Produkt: Gitarre & Bass Digital 11/2018
Gitarre & Bass Digital 11/2018
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Schwedisches Eisenschwein

Test: EBS 802

(Bild: Dieter Stork)

Edel sei der Bass-Amp, klein, leicht und tragbar! Das neue EBS-Flaggschiff geht in die entgegengesetzte Richtung – ordentlich Leistung, aber aus traditioneller Technik mit entsprechender Größe und Gewicht.

DER SCHWEDISCHE WEG

Neben einem für heutige Verhältnisse ordentlichen Gewicht gönnt sich der prosaisch betitelte EBS 802 auch mehr Platz – definitiv nix fürs Gigbag … einen guten Teil der 14 kg, die der Amp auf die Waage bringt, hat das Stahlgehäuse zu verantworten. Ordentliche Materialstärke sorgt dafür, dass das Ganze auch ohne Case verwindungssteif ist. Mit den Rack-Ohren sind zwei Griffe montiert, die angenehm glatt und trotzdem sicher anzupacken sind. Nebenbei schützen sie noch die Regler: Man kann den 802 auf die Frontplatte stellen, ohne dass etwas kaputtgeht. Auch dicke Gummifüße unten und kleinere hinten zeugen von Praxisnähe. EBS hätte den 802 sicher flacher bauen können als die 3 HE, dafür ist so aber eine gute Luftzirkulation sichergestellt.

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Außerdem ermöglicht das Format eine übersichtliche Frontplatte, obwohl es reichlich zu regeln und zu schalten gibt. Neben der Eingangsbuchse kann mit zwei Boost-Schaltern für Lo und Hi eine erste Klangeinstellung vorgenommen werden. Danach folgt der Gain-Regler samt LED-Peak-Anzeige. Comp/Limit stellt den Kompressionsgrad ein, je weiter aufgedreht wird, desto mehr wird das Signal glattgebügelt. Alle weiteren Parameter wie Attack und Release werden automatisch festgelegt. Die Klangregelung ist üppig ausgelegt und umfasst sieben Potis und zwei Schalter.

Damit sie überhaupt greift, muss sie erstmal mit Filter Active angeschaltet werden, auch hier sorgt eine LED für die optische Kontrolle. Der Bassregler hat wie alle Potis des Vierband-EQs einen Hub von ca. +/-16 dB und kann per Minischalter auf 60, 80, und 100 Hz eingestellt werden. Die Mittenregler sind semiparametrisch, Lo Mid arbeitet zwischen 95 Hz und 3 kHz, Hi Mid eine gute Oktave darüber mit 200 Hz bis 7 kHz. Auch der Höhenbereich kann mit zwei Potis bearbeitet werden. Treble ist schaltbar auf 5,5 oder 8 kHz, während Bright per Hochpass rauscharme Brillanz von linear bis +24 dB zuregeln soll.

Der Sättigungsgrad einer Röhrensimulation kann von völlig clean bis ordentlich zerrig am Drive-Poti eingestellt werden, während Volume wenig überraschend die letztliche Lautstärke vorgibt. Power setzt den Amp unter Strom, Standby versetzt ihn in den Betriebszustand. Standby? Gibt es hier Röhren? Nein: Kein einziger Glühkolben versteckt sich in diesem Amp, aber Standby klingt charmanter als Mute, oder? Ein kurzer Blick unter die Haube, bevor es auf der Rückseite weitergeht, zeigt einen fetten Ringkerntrafo, große Netzelkos, und eine ganze Batterie Endstufentransistoren, die in Reih und Glied an einem Kühlkörper montiert sind.

Üppig dimensionierter Ringkern-Trafo. (Bild: Dieter Stork)

An den Anschlüssen achtern hat EBS nicht gespart. Netzanschluss erfolgt wie üblich per KGS-Kabel, für die Verkabelung der Boxen sind zwei Speakon-Buchsen vorgesehen. Am Tuner Out kann ein ebensolcher fest verkabelt werden. Line Out gibt das Signal inklusive aller Bearbeitungen abhängig vom Volume-Regler aus und umfasst damit auch im Bodentreter-tauglichen Effektweg eingeschleifte Effekte, deren Send- und Return-Buchsen hinter der Drive-Schaltung, aber vor dem Volume liegen.

