Produkt: Stevie Ray Vaughan Special
Stevie Ray Vaughan Special
Interview, Workshops, Testberichte: Stevie Ray Vaughan auf über 80 Seiten!
Modern-Surf und Jingle-Jangle

Test: Danelectro ’64XT & 59X12

(Bild: Dieter Stork)

Die Gitarrenwelt war immer schon bunt und divers, nicht zuletzt dank Firmen wie Danelectro mit ihren erfrischend anderen Designs. Die neuesten beiden Würfe der legendären „Cheapo“-Firma aus den USA sind soeben bei uns eingetroffen.

Beständig baut Danelectro das Sortiment aus, wobei sie im Prinzip zwei Strategien verfolgt werden: Zum einen bietet man (mehr oder weniger) getreue Nachbauten der legendären Danelectro-Modelle der 1960er-Jahre an, zum anderen Neuinterpretationen bestehender Designs. Mit der ‘64XT modernisiert Danelectro die „Mosrite“-artige Serie – und mit der 59X12 legt die Firma eine neue Variante der 12-saitigen Version ihres wohl berühmtesten Modells vor.

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Konstruktion

Die ‘64XT folgt im Design erneut stark der bereits 2016 vorgestellten The ‘64 und damit natürlich dem berühmten „Ventures“-Modell der US-Kultmarke Mosrite – Surf pur! Bei der neuen Gitarre handelt es sich allerdings um eine abgespeckte Konstruktion. Der Korpus ist nicht aus massivem Holz, sondern besteht aus einem Rahmen und Mittelblock aus Pappel, Boden und Decke sind aus dem Verbundstoff Masonite – ganz klassisch Danelectro.

Zudem hat die ‘64XT nicht wie ihre Schwestern eine Hohlkehle („German Carve“) am Korpusrand, sondern lediglich eine leichte Abrundung an der oberen Zarge, damit die Kante nicht so in den Unterarm schneidet. Der Ahornhals hat ein Griffbrett aus Pau Ferro, welches am Halspickup angeschrägt endet. Dieses Holz kommt aus Brasilien und Bolivien, ist etwas härter und heller als Palisander, hat aber ansonsten ähnliche haptische und akustische Eigenschaften. Bei beiden Testkandidatinnen erscheint es nach dem Auspacken sehr ausgetrocknet und hell, da würde ich sofort das Griffbrettöl zücken.

Pau Ferro unterliegt nicht der CITES-II-Regulierung, die jedoch für Musikinstrumente demnächst wieder fällt – was zum Zeitpunkt der Produktplanung wohl noch nicht klar war. Die ‘64XT folgt mit einer Mensur von 622 mm ihren Vorgängerinnen und hat 22 eher dünne und niedrige Vintage-Bünde. Erhältlich ist sie in vier Farben – schwarz, türkis, vintage creme und 3 Tone Sunburst.

(Bild: Dieter Stork)

Die Pickup-Bestückung – ein splitbarer Doppel-Lipstick Humbucker am Steg und ein schräg gesetzter P-90-artiger Singlecoil am Hals – ist die gleiche wie bei den Schwestermodellen geblieben, erneut lässt sich der Bridge-Humbucker mit Ziehen des hinteren (Tone) Potis in den Singlecoil-Modus splitten. Das Schlagbrett nimmt noch ein Mastervolume-Poti sowie einen 3-fach Toggleswitch auf, auch die Buchse ist oben verschraubt.

Die Besonderheit der XT-Variante der Serie ist das moderne Wilkinson WVS 50 IIK Vibrato, das sehr hoch über der Decke schwebend eingestellt ist. Die Saiten laufen wie bei einer ST-Style Gitarre von hinten durch einen Stahlblock. Mit 3,2 kg ist die 64XT erfreulich leicht.

Das Design der 59X12 folgt, wie der Name schon sagt, dem des berühmten Danelectro 59 Modells, welches Jimmy Page für die Aufnahme von Led Zeppelins Klassiker ‚Kashmir‘ benutzte. Danelectro bezeichnet die Double-Cutaway Korpusform als „Shorthorn“ – es gibt sie mittlerweile in vielen Ausführungen, vom originalgetreuen Nachbau mit Holzbrücke bis hin zum stark modifzierten Jimmy-Page-Modell, oder auch mit dem gleichen Wilkinson-Vibrato wie die ‘64XT. Neu ist an der 59X12, dass Danelectro mit ihr die Pickup-Konfiguration der ‘64-Serie für eine 12-saitige 59 übernimmt.

