Überraschungen in der Preisklasse um € 500

Sechs Mal Singlecut: Der große Vergleichstest

(Bild: Dieter Stork)

Oh wie langweilig. Da häuft man einfach genügend Geld auf den Tresen und bekommt genau das, was man erwartet – den Sound, den Look, den Wiederverkaufswert. Doch wo bleibt da die Überraschung?

Meistens finden solche Überraschungen dann tatsächlich eher ein bis zwei Preisetagen tiefer statt – dann, wenn man einem günstigen Instrument eigentlich so gar nichts zugetraut hatte. Auf der Suche nach solchen Überraschungen haben wir Musik Produktiv in Ibbenbüren besucht und im Regal für Singlecut-Modelle der 500-Euro-Preislage gestöbert. Mit sechs Singlecut-Modellen im Schlepptau ging es dann nach Hause und ja, wir wurden überrascht, vor allem (aber nicht nur … ) positiv!

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VORAB …

Ist ja klar, dass das Gitarristenhirn beim Terminus „Singlecut“ automatisch eine Gibson Les Paul, die Mutter aller Singlecut-E-Gitarren, auswirft – und „Rock“ als dazu passendes Musik-Genre. Insofern waren die meisten Kriterien, die das Testfeld erfüllen sollte, quasi schon vorgegeben. Die Gitarren sollten folgende Eigenschaften erfüllen:

  • Body mit einem Cutaway
  • geleimte Hals/Korpus-Verbindung
  • Mensur von ca. 628 mm
  • Bestückung mit zwei Humbuckern
  • Tune-o-matic-style-Brücke plus Stop-Tailpiece
  • Preisklasse: um 500 Euro

Und nicht zuletzt: Sie sollten auch tiefhängend eine gute Figur abgeben.

Ich empfehle, beim Lesen dieses Artikels die Übersicht mit den technischen Daten zur Hand zu nehmen. Hier sind alle Übereinstimmungen und Unterschiede auf einen Blick ersichtlich, und man erhält einen guten Überblick über das, was die sechs Gitarren im Einzelnen bieten, und was nicht. Hier möchte ich das Augenmerk besonders auf die verwendeten Materialien legen. Denn nur die wenigsten der sechs Kandidatinnen bedienen sich der klassischen Kombinationen aus Mahagoni-Korpus und Ahorndecke sowie Mahagoni-Hals und Palisander-Griffbrett. Vielmehr findet man alternative Hölzer. Vor allem scheint Palisander als Griffbrettholz in den unteren Preisklassen ausgedient zu haben. Keine unserer sechs Gitarren besitzt ein Griffbrett aus diesem selten und teuer gewordenen Holz, und die verwendeten Alternativen waren auch mir zum Teil neu. Neue Zeiten, neue Hölzer. Gut so.

(Bild: Dieter Stork)

TESTFELD

Das Testfeld fächert sich wie von selbst in mehrere Gruppen auf. Auf der einen Seite finden wir Gitarren, die recht sklavisch dem Vorbild der Gibson Les Paul folgen. Dann gibt es solche, die einen eigenen Twist zum Thema Singlecut anbieten; sei es, dass sie selbst eine lange Tradition und ein eigenes Design haben wie z. B. Gretsch oder Hagström. Oder sei es, dass ihre Philosophie reines Kopieren eben nicht vorsieht – wie z. B. Ibanez und LTD/ESP. Und ganz nebenbei führen uns die sechs Gitarren die volle Bandbreite fernöstlicher Günstiglohnländer vor Augen, denn sie kommen weit her gereist aus China, Indonesien und Vietnam.


(Bild: Dieter Stork)

Natürlich bedient sich Epiphone als Tochterfirma mit vollen Händen aus dem Fundus des Mutterhauses Gibson. Sieht man von der Kopfplatte ab, ist hier alles im bewährten Les-Paul-Stil gehalten, angefangen von den Grover-Mechaniken über den Mahagoni-Body mit Ahorndecke, den Reflektor-Potiknöpfen mit Metall-Markern bis hin zu den 4 kg Lebendgewicht.

