JIMI’S SMARTPHONE

Source Audio L.A. Lady Kingmaker Fuzz im Test

Hinter der schicken Aluminium-Fassade der zwei Source-Audio-Zerrer verbergen sich nicht nur klassische Klänge zwischen Marshall, Tube Screamer und Octafuzz. Mithilfe einer Smartphone App kann man auf eine ganze Bibliothek an Zerr-Klängen zugreifen, diese umfangreich editieren und in wahren Sound-Universen schwelgen … Herrn Hendrix hätte es gefallen.

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(Bild: Dieter Stork)

Nach den Mischpulten sind jetzt auch die Effektpedale dran: Das Mobiltelefon dient als Schnittstelle zur Erweiterung der Sound-Möglichkeiten eigentlich kompakter Effektpedale und verwandelt diese in Multieffektgeräte im Kleinformat.

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Farbe = Inhalt

Beide Pedale stecken in einem schicken, gebürsteten Aluminium-Gehäuse, das farblich und von der Namensgebung perfekt zum klanglichen Inhalt passt. Die L.A. Lady liefert Zerrsounds zwischen einem klassischen Marshall, bluesigem Tube Screamer und leicht anzerrendem Röhrenamp und ist folgerichtig in der Farbe des Golden State Kalifornien gehalten.

Der Kingmaker Fuzz verbreitet Jimi-Flair im lila Gewand und ist für Sixties-Fuzz-Sounds zwischen Big Muff, Fuzz Face und Octavia zuständig. Auf den ersten Blick sehen beide Modelle recht übersichtlich aus: Vier Drehregler sind für Gain, Level und den EQ zuständig, während ein Toggle-Switch drei Zerr-Modi zur Auswahl stellt. Der Mini-USB-Anschluss und das beiliegende Kabel mit Miniklinke für den Anschluss an Smartphone & App weisen aber darauf hin, dass hier alte Sounds mit der Technik des 21. Jahrhunderts verwaltet werden.

Programm und erfordern definitiv Einarbeitungszeit.
Programm und erfordern definitiv Einarbeitungszeit. (Bild: Dieter Stork)

Nach einer kurzen Downloadpause kann man mit der Neuro-App auf eine Fülle an Parametern zugreifen, verschiedene Verzerrer bzw. Distortion-Engines auswählen und Sounds von der App auf das Pedal laden und umgekehrt. Durch die zwei Ausgangsbuchsen ist es möglich, zwei Zerrsounds gleichzeitig abzurufen und über ein Stereo-Setup zu spielen. Nicht unbedingt das typische Szenario für ein Zerrpedal, aber durchaus interessant. Wer alle Parameter nutzen möchte, muss allerdings genauso viel Zeit mitbringen wie Jimi für Electric Ladyland gebraucht hat, denn die Editier-Möglichkeiten sind endlos.

Pedal-Sounds

Lassen wir zuerst das Smartphone außen vor und konzentrieren uns auf die Sounds, die an Bord der Pedale sind. Die L.A. Lady bietet feine Zerrsounds mit kalifornischer Note. Der Classic-Mode bietet einen singenden Marshall-Sound, der mehr nach den Studios von Los Angeles als nach einem aufgedrehten Full-Stack klingt und sowohl bei Lead- als auch bei Rhtymussounds viel Freude bereitet.

Mit zunehmendem Gain steigt der Treble-Anteil, was sich aber mit dem wirksamen EQ gut ausgleichen lässt. Der Crunch-Modus liefert eine bluesige Verzerrung, die einen Tube Screamer imitieren soll, aber wesentlich offener klingt, ohne den Mitten-Nöck des Originals. Dafür sind die Höhen bedämpfter, was Nachregeln am EQ erforderlich macht … eine EQ-Einstellung für alle Stellungen des Toggle-Switches funktioniert nur bedingt. Die Smooth-Stellung produziert einen angenehmen leichten Crunch, den man für Hendrix-Double-Stops und SRV-artige Rhythmusarbeit einsetzen kann.

Er reagiert äußerst feinfühlig sowohl auf die Anschlagsstärke der rechten Hand als auch auf den Volume-Regler der Gitarre und komprimiert angenehm – wie ein Röhren-Amp am Breaking Point. Der Kingmaker Fuzz ist deutlich mehr in den britischen Sixties verankert. Die Normal-Stellung lässt einen angenehmen Fuzzsound aus dem Amp dringen, der sowohl für singende Leadsounds als auch für bratzelige Fuzz-Riffs geeignet ist.

Die Schärfe oder den extremen Bass-Boost von Sixties-Originalen liefert er nicht, sondern eher eine Studio-Variante der klassischen Sounds, was gerade live und im Band-Zusammenhang gut funktioniert. Bewegt man den Toggle-Switch in den Heavy Mode, werden die Mitten ausgedünnt und Bässe und Höhen herausgehoben.