Auch hier ist der Korpus aus Pappel und Masonite, der Hals aus Ahorn und das am Ende angeschrägte Griffbrett aus Pau Ferro. Anders als bei der ‘64XT hat die 59X12 eine verlängerte Mensur von 635 mm und einen Metallsattel, dafür nur 21 ebenfalls recht schmale und niedrige Bünde. Die verlängerte Kopfplatte – wie bei der ‘64XT im Danelectro-typischen „Coke Bottle“-Design – nimmt insgesamt 12 gekapselte Mechaniken mit 10-mm-Bohrung auf. Ein starker Gewichtsfaktor, der sich mit deutlicher Kopflastigkeit der Gitarre äußert. Ich frage mich, warum Danelectro hier nicht, wie bei der ‘64XT, leichtere Vintage-Mechaniken benutzt. Tonabnehmer-Bestückung und Regler-Layout folgen exakt dem gleichen Prinzip wie bei der ‘64XT, nur die Buchse sitzt hier an der unteren Zarge. Mit 3,54 kg schont auch die 59X12 den Rücken.

(Bild: Dieter Stork)

Bei den Saiten ist die hohe E und H-Saite gedoppelt, alle anderen sind mit ihrer jeweiligen Oktave „gepaart“. Sie kommen relativ eng aneinander zur Kopfplatte von einer Brücke, die eigens für die Gitarre entworfen wurde: Die vom Spieler aus gesehen „unteren“, also „normalen“ Saiten werden wie bei einer T-Style durch den Korpus geführt, während die Oktavsaiten von hinten durch die Brücke gefädelt werden. Alle zwölf Saiten sind dabei individuell intonierbar, womit Danelectro einen oft entscheidenden Nachteil 12-saitiger Gitarren beseitigt. Die 59×12 ist in drei Farben – schwarz, rot, vintage cream – erhältlich.

Wie ihre Schwester ist sie für die Preisklasse ordentlich verarbeitet und weist nur minimale Unsauberkeiten auf. Anzumerken ist bei beiden Gitarren, dass sich der Gurtpin direkt am Halsfuß parallel unter dem Hals befindet, was das Anbringen eines Gurtes etwas fummelig macht. Frisch aus dem Karton geholt sind beide sofort spielbereit, könnten nur einen Satz frische Saiten sowie ein paar Tropfen Griffbrettöl vertragen. Jetzt aber ran.

Praxis

Der Hals der ‘64XT ist nicht zu dünn, wenn auch weit davon entfernt, zarte Hände mit zu viel Umfang zu überfordern. Die Gitarre ist leicht kopflastig, was sich jedoch nicht ermüdend auf die linke Hand auswirkt. Die mit 622 mm recht kurze Mensur macht sich nicht unmittelbar bemerkbar, die Saitenspannung wirkt nicht zu schlabberig. Der 12-Zoll-Radius des Griffbretts erlaubt schnelles Spiel mit sauberen Bendings, Shredder werden vermutlich mit den niedrigen und dünnen Bünden nicht so glücklich werden. Der akustische Ton ist drahtig, silbrig, mit relativ wenig „Fleisch“ und Wärme, dafür gehörig Attack und Twang – so wie es sich für eine derartige Gitarre gehört. Akkorde klingen sauber aus, das Sustain ist recht ordentlich und lässt sich mit dem Vibrato schön modulieren. Die tief geschnittenen Offset-Cutaways des Mosrite-Designs erlauben zwar theoretisch Zugang zu den höchsten Bünden – in der Praxis bremst der kantige und dicke Halsfuß, der auf Höhe des 14. Bunds ansetzt, die Hand jedoch deutlich aus, sodass der Spieler an die obersten Bünde nur schwer rankommt. Hier wäre eine abgerundete und abgeflachte Bauweise vorteilhafter.

Am Verstärker zeigt sich, dass die ‘64XT recht vielseitig ist, anders als Konstruktion und Ersteindruck vermuten lassen. Der P-90-Pickup in der Halsposition klingt sehr offen und luftig – von Mumpf keine Spur, jedoch mit deutlich mehr Fleisch als ein normaler Singlecoil. Der Doppel-Lipstick Humbucker in der Bridge-Position hat einen moderaten, Vintage-orientierten Output von 8,17 kOhm und klingt im Zusammenspiel mit der Konstruktion der Gitarre recht „twangy“, ohne ein gesundes Maß an Mitten und Bässen vermissen zu lassen – sehr schön abgestimmt, auch zusammen mit dem Halstonabnehmer.

Beim Umschalten lassen sich keine signifikanten Lautstärkeunterschiede feststellen – da ist die Werkseinstellung top. Humbucker und P-90 ergänzen sich in der Mittelstellung hervorragend zu einem kehligen, glockigen und sehr eigenständigen Klang, der richtig gut für Alternative- und Beat-Rhythmus-Sounds kommt. Bei Bedarf können beide Pickups ordentlich Dampf machen und singen, wobei High Gain natürlich nicht das Metier der Gitarre ist. Splittet man den Humbucker, erfreut abermals die Abstimmung mit dem Halstonabnehmer in der Mittelstellung – der Ton wird luftiger, ohne wirklich sehr viel leiser zu sein.

