Der neue Toaster

Positive Grid Bias Head (Powered), Modeling-Head im Test

Eine weitere Firma wirft ihren Hut in den Ring der Hardware-Amp-Modeler. Nicht nur durch das kastige Old-School-Design erinnert der Bias Head ein wenig an einen Kemper. Auch Amp Matching ist hier an Board.

Dieter Stork

Ich erinnere mich noch gut daran, als ich die JamUp-App für’s iPad aus dem Hause Positive Grid getestet habe (siehe Ausgabe 02/2014). Rundum gelungen stellt sie nach wie vor die Speerspitze des Modelings auf Mobilgeräten dar. Wenn man also schon ein iPad sein Eigen nennt und damit auch auftreten möchte, ist das nach wie vor eine gute Möglichkeit. Doch obwohl heutzutage fast jeder von uns mindestens ein digitales Pedal auf dem Board hat, haben sich bisher nur wenige überwinden können, ausschließlich mit „Software“ aufzutreten. Hier setzt der Bias Head an.

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Konzept

Der Bias Head führt die Idee der Firma Positive Grid konsequent weiter: Ging es bis dato um reine Software, so wird diese nun in Hardware gegossen und sorgt so für eine direktere Interaktion und einen gewohnteren Umgang. Zunächst etwas verwirrend: Das auch existierende Produkt „Bias Amp“ ist kein wirklicher Amp, sondern lediglich eine Software für PC und Mac. Die entsprechende Hardware heißt Bias Head und hat sich hier heute zum Test eingefunden.

Hier finden wir nun also den aktuellen Stand der Modeling Technologie gepaart mit einer 600-Watt-Digital-Endstufe. Angepriesen wird das Gerät sowohl für Gitarre, als auch für Bass, sodass die 600 W durchaus auch mal zum vollen Einsatz kommen könnten. Wer die Endstufe nicht benötigt, erhält für rund € 300 weniger auch eine Version ohne dieses Feature. Und auch an die Rack-Liebhaber wurde gedacht, so gibt es die beiden Versionen auch jeweils im 19″-Format.

Am Bias Head finden sich in der unteren Bedienreihe alle Kontrollmöglichkeiten eines normalen Amps. Neben Potis für Bass, Middle und Treble gibt es natürlich einen Gain-Regler, Volume und Master. Spannender sind hier natürlich die etwas anderen Regler der oberen Reihe. Hier hat Positive Grid das Bedienfeld sinnvollerweise in vier Bereiche aufgeteilt. Los geht es mit den Presets: Hier gibt es 25 Voreinstellungen, aufgeteilt in fünf Kategorien mit jeweils wiederum fünf Modellen. Die Oberkategorien heißen hierbei: Clean, Glassy, Blues, Crunch und Metal. Dahinter verstecken sich in der Werkseinstellung natürlich Modelle entsprechender Amps von Fender, über Hiwatt und Marshall, bis hin zu Soldano und Mesa, die als Inspiration dienten. Der nächste Block stellt die digitale Vorstufe dar: Innerhalb eines angewählten Presets kann man die „Tube-Stages“ – und somit sehr direkt den möglichen Grad und die Art der Verzerrung -wählen, welche man über den Distortion-Regler und den Bright-Switch noch feintunen kann. In der Endstufen-Sektion kann nun zwischen vier verschiedenen Topologien gewählt werden und die virtuelle Power-Amp-Lautstärke lässt sich regeln. Zuletzt findet sich noch ein Custom-Regler und ein Schalter für die Boxensimulation.

