Produkt: Gitarre & Bass 11/2019 Digital
Gitarre & Bass 11/2019 Digital
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Vielseitige Dame

Test: Cole Clark FL2EC-BLBL-HUM

(Bild: Dieter Stork)

Seit 2001 gibt es die junge Firma erst, 2003 setzten die Australier mit der Fat Lady ein ebensolches Ausrufezeichen und rüttelten die traditionsbewusste Akustik-Szene einmal kräftig durch.

Ja, das tat das findige Team von Cole Clark wirklich, denn an diesen Gitarren ist fast nichts so, wie das „normalerweise“ bei Steelstring-Acoustics gemacht wird. Das fängt bei den australischen Hölzern an, geht weiter beim spanischen Halsfuß und hört bei Boden und Decke, die über Kamm und Nut mit den Zargen verbunden sind (also ohne Riemchen) noch lange nicht auf. Dass unser Testmodell dann nochmal was Besonderes ist, wird angesichts des Humbucker-Pickups schnell klar.

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(Bild: Dieter Stork)

ALLES IST ANDERS

Grundsätzlich ist die Fat Lady 2 erstmal eine Dreadnought-Acoustic mit Cutaway und Pickup-System(en). Der komplett Korpus – also Decke, Zargen und dreiteiliger Boden – ist aus massivem AA Australian Blackwood gefertigt. Für Binding, Deckeneinfassung und Schalllochumrandung kamen schlanke helle Holzstreifen zum Einsatz. Auf der Decke sehen wir den Steg aus She Oak – zu Deutsch Kasuarine oder Kängurubaum – mit einer höhenverstellbaren Tusq-Stegeinlage von Graph Tech.

Was einem hier aber wirklich ein zünftiges „Hä?!“ entlockt, ist der Imperial-Humbucker-Pickup von Lollar zwischen Schallloch und Steg nebst Volume- und Tone-Regler plus Toggle Switch auf der Decke.

Die FL2EC hat also nicht nur das für Cole Clark typische, hoch angesehene Acoustic3-Wege-Pickupsystem mit Piezo, Sensor und Mikro, sondern – völlig unabhängig davon – auch die beschriebene E-Gitarren-PU-Bestückung. Wow, das eröffnet wohl Möglichkeiten.

Zurück beim Korpus gilt es noch zu vermerken, dass zwar kein Pickguard angebracht ist, ein solches aber im schicken Qualitätskoffer beiliegt. Der Hals – wie schon erwähnt per spanischem Halsfuß am 14. Bund angesetzt – ist aus Queensland Maple, das Griffbrett darauf ist wie der Steg aus She Oak. Die 20 schlanken Bünde präsentieren sich perfekt poliert, entgratet und verrundet, des Weiteren finden wir schicke kleine Snowflake-Abalone-Inlays zur Orientierung – flankiert von weißen Dots in der oberen Griffbrettkante.

Die Saiten gelangen über den Tusq-Sattel zur irgendwie recht kompliziert aber sicherlich stabil angesetzten Kopfplatte. Der kräftige mittig verlaufende Holz-Layer trägt das Firmen-Logo und die Herkunftsangabe Melbourne, Australia. Mithilfe der bewährten gekapselten Grover-Mechaniken, lassen sich die Saiten zuverlässig stimmen.

Das schon erwähnte Pickup/Sensor/Mikro-System wird von einem kleinen Cockpit auf der Zarge aus geregelt. Es bietet drei Fader für Bass, Mid und Treble, sowie einen Volume-Regler, einen Bridge/Face-Mischregler und einen weiteren Regler für die Zumischung des Mikrofons. Das Geniale dabei ist, wie sich die drei Signale sinnvoll ergänzen: Will man dem Fullrange-Piezo-Signal mehr Natürlichkeit verleihen, dreht man den Mischregler Richtung Face um den Deckensensor zuzumischen. Das Onboard- Mikro liefert bei Bedarf Höhen und Presence oberhalb der Piezo-Frequenzen.

(Bild: Dieter Stork)

ALLES IST MÖGLICH

Die ganz und gar in mattes Satin-Finish gehüllte Gitarre hat eine tolle Haptik – fühlt sich einfach gut an. Der Hals ist mit gerade mal 19,8 mm sehr schlank, liegt aber dennoch satt in der Hand. Der Name Fat Lady passt in einer bestimmten Hinsicht nicht so gut. Beim ersten Anschlagen einiger Akkorde ist man erstaunt über den eher zurückhaltenden, nicht sehr lauten und wenig bassigen Grundklang der noch unverstärkten Steelstring. Ein schlankes, seidig-klares Klangbild tritt zutage. Beileibe nicht schlecht, aber irgendwie unerwartet.