Allein geschaltet bietet der „halbierte“ Humbucker natürlich keinen authentischen Singlecoil-Klang, kann aber schönen Twang liefern und Akkordgeschrammel nochmal offener machen. Insgesamt fühlt sich die Gitarre bei einem leichten Crunch am wohlsten, Ausflüge in Richtung Classic-Rock-Gainlevel sind aber auch drin. Wer den Moore oder Santana machen will, greift eh zu einer anderen Axt. Das Wilkinson-Vibrato arbeitet tadellos und verstimmungsfrei, wie erwähnt auch beim Auflegen des Handballens für Palm-Mute-Techniken.

Der bereits erwähnten Kopflastigkeit der 59X12 kann man im Stehen mit einem rauen Wildledergurt entgegenwirken. Im Sitzen allerdings merkt man das Gewicht in der linken Hand. Wer noch nie eine 12-saitige E-Gitarre in der Hand hatte, wird eventuell eine gewisse Eingewöhnungszeit brauchen. Mit 4,4 cm Sattelbreite hat das Griffbrett der 59X12 zwar etwas mehr Fläche, aber eben auch nur 2,5 mm im Vergleich zur ‘64XT oder den meisten anderen E-Gitarren – das ist ganz schön wenig Platz für so viele Saiten! Dementsprechend eng geht es auf dem Griffbrett zu, und die Finger beider Hände müssen damit erst mal klarkommen. Dank der individuell einstellbaren Oktavreinheit aller 12 Saiten klingt die Gitarre auch in den oberen Lagen sehr sauber, sofern man akkurat spielt und Barré-Akkorde nicht übertrieben kräftig ins Griffbrett drückt.

Naturgemäß klingt die 59X12 trocken gespielt sehr silbrig und hell, mit so gut wie nicht vorhandenen Bässen und wenig Mitten – das liest sich negativ, aber so entsteht dann eben auch der berühmte „Jingle-Jangle“-Sound à la The Byrds (oder moderner, Johnny Marr), den man mit so einer Gitarre ja auch erreichen will. Angeschlossen schimmert der Ton der 59X12 glockenhell aus dem Speaker. Das klingt jetzt schwülstig, aber der Klang erinnert mich an klare Gebirgsbäche – erfrischend, aber kühl, was der Gesamtkonzeption der Gitarre geschuldet ist. Tatsächlich übertüncht der prägnante Eigenklang der 12-saitigen Konstruktion sogar die Unterschiede der Pickups, die ansonsten exakt wie bei der 64XT klingen. Der Humbucker im Splitmodus überrascht dann noch mit einem sehr ausgedünnten, fast schon Spinett-artigen Klang.

Gibt man etwas mehr Gain-Gas, wird der Sound erwartungsgemäß relativ schnell schwammig und bei höheren Distortion-Graden nicht mehr wirklich differenziert – ich kann mir aber vorstellen, dass dies den einen oder anderen eher experimentell orientierten Spieler, etwa aus dem Noise-Rock-Bereich, durchaus reizen könnte. Der vorgesehene Einsatzbereich allerdings liegt im Clean- oder allenfalls leichten Crunch-Modus, vornehmlich für Apreggios und gemäßigt geschrubbte Begleitung – und das erledigt die 59X12 mit Bravour.

Resümee

Mir gefällt sehr gut, wie Danelectro das Sortiment pflegt, modernisiert und sich Neues ausdenkt, ohne die eigenen Vintage-Wurzeln zu missachten und die Zielgruppe zu verstören – das nenne ich gelungenes Produkt-Management. Die ‘64XT und 59×12 sind dafür gute Beispiele.

Beide Gitarren überzeugen mit solider Verarbeitung bei attraktivem Preis, tollem Klang und guter Bespielbarkeit. Vor allem die Pickups und ihre Abstimmung haben mich begeistert. Einige Detaillösungen könnten verbessert werden, wie die unnötig unpraktischen Gurtpins unter dem Hals oder die notorische Kopflastigkeit – angesichts dessen, was die beiden hier an Surf- und Jinge-Jangle-Sounds bieten, kann man darüber aber hinwegsehen.

PLUS

  • Pickups & Abstimmung
  • Verarbeitung
  • Bespielbarkeit
  • Sounds
  • relativ geringes Gewicht
  • Preis/Leistung

(erschienen in Gitarre & Bass 01/2020)

Produkt: Testbericht: Yamaha SG1801PX Phil X Signature
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