Der Rotstift des Herstellers beschert uns Lorbeer als Griffbrettholz und eine Halskonstruktion, bei der Kopfplatte und Halsfuß angestückelt sind. Die Bundenden müssen ohne Nibs auskommen, was bei allen anderen Gitarren dieses Tests aber auch der Fall ist.

Die Verarbeitung der Epiphone ist makellos, lediglich die Sattelkerben hätten etwas tiefer sein können. Die Bünde sind einwandfrei abgerichtet und poliert, und wie die Hardware stammt auch die Elektronik mit z. B. 500-kOhm-CTS-Potis aus einem guten Hause. Dazu kommt, dass dieses Bourbon Burst, eine elegante Ausgabe des dunkleren Tobacco Burst, für meinen Geschmack auch noch richtig gut aussieht.

Die Epiphone ProBucker machen eine überzeugende Figur. (Bild: Dieter Stork)

Spielgefühl und Trocken-Sound sind denn auch absolut Les-Paul-alike. Wobei sich der als „60s slim tapered“ angekündigte Hals schon ein bisschen nach „59“, also ziemlich kräftig, anfühlt. Aber schön, wie die Saiten einschwingen, nicht spritzig und vorwitzig, sondern eher satt und souverän. Eine gute Ausgewogenheit der Lautstärke aller Saiten untereinander und eine prima Tonentwicklung mit langem Sustain, auch über den 12. Bund hinaus, sind ebenfalls gegeben. Verstärkt zeigen die beiden ProBucker dann ihre Qualitäten; nicht umsonst werden sie in der Szene oft gelobt. Sie kommen kräftig und klar rüber, nie undifferenziert, dafür aber mit schönen, leuchtenden Höhen. Und ja, darin erinnern sie an gute PAF-type-Pickups! Klar, dass nun Tür und Tor für klassische Paula-Sounds offen stehen – der Hals-Pickup verspricht zu Recht den Blues und kann auch Glocke, die Mittel-Position ist einen Tacken bissiger und akzentuierter, während der Steg-PU natürlich knochig-trocken kommt und verzerrt einen knarzenden Riffomat im Led-Zep-Format darstellt. Daumen hoch!

PLUS

  • Verarbeitung
  • Sounds und Pickups
  • Materialien
  • Qualität der Elektronik
  • klassischer Look

MINUS

  • Sattelbearbeitung

(Bild: Dieter Stork)

Gretsch hat sich im Electromatic-Sortiment seinen eigenen Schick bewahrt. Siehe die G-Potiknöpfe, die auffälligen Gurtknöpfe, das silberne Pickguard, das V-Stop-Tailpiece und die formschönen BroadTron-Pickups. Der in Tiefschwarz lackierte Mahagoni-Body ist als einer von zweien im Testfeld ge-„chambered“ – das soll für weniger Gewicht am Gurt sorgen, aber auch für etwas mehr Luft im Sound.

Schicker Gretsch-Stil bis hin zu den Potiknöpfen (Bild: Dieter Stork)

Luft nach oben gibt es hingegen im Elektronikfach, denn dort findet man Potis des chinesischen Low-Budget-Herstellers Song Huei. Wie angegossen sitzt die Gretsch am Körper, das breite Griffbrett (44 mm!), der nicht zu dicke Hals und die eher flachen Bünde ermöglichen müheloses Spielen. Und da auch das Setup inkl. der Sattelbearbeitung ab Werk richtig gut ist, entwickelt sich auf Anhieb ein wenig Sympathie zur schwarzen Jet. Nun mal hören, was der Amp dazu sagt …

Die Gretsch-BroadTron-Pickups sind verbesserungswürdig. (Bild: Dieter Stork)

