Braucht's des? Oh ja!

Test: Danelectro The ‘84 & The ‘66

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(Bild: Dieter Stork)

Der schwere Karton von Danelectro öffnet sich, ich ziehe zwei Gitarren raus. Die erste überrascht zunächst nicht. Doch was ist das? Die zweite ist ein Strat-Modell, das Erinnerungen an einen der berühmtesten Gitarristen aller Zeiten hervorruft!

Zwei ganz schön ungleiche Schwestern sind mir da ins Haus geflattert. Danelectro erlebt ja seit einigen Jahren eine neue Blüte, und das bei beständig steigender Qualität und Modellvielfalt. Doch während die The ‘66 auf für Danelectro bereits vertrautem Design-Terrain wandelt, wagt sich die US-Firma mit der The ‘84 tief in die Territorien anderer Hersteller und legt, auf den ersten Blick betrachtet, eine Strat-Kopie vor. Der bayerische Grantler in mir fragt mit Polt-Stimme: „Braucht’s des?“ „Oh ja“ muss die Antwort lauten, doch dazu später mehr. Soviel sei bereits verraten: Beim Auspacken der beiden Schönheiten erklärte ich die so erwartbare The ‘66 zunächst reflexartig zu meiner Favoritin – doch es sollte anders kommen!

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konstruktion

Die The ‘66 folgt im Design stark der vor einem Jahr vorgestellten The ‘64 (siehe Ausgabe 07/2016), und damit natürlich dem berühmten „Ventures“-Modell der US-Kultmarke Mosrite. Bei der neuen Gitarre handelt es sich allerdings um eine Thinline-Konstruktion, das heißt, der Korpus aus Erle mit einer Decke aus Agathis (ein nur in Südostasien beheimateter Kauri-Baum) ist bis auf einen Centerblock komplett hohl, und auch leicht anders geformt als der der The ‘64, die sich etwas gestreckter präsentierte. Er weist einen sogenannten „German Carve“ am Rand auf, so benannt, weil er angeblich vom legendären deutschen Gitarrendesigner Roger Rossmeisl in den USA bekannt gemacht wurde. Die Pickup-Bestückung – ein splitbarer Doppel-Lipstick-Humbucker am Steg und ein P90-artiger Singlecoil am Hals – ist die gleiche wie bei der Vorgängerin.

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(Bild: Dieter Stork)

Der im gleichen Farbton wie der Korpus lackierte Ahornhals mit Palisandergriffbrett ist mit 22 Bünden (inklusive Nullbund) ausgerüstet und hat einen 12-Zoll-Griffbrettradius, was einer extrem niedrigen Saitenlage zugutekommt (ab Werk aber selbst mir, dem alten Flutschfinger, zu niedrig eingestellt).

Vintage-artige Tuner halten an der Kopfplatte zuverlässig die Stimmung der Saiten, die über Nullbund und Metallsattel von der Wraparound-Brücke ankommen, an der sich sinnigerweise die Oktavreinheit jeder einzelnen Saite gut einstellen lässt.

Weg mit der The ‘66, her mit der The ‘84. Warum ich im ersten Moment ein langes Gesicht zog, als ich sie auspackte? Weil ich die x-te Strat-Kopie ehrlich gesagt nicht mehr sehen kann. Erlekorpus, fetter Ahornhals, Palisandergriffbrett (das CITES-Zertifikat prangt auf dem Gitarrenkarton) – soweit alles nicht überraschend. Bei den Details allerdings wird es spannend. Zunächst hat Danelectro der The ‘84 einen Graphitsattel und ein 12- Zoll-Griffbrett verpasst, was schon deutlich Bending-freundlicher ist als beim Original. Zudem laufen die Saiten durch den Korpus in eine moderne Wilkinson-Brücke mit praktischerweise steckbarem, nicht schlackerndem Vibrato-Hebel. Nur zwei Potis (Mastervolume und -tone) kann man als Sparmaßnahme sehen – oder auch einfach nur als „mehr braucht’s nicht“.

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Leichte Bespielbarkeit bis in die höchsten Lagen bei der The ’66 (Bild: Dieter Stork)

Kommen wir zu des Pudels Kern: Die Pickups sind keine klassischen Strat-style Singlecoils, sondern drei hauseigene Lipsticks! Hier schließt sich der Kreis zu Danelectro, der Mutter aller Lipsticks, hier ergibt das alles einen Sinn! So mancher wird den Braten schon gerochen haben, den Danelectro hier im Ofen hat: Natürlich, und darauf weist auch die Namensgebung hin, ist die The ‘84 eine Hommage an Stevie Ray Vaughan, der für den Song ‚Life Without You‘ üblicherweise zu „Charley“ griff, einer ganz speziellen Strat(kopie) mit Lipsticks. Jetzt aber ran.

