Relic & Spicy

Test: Beetronics Octahive & Whoctahell

Beetronics Octahive Whoctahell
FOTO: Dieter Stork

Cooler Look! Die idealen Gadgets zu edlen Custom-Shop-Strats in Dakota Red und Daphne Blue. Yeah, und klingen sie auch so alt wie sie aussehen? Nun ja, bedingt: Sie huldigen dem Urvater der Distortion-Pedale, dem Fuzz, tun dies aber mit optimierter, moderner Technik.

Made in Los Angeles/USA, Beetronics, Bienenelektronik. Der Name ist den Machern Programm. In Texten und Produkten taucht immer wieder die Welt der Biene auf (geheime Message, weil das emsige Insekt so wichtig für die Natur ist?). Ist auch sonst ein ungewöhnliches Team. Ein Familienunternehmen, „gegründet von einem Gitarristen, einem Trommler, einem Journalisten, einem Architekten und einem Hund“ – so die offizielle Selbstdarstellung.

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Wer die Homepage besucht, findet derzeit ganze drei FX-Pedale (mehr sollen kommen). Neben unseren Testkandidaten gibt es als Serienmodell nur noch den Overhive, ein Overdrive-Pedal. Tatsächlich hat Beetronics aber schon ganz andere „schräge“ FX-Pedale auf die Beine gestellt. Weil die Effekte-Imker nämlich in den USA einen Custom-Shop unterhalten, in dem der Kunde von der Farbe über die Schaltung bis zum Hardware-Design ansagen kann, was er wie haben will. Und darüber sind in der Vergangenheit bereits sehr illustre Dinge entstanden, wie man bei Instagram sehen und bei YouTube hören kann. Hierzulande wird die Custom-Option zumindest vorläufig nicht angeboten werden.

interior

Irgendwie haben die Pedale so eine Art Industrial Look. Könnten von einer Schalttafel direkt neben dem Feuer speienden Hochofen stammen. Muttern und Scheiben wo eigentlich keine hingehören, die „heftig-gebraucht-Patina“, Roststellen inklusive … komisch, dass wir Gitarristen auf Sachen stehen, die neu schon so aussehen als hätten sie ein halbes Jahrhundert Schinderei hinter sich ;-). Nun, die beiden hier könnten das wohl locker schaffen, dank ihrer hochstabilen Stahlblechchassis und der absolut soliden Verarbeitung.

Die Biene ist Programm, habe ich oben gesagt. Jawoll, Überraschung, immer wieder. In den Pedalen finden sich Platinen in der Form von Bienenwaben bzw. der Silhouette eines Honigbrummers – naja der Namenszusatz „hive“ bedeutet ja auch „Bienenstock“.

Im Octahive sind neben drei Transistoren (1x 2N5087, 2x 2N5088) eine Spule und zwei Dioden an der Signalbearbeitung beteiligt, im Whoctahell finden sich gar gleich zwei 16pol-ICs vom Typ CD4040BE (was kein gewöhnlicher OP-Amp ist, sondern ein sogenannter Binary Counter). Bei beiden Pedalen ist der Batteriebetrieb nicht vorgesehen. Die Bauteile sind hochwertig.

octahive

Beetronics Octahive Whoctahell
FOTO: Dieter Stork

Laut Beetronics ist das Octahive dem in den 1970er-Jahren erschienenen Tycobrahe Octavia nachempfunden, das nur in einer geringen Stückzahl produziert wurde und heutzutage dementsprechend rar ist. Drei Regler: Pre und Vol bestimmen den Signalpegel am Eingang und Ausgang der Schaltung, Honey bestimmt die Verstärkung im Schaltkreis selbst. Der Schalter an der rechten Gehäuseseite schaltet den Octave-Up-Effekt ein/aus.

Im Prinzip gleicht die Technik des Octahive der modifizierten Tycobrahe-Schaltung mit Negativmasse, die im Web weit verbreitet kursiert und im Ursprung wohl von fuzzcentral.com stammt. Der Pre-Regler ist allerdings eine „Bienen“-Idee. Typisch im Sound ist der bei Vollaussteuerung (max. Honey ) überaus fette Ton gepaart mit einer gesunden Prise Sustain. Der Sound wirkt hier massiv komprimiert.

Die Octave-Schaltung erweist sich bei unserem Testexemplar als dezent. So vordergründig, wie man es beim originalen Tycobrahe erlebt, ist die Up-Oktavierung längst nicht zu hören. (Achtung im offiziellen Demo auf der Beetronics-Homepage hört man ab ca. der Hälfte nicht mehr allein das Octahive, sondern Kombinationen mit anderen Effekten; nicht fehlleiten lassen!) Vor allem erzeugt das Umschalten einen gewichtigen Unterschied im Grund-Sound, sodass sich eine harschere und eine gedecktere Fuzz-Farbe anbietet.