Und der meldet ein eher leises und mattes, ziemlich charakterloses Signal. Wo sind die strahlenden Höhen, die den Gretsch-Sound ausmachen? Wo ist der Druck, den eine Gretsch bei angezerrten Sounds entwickeln kann? Von alledem ist hier nichts zu spüren. Oder wollte man vielleicht wie eine Les Paul klingen und hat die BroadTron-Pickups entsprechend fetter und runder abgestimmt? Wäre eine schräge Idee, aber man weiß ja nie … Aber ich kann jetzt nachvollziehen, warum viele Electromatic-Besitzer als erstes die Pickups gegen TV-Jones-Äquivalente austauschen. Genau das würde ich bei dieser ansonsten einwandfreien, richtig gut verarbeiteten G5220 auch tun – und die Low-Budget-Potis gleich mit.

PLUS

  • Design
  • Setup
  • Verarbeitung

MINUS

  • Pickups

(Bild: Dieter Stork)

Das Modell, das neben der Gretsch G5220 am weitesten weg von einer Les Paul liegt, ist die Hagström Ultra Swede. Sie verkörpert einen komplett eigenen Stil, der auch für sich existieren könnte, gäbe es die Les Paul nicht. Das beweisen auch die vielen Hagström-eigenen Design- und Konstruktionsfeatures der Ultra Swede.

Die markante Kopfplatte, das Griffbrett aus dem Holzverbundstoff Resinator, der leichte H-Halsstab und solche Details wie der formschöne ToggleKnopf lassen Gedanken an eine Les Paul erst gar nicht aufkommen. Der Korpus aus Linde (Basswood) ist samt seiner Flamed-Maple-Decke nur 39,5 mm stark, kommt in einer 7/8-Größe und besitzt auf der Rückseite ein ausladendes Shaping, wodurch die Ultra Swede äußerst handlich ist! Auffällig ist die optisch stimmige Perloid-Einfassung um Decke, Griffbrett und Kopfplatte – in dieser Preisklasse durchaus eine luxuriöse Komponente.

Auffällige „3 Step“ -Mechanikknöpfe an der Hagström Ultra Swede (Bild: Dieter Stork)

Unter einer auffälligen Chrom-Abdeckung findet sich ein Saitenhalter, bei dem jede Saite in ihrer eigenen Halterung sitzt, die wiederum auf eine dünne Plexiglas-Scheibe montiert sind – sehr eigenwillig. Die Hagström Ultra Swede kam ab Werk mit einem nahezu perfekten Setup. Ihr trockener Sound versprüht Dynamik und Musikalität, gepaart mit einem satten Sustain …

Beim Hagström-Saitenhalter ist jede Saite in einem eigenen Halter verankert, der auf einer Plexiglas-Platte sitzt. (Bild: Dieter Stork)

Den Rrring-Faktor, den ich z. B. bei der Gretsch von eben vermisst habe, finde ich hier bei der Schwedin aus China wieder am Amp; und ich könnte mir sogar vorstellen, würde man die Potis des chinesischen Herstellers Cherkfan (CF) durch hochwertigere ersetzen, dass dann noch mehr Leben im Höhenbereich stattfinden würde. Sowohl cleane, angezerrte als auch verzerrte Sounds kommen so, wie man es sich von einer guten Gitarre mit zwei Humbuckern wünscht. Etwas schlanker als die fette Epiphone, eher eleganter, geschmeidiger und irgendwie flinker. In dieses Bild passt auch die Option, über einen Mini-Schalter die beiden Pickups zu splitten. Nicht dass wir es dann mit einem Fender-mäßigen Singlecoil-Sound zu tun hätten, aber diese ausgedünnte Sound-Variante ist in bestimmten Momenten eine gelungene Alternative, um etwas Überraschung ins Spiel zu bringen. Ich persönlich würde es begrüßen, könnte man beide Humbucker separat splitten. Aber gut – bei dieser Zugabe sollten wir auch nicht päpstlicher als der Papst sein.

PLUS

  • Sounds
  • Verarbeitung
  • Setup
  • Design

(Bild: Dieter Stork)

Diese stolze Marke aus dem Land der aufgehenden Sonne hat schon seit ewigen Zeiten eigene Singlecut-Modelle im Katalog. Diese moderne Version kommt optisch zwar recht seriös rüber, hat aber viele interessante Details zu bieten.

