Vollröhren-Monolith

Schwergewichts-Champion: Ampeg 50th Anniversary SVT im Test

Groß. Schwer. Sehr schwer. Teuer in Anschaffung und Unterhalt. Wenn ein Verstärker über Jahre oder gar Jahrzehnte immer das gleiche Testfazit bekommt, sollte er doch schon lange aus dem Programm sein, oder? Nicht so der Ampeg SVT, der nach wie vor nicht nur auf großen Bühnen ein Standard ist. Dessen jüngste Inkarnation, zum 50. Jubiläum entstanden, aber dank Corona erst seit kurzem auf dem Markt, dürfen wir auf Röhre und Trafo prüfen.

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Das Licht der Bühne erblickte der SVT 1969. Entwickelt von einem kleinen Team innerhalb der Firma, mit dem Ziel, einen Verstärker zu bauen, der richtig drüber ist. Angeboten wurde er gar nicht explizit für Bass, und so gingen die Prototypen mit den Stones auf US-Tour, wo sie für Bill Wymans Bass ebenso wie für die Gitarren von Keith Richards und Mick Taylor genommen wurden, begleitet von einem Ampeg-Repräsentanten mit dem Job, sie am Laufen zu halten.

VOLLRÖHREN-MONOLITH

Der SVT erlebte einige Veränderungen in den 70ern, Anfang der 80er wurde die Produktion nach Japan ausgelagert, bevor sie ganz eingestellt wurde. Erst eine neue Mutterfirma brachte 1987 zuerst 500 handgebaute sogenannte Skunkworks SVTs heraus, bevor sie den SVT ganz modern als SVT-II in ein 19“-Format kleideten. Seit 1994 gibt es ihn wieder in der einen oder anderen Form als Topteil im herkömmlichen Holzgehäuse, und wenn ich im Folgenden über den SVT schreibe, dann meine ich das 300-Watt-Vollröhren-Top, nicht die Hybrid-Verstärker, die ebenfalls unter dem SVT-Label liefen und laufen.

Da stöhnt selbst der sonst so freundliche Paketfahrer. Er hat durchaus größere Pakete an Bord, aber das Versandgewicht von deutlich über 40 Kilo macht ihm doch zu schaffen. Ausgepackt bleiben davon noch knapp 39 kg übrig. Ein Vollröhren-Top stellt an sein Gehäuse andere Anforderungen als ein modernes Fliegengewicht. Entsprechend solide ist der sauber in Tolex gehüllte Kasten (mit sechs Metallecken), der dank der stabilen Metallklappgriffe auch alleine noch einigermaßen zu tragen ist, und zu zweit gut auf der Box platziert werden kann, ohne sich dabei die Handgelenke zu verdrehen. Da steht er dann auf vier dicken Gummifüßen.

Optisch geht die Front in Richtung der ersten SVTs, wegen der blauen Beschriftung auf silbernem Grund „Blueline“ genannt. Charakteristisch für die SVTs ist die oben im Gehäuse hängende Vorstufe, während die Endstufe hinter dem blau-silbernen Frontgrill auf dem Boden fixiert ist.

Die zwei Kanäle lassen sich auch patchen und klanglich mischen.

Vier Buchsen sind den beiden Kanälen des Amps zugeordnet: Für Kanal Eins und Zwei stehen jeweils „normal“ unten und „bright“ oben zur Verfügung. In den Bright-Eingängen findet sich ein Bass-Cut per Kondensator, der den Grundsound brillanter erscheinen lässt, dazu später mehr. Den historisierenden Charakter des Anniversary-Tops fördert die Bezeichnung beider Kanäle nach einem jeweils legendären Abschnitt im Leben des SVT.

Der erste Kanal heißt „1969“, das Geburtsjahr des Tops. Wie beim Klassiker gibt es nur einen Volume-Regler ohne Master. Die Klangregelung ist als 3-Band-EQ ausgelegt, jeder Regler ist mit einem Wippschalter in dem oben abgesetzten Teil gekoppelt. Beim Treble-Regler ist das Ultra-Hi, beim Bass Ultra-Lo. Während es in den Höhen neutral und Boost gibt, kann beim Bass aus der neutralen Mittelstellung abgesenkt und angehoben werden. Auch der Mittenschalter ist dreistufig, hier kann die vom Regler angehobene oder abgesenkte Frequenz mit 220, 800, oder 3000 Hz gewählt werden.