Presets und Software

Der Bias Head kommt wie erwähnt mit 25 eingebauten Presets. Natürlich darf man das Ganze auch nach Belieben umkonfigurieren und so auch seine eigenen 25 Lieblingssounds auf die Kurzwahltasten legen. Und das ist ja auch das Schöne an diesem Konzept: Obwohl es sich hier um rein digital erzeugte Sounds handelt, verzichtet der Bias Head vollständig auf ein Display. Ohne angeschlossenen Computer/ Tablet ist es im Prinzip ein sehr umfangreich einzustellender „normaler“ Amp. Das passt natürlich gut in das Konzept jener Menschen, die eine möglichst direkte, einfache Bedienung wünschen. Für alles Weitere muss man dann eben externe Displays bemühen. Somit gestaltet sich die Bedienung im Zweifelsfall auch auf Bühnen als „foolproof“ und im Proberaum kann man ja das Feintuning per Tablet oder Smartphone (die BIAS Amp App gibt es seit Kurzem auch für’s iPhone) vornehmen.

Dieter Stork

Bonus-Feature: Wenn man den Head kauft bekommt man die Pro-Version der Bias Amp Software gratis dazu. Einerseits klar, damit möchte man seine Hardware ja auch einstellen, andererseits cool, weil man gerade ein Plugin im Wert von knapp € 175 geschenkt bekommen hat und dies natürlich auch normal für die üblichen Plugin-Zwecke nutzen kann. So kann man nun auch ohne die Hardware am Computer aufnehmen und die Sounds tweaken. Leider lässt sich die Windows- Version der Software nicht skalieren und so kann das Arbeiten auf neueren Displays durchaus zur Fummelarbeit werden.

Mein Bildschirm arbeitet mit einer Auflösung von 2560×1440 und die Beschriftungen in Bias Amp sind gerade noch so zu lesen, die App nimmt leider nur ein Sechstel meines Bildschirms ein. Also dann doch lieber das Tablet nutzen. Auf einem iPad (Mini) hingegen sieht die Software super aus und läuft selbstverständlich im Fullscreen Modus. Nun muss der Bias Head auch nicht mehr per USB verbunden sein, sondern wird durch den rückseitigen „Wireless“-Switch ganz einfach auf die Bluetooth-Kommunikation umgestellt.

Die (virtuellen) Röhren eines Amps via Tablet zu wechseln ist schon sehr cool. Von dieser Bedienung und dem Interface können sich Axe-Fx und Konsorten gerne eine große Scheibe abschneiden. Nun macht die Arbeit in der Software richtig Spaß und man kann sich ewig im Tweaking der Röhren, des Bias, der EQs und allen möglichen weiteren Spielereien verlieren. Die verschiedenen Bereiche werden optisch ansprechend präsentiert und auch ohne jegliche technische Ahnung kann man durch bloßes herumspielen schnell herausfinden, welche Unterschiede sich im Sound ergeben.

Dieter Stork

Für alle, die lieber Gitarre spielen als an Sounds zu schrauben gibt es natürlich neben den 25 Werks-Presets eine umfangreiche Sound-Bibliothek namens ToneCloud, aus der man sich fertige Sounds herunterladen kann. Diese wird sowohl von Profis, als auch von Amateuren ständig um neue Sounds erweitert. Durch die reichhaltigen Tweaking-Möglichkeiten ist es so natürlich auch möglich, Amps nachzubauen, welche in der ursprünglichen Software nicht enthalten sind. Je nachdem wie gut ein User nun über die technischen Finessen anderer Amps Bescheid weiß, kannst du dich so an detailgetreuen Nachbauten bis hin zu abenteuerlichen Neukonstruktionen erfreuen.

Sounds

Was zählt sind natürlich die Sounds. Und davon gibt es hier nicht nur viele, sondern auch richtig gute! Hier zwei kurze Anmerkungen für einen eigenen ersten Test: Der Custom-Regler oben rechts kann fast jeden beliebigen Regler abbilden. Standardmäßig steuert er das interne Noise-Gate. Als ich das noch nicht wusste und mit voll aufgedrehtem Regler gespielt habe hat der Amp überhaupt keinen Spaß gemacht, die Töne starben einfach viel zu schnell ab. Nachdem ich das allerdings realisiert und das Noise-Gate auch per Software komplett deaktiviert hatte, konnte es losgehen. Zweiter Hinweis: Gitarren mit wenig Output (Lipsticks, schwache Jaguars … ) klingen zunächst recht langweilig. Auch hierzu gibt es softwareseitig zum Glück die Option, den Input anzuheben.