Im Zurückdrehen des Honey-Reglers fuzzt das Octahive wie andere Pedale seines Schlages zunehmend brüchiger bis der Ton regelrecht „kaputt“ klingt (die Reaktion auf das Guitar-Volume ist identisch, sprich linear). So erlebt man es an einem Clean eingestellten Amp. Der besondere Charme eines Fuzz kommt aber für viele Anwender erst zum Tragen, wenn dahinter noch Distortion folgt. So eben auch hier beim Octahive. Overdrive und Distortion bekommen eine neue Komponente, eine spezielle Lebendigkeit.

Im Übrigen konnte der Pre-Regler im Test keine entscheidenden Vorteile bieten. Gibt es Minuspunkte? Na, das Pedal rauscht deutlich. Das liegt aber in der Natur der Sache, darf man einem Fuzz nicht ankreiden. Die schlapp leuchtende Statusleuchte dagegen schon. Schade ist auch, dass das Octave-Umschalten nicht per Fußschalter realisiert wurde (im Gegensatz zum Whoctahell).

whoctahell

Beetronics Octahive Whoctahell
FOTO: Dieter Stork
Imkerplatinen, die Biene ist bei Beetronics überall.

Bei diesem Fuzz addiert der Octave-Effekt einen tiefen Ton zum Original wahlweise –dafür ist der Mini-Switch zuständig – eine oder zwei Oktaven darunter. Mit dem Chickenhead-Poti ist die Octave-Lautstärke regelbar, der große Drehknopf steuert die Lautstärke des Fuzz-Effekts. Rechts an der Gehäuseseite liegt ein Master-Volume.

Der linke Fußschalter aktiviert/deaktiviert den Octave-Effekt, der rechte fungiert wie beim Octahive als (True Bypass-) Ein/Aus-Schalter. Die wieder eher schummerige Ein-/Aus-Statusanzeige wurde neben dem Master-Volume platziert. An der Seite! Mag ja ein Styling-Gag sein, funktional tendiert das aber in Richtung Unsinn.

Möchte man die Intensität des Fuzz-Effekts variieren, muss dies über das GuitarVolume-Poti geschehen, das Whoctahell selbst bietet dazu keine Möglichkeit. Die Verzerrungen liegen auf moderatem Niveau, entsprechen dem, was man mit einem milden Overdrive-Pedal erreichen kann. Im Toncharakter ist der Fuzz dezent bis weich, nicht kratzig in den Höhen. So gesehen bewegt sich das Whoctahell in einer Grauzone zwischen normalen Verzerrern und den offensiveren, „wilden“ Fuzzes. Auch weil die oft beobachteten Begleiterscheinungen – das abrupte Reagieren von Lautstärke und Klang, wenn das Guitar-Volume-Poti etwas zurückgenommen wird – hier nicht auftreten.

Die Octave-Noten klingen ähnlich wie bei einem Retro-Analog-Bass-Synthie, neutrale Sinuskurven, ohne spezielle Farben. Das Tracking ist so kippelig, dass stehend klare Oktavtöne nicht zustande kommen. Deswegen ist der Effekt in der Anwendung speziell. Bei einem Cleansound wenig nährreich. Folgt hinter dem Whoctahell Distortion, kann es perfekt den experimentellen Unruhestifter mimen: Orgiastisches Anarcho-Shredding, effektiv im wahrsten Sinne des Wortes.

resümee

Octahive und Whoctahell erweisen sich als in ihrer Funktionalität solide, charakterstarke Fuzz-Effektpedale. Hübsch anzusehen sind sie obendrein. Was manchen damit versöhnen wird, dass die Statusanzeigen in der Praxis wenig nützlich sind. Die Preise? Ja, liegen hoch, sind aber noch vertretbar.

www.beetronicsfx.com

Preis UVP: ca. € 255


Hinweise zu den Soundfiles

Für die Aufnahmen kamen zwei Kondensatormikrofone mit Großflächen-membran zum Einsatz, ein AM11 von Groove-Tubes/Alesis und ein C414 von AKG, beide nahe platziert vor einer konventionellen 4×12-Box bestückt mit Celestion Vintage 30. Als Amp kam der VH2 von Diezel an den Start, Clean-/Ch1-Kanal.

Die Clips wurden pur, ohne Kompressor und EQ-Bearbeitung über das Audio-Interface Pro-24DSP von Focusrite in Logic Pro eingespielt und abgemischt. Das Plug-In „Platinum-Reverb“ steuert die Raumsimulationen bei.

Das Instrument ist eine Fender-CS-Relic-Strat-1956 (m. JB-Humbucker v. Seymour Duncan am Steg).

Ich wünsche viel Vergnügen, und…, wenn möglich, bitte laut anhören, über Boxen, nicht Kopfhörer! ;-).

Fragen, Anregungen und ja, auch Kritik sind wie stets willkommen. Nachrichten bitte an frag.ebo@gitarrebass.de. Es klappt nicht immer, aber ich werde mich bemühen möglichst kurzfristig zu antworten.

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(erschienen in Gitarre & Bass 08/2018)

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