So ist das Halsprofil mit seinen fetten Schultern sehr 59er-mäßig, während der Pappel-Body mit 37,4 mm Stärke der schlankste im Testfeld ist. Dank der großen Kontur auf der Rückseite liegt die ART120 auch anders am Spieler an als eine typische Les Paul. Das Setup ist angenehm gut – der Grafit-Sattel samt Sattelkerben ist perfekt geformt und gekerbt, die Saitenlage ist flach und die Bundierung so, wie sie sein soll. Das Griffbrett aus Purpleheart (auf Deutsch: Amaranth) wirkt zwar sehr trocken, dieses Erscheinungsbild gehört aber zu der Eigenschaft von Purpleheart, das sehr hart und feinporig ist. Ein schönes Detail ist das Trussrod-Cover, das man manuell lösen kann, ohne eine Schraube herausdrehen zu müssen.

In den QuikChange-Saitenhalter werden die Saiten bequem von oben eingelegt. (Bild: Dieter Stork)

Auch der Ibanez-eigene Quik-Change-Saitenhalter, in den die Saiten von oben eingehangen werden, macht Sinn. Bei der Regeleinheit, die aus zwei Lautstärke- und einem Master-Tone-Poti sowie einem unten bei den Potis sitzenden Dreiweg-Toggle besteht, müssen Les-Paulianer etwas umdenken.

Im Elektronikfach befinden sich zudem Potis des koreanischen Herstellers HONGH – richtig gute asiatische Qualität, die in etwa zwischen Alpha und CTS liegt. Klanglich erscheint die Ibanez etwas zurückhaltend. Zwar ausgewogen, rund und ohne Einbrüche, aber eben auch ohne Auffälligkeiten. So ein großer Pappelkorpus kann schon eine etwas träge Angelegenheit sein. Diese Ibanez liefert alles, was man braucht, um sorgenfrei musizieren zu können – aber von ihrem akustischen Klangbild bleibt zumindest bei mir nichts hängen.

Wie schön, dass sich dieser zahme Eindruck am Amp dann doch im Großen und Ganzen relativiert. Die Classic-Elite-Pickups machen eine gute Figur, vor allem der Steg-Pickup! Zerrt der Amp, dann beißt er, wenn er beißen soll, dann drückt er, wenn er drücken soll, dann ist er mächtig, wenn er dominieren soll, dann ist er feinfühlig genug, dass er weiß, wer sein Herr ist und setzt immer gedankenschnell um, was dieser ihm befiehlt. Ihm fehlen zwar die glockigen Höhen z. B. der Epiphone, aber er rockt dafür umso mehr. Sein Bruder am Hals ist dagegen etwas zurückhaltend und bescheiden. Er fordert einiges an Energie ein, bis er ein vitaler Spielpartner wird. Aber: So stellen beide Pickups immerhin schöne Antipoden dar, die vor allem der Vielfalt an Sounds dienen.

PLUS

  • Verarbeitung
  • Setup
  • Steg-Pickup-Sound

MINUS

  • Hals-Pickup-Sound

(Bild: Dieter Stork)

Was für eine sündige Farbe … See Thru Purple Burst … und wie passend zum Rocker-Image von LTD und Mutterfirma ESP! Die in Indonesien gebaute EC-256 setzt auf Singlecut-Attitüde mit modernen Anleihen – auch das passt zu diesem potenten Hersteller!

So ist der Korpus genauso schlank wie der der Hagström und weist sowohl hinten als auch im Cutaway Konturen auf, die dem bequemen Spiel auch in den hohen Lagen dienen. Aber es wurde auch der Tradition Referenz erwiesen, z. B. in Form der Materialien: Mahagoni-Korpus mit Ahorn-Decke sowie ein Mahagoni-Hals, der allerdings kein Palisander-Griffbrett sondern eines aus geröstetem Jatoba trägt. Dieses bei uns noch relativ unbekannte Holz stammt hauptsächlich von Laubbäumen aus Brasilien. Es hat eine hohe Resistenz, gilt als gut verfügbar, und gehört zur Gattung der Hymenaea, einer südamerikanischen Kirschbaumart.