Der zweite Kanal ist wie gewohnt spartanischer eingerichtet. Diesmal geht die Reise nach „1975“ in die Magnavox-Ära. Neben einem Volume-Regler gibt es nur Treble und Bass, gekoppelt mit Ultra-Hi und Ultra-Lo, wobei Letzterer auf den Cut verzichtet. Das war’s schon. Die Frontplatte beschließen zwei Kippschalter in Vintage-Anmutung für Power und Standby.

So oldschool die Front aussieht, mit ihrer liebevoll ans alte Vorbild angelehnten Beschriftung und Ausstattung, so zweifelsfrei modern ist die Rückseite.

Trotz traditioneller Bauweise ein modern ausgelegtes Anschlussfeld

Der 50th Anniversary folgt der Auslegung, die schon vom SVT-VR bekannt ist. Die Speakon-Buchse ganz rechts spricht da eine zeitgemäße Sprache, daneben gibt es noch zwei Klinkenbuchsen zum Anschluss der Lautsprecherboxen. Der Ur-SVT war übrigens als Set konzipiert, mit zwei 8×10“-Boxen, um eine ausreichende Belastbarkeit zu gewährleisten. Das geht mittlerweile zum Glück kleiner, aber eine gewisse Fläche steht dem Amp schon besser. Entsprechend ist der Ausgang auch zwischen 4 und 2 Ohm umschaltbar, einen Abgriff für 8 Ohm gibt es immer noch nicht. Links davon folgt die DI-Sektion.

Der XLR-Ausgang ist mit zwei Druckschaltern für Groundlift und die Wahl des Signalabgriffs Pre oder Post ausgestattet. Pre greift direkt an den Eingangsbuchsen ab (inkl. Bright-Schaltung), während Post alles außer dem Poweramp mitnimmt – also neben der Klangregelung auch die Lautstärkeeinstellungen. Verändert man die live, ändert sich auch der Pegel am DI-Out. Um dieses Problem abzumildern, hat der Anniversary-SVT einen separaten Pegelsteller, der gegen versehentliches Verstellen mit einem Schraubendreher justiert werden kann.

Als Nächstes folgen drei Klinkenbuchsen für Preamp-Out, Poweramp-In und Slave-Out. Der Preamp-Out kann entweder als weiterer, unsymmetrischer Post-EQ-Ausgang genutzt werden, oder um Effekte zu füttern, die über den Poweramp-In wieder in den SVT gefüttert werden, und am Slave-Out wiederum abgegriffen werden können, um zum Beispiel den Poweramp-In eines weiteren Amps zu füttern. Falls einem 300 Watt mal nicht reichen sollten …

Röhrenamps haben gelegentlich auch gerne etwas Hege und Pflege, einen Teil davon kann man am SVT sogar selbst machen. Für die Balance-Einstellung sind ein 40Hz-Ton und ein Voltmeter vonnöten, die beiden BIAS-Settings für jeweils eine Hälfte der Endstufenröhren kann man ganz ohne Hilfsmittel machen, nur ein Schraubendreher ist wieder für alle Pegelsteller nötig. Schließlich gibt es noch die KGS-Buchse für das abnehmbare Netzkabel und einen dreifachen Polaritätsschalter. Ansonsten beherrscht ein stabiles Metallgitter die Rückwand, mit einer speziellen Plakette versehen und einem ordentlich großen Lüfter. Verheißungsvoll lassen sich schon diverse Glaskolben ausmachen, die ja schließlich des Pudels Kern darstellen.

Der Blick unter die Haube artet schon in Kraftsport aus: Die Vorstufe hängt im Gehäuse, vier Schrauben halten sie. Nachdem ich diese gelöst, die Front mit dem Bespannstoff von den Klettpunkten abgenommen, zwei Steckverbinder zur Endstufe und einen zum Lüfter abgezogen habe, halte ich das Metallgehäuse in der Hand, das die Vorstufe samt der fünf (!!!) Röhren umschließt. Große, solide Potis sind hier zu sehen, wertige Bauteile, gute Verarbeitung – und natürlich keine SMDs. Die stehend montierte Endstufe aus dem Gehäuse zu bekommen ist buchstäblich schwerer – kein Wunder, bei den verbauten Trafos als Ausgangs- und Netzübertrager. Sechs Ampeg-Super-Valve-6550 sorgen für die Endverstärkung, eine 12AX7 und zwei 12AU7 treiben diese an und sitzen ebenfalls unten mit drin. Das sollte für ordentlichen Tiefdruck reichen.