An zwei Remote-Buchsen kann je ein Doppelfußschalter angeschlossen werden, geschaltet werden können dann Hi/Lo-Boost (je nachdem, was gedrückt ist), EQ an/aus, Drive an/aus und Mute. Nimmt man als Fußschalter den optionalen EBS RM-4, werden einem die Schaltzustände gleich optisch angezeigt. Während die meisten Bass-Amps eine Pre/Post-Umschaltung für den DI-Ausgang haben, wartet der 802 direkt mit zwei XLR-Buchsen auf. Eine ist permanent Pre und liegt noch vor dem Gain-Regler, eine ist Post geschaltet und nimmt das Signal nach dem Effektweg, aber vor dem Volume-Regler ab – da freut sich der Mischer!

Rückseite mit reichlich Anschlüssen. (Bild: Dieter Stork)

Seine Freude noch steigern könnten der Ground-Lift-Schalter wider die widerliche Brummschleife, und die schaltbare Speaker-Simulation für den Post-Ausgang, der mit dem Klang einer per Mikro abgenommenen Box aufwarten soll.

DAS GEWISSE ETWAS

Klar, dass ein Verstärker wie der EBS 802 auch die passende(n) Box(en) braucht, um anständig abliefern zu können. Im Manual finden sich auch gleich einige Vorschläge inklusive einiger No-Gos, die die Leistung einfach nicht verdauen könnten. Minimum wäre dann die Neo 210 in 8 Ohm, die 500 Watt verdauen kann, wobei ich eher eine 4×10 oder größer unterstellen würde. Immerhin läuft der 802 auch an 2 Ohm, und kann zum Beispiel zwei 4×10er antreiben. Oder vier. Oder zwei 8×10er …

Das erste, was auffällt, nachdem ich adäquate Lautsprecherfläche an den EBS gehängt habe, ist die herrliche Stille. Der Lüfter springt erst an, wenn es dem Amp warm wird, erstmal reicht die passive Lüftung völlig aus. Überhaupt ist die Nebengeräuschentwicklung sagenhaft niedrig, was für die Qualität der Bauteile spricht! Der Grundsound ohne weitere Beeinflussung ist sauber und rund – das kann man eigentlich schon so stehen lassen.

Um den Klang jetzt seinen Vorstellungen, der Bühne, dem Bass, der Band anzupassen, gibt es reichlich Möglichkeiten. Der Lo Boost bringt dickes Fundament, Hi klare Höhen, zusammen ergibt sich ein Preshape, was zum Beispiel einen passiven Jazz Bass ordentlich nach vorne bringt. Der Kompressor macht den Ton schon hörbar dicker, bevor die blaue LED anspricht. Weit aufgedreht bekommt ein Fretless Bass massives Sustain, bis der High Dynamics Linear Bass Amp schließlich jegliche Dynamik aufgibt. Das will ja niemand, schon leicht aufgedreht erfreut der resultierende Punch.

Wie der Regler anspricht, hängt auch vom EQ ab, denn anders als die Frontplatte vermuten lässt, liegt dieser vor dem Kompressor. Bass- und Höhenregler arbeiten sehr schön harmonisch, in der Tiefe kann man den Druckpunkt passend wählen, in der Höhe kann man bestimmen, ob mehr oder weniger Hochmitten mitgenommen werden. Die beiden Mittenregler selbst sind so angelegt, dass sie bis zum Bass-EQ runter- und bis zum Höhen-EQ hochreichen, und sich dabei in weiten Teilen noch überschneiden. Damit lässt sich so ziemlich jeder Klang maßschneidern, Anhebungen wie Absenkungen bringen beste Ergebnisse.

Mein Star in der Klangregelung ist das Bright-Poti. Nicht nur, dass es wirklich sehr, sehr rauscharm ist, dazu kann ich damit noch feine Brillanz und edelbassiges Lispeln stufenlos zugeben. Liegt vom Ansatz deutlich höher als der Höhenregler und ist so viel praktischer als nur ein Bright-Schalter. Sein Signal zieht Bright vor dem restlichen EQ, auch bei abgesenktem Treble-Poti können Höhen wieder zugefügt werden – da tun sich sehr interessante Möglichkeiten auf!

