Wer hauptsächlich 16- oder 8-Ohm-Boxen spielt, wird das Problem kennen: Aus den bei einer Transistorendstufe angegebenen 100 Watt werden plötzlich nur noch 50 Watt oder gar 25 Watt. Baroni fand, dass man diesem Umstand Abhilfe schaffen sollte. Das Ergebnis dieses Vorhabens soll konstante 100 Watt an jedem Lautsprecher liefern. Ob und mit welchen Einschränkungen das funktioniert, klärt der Test.
Ich kann vorwegnehmen, dass hier nicht mit dunkler Magie oder alternativer Physik gearbeitet wird. Bei Baroni hält man sich an die Gesetze der Physik, die technische Lösung für dieses alte Problem allerdings für so innovativ, dass man sie zum Patent angemeldet hat. Im Handbuch zum auf den Namen „Stage Ant” getauften Gerät lamentiert der Hersteller die herrschende Uneinigkeit der verschiedenen Hersteller im Audiobereich bezüglich ihrer Methoden zur Leistungsermittlung: RMS, AES, Peak, PMPO und teils selbst gesetzte „Standards”, wer soll da noch den Überblick behalten?
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Baroni nutzt für die eigenen Leistungsangaben den Effektivwert (RMS) als Bemessungsgrundlage, wobei man sich, wie üblich, auf den Signalpegel bezieht, bei dem das Signal 1 % Verzerrungen (THD) aufweist. Man verspricht nun, einen Verstärker entwickelt zu haben, der an 4, 8 und 16 Ohm jeweils diese 100 Watt RMS bei 1% THD bereitstellt. In der Handhabung soll sich das Gerät dann so bedienen lassen und verhalten, wie man es von Röhrenverstärkern gewohnt ist, bei denen Anschlüsse für verschiedene Konfigurationen vorhanden sind. Das klingt zunächst einmal sehr schlüssig und nach einem guten Konzept.
LEICHTBAUWEISE
Bevor ich in den technischen Teil einsteige, folgt eine Übersicht über das Konzept und die Ausstattung der Bühnenameise. Wir haben es hier nicht mit einem Vollverstärker zu tun, sondern mit einer „nackten” Endstufe, deren Aufgabe es ist, ein fertig geformtes Instrumentensignal an den Lautsprecher zu bringen. Zur grundsätzlichen Gestaltung des Grundsounds ist also ein Preamp, ein Pedalboard oder ein Modeling-Amp erforderlich. Mit Reglern für Presence und Depth bietet die Stage Ant zwar grundlegende Möglichkeiten zur Klangformung, diese dienen jedoch eher der Anpassung an räumliche Gegebenheiten bzw. an den Lautsprecher.
Mir liegt die Stereovariante der Serie vor, es gibt jedoch auch ein Modell mit einem Kanal, das für den Einsatz auf dem Pedalboard prädestiniert ist und praktischerweise einen 12-Volt-Ausgang für (Preamp-)Pedals bereitstellt. Die Stereovariante hat diesen Ausgang nicht. Dafür hat sie einen Anschluss für Kaltgerätestecker und stabile Gummifüße, was ich sehr begrüße. Bei der ersten Inbetriebnahme musste ich allerdings feststellen, dass das rückseitige Panel des Verstärkers etwas stabiler sein könnte. Beim Einstecken des Netzkabels hat der Druck das Blech etwas nach innen verbogen. Auch der Gehäusedeckel gibt bereits bei leichtem Druck nach. So etwas gibt ein ungutes Gefühl und muss eigentlich nicht sein …
Grundsätzlich ist das Gerät symmetrisch aufgebaut und die Funktionen der beiden Kanäle sind identisch. So finden sich die Lautsprecheranschlüsse sowie die Eingänge der Kanäle jeweils an den sich gegenüberliegenden Enden der Rückseite. Während der Signaleingang als XLR-Klinken-Kombibuchse mit symmetrischer Signalführung ausgeführt ist, liegt der Lautsprecheranschluss nur als Klinkenbuchse vor. Da sowohl Ein- als auch Ausgang Klinkenstecker akzeptieren und direkt nebeneinander liegen, ist beim Aufbau etwas Vorsicht geboten, die Stecker nicht zu vertauschen.