ROCK OF AGES

Ein Bolide wie der SVT braucht adäquate Speaker, also ab damit auf die 810! Wie es sich für einen Röhren-Amp gehört, wird erstmal vorgeglüht, bevor mit Betätigen des Standby-Schalters Hochspannung auf die Röhren gegeben wird und der Amp betriebsbereit ist, was die LED mit einem Farbwechsel von Rot auf Grün quittiert. Dankenswerterweise ist der Standby vorne, sodass man nicht, wie bei meinem 87er-Skunkworks-SVT, hinten danach suchen muss.

Daran, dass der SVT bereit ist, seine Urgewalt auf die Menschheit loszulassen, gibt es keinen Zweifel: Der Lüfter macht sich mit ordentlichem Laufgeräusch bemerkbar, und auch mit korrekt abgestimmtem Bias und noch zugedrehten Volume-Reglern lässt sich ein Grundbrummen vernehmen. Ganz gemäß dem alten Bonmot „ein Verstärker, der nicht brummt, ist kaputt oder aus“.

Die Endstufenröhren machen ordentlich Hitze hinterm Grill. Dementsprechend hörbar arbeitet der Lüfter. (Bild: Jogi Sweers)

Als Erstes muss der normale Eingang von Kanal 1 herhalten. Der Volume-Regler läuft zum Glück gleichmäßig, sodass ich nicht direkt mit brüllender Lautstärke empfangen werde. Schon ohne einen Schalter zu betätigen oder die Regler aus der Mittelstellung zu bewegen, ist der Ton fett, rund und griffig. Mit einem pegelstarken Bass ist auch bei niedrigen Einstellungen des Volume-Reglers am Amp eine deutliche Kompression zu hören. Überhaupt ist die Wiedergabe eigentlich nie so richtig clean, ein bisschen Schmutz ist direkt dabei. Gain im herkömmlichen Sinn ist ja nicht zu regeln, das Volume-Poti gibt vor, wie stark die Endstufe angesprochen wird.

Wenn es gar zu viel wird, bleibt noch der Wechsel in den Bright-Eingang. Der hebt keineswegs die Höhen an, wie man vermuten könnte, sondern beschneidet die Bässe, was gleichzeitig einen geringeren Eingangspegel ergibt. Um den Ton dann wieder zu korrigieren, bleibt ja noch der Equalizer, und der hat es in sich. Mit 4 kHz setzt der Höhenregler recht tief an, entsprechend ist das Ergebnis auch eher zupackend als luftig-glasig. Das holt man sich eher über den Ultra-Hi-Schalter, der bei 8 kHz boostet. Wie intensiv dieser Boost ausfällt, und wie intensiv insgesamt die Klangregelung anspricht, hängt dabei auch entscheidend von der Lautstärke ab, mit der der SVT betrieben wird – je lauter, desto weniger Einfluss hat alles. Bei normalem Betrieb kann man beim Ultra-Hi mit etwa +15dB rechnen, also schon ganz ordentlich.

Der Mittenregler ist mit satten 20db Anhebung oder Absenkung angegeben, per Kippschalter lässt sich die mittlere Einsatzfrequenz festlegen. Auch hier hat der Ampeg wieder – und schon immer – eine Besonderheit zu bieten: Der Mitten-EQ arbeitet mit einer Spule, die dem Klang eine ganz eigene Prägung gibt. Lebendig, aber bei extremen Anhebungen an der Grenze zur Nervigkeit (oder sogar drüber hinaus). Dann ist leichtes Zurückdrehen angesagt. Auf jeden Fall gibt es hier reichlich Variationsmöglichkeiten und tonnenweise Charakter.

Den gibt es auch im Bass. Nicht so sehr mit dem Bassregler, der sauber und vergleichsweise unauffällig bei 40 Hz arbeitet, sondern mit dem Ultra-Lo-Schalter. Der ist streng genommen eine Mogelpackung, denn was hier tatsächlich passiert, ist ein satter Cut bei 600 Hz, der aber den Eindruck erweckt, die Höhen und vor allem eben die fetten Bässe satt nach vorne zu holen. Für viele ist das DER Ampeg-Ton.