Resultat ist ein etwas vordergründiger Fuzz-Klang, der alleine wilder klingt, aber aufgrund der fehlenden Mitten nicht ganz so durchsetzungsfähig ist. Die Octave-Stellung verbindet den Fuzz mit einer zusätzlichen Oktave oberhalb des gespielten Tones. Mit den kranken Klängen wie sie z.B. die ZVex Fuzz Factory oder ein Fulltone Ultimate Octave liefert kann der Kingmaker nicht mithalten, bietet dafür aber eine gut ins Band-Geschehen integrierbare, freundliche Version des klassischen Jimi-Sounds.

Editier dein Tier

Hinter der traditionellen Pedal-Fassade verbirgt sich bei beiden Modellen eine Art Super-Verzerrer mit 40 Zerrer-Modellen, einem parametrischen EQ, Noise Gate und diversen Filtern. Das Steuern der Funktionen mithilfe der Neuro-Smartphone-App klappt gut – man verbindet die freie Eingangsbuchse mit dem Kopfhörer-Ausgang seines Mobil-Telefons, öffnet die App und hat jetzt plötzlich statt vier Regelmöglichkeiten über 40. Darunter befinden sich die besagten Zerrmodelle, mit denen man dann die L.A. Lady in einen Kingmaker Fuzz oder den Bassverzerrer After Shock verwandeln kann oder umgekehrt, was in einer kompakten Studio-Situation sicher sehr nützlich sein kann.

Um live alle Sounds nutzen und komfortabel abrufen zu können, braucht man schon den MIDI-Controller mit 128 Plätzen und ist dann weit entfernt von einem einfachen Pedal-Setup, es sei denn, man möchte wirklich mit dem Smartphone zwischen den Songs gespeicherte Sounds auf das Pedal laden. Angesichts der Parameterfülle fühlt man sich ein bisschen in die späten Achtziger/frühen Neunziger zurückversetzt als man Tage mit dem Editieren seines 19″-Gerätes verbringen konnte und vor lauter Presets und Möglichkeiten ab und zu das Musikmachen vergaß.

Sieht man die Smartphone-Steuerung aber als Erweiterung und nicht als Muss, ist es schon nett, wenn man mithilfe des parametrischen EQs einen Sound diffizil anpassen oder komplett verbiegen, mithilfe des gut funktionierenden Noisegates für Ruhe sorgen oder eben mal schnell einen Oktavia-Sound auf die L.A. Lady laden kann. Zudem eignet sich die App auch als Notizzettel für selbst erstellte Sounds, die man dann Wochen später wieder rekreieren kann.

Mithilfe der Burn-Funktion kann man auf den Toggle-Switch eigene Sounds abspeichern. Auch die Belegung der Ausgangsbuchsen und die Anordnung der verschiedenen Zerrsounds kann variiert werden. Es ist also möglich, zwei Zerrsounds parallel über zwei Amps abzurufen oder sie alternativ zu „stacken“, sprich z. B. einen Octavia-Sound auf einen crunchigen Sound schicken. Die zahlreichen Möglichkeiten und die damit entstehende Qual der Wahl erinnern dann schon fast an ein Amp/Pedal-Simulations-Programm und erfordern definitiv Einarbeitungszeit.

Resümee

Auf den ersten Blick bieten die Source-Audio-Pedale klassische Zerrsounds in kompaktem Format und edlem Design: Die L.A. Lady deckt den schön klingenden Bereich zwischen Marshall Stack und Röhren Crunch ab, während der Kingmaker Fuzz für bratzelige Sixties-Sounds zuständig ist. Beiden Pedalen ist ein eher Studio-artiger Charakter eigen. Die Zerrsounds klingen authentisch, weisen aber immer einen bearbeiteten Wohlklang auf, als ob man die Röhrenamps und wilden Verzerrer mithilfe von EQ, Mikrofonierung und gutem Mix ausbalanciert hätte.

Das ist im Band-Zusammenhang durchaus als Vorteil zu sehen, denn man spart sich das oft kratzbürstige Verhalten der Originale und bekommt diese in einem leicht bedienbaren Pedal. Schaut man hinter die Pedal-Fassade, entpuppen sich die beiden Modelle dank der Neuro-Smartphone-App als umfangreiche Gitarren-Zerr-Fundgrube mit einer kompletten Bibliothek an Verzerrermodellen und weit gefassten Regelmöglichkeiten. Was der eine als Preset-Overkill empfindet, ist für den anderen der Himmel der Möglichkeiten. Bei einem Handels-Preis von knapp € 180 gibt es aber nichts zu meckern – sowohl als kompakter Bodentreter als auch als umfangreiche Soundsammlung sind die zwei Pedale ihr Geld wert.

Plus

• vielseitige, gut klingende Zerrsounds

• simpel zu bedienende Pedaloberfläche

• viele zusätzliche Regelund Soundmöglichkeiten

über Smartphone App

Minus

• nur ein EQ für drei Modi

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