Die Kontur im Cutaway der LTD EC-256 erleichtert den Sport in den hohen Lagen. (Bild: Dieter Stork)

Die Spielbarkeit der LTD verlangt etwas mehr Zupacken als bei den anderen Gitarren. Das liegt zum einen daran, dass die Sattelkerben nicht tief genug gefeilt sind, aber auch an den Jumbo-Bünden, die eben nicht nur breit, sondern auch hoch sind. Hier bekommt die Greifhand richtig Fleisch geboten, das es zu bearbeiten gilt. Der ungeübte Anfänger mag damit vielleicht überfordert sein, während der fortgeschrittene Rocker genau diese klare Ansage der LTD braucht, um so zu spielen, wie es seine Musik erfordert. Hart, zupackend, laut. Auch hier schnell noch ein Blick auf die Potis: Hier finden sich koreanische Alpha-Lizenznachbauten von durchschnittlicher Qualität. Die LTD-H-150-Pickups setzen diesen Plan auch in ihrer Tonübertragung bestens um. Die eher mittig abgestimmten Tonabnehmer blühen mit zunehmender Verzerrung immer mehr auf, es wird ein markig-fetter Sound auf beiden Pickups erzeugt, der eben genauso klingt, wie dieses so verdammt heiße See Thru Purple Burst aussieht. Pommesgabel! 🤟😉

Mit Les-Paul-typischer Ansprache und sehr langem Sustain lässt sich die LTD-256 zudem sehr musikalisch spielen. Und ja, wenn es doch mal noch cleaner als clean werden soll, dann ist da noch die Split-Schaltung, die den Sound der beiden Humbucker deutlich ausdünnt und sinnvolle klangliche Alternativen ermöglicht, die in ihrer Lautstärke kaum gegenüber den Humbucker-Sounds abfallen. Zur rechten Zeit am richtigen Ort ist die LTD eine richtig gute Axt!

PLUS

  • Sounds
  • Verarbeitung
  • Design und Optik

MINUS

  • Sattelbearbeitung

(Bild: Dieter Stork)

Hier ist der Name Vintage tatsächlich auch einmal Programm. Denn diese V100 ist ein Tribut an eine der berühmtesten Les Pauls ever, nämlich: Greeny, Peter Greens legendäre 1959 Gibson Les Paul, die Anfang der 70er bei Gary Moore und später bei Kirk Hammett landete.

Einige der Design-Details erklären sich von selbst, wenn man von diesem Zusammenhang weiß. Denn auch Greeny weist z. B. einen umgedreht montierten Hals-Pickup auf, der genau wie bei der V100 zu einem näselnden Out-of-Phase-Sound in der Mittelstellung des Toggle beigetragen hat. Und der ist ja als Peter Greens Trademark-Sound in die Geschichte eingegangen.

Wie bei Peter Greens “Greeny” ist der Hals-Pickup der Vintage V100 verkehrt herum eingebaut (Bild: Dieter Stork)

Auf dem Trussrod-Cover steht „Lemon Drop“, die Bezeichnung der Lackierung, die diese V100, aber auch Greens Greeny trägt. Nur war das damals noch ein Sunburst, bei dem das Rot ausgeblichen war. Und wer sich über die verschiedenen Potiknöpfe wundert – die Lautstärke-Regler tragen Reflektor-, die Tone-Regler Bell-Knöpfe –, dem sei versichert, dass Greeny genauso aussah.