Insbesondere, da die Endstufenausgänge im Brückenmodus betrieben werden und der Minuspol somit spannungsführend und nicht mit der Gehäusemasse verbunden ist. Im Betrieb können unter Volllast bis zu 70Vp an den Lautsprechern anliegen und weil die Endstufe im Brückenmodus betrieben wird, liegt diese Spannung je nach Steckertyp auch an den metallenen Tüllen der verwendeten Lautsprecherkabel. Das kann bei Berührung schon unangenehm sein und bei Kontakt mit anderer Elektronik Kurzschlüsse verursachen, entsprechende Vorsicht und Sorgsamkeit beim Einstecken sind also geboten.
Das ist (neben vielen anderen) einer der guten Gründe, weshalb sich im PA- und Bass-Segment SpeakOn als Anschluss durchgesetzt hat. In der Gitarrenwelt ist das leider noch die Ausnahme. Aber ich schweife ab. Auf der Vorderseite zeigt sich das viel spannendere Panel. Hier finden sich neben der bereits erwähnten Klangregelung und den obligatorischen Lautstärkepotis auch die Drehschalter der Adapto-Technologie. So nennt Baroni die Entwicklung.
Damit der Verstärker wie angepriesen funktioniert, muss er mithilfe dieser Drehschalter an die Impedanz der angeschlossenen Lautsprecher angepasst werden. Die aktuelle Einstellung wird dabei durch blaue LEDs klar und deutlich signalisiert.
MAGIE?
Bei der Stage Ant handelt es sich um einen Class-D-Verstärker mit Schaltnetzteil. Dicke Ausgangstrafos, wie man sie bei Röhrenamps findet, sucht man vergebens. Dafür macht das Gerät seinem Namen alle Ehre, wenn es um das Gewicht geht.
Mit knappen zwei Kilogramm wiegt es weniger als nur der Trafo eines alten Verstärkers. Bei Röhrenamps nutzt man die Eigenschaften eben jener Trafos, um eine Anpassung der Leistung an den Lautsprecher zu ermöglichen. Stattdessen will man bei Baroni den gleichen Effekt durch cleveres Management im Netzteil und mit einem selbst entwickelten Endstufenmodul erreichen. Funktioniert das?
Um das zu überprüfen, habe ich die schwarz-rote Ameise auf meinen Prüfstand gestellt und richtig arbeiten lassen: Gemessen wird, wie für die Ermittlung der RMS-Leistung üblich, mit 1kHz Sinus. Der Verstärker ist dabei an Hochlastwiderstände angeschlossen, an denen die Spannung gemessen wird. Diese Spannung wird dann mittels Audio-Analyzer bewertet.
Die Ergebnisse sind interessant. Nach meinen Messungen erreicht die Endstufe nicht ganz die versprochene Performance von 100W in jedem Modus. Im 4Ω-Modus ist alles im grünen Bereich. In den 8Ω- sowie 16Ω-Einstellungen bleibt das Gerät jedoch hinter dem auch auf dem Typenschild aufgedruckten Werbeversprechen zurück. Hier messe ich lediglich ca. 70W (8Ω) bzw. 50W (16Ω).
Das sind zwar deutlich weniger als die versprochenen 100W, nichtsdestotrotz ist hier deutlich mehr Leistung abrufbar als es bei einer regulären 100W-Endstufe der Fall wäre. Dann stünden nämlich nur 50W (8Ω) und 25W (16Ω) zur Verfügung. Insofern bietet die Adapto-Technologie in der Stage Ant tatsächlich einen deutlichen Mehrwert.
Bei Gitarrenverstärkern treten in der Regel deutlich größere Verzerrungen auf als 1%, entfernt man sich also von diesem Kennwert und erweitert den Messbereich ein wenig, kann ich auch im 8Ω-Modus die 100W messen und im 16Ω-Modus immerhin noch knapp 80W.