So, nach diesen anfänglichen Hindernissen nun aber ans Werk: Auch wenn man den Amp nicht mit dem PC verbunden hat, dementsprechend also nicht sieht, was hier gerade als Inspiration diente, ist die Sache ziemlich klar. Mesa und Soldano habe ich sofort erkannt, der Orange klang zunächst etwas zahm, ließ sich dann aber schnell einstellen. Auch die Fender-Modelle und insbesondere der Hiwatt klingen so, wie ich das im Ohr hatte. Und dass ich automatisch anfange, Rage- Against-The-Machine-Riffs zu spielen, sobald etwas Marshalliges im Preset auftaucht, bestätigt wohl auch, dass mein Unterbewusstsein die Sounds vollkommen annimmt.

Mein erster Test-Sound ist ja fast immer ein Soldano SLO, so nun also auch hier. Der Bias Head verhält sich hier genau wie gewünscht. Bei aufgedrehtem Volume Poti hat man den satten Sound, der die Speaker zu heftigen Bewegungen veranlassen kann. Doch dreht man die Lautstärke auch nur ein bisschen zurück, so klart der Sound deutlich auf, es werden sogar (halbwegs) Clean-Sounds möglich. Die Distortion reicht dir nicht aus? Dann stell doch einfach fünf statt „nur“ vier Preamp-Tube-Stages ein. Oder vielleicht probierst du mal aus, wie der Amp mit EL34 und einem eher britischen Ausgangsübertrager klingt!? So findet nun wirklich jeder seinen Sound, und das auf sehr hohem Niveau.

Dieter Stork

Auch die Clean- und Crunschsounds der anderen Amp-Modelle kommen sehr dynamisch und glaubwürdig daher. So kann man auch eigentlich eher zahme Amps mit wenigen Tweaks zu deutlich höherem Gain bewegen und realistisch nachempfinden, wie sich voll aufgedrehte Endstufen auf den Sound auswirken. Der Amp verfügt – natürlich – über XLR Anschlüsse, über die der Sound inkl. Boxensimulation direkt ins Interface gehen kann. Auch dies klingt richtig gut und über die Software lassen sich nicht nur eine passende Box und ein Mikrofon wählen, dies lässt sich auch vor der simulierten Box verschieben. In meinen Ohren klingen hier dediziert geladene IRs noch einen Tick besser, aber auch dies ist über die Software möglich. Wenn man seinen Kopfhörer an das Head anschließt, um ohne Box üben zu können, vermisst man manchmal die Möglichkeit, direkt am Amp etwas Hall hinzugeben zu können, aber so klingt ein Amp halt. Softwareseitig gibt es dazu glücklicherweise die Room Control.

Dieter Stork

Amp matching

Eines der am stärksten beworbenen Features des Bias Heads ist wohl das Amp matching. Bevor hier falsche Hoffnungen aufkommen: Es handelt sich nicht um die „digitale Alchemie“, welche einem Kemper innewohnt. Vielmehr scheinen wir es hier mit einem matching EQ zu tun zu haben, so wie er schon seit vielen Jahren mal mehr und mal weniger erfolgreich in diversen Software-Produkten existiert. Meine ersten Erfahrungen hiermit konnte ich bspw. mit einem Plugin sammeln, welches meinem TC Konnekt Live Audiointerface beilag – und das ist nun schon um die zehn Jahre her. Die Technologie misst – ganz grob gesagt – dein aktuelles Signal, also wie dein Amp jetzt klingt. Dann wird gemessen, wie dein Referenz-Signal klingt (also der Amp dessen Sound du gerne erreichen würdest) und die Software probiert, die Differenz auszugleichen. Dazu sollte das Referrenzsignal natürlich möglichst frei von jeglichen Störgeräuschen sein. Möchtest du die Sounds bekannter Gitarristen matchen, so benötigst du im Idealfall die Solo-Spur der Gitarren/Bass-Sounds. Du möchtest ja keine Störgeräusche (wie Netzbrummen, oder dachtest du etwa hier kommt jetzt ein Schlagzeugerwitz?) matchen.