Trevor Wilkinson, der clevere Ideengeber hinter Vintage, hat dieser Les-Paul-Kopie allerdings auch seinen eigenen Stempel aufgedrückt – und zwar einen speziellen Hals-/Korpus-Ansatz. Hier verläuft der Body in einem eleganten Bogen um den Halsansatz herum und mündet schwungvoll in den Cutaway. Das sieht nicht nur gut aus, sondern bietet auch mehr Bewegungsfreiheit in den hohen Lagen. Der Mahagonikorpus selbst ist teilweise hohlgefräst, seine Kammern sorgen trotz der satten Body-Stärke von fast 52 mm für ein tragbares Gewicht von 3,3 kg!

Schwungvoll-eleganter Hals-/Korpusübergang (Bild: Dieter Stork)

Apropos Mahagoni: Der Hals besteht aus drei, der Body sogar aus vier Streifen. Ein modernes Material stellt das Griffbrett der Vintage V100 dar: Lignum Rosa. Vom englischen Gitarrenbauer Alan Entwistle entwickelt, handelt es sich dabei um ein vielschichtiges Holzkonstrukt mit dem Aussehen von Palisander, das „quarter sawn“ aufgesägt wird. So ergeben die einzelnen Schichten optisch eine Art Maserung. Interessant! Weniger interessant sind jedoch die Reste von Beize, die auf Teilen des Griffbrett-Bindings zu sehen sind.

Generell macht die Verarbeitung einen recht schwachen Eindruck. Dies fängt beim billig wirkenden Logo auf der Kopfplatte an und setzt sich über den klobig und schmuddelig aussehenden, nicht tief genug gekerbten Sattel (GraphTec NuBone) fort. Es werden kleine Potis des chinesischen Herstellers JS verwendet, denen aber eine ordentliche Qualität bescheinigt wird. Wenig Vertrauen erweckend erweisen sich die Hülsen, in denen das Stop-Tailpiece sitzt: Die haben sich bereits ein Stückweit aus der dünnen Maple-Decke herausgelöst.

Leider haben sich die Hülsen des Stop-Tailpiece ein Stück weit aus der Decke der Vintage V100 herausgehoben. (Bild: Dieter Stork)

Außerdem schabt der Lautstärke-Regler des Hals-Pickups über die Decke und geht entsprechend schwer. Das alles muss nicht sein, wenn die Produktion sorgfältig überwacht wird.

Liegt die V100 dann endlich in der Hand, ist fast alles wieder gut. Das recht dünne C-Profil des Halses spielt sich sehr gut, die Gitarre wirkt lebendig und willig. Ein Eindruck, der sich auch verstärkt widerspiegelt: Dynamik, Tonentfaltung und Sustain sind richtig gut. Der Out-of-Phase-Sound der Mittelstellung ist meiner Meinung nach in seiner Eigenwilligkeit besser einsetzbar als eine Split-Schaltung. Und dass nicht nur, weil sie an Peter Green erinnert, sondern weil es ein charakteristischer Sound ist, der sowohl clean als auch verzerrt seine Berechtigung hat. Aber – das mögen andere anders sehen. Irgendwie schade, dass die Verarbeitung mit dem Klang und der Spielbarkeit nicht mithalten kann. Denn diese Gitarre hat das, was perfekt verarbeitete Instrumente manchmal nicht haben – Charakter.

PLUS

  • Sounds
  • Spielgefühl
  • Hals-/Korpusübergang

MINUS

  • Verarbeitungsmängel (s. Text!)

RESÜMEE

Wie am Anfang schon gesagt, lässt sich das Testfeld in drei Gruppen aufteilen, die in der Regel auch drei unterschiedliche Zielgruppen ansprechen werden. Will ich z. B. eine Gitarre, die dem Vorbild der Gibson Les Paul weitestgehend folgt, ziehe ich entweder die Epiphone Les Paul oder die Vintage V100 in Betracht. Meine Wahl wäre hier die Epiphone, weil sie zum einen herausragend klingt und zum anderen deutlich besser verarbeitet ist als die Vintage V100. Die ist allerdings rund 160 Euro günstiger. Vielleicht habe ja ich ja ein Montagsmodell erwischt, und alle anderen V100 sind besser verarbeitet? Hier lohnt sich eine Überprüfung im Gitarrenladen, denn grundsätzlich stimmt das Konzept der Vintage Les-Paul-Kopie.

