Fetter Sound vom Bosporus

Rockfabrik Effects Pedale im Test

Rockfabrik Effects
(Bild: Dieter Stork)

Hübsche Pedale gibt es unzählige. Pedale die nicht nur hübsch aussehen, sondern auch noch gut klingen gibt es dann schon ein bisschen weniger. Wenn diese Effektgeräte dann auch noch aus der Türkei kommen, wird der gemeine FX-Nerd aufmerksam. Bühne frei für Rockfabrik Effects.

Was haben wir nicht alles für stereotype Bilder von der Türkei im Kopf. Döner, Urlaub, Hitze, Strand, Tee, Baklava aber leider auch das zur Zeit ziemlich angespannte politische Verhältnis dominieren unsere Gedanken zu diesem Land. Zeit also, ein bisschen Abwechslung in unsere drögen Vorstellungen zu bringen; da kommen doch die Pedale von Rockfabrik Effects gerade recht. Was die Jungs um Mastermind Furkan Torlak da treiben, sieht nämlich nicht nur ansprechend aus, sondern klingt auch noch unverschämt gut. Aber alles der Reihe nach ….

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was für‘s auge …

Rockfabrik Effects
Der detailverliebte Siebdruck der Pedale (Bild: Dieter Stork)

Ja, ein Augenschmaus sind unsere Test-Pedale in jedem Fall. Zum Test liegt uns nun mit dem Mind Abuse (Distortion), dem Aqua Lung (Overdrive), dem Scraper Booster und dem Buffy Coat (Buffer) die gesamte Produktpalette des türkischen Herstellers vor. Dabei fällt schon bei der Verpackung der einzelnen Pedale auf, dass Rockfabrik Effects es mit dem optischen Erscheinungsbild scheinbar sehr genau nehmen. Einen so liebevoll gestalteten und bedruckten Karton sieht man heutzutage nicht mehr oft. Der erste Eindruck setzt sich dann nahtlos beim Auspacken der Pedale fort.

Jedes unserer Test-Geräte hat ein vollkommen eigenständiges Design, welches konsequent und durchdacht umgesetzt wurde. Nicht nur wurden die Farben sorgsam aufeinander abgestimmt und der Siebdruck in höchster Qualität durchgeführt – sogar die Bodenplatte der Pedale wurde mit einem großen Firmenlogo, der Seriennummer sowie einem Hinweis zur notwendigen Polarität des Netzteils bedruckt.

Aber auch ansonsten machen die Geräte einen guten Eindruck: Satt laufende Potis, kräftig zupackende Buchsen und ein Stromanschluss, welcher einem nicht in die Quere kommt. Betrachtet man das Innenleben unserer Test-Geräte, setzt sich dieser Eindruck abermals fort: Die extrem sauber verlöteten Bauteile sind von höchster Güteklasse und auch die Montage der Platinen macht einen einwandfreien Eindruck. Bei den Fußschaltern handelt es sich um die üblichen, grundsoliden Bauteile, welche einem ein eindeutiges Feedback beim Schaltvorgang geben.

Rockfabrik Effects
Die große und sauber verarbeitete Platine des Mind Abuse (Bild: Dieter Stork)

Die einzige Ausnahme bietet hier der Scraper Booster. Dieser ist mit einem Schalter ausgestattet, welcher ein sehr weiches Schaltgefühl mit einem kaum spürbaren Feedback bietet und ein Relais schaltet. Natürlich ist dieser Umstand kein Zufall; vielmehr haben wir es hier mit einer konstruktionstechnischen Besonderheit dieses Pedals zu tun. Während alle anderen Treter des Herstellers voll analog aufgebaut sind, handelt es sich beim Booster um eine Art Hybriden zwischen rein analoger Signalführung und digitaler Schalttechnik. Ein kleiner Mikroprozessor steuert die Belegung des Fußschalters ohne dabei Einfluss auf die Audiosignalführung zu nehmen. Hält man den Schalter nun einen kurzen Moment gedrückt, wechselt das Pedal in einen anderen Sound-Modus, welcher durch den Wechsel der LED-Farbe von Blau nach Rot (oder umgekehrt) angezeigt wird.

Allen Pedalen ist die wirklich sehr genaue Verarbeitung, die Auswahl hochwertiger Bauteile sowie die liebevolle Gestaltung gemein. Klanglich haben wir es – wie der Test später zeigen wird – jedoch mit völlig unterschiedlichen Vertretern ihrer Zunft zu tun.

