Produkt: Gitarre & Bass 12/2019
Gitarre & Bass 12/2019
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Hallinator mit Extras

Test: Earthquaker Devices Afterneath V3

(Bild: Dieter Stork)

Auf der Suche nach einem Raumerzeuger der etwas anderen Art? In der dritten Generation liefert das vor allem bei Ambient-Fans beliebte Afterneath-Pedal zahlreiche neue Features, die es noch ein gutes Stück vielseitiger machen. Zu verdanken haben wir Gitarristen dieses Update einem Synthesizer-Modul.

Es gibt zwar deutlich weniger Hallpedale als Zerreinheiten, dennoch ist auch auf diesem Feld die Auswahl groß. Und doch nimmt Earthquakers Afterneath hier eine besondere Position ein, denn es ermöglicht mit bislang sechs Zugriffsmöglichkeiten sehr eindringliche Zugriffsoptionen und richtet sich damit an Gitarristen und andere Musiker, die mehr suchen als die Simulation eines Federhalls im Pedalformat. Und zwar deutlich mehr. Mit seinen Sounds und Specs hat sich das Pedal vor allem bei Freunden von Ambient-Klängen einen sehr guten Namen gemacht.

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Für Firmenchef Jamie Stillman allerdings kein Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Für die Weiterentwicklung nutzte er auch das Interesse seiner Belegschaft für Synthesizer und deren Möglichkeiten. Nachdem die Company aus Akron im US-Bundesstaat Ohio das Afterneath mit erweiterten Features als Eurorack-Modul auf den Markt gebracht hatte, wurde schnell der Gedanke laut, einige der Specs in eine zukünftige Pedalversion zu integrieren. Aber der Reihe nach …

DICKES UPDATE

Earthquaker Devices bezeichnet das Afterneath sehr blumig als „Enhanced Otherworldly Reverberator“, es geht also schon von der Bezeichnung her über ein übliches Reverb-Pedal hinaus. Und dieser Zweitname ist Programm: Der Digitaltreter erschafft eine breite Palette an Reflektionssounds, die von eher klassischen Raumsimulationen bis hin zu Pitch-Shifting-artigen Effektsounds reichen. Die sechs Haupt-Potis waren so bereits auf dem Vorgänger zu finden, wurden allerdings in ihrer Anordnung leicht modifiziert. Die Reihung beginnt oben links mit „Length“, welches die Verfallszeit das Halls regelt, rechts daneben steuert „Diffuse“ die Hallverteilung – links klingt der Effekt eher spritzig und konzentriert, per Rechtsdrehung wird er Stück für Stück verwaschener und der Reglerbezeichnung entsprechend diffuser.

„Dampen“ kontrolliert den Höhenanteil des Effektsignals, mit zunehmender Position erklingt er dumpfer und weicher, ganz rechts ist die Bedämpfung am stärksten. In der unteren Reihe sitzt rechts der Mix-Regler, der das Verhältnis von Original- und Effektsignal steuert. Zugedreht ertönt nur das Original, bei Rechtsanschlag ist der Effekt am dominantesten; aber auch hier wird das Ursprungssignal nicht vollends ausgeblendet.

Die Plätze getauscht haben im Vergleich zum V2-Vorgänger die Potis für „Drag“ und „Reflect“. Letzteres sitzt nun auf der linken Seite und kontrolliert die Effektintensität bis hin zur Selbstoszillation. Der außergewöhnlichste Regler ist wohl „Drag“, das einerseits die Reflektionen bündelt und dabei die Wahl zwischen kurzen Mehrfach-Echos bei Linksanschlag und einem eher konventionellen Hallsound in Rechtsposition ermöglicht.

Interessant ist aber vor allem, was passiert, wenn man dieses Poti während des Effekts dreht, denn dann ändert sich die Tonhöhe des Signals. Diese beliebte Funktion führte auf Kundenseite zur Bitte, „Drag“ via Expression Pedal regeln zu können. Alternativ lässt sich dies übrigens auch via CV (Control Voltage – Spannung, die Parameter bei Synthesizern steuert) erledigen. Auch hier wurde also ein Feature des Afterneath-Moduls integriert.

Der Wunsch nach dieser Option hat bei Stillman und seinen Entwickler-Kollegen offensichtlich weitere Ideen getriggert, denn neben der stufenlosen Tonhöhenverschiebung des V2 hat Earthquaker Devices seinem Pedal acht weitere Optionen implantiert, die über einen kleinen Regler namens „Mode“ unterhalb des „Drag“- Potis angewählt werden können und dessen Zugriffsoptionen entsprechend anpassen. Dieser ist zwar leider nicht gerastert, doch eine Farbveränderung der PowerLED zeigt den jeweiligen Betriebszustand an.

