Kirchenglocken im Horrorfilm

Squier Vintage Modified Baritone Jazzmaster im Test

Schon seit einigen Jahren rumpelt es ganz gewaltig am Gitarrenhimmel: Immer mehr Hersteller steigen in den Markt mit Baritongitarren ein. Jetzt liefert die Fender-Tocherfirma Squier mit der neuen Vintage Modified Baritone eine tiefergelegte Variante der altehrwürdigen Jazzmaster – in modernem Gewand.

(Bild: Dieter Stork)

Bariton-(E-)Gitarren erblickten das Licht der Welt bereits in den 1950ern, sie fristeten jedoch in den vergangenen 60 Jahren das Dasein einer selten gesehenen Spezies. Verwendung fanden sie hauptsächlich bei Recordings, zum Beispiel in den Soundtracks unzähliger Spaghetti- Western – und bestimmt auch des einen oder anderen „Tatorts“. Die immer auf Alternativen zum Mainstream fixierte Indie-Szene entdeckte das dunkle Timbre des Instruments in den vergangenen zehn Jahren langsam für sich – parallel zu den sieben- und achtsaitigen Experimenten der harten Fraktion.

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Anders als die anderen

Bereits vor etwa drei Jahren stellte Squier ein baugleiches Modell der Vintage Modified Baritone Jazzmaster in „Antigua Finish“ vor – doch diese recht spezielle Vintage-orientierte Lackierung ist nicht jedermanns Geschmack; vor einem mit Paisleyhemd gewandeten Bauch kann ich sie mir vorstellen, auf der Hauptbühne auf Wacken (oder zumindest in Träumen davon) dagegen … eher nicht. Mit der fast komplett in schwarz gewandeten Neuauflage dürfte Squier eine deutlich breitere – und jüngere – Zielgruppe ins Visier genommen haben.

Die Fender-Tochter beschritt bereits mit der Antigua andere Wege als die Masse der Baritonmodelle, und die schwarze Neue tut es ihr gleich: Mit einer satten 30 Zoll (762 mm) Mensur wildert sie bereits im Territorium von Shortscale-Bässen. Die 21 sauber verarbeiteten Medium-Jumbo- Bünde sitzen auf einem Palisandergriffbrett mit bequem-modernem 9,5″-Radius. Der Sattel ist schlanke 41 mm breit – da holen sich auch etwas kleinere Hände keinen Starrkrampf.

Clevere Duncan Designed JM-101 Pickups (Bild: Dieter Stork)

Die Danelectro-Konstruktionen ähnelnde Brücke ist über zwei Gewindeschrauben höhenverstellbar, Strat-style Saitenreiter erlauben eine punktgenaue Anpassung der Intonation sowie eine weitere, individuelle Einstellung der Saitenlage. Zur Verstärkung verrichten zwei „Duncan Designed“ (also nicht original von Seymour Duncan hergestellte, aber lizenzierte) JM-101 Singlecoil Jazzmaster Pickups ihren Dienst, ein Toggle-Switch und ein Volume- sowie ein Tonepoti erledigen den Rest; einfacher geht es kaum.

Im Gegensatz zu klassischen Jazzmastern hat Squier der Bariton eine Strat-Style Anschlussbuchse verpasst, die wesentliche Vorteile in der „Kabelergonomie“ bringt. Der massive Korpus aus preiswerter Linde ist recht leicht und schwingt schön mit, den Ahornhals (mit Skunkstripe auf dem Rücken) krönt eine eher an die späten 60er erinnernde Kopfplatte. Dort halten solide Vintage-style Mechaniken die Stimmung, die wie der Rest der Hardware schwarz sind und damit den modernen Look der Gitarre komplementieren.

Ein düsterer Traum von Duane Eddy

Die Vintage Modified Baritone Jazzmaster neigt zu einer gewissen, aber nicht dramatischen Kopflastigkeit, vor allem im Sitzen. Im Stehen relativiert sich das je nach Gurt (Wildleder hilft!) – dafür ist das Instrument mit 3,54 kg auch vergleichsweise leicht und wird wohl keine Bandscheibenvorfälle verursachen.

