Kleines Kraftpaket

Test: Electro-Harmonix Canyon Delay & Looper

EHX Canyon Delay
(Bild: Dieter Stork)

Wenn Electro-Harmonix ein Multi-Delay auf den Markt bringt, können wir sicher sein, dass wir es nicht mit einem gewöhnlichen Echo-Pedal zu tun bekommen werden.

Nein, für gewöhnliche 0815-Sounds steht EHX-Chef und -Gründer Mike Matthews nicht gerade. Dass das Canyon Delay mit eingebauter Loop-Funktion trotz seines simplen Aufbaus durchaus verrückte Sounds liefert, verwundert daher kein bisschen.

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ganz schön vielseitig

Schon beim Auspacken bin ich ein wenig überrascht. Statt des üblichen EHX-Designs im rustikalen Alu-Gehäuse-Look, finden wir hier ein weiß pulverbeschichtetes Pedal, mit hübscher Wild-West-Grafik in der Mitte. Das Canyon verfügt im Wesentlichen über drei Regler, welche mit den Bezeichnungen FX-Level, Delay und Feedback eigentlich recht selbsterklärend sind. Ein großer Drehknopf lässt nun zwischen immerhin elf Betriebsmodi wählen, wobei es sich hier um neun Delay-Sounds und zwei Loop-Settings handelt.

Mittig zwischen den Reglern finden wir zudem noch einen kleinen Taster mit der Bezeichnung Tap/Divide, welcher entweder für den rhythmischen Wert der Wiederholungen oder für die Belegung der internen Tap-Funktion zuständig ist – mehr dazu später. Neben der üblichen In- und Output-Buchse findet sich zudem ein Anschluss für ein separates Tap-Pedal, um die Geschwindigkeit der Wiederholungen auch extern steuern zu können.

Im Inneren unseres Testgerätes geht es in typischer EHX-Manier aufgeräumt und nüchtern zu – immer wieder beachtlich, was für einen erstaunlich hohen Standard die New Yorker angesichts ihrer moderaten Preise bieten. Ein kleiner Schieber lässt einen zwischen einem True-Bypass- und einem Trails-Modus, in welchem die Wiederholungen nach deaktivieren des Pedals ausklingen, wählen.

Eine interessante Besonderheit verbirgt sich hinter dem zunächst völlig normal wirkenden Soft-Style-Footswitch. Hiermit haben wir nämlich nicht nur die Möglichkeit das Pedal zu (de)aktivieren, sondern können außerdem die Geschwindigkeit der Wiederholungen tappen. Clever – so spart man sich einen weiteren Schalter und braucht zudem kein größeres Gehäuse.

Keine Sorge, wem diese Lösung zu fummelig ist, der kann dieses Feature ganz einfach deaktivieren indem er das Pedal vom Strom trennt, den Fußschalter gedrückt hält und nun das Netzteil wieder anschließt. Nun sollte die LED fünf Mal aufblinken und die Tap-Funktion deaktiviert sein. Bei all der tollen Ausstattung auf so wenig Raum darf natürlich der Sound des EHX Canyons nicht ins Hintertreffen geraten. Keine Sorge, die Jungs um Mike Matthews wissen was sie tun – und so kann man den Klang unseres Testgerätes nur mit „großartig“ beschreiben.

Das Echo Preset liefert ein weitestgehend ungefärbtes Delay-Signal, wobei der Sound hier ein wenig wärmer als bei manch anderem Digital-Delay ist. Im Mod-Setting finden wir ein schön modulierendes Echo, welches ein klein wenig an das Carbon Copy von MXR erinnert. Das erste richtig große Highlight des EHX Canyon ist definitiv der DMM-Sound. Fans dieses alten Klassikers haben es natürlich bereits erraten; hier geht es um das Deluxe-Memory-Man-Pedal, welches nicht zuletzt durch U2s The Edge zu einem enormen Bekanntheitsgrad gekommen ist. Dieses Setting gefällt, weil die leichte Modulation und die Wärme eines Analog-Delays hier toll simuliert werden und der Ton zudem einen recht eigenen Charakter aufweist.

Im Verb Modus haben wir es mit einer schönen Kombination aus Delay und Reverb zu tun, wobei man mit ganz zurückgedrehtem Feedback-Regler ein reines Reverb-Signal erhält. In diesem Preset ist es ratsam, mit dem Effektanteil etwas zu experimentieren, da der Sound schnell dazu neigt, matschig zu werden. Gerade bei etwas mehr Gain am Verstärker kann das problematisch sein.

Das Oct-Setting gehört dann zu den etwas eigenwilligeren Sounds – den Wiederholungen wird eine hohe Oktave hinzugefügt und man fühlt sich augenblicklich an das großartige EHX-POG-Pedal erinnert. Über den Secondary Knob Mode (siehe unten) kann sogar noch eine tiefe Oktave hinzugefügt werden, was den Sound noch ein wenig interessanter macht und fast schon Orgel-ähnliche Klänge ermöglicht.