Richtet sich der Begehr jedoch auf eine eigenständige, moderne Les-Paul-Version, sollte man sich die Ibanez ART120 und die LTD EC-256 anschauen und vergleichen. Ist Rockmusik im weitesten Sinn das Genre, in dem man unterwegs sein möchte, wäre die LTD mein klarer Favorit. Ist man jedoch vielseitiger aufgestellt, dann könnte die Ibanez genau die richtige Wahl sein.

Geht das Augenmerk auf eigenständige Traditionen abseits der eingetretenen Gibson-Pfade, melden sich die Hagström Ultra Swede und die Gretsch Electromatic G5220 zu Wort. Hier ist die elegante Hagström die klare Favoritin, die neben der vorbildlichen Verarbeitung viel Charakter und Individualität zeigt – allesamt Eigenschaften, die sich auch im Klangvermögen der Gitarre widerspiegeln. Hätte die Gretsch G5220 bessere Tonabnehmer, könnte sie mit ihrem eigenen Charme viele Punkte sammeln und sicherlich den einen oder anderen Gretsch-Fan auf ihre Seite ziehen.

Vielen Dank an Musik Produktiv Ibbenbüren für die gute Zusammenarbeit!

(zum Vergrößern klicken!)

(erschienen in Gitarre & Bass 03/2022)

Produkt: Gibson Guitars Special
Gibson Guitars Special
Gibson Guitars: Testberichte, Stories, Workshops im Gitarre & Bass-Special

Kommentare zu diesem Artikel

  1. SUPER GEMACHT, HEINZ!! WAR ECHT TOLL, DEINEN BERICHT ZU LESEN!! ICH HABE MEHRERE GITARREN – 3 EPIS, GIBSON WB SG, ESP LTD, BC RICH SPECIAL X, SHAMAN, ZWEI HB’S, ABER DIE 3 BESTEN SIND MEINE ORIGINAL STRATOCASTER : BORN 1978 IN JAPAN UND MEINE ZWEI SCHECTERINEN DIAMOND SERIES C-1 + & HELLRAISER!! LET IT ROCK 😎🤘😎

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  2. Zusammengefasst entnehme ich, das die Epiphone doch so etwas wie der Testsieger ist. Ich kann das einfach nur bestätigen. Die Epiphone- Gitarren befinden sich trotz chinesischer Fertigung inzwischen wieder auf einem sehr, sehr gutem Niveau. Ich selber spiele seit zwei Jahren die Epiphone Modern Korina lim.Edition, ein absoluter Traum. Auch die Modern Les Paul kann ich nur wärmstens empfehlen. Was Vintage Gitarren betrifft muss ich hingegen den Test aus eigener Erfahrung in zwei Fällen allerdings auch bestätigen. Gute Ansätze, eigentlich brauchbare Hardware (Wilkinson) aber katastrophale oder besser schlampige Verarbeitungsqualität. Schade!

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  3. Toller Bericht gibt auch meine Erfahrungen wieder jedoch ist die Hagström under rated eine tolle Gitarre besonders für Einsteiger und Fortgeschrittene auch die Epiphones sind toll würde diese aber nur noch gebraucht kaufen den da bekommst du noch das von Dir erwähnte original Holz Set up einer Les Paul Seymour Duncans rein und näher kommt man kaum ans Original.
    Weiter So, so lange es noch Gitarren gibt die leistbar sind und einem Freude bereiten.

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  4. Ein wirklich toller Artikel, hat wirklich Spaß gemacht ihn zu lesen.

    Verwundert war ich über die Qualität der Vintage V100 – habe selber eine V100 WR(Mini-Humbucker) und bin hier mit der Qualität zufrieden. Allerdings ist diese auch von 2012…
    Sollte die Qualität so abgenommen haben wäre das wirklich Schade!

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