Ungewohnt ist die (für eine Bariton und natürlich noch mehr für eine normale Gitarre) lange Mensur – wer sich darauf einlässt und nicht zu kurze Arme hat, wird sich allerdings schnell zurechtfinden. Kindern würde ich ausgiebiges Testspielen vor der Anschaffung empfehlen, auch um Fehlhaltungen zu vermeiden – wobei sich Baritongitarren wohl generell nicht an Anfänger richten, da sie eigentlich eine spezielle Spielweise erfordern. Die Jazzmaster-Korpus-Konstruktion erlaubt Zugriff auch auf die höchsten Lagen. Beim Trockentest fällt die sehr entspannte Bespielbarkeit der Squier auf, vor allem im Vergleich zu den vorliegenden Modellen von Gretsch und Duesenberg. Bendings gehen recht leicht von der Hand. Selbst für jemanden, der wie ich normalerweise mit 10er Saiten spielt, sind die 14er Saiten auf der Baritone Jazzmaster schon fast schlabbrig. Das liegt an der Werksstimmung in A, die in Bariton-Spielerkreisen immer beliebter wird – normalerweise werden Baritons auf H gestimmt, was den Saitenzug natürlich erhöht.

Danelectro-style Brücke (Bild: Dieter Stork)

Der erste Eindruck beim Spielen ist knackig, aber düster – soweit keine Überraschungen: Irgendwie spiele ich mit einer Bariton automatisch ruhiger, getragener, finsterer. Ein leicht anderes Format des gewohnten Instruments kann eben auf ganz neue Inspirationspfade führen. Mich erinnert der trockene Klang an das Grollen der Basssaiten von Dreadnought- Akustikgitarren, oder an getragene, tiefe Piano-Akkorde mit viel Hall. Bei der Vintage Modified Baritone Jazzmaster liegt selbst mir als „Niedrig-Saitenlagen-Spieler“ die Werkseinstellung der Saiten zu tief und schnarrt, was aber Geschmackssache und leicht anzupassen ist.

Ich habe das dazu nötige Werkzeug (Mini-Inbus, Schraubenzieher), im Lieferumfang ist es – wie auch ein Gigbag – leider nicht enthalten, sondern lediglich der dickere Inbus zur Einstellung des Halsstabes. Am Amp zeigt sich schnell, dass Squier hier einen Spagat versucht: Die Pickups klingen auch mit viel Gain sehr offen, transparent und klar; vor allem der Steg- Tonabnehmer mit seinem recht hohen Output von 11,42 kOhm kann etwas mehr Verzerrung gut stemmen. Aber (passive) Singlecoils bleiben immer Singlecoils, mit all ihrer Schönheit, aber eben auch Tücken, sobald man die Verzerrung an Amp oder Pedal etwas weiter aufdreht. Da summt es bei zunehmender Lautstärke in Spielpausen immer, will man nicht Volume-Poti oder -Pedal bemühen.

Vintage-Mechaniken und Sechziger-Kopfplatte (Bild: Dieter Stork)

Mit einem ausufernden Pedalboard und ohne entsprechende Gegenmaßnahmen (Noise Gate) kann der Geräuschpegel dann schon recht gewaltig sein. Doch erschienen mir die Duncan Designed PUs so „leise“, wie das mit Jazzmaster- Singlecoils nur geht. Spagat gelungen? Das kommt drauf an, wofür man die Squier einsetzen will. Ich sage: Ja! Doch wer seinen High-Gain-Sound noch tighter, noch sägender braucht, der wird eventuell mit den Singlecoils dieser Bariton nicht glücklich werden. Dort, wo es etwas cleaner glitzert und knackt, wo es dunkel grollt und raunt, brilliert die Vintage Modified Baritone Jazzmaster besonders.