Zu guter Letzt zeigt der Shim-Modus, dass das Canyon-Pedal auch für das ganz große Effekt-Feuerwerk ausgerüstet ist. Zugegeben: mit der klanglichen Qualität von Strymon oder Empress kann sich das Shimmer-Setting nicht messen – wir wollen allerdings nicht vergessen, über was für einen gewaltigen Preisunterschied wir bei diesen Pedalen sprechen.

Der Looper macht im Grunde genau das, was er soll, bietet sogar eine Undo-Redo-Funktion und gibt keinerlei Grund zur Klage. Mit 62 Sekunden Loop-Zeit ist unser Testpedal natürlich nicht vergleichbar mit den Flaggschiffen von TC Electronic oder auch DigiTech; für die allermeisten Anwendungen im Band-Kontext sollte die Zeit aber völlig ausreichen.

Als letztes sei hier noch das simple aber absolut tolle S/H-Preset (Sample and Hold) erwähnt. In diesem Modus wird von jedem gespielten Ton ein kurzer Loop erstellt, der sich erst ändert, wenn man einen neuen Ton spielt. Dabei regelt das Feedback-Poti die Empfindlichkeit, mit welcher das Pedal auf die Gitarre reagiert und den Loop anpasst. So lassen sich wunderbar gestotterte Sounds erzeugen, die stark an einen kaputten CD-Player oder eine verkratzte CD erinnern.

EHX Canyon Delay
(Bild: Dieter Stork)

secondary knob mode

Zunächst möchte man meinen, dass man alle Funktionen, die das EHX Canyon bietet, auf einen Blick erkennen kann. Angesichts des recht moderaten Preises liegt diese Vermutung durchaus nahe und schon mit den vier Reglern ist unser Testkandidat ja überaus vielseitig. EHX hat sich damit aber keineswegs zufrieden gegeben und das Canyon mit einer zweiten Regel-Ebene ausgestattet – dem Secondary Knob Mode. Hier können nun – je nach ausgewähltem Preset – unterschiedliche Parameter zusätzlich bedient werden. Dazu hält man den Tap/Divide-Button einfach eine Sekunde lang gedrückt und wartet auf das entsprechende Aufleuchten der LED – schwupps befindet man sich im Secondary Knob Mode.

Jetzt könnte man natürlich kritisieren, dass die Beschriftung der einzelnen Regler nicht erklärt, wofür ihre zweite Belegung zuständig ist. Da die Funktion des jeweiligen Potis in diesem zweiten Betriebsmodus aber in jedem Preset variiert, macht eine Beschriftung hier schlichtweg keinen Sinn. Ich rate hier dazu, einfach den Ohren zu vertrauen und im Zweifelsfall einen schnellen Blick in die Betriebsanleitung zu riskieren.

alternativen

Kompaktes Delay-Pedal mit super vielen Soundoptionen im kleinen Gehäuse-Format? Wer jetzt nicht automatisch an TC Electronics Hall of Fame Reverb denkt, hat die letzten Jahre unter einem Stein gelebt. Der moderne Klassiker der Dänen liefert, ähnlich wie das Canyon, eine irre Bandbreite an Sound-Presets und ist dank des Tone Print Editors natürlich noch etwas flexibler. Allerdings ist hier kein Looper im Pedal vorgesehen – ist einem diese Funktion ebenfalls wichtig, könnte das ebenfalls sehr gut klingende Boss DD7 (ebenfalls zu Recht ein moderner Klassiker) in Betracht gezogen werden.

resümee

Wer auf der Suche nach ganz viel Delay auf sehr wenig Platz ist, der sollte dem EHX Canyon unbedingt eine Chance geben. Vom warmen Analog-Delay über wunderschön und dezent modulierende Deluxe-Memory-Man-Sounds bis hin zu wirklich ziemlich schrägen Tönen wie dem Octave-Delay-Setting ist hier alles drin. Dazu gibt es außerdem noch einen toll funktionierenden Looper, die Möglichkeit ein externes Tap-Pedal anzuschließen sowie das wirklich interessante Sample/Hold-Preset, mit welchem sich toll experimentieren lässt. Angesichts der umfangreichen Ausstattung und des recht kleinen Preises bleibt mir nur noch, hier eine dringliche Antestempfehlung auszusprechen!

Vertrieb: www.ehx.com

Preis (Street): ca. € 155

EHX Canyon Delay

[4415]

(erschienen in Gitarre & Bass 04/2018)

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Wir haben fast alle nicht unter einem Stein gelebt und lesen deswegen einfach drüber weg weil wir ja wissen das du das BLAUE und nicht das ROTE Substitut von TC Electronic meinst, woll!?

    TC Electronics Hall of Fame Reverb? Nein Christian, es ist das Flashback.

    Deinen Artikel finde ich sehr gut, der Faux-Pas auf dem letzten Meter… drauf gesch…..

    Beste Grüße
    Rock On!

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