Aus Neugier habe ich ausprobiert, was passiert, wenn man Verstärker und Lastimpedanz falsch aufeinander abstimmt. Bei Röhrenverstärkern und alten Transistorverstärkern sollten grobe Fehlanpassungen bei gleichzeitigem Volllastbetrieb vermieden werden. Bei modernen Class-D-Verstärkern sind üblicherweise diverse Schutzmechanismen aktiv, die den Verstärker vor Überlastung und Beschädigung schützen. Wie sich herausstellt, schalte ich durch diese Fehlanpassung einen „High-Power-Modus” frei.
In der Kombination aus 16Ω-Modus und 4Ω-Lastwiderstand kann ich dem Lautsprecheranschluss sage und schreibe 170W entlocken, bei 1% THD. Trete ich das Gerät noch ein wenig und nehme es mit dem THD nicht so genau, lässt sich die Zahl sogar auf 250W erhöhen! Bei noch höherer Leistung greift eine Schutzschaltung im Amp und das Signal setzt kurz aus, kaputt geht dabei jedoch nichts.
Vorsicht ist dennoch geboten, denn man sollte sicherstellen, dass die verwendeten Lautsprecher diese Leistung überhaupt verkraften können. Der verbaute Lüfter ist übrigens temperaturgesteuert und zeigt sich während der Tests als recht ruhig. Bei geringen Pegeln ist er für meine Ohren nicht wahrnehmbar und erst bei Volllast deutlich hörbar. Allerdings ist dann natürlich auch das Signal aus dem Lautsprecher derart laut, dass der Lüfter keinesfalls stört.
(Bild: Joris Henke)
KLANG
Zahlen sind ja schön und gut, aber Hören tun wir immer noch mit den Ohren und nicht mit den Augen. Sofern die kleinen Potiachsen der Klangregelung auf die Mittenstellung eingestellt sind, ist der Klang der Stage Ant absolut neutral und sauber. Was reinkommt, kommt in laut wieder raus. Nicht nur der Frequenzgang, auch die Ansprache ist sehr direkt und klar. Auch der Rauschpegel ist angenehm niedrig, sodass es auch mit sehr effizienten Lautsprechern nicht zu Störgeräuschen kommt.
Da die Potis keine Mittenrastung besitzen, kann das exakte Einstellen mitunter jedoch etwas Fingerspitzengefühl erfordern. Beide Potis können sowohl verstärken als auch absenken, wobei die Klangregelung dabei jeweils als Kuhschwanzfilter ausgelegt ist. Die ganz tiefen Subbässe werden unabhängig davon zusätzlich abgeschnitten, wodurch die Klangregelung im Bass eher ein Mittelding zwischen Glocke und Kuhschwanz darstellt.
Während der Depth-Regler die Bässe mit bis zu ±12dB bearbeitet, hat die Höhenregelung sogar ±16dB Reserve. Diese rudimentäre, aber intuitiv zu bedienende Klangregelung ist gut geeignet, um den angeschlossenen Lautsprecher auf die eigenen Bedürfnisse anzupassen. Eine bassige 4×12″-Box kann untenrum gezähmt oder eine dünne 1×12″-Box etwas angefettet werden.
Ebenso lässt sich der Sound in den Höhen so etwas gefälliger gestalten oder einer muffigen Pappe auf die Sprünge geholfen werden. Nach meinem Dafürhalten sind die Frequenzen praxistauglich und gut gewählt und die Filter haben weiche Übergänge, wodurch der Klang homogen bleibt.
Rot = Boost, Blau = Cut
RESÜMEE
Das Konzept ist gut und schlüssig, der Klang ausgezeichnet und die Bedienung kinderleicht. Grundsätzlich gibt es also viel zu mögen an der schwarz-roten Ameise. Getrübt wird der sonst sehr gute Eindruck durch die etwas zu großzügig gerundeten Leistungsangaben sowie die an einigen Stellen zu sehr auf Leichtbau getrimmte Konstruktion. Ausschlusskriterien sehe ich jedoch nicht und unterm Strich bieten selbst die etwas geschönten Leistungswerte an 16Ω noch einen deutlichen Mehrwert gegenüber konventionellen 100W-Endstufen.