unterschiede: Der Korpus besteht wieder aus Mahagoni, hat aber eine Decke aus geflammtem Ahorn. Da die natürlich auch zu sehen sein soll, ist die Lackierung durchscheinend. Eigentlich ist es transparent schwarz, je nach Licht kommt das aber auch mal (sehr) dunkelgrün rüber.

Der Hals ist wieder fünfstreifig, diesmal werden die drei Ahornlagen mit Purple Heart gesperrt, und beim 1004 ist er durchgehend, und zwar so, dass man das von vorne dank der geschlossenen Decke nicht sieht. Die Vorderseite der Kopfplatte ist hochglänzend lackiert, die Halsrückseite dagegen hat man vom Lack befreit und matt belassen, was extrem sauber ausgeführt wurde. Auch hier ist der Hochglanzlack über die Headstock-Vorderseite bis zur Hälfte der Dicke nach hinten gezogen – sauberste Handarbeit!

Das wiederum mit 24 Bünden, diesmal aus Edelstahl, bestückte Griffbrett ist aus Makassar-Ebenholz, die Ein lagen aus Abalone. Die Hipshot-A-Style-Brücke kann in Höhe, Saitenabstand und Oktavreinheit justiert werden, auch hier sind die D‘Addarios von oben eingehängt. Große Pins halten auch hier den Gurt sicher.

Die elektrische Ausstattung ist eine deutlich andere. Fishman Fluence Soapbars sind eingebaut, die mit der folgenden Fishman-Schaltung sehr flexibel geschaltet werden können. Per Push/Pull im Volume-Regler ist eine Coilsplitting schaltbar, außerdem wählt der Minischalter noch drei verschiedene Klangfarben vor, die per Balance-Regler und Zweiband-EQ weiter abgestimmt werden können.

Auch der F-1004 ist permanent aktiv, die im rückseitigen Fach befindliche Batterie sollte also von Zeit zu Zeit gecheckt und gegebenen-falls getauscht werden. Bei der Deluxe-Version ist die Abdeckung mit Gewindeschrauben befestigt, da leiert also nichts aus. So toll passgenaue Fertigung ist, hier sitzt der Deckel so fest, dass man ihn ohne Tricks nicht herausbekommt. Ich empfehle einen Saugnapf, wie man ihn manchmal zum Wechsel von Leuchtmitteln braucht …

Matter Hals trifft Hochglanz-Korpus: Der ESP LTD F-1004 (Bild: Tom Schäfer)

VIEL MEHR ALS METAL

Meistens spiele ich Testbässe erstmal im Sitzen an, und ich kann nur sagen: Autsch! Wenn man nicht gerade eine dicke, vegane Lederhose anhat, drückt sich das untere Horn unangenehm in den Oberschenkel. Da nehmen sich die beiden Probanden auch nix, die fiese Kante hat die gesamte Reihe. Am Gurt im Stehen wandelt sich das Bild dann komplett. Beide hängen stabil ohne die geringste Spur von Kopflastigkeit und sind wahnsinnig bequem.

Beide musste ich noch einstellen, was aber a) normal ist bei der zum Test grad hochsommerlichen Wetterlage und b) auch einfach zu bewerkstelligen ist. Der Zugang zum Halsstab ist nach dem Lösen einer Schraube freigelegt, die Brücken geben sich auch fluffig. Die Hipshot ist ja von bekannter Qualität, die ESP punktet mit guter Verrundung, auch bei wildester Action tut man sich nicht daran weh. Einen kleinen Hänger leistet sich der F-204, denn der Sattel ist vor allem bei E- und A-Saite nicht tief genug gekerbt. Ist nicht viel, aber an dieser Stelle machen Bruchteile von Millimetern den Unterschied. Müsste dann der Laden vor Ort ebenso wie die Einstellarbeit vor dem Verkauf machen.

Der F-204 beschert mir noch einen Uuups-Moment. Erstmal beglückt mich der Steg-Pickup mit einem harten Brett. Durchsetzungsstark und mit Zugabe am Bassregler auch in langsamen Passagen tragfähig. Bedächtig am Balance-Regler zum Hals übergeblendet, wird der Pickup immer leiser – und dann ist der Bass ganz aus. Äh.

Ein Blick unter die Haube zeigt eine gut sortierte Elektronik, deren Kabelwege etwas kürzer dürften, ein sauber gestecktes EQ-Modul, und eine kalte Lötstelle am Panpot. Die ist schnell behoben, und das ist auch gut so, denn der Hals-Pickup solo wie die Kombination mit dem Steg-Kollegen kommen gut! Der Ton bleibt immer ziemlich stramm, Resultat auch der längeren 35″-Mensur, die beim Spielen kaum zu merken ist, aber Downtunings sehr gut umsetzt. Ein Ganzton ist mit den Werkssaiten kein Problem.

Ebenfalls bemerkenswert: den EQ darf man ruhig mit dem gesamten Regelweg nutzen. Selbst wenn die Bässe und die Mitten komplett raus, die Höhen komplett reingedreht werden, muss ich natürlich am Amp die Lautstärke nachregeln, es kommt aber kein Schrott aus den Boxen.