… und für‘s ohr

So, nun aber ab an den Test-Verstärker. Schauen wir uns doch der Einfachheit halber zunächst einmal den Scraper Booster an – was wird der schon besonderes können, mit nur einem Regler? Tja, so kann man sich irren. Der mit der Illustration eines bösartigen Weihnachtsmanns versehene Treter kann mit seiner bescheidenen Ausstattung eine breite Palette von Boost-Sounds abdecken und ist als einziges der Geräte mit einer Batterie betreibbar.

Beginnen wir im roten Modus, hören wir einen warmen und fetten Sound, welcher auch ohne den zusätzlichen Bass-Boost-Mini-Switch (hier als „Mass“ bezeichnet) ein stabiles klangliches Fundament liefert. Mit dem aktivierten Mini-Schalter bekommt der Sound in den tiefsten Mitten und den Bässen noch mal einen beachtlichen Schub, welcher sich vor allem auf den Diskantsaiten positiv auswirkt. Die 32 db Lautstärke-Boost reichen vollkommen aus, um die Vorstufe eines Amps locker zu übersteuern.

Hält man nun im aktiven Zustand den Fußschalter einen kurzen Moment gedrückt, schaltet der Scraper in den zweiten Boost-Modus, was durch einen Farbwechsel der LED von rot nach blau angezeigt wird.

Hier haben wir es dann mit einem deutlich aggressiveren und sportlicheren Sound zu tun, welcher keinerlei Mühe haben dürfte, sich im Bandkontext durchzusetzen. Die Verzerrung der Amp-Vorstufe nimmt hier noch etwas zu und der Sound wird ein klein wenig komprimierter, was sich gerade bei tieferen Tunings wohlklingend bemerkbar macht. Einzig die leichte Schaltverzögerung beim Ein- und Ausschalten des Gerätes ist etwas gewöhnungsbedürftig.

Als nächstes haben wir mit dem Aqua Lung ein waschechtes Overdrive-Pedal am Start, welches die ganze Palette von dezentem Clean-Boost bis hin zu saftigen Zerrsounds abdecken soll. Neben den drei üblichen Verdächtigen (Level, Tone und Gain) finden wir zusätzlich zwei kleine Mini-Schalter zur Klangformung – hier handelt es sich um einen schaltbaren Low- bzw. High-Cut.

Für den Test habe ich mir einen ganz leicht brutzelnden Malcolm-Young-Gedächtnis-Sound eingestellt und starte zunächst mit dem Gain-Poti auf ca. neun Uhr, während ich am Level-Regler ordentlich Gas gebe. Die Rechnung geht voll auf – das Aqua Lung eignet sich wirklich hervorragend als Booster und betont keines der Frequenzbänder übermäßig stark oder schwach.

Dreht man nun die Verzerrung langsam hoch, wird der Klang erwartungsgemäß immer gesättigter ohne jedoch seine Luftigkeit und Geschmeidigkeit zu verlieren. Auf den hohen Saiten haben wir genug Tragfähigkeit, um auch in den hohen Lagen für ordentlich Futter unter dem Ton zu sorgen, während die tiefen Lagen schön klar und transparent bleiben.

Interessant sind die beiden kleinen Cut-Schalter. Während diese Art von Zusatz-Klangformung ja meist eher dezent arbeitet, greifen die beiden Switches beim Aqua Lung bemerkenswert rabiat in das klangliche Geschehen ein. Der Grund dafür dürften vor allem die gewählten Grenzfrequenzen sein. Beim Low-Cut liegt diese nämlich schon bei stattlichen 750 Hz, was schon sehr hoch angesetzt ist. Trotzdem klingt das Ganze am Ende nicht zu dünn oder mager und dürfte Gitarren mit tiefem bis sehr tiefem Tuning zu merklich mehr Transparenz verhelfen.

Der High-Cut geht ähnlich entschlossen zur Sache und sorgt für einen Frequenzabfall oberhalb von 1200 Hz, was zur Folge hat, dass der Sound deutlich wärmer und weniger offen wird. Für Solo-Spiel in den höheren Lagen finde ich diese Option durchaus reizvoll. Sind beide Schalter aktiv, erhält man übrigens einen reizvoll klingenden, passiven Mitten-Boost.

Zu guter Letzt haben wir das Flaggschiff von Rockfabrik Effects auf der Teststrecke. Das Mind-Abuse-Distortion-Pedal weiß nicht nur mit einer interessant-verspielten Graphik, sondern auch durch eine ordentliche Ausstattung zu beeindrucken. Im Gegensatz zum Aqua Lung haben wir neben den Gain- und Level-Reglern eine Drei-Band-Klangregelung sowie einen seitlich angebrachten Voice-Switch, welcher zwischen den Betriebsmodi Classic, Vintage und Modern wählen lässt.