Wenn das Mittenloch gar zu groß ist, hilft der Mittenregler mit seinem großzügig dimensionierten Hub, das wieder zu stopfen, bis der Traum-Sound erreicht ist. Auch der Bass-Cut, der diesmal genau das macht, was draufsteht, kann sehr nützlich sein, vor allem in Kombination mit dem zweiten Kanal. Der ist insgesamt etwas nüchterner (wenn auch weit von neutral entfernt) und bringt mit beiden Klangreglern auf ca. 13 Uhr einen ziemlich modernen Ton aufs Parkett. Hier schiebt Ultra-Lo bei 40 Hz circa 11 dB rein, was gerade bei gemäßigter Lautstärke schön anfettet.

Mit einer AB-Box lassen sich beide Kanäle wechselweise betreiben, oder man geht es ganz oldschool an und brückt beide mit einem Patchkabel. (Als Ausgangsposition empfiehlt es sich, mit dem Bass in Normal 1 zu gehen und von Bright 1 in Normal 2.) Dann lassen sich über die beiden Lautstärkeregler die Kanäle mischen, was noch mehr röhrige Großartigkeit abruft. Spätestens jetzt, und mit flatternden Hosenbeinen und kitzelnden Fußsohlen, hat man den Lüfter und das Grundbrummen vergessen und geht völlig im Klangbad auf.

Völlig verschwinden lassen kann ich das Brummen allerdings, wenn ich eine andere Vorstufe in den Power-Amp-In stecke. Mein ultracleaner Hellborg-Pre über die saftige Vollröhrenendstufe ist schon ein Erlebnis … hm, schön wäre natürlich, wenn das auch mit der Amp-eigenen Vorstufe brummfrei(er) ginge, selbst wenn man es nach kurzer Zeit wirklich nicht mehr wahrnimmt.

Die großen Ampegs kamen schon immer mit großzügig dimensionierten Trafos fürs Netzteil und als Ausgangsübertrager, sodass auch die Wiedergabe richtig tiefer Bässe kein Problem darstellt – außer vielleicht für die Mitmusiker. Egal, ob ich einen passiven Viersaiter ordentlich andicke, oder mit einem aktiven Fünfsaiter auf den Amp losgehe, der SVT bleibt entspannt und ändert höchstens sein Kompressionsverhalten und die Menge mehr oder minder subtilen Drecks im Ton.

Jubiläums-Plakette des neuen SVT

RESÜMEE

Groß. Schwer. Sehr schwer. Teuer in Anschaffung und Unterhalt. Und einfach ein Erlebnis, über so einen Boliden zu spielen. Die Antwort, warum sich der SVT nach wie vor als Standard auf Bühnen, als Liebling in Proberäumen, und als Dauergast auf vielen Wunschzetteln findet, gibt der 50th Anniversary SVT souverän. Auf der Basis des ohnehin famosen SVT-VR, aber in der Vorstufenabstimmung nochmal verfeinert und präzisiert, und zu guter Letzt noch in US-Produktion – dafür finde ich den Aufpreis durchaus gerechtfertigt und moderat.

Während das Grundbrummen durchaus noch einzudämmen wäre, fallen alle anderen Eigenheiten unter „idiosykratisch“, und nicht wirklich ins Gewicht. Misst der Tester da etwa mit zweierlei Maß? Ja, das tut er. So ein urtümliches Monstrum drückt mir ganz automatisch andere Kriterien auf als ein modernes Class-D-Top und lässt mich mit den Schultern zucken, wo ich sonst die Malus-Liste füllen würde: SVT eben. Sollte es Ampeg jemals angehen (und schaffen!), dem SVT ein adäquates Class-D-Pendant zur Seite zu stellen, werde ich das entsprechend bewerten, versprochen. Bis dahin entschädigt der Anniversary-SVT für alles, was man als SVT-Besitzer:in erdulden muss, von der Ebbe auf dem Konto bis zum wenig erfreuten Rücken.

PLUS

  • Sound-Charakter
  • Aufbau
  • solide Bauweise
  • Wiedergabe
  • Optik
  • Sound!

MINUS

  • Grundbrummen


(erschienen in Gitarre & Bass 03/2022)

Produkt: Fender Stratocaster
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