Ein weiteres nützliches Feature ist es, den gesamten EQ ausschalten zu können. Das macht es neben der Mittelrastung in der Neutralstellung der entsprechenden Potis leicht, entweder mit dem ganz puren Klang zu spielen, oder seine Einstellungen mit dem neutralen Signal zu vergleichen.

EBS ist bekannt und beliebt für seine Bass-Verzerrer, entsprechend viel Spaß macht es, Drive aufzudrehen. Am Ende wird es für meinen Geschmack etwas zu fuzzy, aber gerade die erste Hälfte des Regelwegs – immer abhängig von Gain, EQ und Kompressor – auf der der Ton zuerst nur dicker wird, ohne hörbar zu zerren, um dann mehr und mehr anzufangen zu knurren, ist einfach herrlich! Per Fußschalter ist schnell gewechselt zwischen völlig klar und deftig rockend, in einem gewissen Rahmen klappt auch die versprochene automatische Angleichung der Lautstärke.

Apropos Lautstärke … Ja. Ist vorhanden. Von der Lautheit mögen viele Klein&Leicht-Amps mithalten können, aber der EBS 802 macht klar, was man bei aller Bequemlichkeit manchmal vermisst. Der Ton ist einfach griffiger, konkreter und hat eben die versprochene hohe Dynamik. Nie kommt das Gefühl auf, dem Amp würde die Luft ausgehen, Punch und Attack bleiben bis in hohe Lautstärken quicklebendig. Damit fühlt man sich auch auf großen Bühnen wohl. Der FOH-Mischer wird dankbar sein für die beiden DIs. Pre gibt einfach den Bass direkt und sauber weiter, Post dann mit allen Einstellungen und allem, was man während des Spiels so schaltet.

Klingt bombastisch gut, würde ich auch zu Aufnahmezwecken im Studio nicht verachten! Die schaltbare Speaker-Simulation beschert den einzigen Geht-So-Moment des Tests, da hätte ich mir mehr erhofft. Schon ohne klingt es über die PA oder ins Interface gut, auch mit Zerre. Die emulierte Mikrofonabnahme einer Box nimmt ein wenig die Höhen raus, klingt etwas flacher als vorher, und bietet zumindest für meinen Geschmack keinen Mehrwert. Schadet dem Gesamteindruck aber kein bisschen, da sie meiner Meinung nach auch nicht unbedingt nötig wäre.

Bonuspunkte gibt es noch für die gute Ablesbarkeit aller Beschriftungen und Schalterstellungen, und alle Leuchtanzeigen, die deutlich sind, aber nicht blenden, wie ich das von anderen aktuellen Amps teilweise kenne. Sehr gut gelöst!

(Bild: Dieter Stork)

RESÜMEE

„Mission Flaggschiff“ erfolgreich abgeschlossen, würde ich sagen. Mit knapp € 2500 Ladenpreis ist der EBS 802 sicherlich kein Schnäppchen, aber das ist eben der Preis, den man für schwedische Wertarbeit hinlegen muss. Dafür ist er mit umfangreichen Features, aber ohne Schnickschnack ausgestattet. Er ist gewichtiger als die aktuellen Ultraleichten (die EBS auch im Angebot hat), aber trotzdem tragbar, und der griffige, packende Klang des EBS 802 spricht für sich.

Die versprochene hohe Dynamik setzt er auch auf großen Bühnen um. Das Top wird seinen Weg in diverse Profi-Racks finden, da bin ich mir sicher. Wer die Gelegenheit zum Test hat, sollte das unbedingt tun, man könnte seine Neigung zu leichteren Amps nochmal überdenken … Zumindest könnte dir der EBS 802 ein Lächeln aufs Gesicht zaubern.

PLUS

  • Sound
  • Klangformung
  • Wiedergabe
  • solide Bauweise

MINUS

  • Speaker-Simulation

(erschienen in Gitarre & Bass 08/2020)

Produkt: Gitarre & Bass 8/2019 Digital
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