Da es sich hier um einen vollwertigen Distortion-Treter handelt, habe ich meinen Test-Amp recht clean und eher neutral eingestellt um die Verzerrung ausschließlich mit dem Pedal zu erzeugen. Schon mit allen Reglern in der Zwölf-Uhr-Stellung und dem Mini-Schalter in der oberen Classic-Position wird klar, wohin die Reise hier geht. Der Sound ist unheimlich satt und dicht, mit einer gewaltigen Portion Mitten und Obertönen.

Nanu, dass kommt mir doch irgendwie vertraut vor? Hastig die Mitten etwas zurückgedreht, einen kleinen Hauch mehr Gain und siehe da: aus meinem Test-Verstärker wird ein kleiner 5150. Na ja, ganz so einfach ist es natürlich nicht – Das dichte Klangbild des Mind Abuse mit der schnellen Ansprache und den wirklich unheimlich spritzig klingenden Obertönen geht aber ganz klar in die Richtung eines des legendärsten High-Gain-Amps aller Zeiten.

Was noch an den Peavey erinnert, ist die eher dezent aber dafür absolut musikalisch arbeitende Klangregelung. Der Sound lässt sich schön in Form bringen; total verbogene EQ-Kurven wie bei so manch anderem Distortion-Pedal sind aber Gott sei Dank kein Thema bei unserem Test-Gerät. Als sehr effektiv erweist sich der kleine Mini-Switch an der rechten Seite des Gerätes, mit dem sich die drei Modi anwählen lassen.

Schaltet man in die mittlere Vintage-Position wird der Ton ein wenig offener, wobei aber die oberen Mitten noch etwas mehr in den Fokus gestellt werden. Hier haben wir dann eine schöne Interpretation des Van-Halen-typischen Brown-Sounds der frühen Alben, wobei der eigentliche Charakter des Mind Abuse natürlich nicht auf der Strecke bleibt. Im Modern-Modus wird der Klang dann merklich dunkler und ein wenig komprimierter – wer also eher auf etwas zeitgemäßere Sounds steht, sollte auch hier mühelos fündig werden.

resümee

Rockfabrik Effects schicken mit ihren drei Verzerrern ein paar wirklich toll klingende und großartig aussehende Pedale ins Rennen. Die Jungs haben nicht nur ein Händchen für gutes Design, sondern offensichtlich auch noch ein ausgesprochen gutes Gehör. Vor allem das Mind-Abuse-Distortion mit seinem aggressiven Charakter und den tollen Amp-Sounds kann begeistern. Bedenkt man, mit wieviel Liebe zum Detail hier gearbeitet wurde und wie aufwendig die Gestaltung der Gehäuse ist, ist die Preisgestaltung gleichermaßen realistisch wie angemessen.

www.rockfabrik-effects.com

Preise (Street):
Aqua Lung ca. € 179
Mind Abuse ca. € 229
Scraper Booster ca. € 192

Rockfabrik Effects


Rockfabrik Effects
(Bild: Dieter Stork)

Wer auf einem übervollen Pedalboard noch einen Buffer unterbringen will, sollte dem Buffy Coat Buffer (ca. € 64) unbedingt eine Chance geben – schließlich nimmt die kleine Kiste weniger Platz in Anspruch als eine Schachtel Zigaretten. Im Test habe ich mir eine Effekt-Kette mit vielen, übermäßig langen Kabelverbindungen aufgebaut. Wenn alle Pedale im Bypass waren, machte sich auf jeden Fall ein Verlust an Höhen und Obertönen bemerkbar.

Mit dem Buffy Coat als erstes in der Effektkette wurde dieser negative Effekt etwas ausgeglichen – ein erheblicher Teil der vorher verlorenen Brillanz war wieder besser hörbar; insgesamt wurde der Sound auch eine Spur lebendiger. Natürlich macht auch der Buffy Coat keinen so gravierenden Unterschied, dass man ihn als Pedal wahrnehmen würde – trotzdem finde ich es absolut sinnvoll bei einer langen Effektkette, solch einen kleinen Helfer auf dem Board zu haben. Der Clean-Sound wird es einem danken.

Rockfabrik Effects
(Bild: Dieter Stork)

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(erschienen in Gitarre & Bass 04/2018)

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