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praxis

Die The ‘66 hängt gut am Gurt und ist mit 3,12 kg auch sehr leicht, was sicherlich dem hohlen Korpus geschuldet ist. Der trockene Klang ist laut, drahtig, singend – so kennt man das von ähnlichen Thinline-Konstruktionen. Mit seiner 622-mm-Mensur sowie dem schön polierten, flachen Griffbrett und tadellosen Bünden spielt sich der schlanke Hals der The ‘66 wie Butter. Am Verstärker zeigt sich, dass die Gitarre durchaus in den Musikstilen der Zeit brilliert, in der ihre Urahnin entstand – im frühen Rock und Beat der 1960er-Jahre. Doch verschließt sie sich mit ihren modernen Features eben auch neueren und ganz anderen Musikstilen nicht.

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Individuell einstellbare Intonation an der Wraparound-Bridge der The ‘66 (Bild: Dieter Stork)

Der splitbare Doppel-Lipstick-Humbucker kann ordentlich Dampf geben, lediglich die Hohlkonstruktion des Korpus setzt hier bei höheren Lautstärken mit viel Gain Grenzen (da diese dann zu Rückkopplungen neigt). Gesplittet ertönt aus dem ulkigen Doppelspuler ein sehr brauchbarer Singlecoil-Sound, der richtig zustechen kann. Der P90-artige Halstonabnehmer matscht nichts zu, er liefert wunderbar transparente Rhythmus-Sounds und kann auch schön singen, wobei ihm für einen Gary-Moore-Fan natürlich ein Quäntchen Sustain-Unterstützung fehlt. Kurzum – mit der The ‘66 kann man wirklich eine ganze Menge machen, und das bei wunderbar einfacher Bespielbarkeit.

Legen wir die The ‘66 mal weg und schnappen uns ihre ungleiche Schwester, die The ‘84. Oh ja, das greift sich gleich ganz anders: Der geölte Hals ist fett, mein abgewetztes Hirn bemüht mal wieder den uralten „Baseballschläger“-Kalauer, aber das ist schon wirklich ein ziemlicher Prügel. Das Händchen gewöhnt sich jedoch rasch daran, und dann zeigt sich, warum das alles Sinn ergibt: Das Sustain ist beachtlich, die Gitarre folgt jeder Nuance des Spiels und reagiert wundervoll. Wie mit Butter geschmiert fliegen die Finger über das flache, geradezu polierte Griffbrett. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie dieses Teil nach Monaten, ja Jahren des regelmäßigen Spiels noch aufblühen wird. Das ist, kurzum, eine richtig gute S-Style mit allem, was dazu gehört; nur wer auf dicke Hälse wirklich gar nicht steht, wird hier die Handmuskeln ein bisschen überstrapazieren müssen.

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The 84: moderne Wilkinson-Bridge für saubere Intonation und Verstimmungsfreiheit (Bild: Dieter Stork)

Am Amp ertönen dann recht ungewohnte Töne, denn die Lipsticks klingen doch deutlich anders als „normale“ S-Style Singlecoils. Es twangt und glitzert fröhlich aus dem Speaker, aber mittiger als gewohnt – überraschenderweise funktioniert AC/DC-artiges ganz prächtig! Durchs Fuzz gejagt, brilliert die The ‘84 dann eben nicht so wie eine Stratocaster mit klassischer Bestückung. Zurück in den Clean-Channel, wo sich die Lipsticks wegen ihres Brummverhaltens auch deutlich wohler fühlen. Mir zwängt sich immer der Vergleich mit einem Glockenspiel auf; da ist so ein silbriger Schimmer im Ton, eine leicht metallische Note, die ihren ganz eigenen Charme entfaltet – und damit ist die Frage nach dem „braucht’s des“ deutlich mit „Jawohl!“ zu beantworten.

alternativen

Das legendäre Mosrite-Design der The ‘66 wurde bereits mehrfach kopiert, und neben der hauseigenen Solidbody-Variante gibt es von Mitbewerbern einige Alternativen, namentlich von Hallmark, DiPinto und Eastwood. Alle weisen jedoch mehr oder weniger andere Features auf, und keine bietet die Thinline-Konstruktion der The ‘66. Preislich ist die hervorragend verarbeitete Gitarre sicherlich im oberen Drittel des Pulks angesiedelt. Zur The ‘84 lassen sich nur schwer Alternativen finden. Es gab mal einen „Special Run“ an Strats von Fender im Jahr 2013, der nur noch auf dem Gebrauchtmarkt erhältlich sein dürfte. Ansonsten kann man mit extra verfügbaren Lipsticks für Strats (z. B. von Seymour Duncan oder GFS) auch selbst Hand anlegen; das war‘s dann aber auch schon. In Zeiten von „instant gratification“ führt der Kauf der The ‘84 deutlich einfacher und schneller zum ersehnten Ziel.

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(Bild: Dieter Stork)

resümee

Mit der The ‘66 frönt Danelectro weiter der süßen Nostalgie, das allerdings mit top moderner Bespielbarkeit – eine enorm vielseitige Hammergitarre. Und mit der The ‘84 legt die US-Firma eine schnelle und preiswerte Möglichkeit vor, auf SRV-Pfaden zu wandeln oder ganz einfach mal die Ohren mit alternativen Sounds zu erfrischen.

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(erschienen in Gitarre & Bass 10/2017)

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