Ob das über Amp/PA auch so ist? Um das umfassend beantworten zu können, muss ich zunächst etwas mehr Equipment aufbauen als sonst. Neben meinen bewährten Acoustic-Amp aus der Schweiz gesellt sich noch ein Röhren-Amp aus Fullerton, California, nebst Overdrive Pedal aus Leipzig. Internationale Angelegenheit, dieser Test!

Ja, die Cole Clark hat zwei unabhängige Klinke-Outs. Den für den Akustik-Sound erkennt man am Batteriefach gleich daneben, der andere wird mit dem E-Gitarren-Amp verbunden. Dank des kleinen Pickup-Wahlschalter zwischen den Potis auf der Decke ist der Wechsel zwischen den Klangwelten ein Kinderspiel – Acoustic, Electric oder beides zusammen ist abrufbar. Was erstere Sounds angeht, sind die Erwartungen hoch, denn das System von Cole Clark – eingeführt vor 10 Jahren – zählt zum Besten was es auf dem Markt gibt.

(Bild: Dieter Stork)

Schon der pure Piezo-Klang ist überzeugend und würde für sich betrachtet schon völlig taugen. Aber dann mischt man etwas Sensor dazu, und die Lebendigkeit und Natürlichkeit des Sounds macht nochmal einen riesigen Schritt nach vorne. Mit viel Sensor-Anteil lässt sich dann die Gitarre auch perfekt als Percussion-Instrument nutzen (ich sage nur Jon Gomm, Tommy Emmanuel), und mit dem Mic-Signal gibt man noch das Sahnehäubchen in den Höhen dazu. Mit der Mischung dieser drei Signale steht einem eine großartige Klangregelung und -vielfalt zur Verfügung, und da hat man die eigentlichen Klang-Fader noch gar nicht angerührt …

Und jetzt wird Cole-Clark-Neuland betreten: Toggle Switch down! Der Imperial-Humbucker von Lollar ist aktiviert und schickt sein Signal an den Tube-Amp mit Zerrer davor. Wow, das funktioniert, ich spiele E-Gitarre. Klingt richtig fett. Hatte ich mir viel kompromisshafter vorgestellt. Es lässt sich auch gut mit dem Gitarren-Volume arbeiten – etwas zurückgeregelt klart der Sound in Richtung eines richtig schönen Crunch auf.

Da fällt bei mir jetzt auch der Groschen: Das hier ist Looper’s Paradise: Perkussion, Acoustic- und E-Gitarren-Sounds lassen sich von einem Loop-Solo-Spezialisten sicher super einfach übereinanderschichten … 1000 Möglichkeiten in einer Gitarre. Aber auch in einer Band – vielleicht mit nur einem Gitarristen – eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten für mehr Sound-Vielfalt.

RESÜMEE

Von dem Moment an, wo man den schicken Luxus-Koffer öffnet, macht die Fat Lady einfach nur neugierig. Sodann beginnen spannende Sound-Experimente, und die Ergebnisse sind immer von hoher Qualität. Es gibt ja die verschiedensten Konzepte um A- und E-Sounds in einer Gitarre unterzubringen und ich muss sagen: So natürlich und easy-to-handle wie bei dieser Cole Clark Fat Lady habe ich das noch nicht erlebt.

Die Acoustic-Sounds sind bei dem Hersteller aus Melbourne sowieso über jeden Zweifel erhaben. Dass der Humbucker allerdings so kernig und natürlich rockend aus den Hufen kommt – trotz Dreadnought-Body und Phosphor-Bronze-Saiten – das war nicht selbstverständlich zu erwarten. Ein tolles, spannendes Instrument, das man unbedingt antesten sollte, wenn sich die Möglichkeit ergibt.

PLUS

● Design
● eigenständige Konstruktion
● Verarbeitung, Werkseinstellung
● Bespielbarkeit
● A-Klang gut aber nicht sehr voluminös
● E-Klang ausgezeichnet, extrem vielseitig
● zwei unabhängige Pickup-Systeme

(erschienen in Gitarre & Bass 10/2020)

Produkt: Gitarre & Bass 8/2019 Digital
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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Ich spiele seit 2011 eine Fat Lady und würde sie gegen keine andere Gitarre eintauschen. Das einzige „Problem“ bisher war ein gebrochenes Scharnier am Batteriefachdeckel.

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