Vor allem bei langen, stehenden Akkorden, Single-Note-Linien oder auch mal funky Licks (wer kann slappen auf der Gitarre? Ausprobieren!) blüht sie auf, kommt der Halspickup kehlig und rau ohne jeden Mumpf, klingen die beiden Pickups zusammen wie eine große alte Kirchenglocke aus einem Horrorfilm, tönt der Stegpickup wie ein düsterer Traum von Duane Eddy. In der zuletzt recht hippen „kein Bass“-Bandbesetzung – zum Beispiel bei der Ausnahmekünstlerin Anna Calvi – kann eine Bariton ihre Reize voll ausspielen, da sie keinem anderen Tieftöner in die Quere kommt. Wer die Fuzzsäge auspacken will – bitteschön.

Leichte Bespielbarkeit bis in die höchsten Lagen (Bild: Dieter Stork)

Wer offene Akkorde schrubben will – geht auch. Nur darf man sich dann nicht wundern, wenn die Baritone Jazzmaster das vor allem im vollen Bandkontext mit Soundbrei quittiert, woran allerdings nicht sie, sondern der Anwender Schuld ist. Vielleicht will der aber gerade diese Wand an Tiefenlärm erzeugen? Alles kann, nichts muss.

Alternativen

Um im Fender-Kosmos zu bleiben, ist als Alternative vor allem die Gretsch G5265 Jet Baritone zu nennen, die allerdings mit um die € 150 mehr zu Buche schlägt und mit Bigsby plus Glitzerfinish sehr „old school“ daherkommt. Squier selbst bietet mit dem „Bass VI“ zum gleichen Preis eine Jaguar-Variante mit der gleichen Mensur wie bei der VM BJ an – mit drei Jaguar-style Singlecoils (und den entsprechenden Schiebeschaltern, die nicht jedermanns Sache sind) und Vibrato. Auch die Urväter der Bariton, Danelectro, tummeln sich in dem Preissegment; deutlich darunter finden sich nur die preisgünstigen Modelle der Versandhandel-Hausmarken, was das Preis-Leistungsverhältnis der VM BJ schon sehr attraktiv macht. Wer Humbucker braucht und ein paar Hunderter mehr zur Verfügung hat, sollte sich die Baritonmodelle der PRS-SE-Linie anschauen.

Resümee

Squier hat hier einen gelungenen Spagat hingelegt: Optisch modernisiert, spricht die neue Baritone Jazzmaster eine wesentlich breitere Zielgruppe an, als ihre Vorgängerin. Und die Pickups sind so clever designed, dass sie auch etwas höhere Gainlevel mitmachen, als man es von einer Jazzmaster erwarten würde – die Baritone Jazzmaster kann grollen und fauchen, wenn man es nicht übertreibt. Wer nach einer preisgünstigen, leicht bespielbaren und qualitativ voll überzeugenden Baritongitarre für durchaus breiter gestreute Anwendungen sucht, wird mit der Baritone Jazzmaster zufrieden nach Hause gehen.

Plus

  • leichte Bespielbarkeit
  • tadellose Verarbeitung
  • inspirierende Sounds
  • relativ geringes Gewicht
  • Tonabnehmer

Minus

  • kein Zubehör zur Einstellung (außer Halsschlüssel)

Aus Gitarre & Bass 06/2017

Kommentar zu diesem Artikel

  1. … du deutest da einen Baritone-Trend an, habe ich noch nicht mitbekommen … wenn dem so ist, dann wäre zu wünschen, dass Fender die Blacktop-Tele-Baritone auch wieder zum Leben erweckt, mit der etwas kürzeren Mensur … ich spiele 2 davon seit Jahren, die eine “nur” auf D gestimmt, die andere “nur” auf C gestimmt … in Zusammenhang mit P-90 Austauschpickups (ja da sind sie wieder!), Baritone-light-Saiten ist noch ein einwandfreies Akkordspiel möglich, ohne Saitengeschlabber und unkontrolliertem Donnerrollen, dafür gibt es einen klar ausgeprägten Bassbereich, der mir den Bassisten in der Regel gut ersetzt.

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