Die neuen Modi teilen sich in zwei weitere unquantisierte (zeitverzögert und Volt/Oktave) und sechs „gestufte“ ein, die verschiedene Tonleitern und Intervalle umfassen: Chromatisch, Moll, lydisch, Pentatonisch, Oktaven und Quinten sowie Oktaven (hoch und runter). Heißt vereinfacht: Man schlägt einen Ton an und kann dann als Effekt darüber eine Tonleiter spielen oder eine Harmonie legen. Das Ergebnis klingt ein bisschen nach Pitch Shifter, Whammy oder Harmonzier – auch wenn hier nur das Effektsignal verändert wird. So oder so: Spätestens hier dürfte allen Soundtüftlern das Wasser im Mund zusammen laufen, eröffnet sich damit vor allem in Kombination mit einem Expression-Pedal doch ein nicht zu kleines Klanguniversum. Für Gitarristen bieten sich vor allem die letzten beiden Modi als idealen Einstieg in neue Klangsphären an.

Und noch eine weitere Funktion wurde dem Update mitgegeben. Der Effekt wird beim V3 auf Wunsch nicht mehr abgeschnitten, wenn das Pedal ausgeschaltet wird, im Gegensatz zum Vorgänger ist es als Buffered-Bypass-Pedal konzipiert. Zwischen den beiden Modi „Tails“ und „No Tails“ lässt sich wechseln, indem man den Fußschalter gedrückt hält, wenn man das Netzkabel einsteckt.

Dieses braucht es übrigens zwingend, denn das Afterneath lässt sich nicht mit Batterien betreiben. Und wenn dies nicht schon mehr als genug Optionen wären, hat auch der Fußschalter selbst eine zweite Funktionen abbekommen: Hält man ihn gedrückt, wechselt er in den Momentary-Modus und funktioniert dann wie ein Sustainpedal beim Klavier: Solange der Fuß drauf ist, erklingt der Effekt, nimmt man ihn runter, verstummt er. Für den Fußschalter wie für alle anderen Parts gilt übrigens: hohe Qualität, sauber verarbeitet – was man für ein handgefertigtes Pedal mit einem Ladenpreis von rund 240 € aber auch erwarten darf.

Jede Menge Sounds auf engstem Raum: Effektiver kann man die knappen Platzreserven kaum nutzen. (Bild: Dieter Stork)

ALLES AUßER GEWÖHNLICH

Earthquaker Devices vermarktet sein Afterneath als Hallhöhle mit einem in ihr wohnenden Zauberer und bedient sich im Manual einer entsprechenden Wortwahl zwischen Rollenspiel und Tolkien-Roman. Das ist sehr unterhaltsam, sollte aber keinesfalls darüber hinwegtäuschen, dass auch ober- und sogar außerirdische Sound-Kreationen in diesem außergewöhnlichen Pedal stecken. Allerdings muss man sich diese Möglichkeiten auch ein Stück weit mehr erarbeiten als bei simpler gehaltenen Kollegen. Das Zusammenspiel der Regler lässt der Kreativität jede Menge Raum, ist dabei aber natürlich deutlich komplexer als bei Hallpedalen mit zwei oder drei Reglern. Hier steigt man, und da passt das Höhlenbild wieder, deutlich tiefer in die Materie ein. Wer nur ein bisschen Raum für seine Soloparts braucht, unterfordert das Afterneath massiv.

Auf der anderen Seite dürften Ton- und Stimmungsbastler auf den Pfaden von The Edge oder Radioheads Ed O’Brien sowie die versammelte Ambient-Gemeinde hier ein wundervolles Spiel- und Werkzeug mit einer extremen Bandbreite finden – von eher konventionellen Hallräumen über effektierte Akkordarbeit und ausladende Sphären bis hin zu völlig überdrehten Sounds.

Zwei Beispiele für Anwendungen: Bringt man das Pedal über die Stellung von „Length“ und/oder „Reflect“ in die Selbstoszillation, kann man sich via Expression Pedal durch die verschiedenen Modes und ihre Tonhöhenverschiebungen scrollen. Interessante Ergebnisse lassen sich auch erzielen, wenn man das Afterneath etwa vor ein Zerrpedal schaltet. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs.

Mit einem gewissen Maß an Kreativität eröffnen sich mit ihm eine Vielzahl an Optionen, die alles sind außer gewöhnlich. Was dem Einsteiger in die Afterneath-Höhlenwelt geholfen hätte und leider sowohl im Manual als auch auf der Homepage von Earthquaker Devices fehlt, sind Sample Settings, die man als Grundalge für weitere Forschungen heranziehen könnte. Dieses würde eventuelle Berührungsängste mindern und auch eher klassisch veranlagten Gitarristen den Zugriff erleichtern.

RESÜMEE

In seiner dritten Inkarnation setzt das Afterneath noch stärkere Akzente, als es das bisher eh schon tat, und bietet sich damit für Gitarristen an, die ein Hallpedal mit außergewöhnlichen Optionen suchen. Die neun verschiedenen Modes eröffnen in Kombination mit einem Expression-Pedal jede Menge Möglichkeiten, auf die man vielleicht nie gekommen wäre. Zwar ist es kein Schnäppchen, aber Spezialisten haben nun mal ihren Preis.

PLUS

  • tolles Tool für Sphären-Fans
  • umfangreiche Zugriffmöglichkeiten
  • Sound-Palette
  • Drag jetzt per Pedal steuerbar

MINUS

  • Features und Optionen erfordern ein gewisses Maß an Einarbeitung

(erschienen in Gitarre & Bass 06/2020)

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