Fasst sich der Hals beim F-204 schon gut an mit seiner spielfreundlichen Mattlackierung, merkt man beim F-1004 sofort, dass er eine Klasse höher spielt. Auch die Bundierung, die schon beim günstigeren Modell quasi perfekt ist und schnarrfreies Spiel durch alle Lagen zulässt, ist an den Bundenden noch einen Tacken besser verrundet. Der durchgehende Hals ermöglicht einen noch entspannteren Zugang zu den höchsten Lagen.

Schon trocken hat der F-1004 mit seinem Ebenholzgriffbrett und den Edelstahlbünden glockige Obertöne und eine noch etwas zackigere Ansprache als der 204. Im Sustain sind beide praktisch ebenbürtig, was wiederum ein fetter Bonuspunkt für den kleinen Bruder ist. Am Amp trennen sich die Wege recht deutlich. Diesmal gibt es keine kalte Lötstelle, aber um den Output ausgewogen zu gestalten, muss der Steg-Tonabnehmer etwas höher. Eigentlich kein Thema, aber das federnde Material unter dem Pickup kommt an seine Grenzen und er gibt nach, wenn ich meinen Daumen abstützen will. Ist wirklich eher eine Kleinigkeit, da gibt es aber schönere Lösungen.

Dafür entschädigen dann Wiedergabe und Regelmöglichkeiten! Die Fishman Fluence sind anders aufgebaut als herkömmliche Pickups und versprechen mehrere „Stimmen“ aus einem Abnehmer, ohne die Kompromisse normaler Pickups. Und so sind dann per Push/ Pull und dem 3fach-Minischalter sechs Sounds möglich, die alle funktionieren, ohne die weiteren Regler auch nur angefasst zu haben.

Grundsätzlich kann so zwischen einem engeren Magnetfenster à la Jazz Bass und einem mittenmächtigeren, vollen Humbucker gewählt werden, wobei die Pickups jederzeit frei von Nebengeräuschen sind. Die erste Stellung am Voicing-Schalter beschreibt Fishman als „passiv“. Stimmt so halb, denn der aktive EQ ist weiter am Start, aber der Ton hat tatsächlich am ehesten den etwas rauhen Touch passiver Abnehmer.

Position 2 ist aktiv – und daran gibt es keine Zweifel! Geradezu pervers clean, was da aus der Anlage kommt! Grandios zum Slappen, aber auch mit Plektrum und gezupft, allerdings müssen im Band-Kontext eventuell die Mitten etwas nachgeschoben werden. In Stellung 3 bleiben etwas mehr Tiefmitten stehen, und in den Höhen verlagert sich der Schwerpunkt von den Brillanzen zu den Hochmitten, was dem F-1004 genau die richtige Durchsetzungsfähigkeit für Rock bis Metal verleiht.

Und dann kann der Ton ja noch mit dem gut arbeitenden EQ abgestimmt werden – wuchtige, aber nicht schwammige Bässe, brillante, aber nicht spitze Höhen – und am Balance-Regler stehen auch noch die üblichen Verschiebungen im Mittenbereich zur Wahl. Alles klingt vertraut und wie es soll, die Fluence-Abnehmer geben dem ganzen dabei aber eine eigene Note, die ich von anderen Tonabnehmern so nicht kenne. Für alle, denen die F-Form zu krass ist, würde ich mir wünschen, dass LTD bald eine neutralere Reihe so ausstattet, die Sounds sind einfach zu gut!

Matter Korpus und hauseigene Pickups beim F-204, Hochglanz und Fluence-Pickups beim F-1004 (Bild: Tom Schäfer)

RESÜMEE

Der F-204 ist ein guter Bass! Die Korpusform ist Geschmackssache, aber wenn man damit was anfangen kann, ist sie einfach cool. Die Bespielbarkeit ist besonders für einen Extralongscale-Bass sehr gut, die Ausstattung an Hardware und Elektrik grundsolide mit ebensolchen Klangergebnissen. Die kalte Lötstelle haken wir mal unter Montagsmodell ab. Der F-1004 dagegen … das ist ein Sahnestück, dem nur eine gute Tasche oder ein Koffer fehlt!

ESP/LTD hat einfach alle Details noch einmal überdacht, verfeinert und zugespitzt, sodass ein richtig edler Bass dabei herausgekommen ist. Die unglaublich gute Lackierarbeit (für die ESP schon in den 80ern bekannt war), die Hipshot-Brücke, die Fishman-Pickups samt Elektronik und weitere Details – alles mit edlen Zutaten auf den Punkt gebracht. Im Ergebnis ein besonderer Bass, der sich in jeglicher Hinsicht von der Masse abhebt. Optisch kompromisslos im Metal verhaftet, kann er sich klanglich überall hören lassen.

PLUS

● Sound
● Optik
● Verarbeitung
● Bespielbarkeit

MINUS

● F-1004 ohne Gigbag / Koffer

(erschienen in Gitarre & Bass 10/2020)

Produkt: Jack Bruce 1943 – 2014
Jack Bruce 1943 – 2014
Hol dir Interviews, Workshops & Test zu Jack Bruce!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte dich auch interessieren