Wenn nun also deine Mesa-Simulation eher ausgedünnte Mitten hat und du ihn klingen lassen möchtest wie einen Marshall, so muss naturgemäß mehr ausgeglichen werden, als wenn du schon recht ähnliche Amps einstellst. Und so hängt das Ergebnis des Amp matchings auch immer stark von den zugrunde liegenden Modellen ab. Hier gilt es also, den zu erreichenden Sound möglichst genau einzustellen und erst im Anschluss ein Amp matching durchzuführen. Nach der gleichen Methode arbeitet auch das Matching im Axe-Fx II und diversen Plugins wie beispielsweise iZotope, Ozone u. a. Der Kemper ist hier etwas fortschrittlicher.

Und wie klingt’s beim Bias? Unter den passenden Voraussetzungen tatsächlich ziemlich gut. Aber meist kann jemand, der die Presets schon in die entsprechende Nähe tweaken kann, auch die reine Simulation zu einem guten Klang bewegen. Das Matching liefert hier die letzten fehlenden Prozentpunkte zum angestrebten Sound.


Zielgruppe & Alternativen

Digitale Amps und Effekte setzen sich immer stärker durch. Kein Wunder, erlauben sie es dir doch zu jeder Tages- und Nachtzeit mit geilem, aufgedrehtem Sound zu proben, alles unkompliziert mitzuschneiden und dann auch noch alle Sounds der Welt an Board zu haben. Was könnte man sich mehr wünschen? Naja, vielleicht die einfache Bedienbarkeit der alten Röhrenamps. Und genau das ist wohl die Idee hinter dem Bias Head. Keine Displays, keine Effekte (schade), keine versteckten Zweitbelegungen der Potis. Du drehst einen Regler und der Sound ändert sich. Genauso wie es sein soll. Dazu dann der direkte Hardware-Zugriff auf 25 verschiedene Amp-Sounds und die Möglichkeit, nahezu beliebig tief ins Tweaking hinabzusteigen, so du es denn willst. Durch die mitgelieferte Bias Amp Software kannst du auch direkt am Computer aufnehmen und bist so sowohl für die größten Bühnen, als auch für‘s mitternächtliche Homerecording bestens gerüstet.

An dieser Stelle noch der nett gemeinte Hinweis für alle Gitarristen, deren Boxen ja üblicherweise keine 600 W Belastung aushalten: Ich weiß, es wird selten der Fall sein, dass du den Bias Head voll aufdrehst, aber sollte diesmal (aus Versehen?) geschehen, so kannst du dich vermutlich von deinen Speakern verabschieden. Die 600 W werden somit wohl in erster Linie für Bassisten interessant sein, deren tiefe Sounds ja auch mehr Watt brauchen um gefühlt gleich laut hörbar zu werden.

Nicht nur aufgrund des Designs fällt einem als Alternative schnell der Kemper Profiling Amplifier ins Auge. Diesen gibt es auch in einer Version mit eingebauter Endstufe für € 2100. Der Kemper ist bei genauerem Hinschauen dann aber doch auf anderen Pfaden unterwegs: Er hat ein Display und Effekte und lebt in erster Linie davon fertige Soundketten zu profilen und abzubilden, wohingegen der Bias Head zwar ähnlich genutzt werden kann, schwerpunktmäßig aber die Möglichkeit bietet, eigene Amps zu bauen, bzw. zu tweaken. In dieser Eigenschaft ist ihm das Axe Fx II dann deutlich näher. Dieses gibt es zwar nicht mit schon verbauter Endstufe, aber eine 600 W Digitalendstufe zu finden dürfte nun wahrlich kein Hexenwerk sein. Das ist dann zusammen natürlich deutlich teurer (€ 2700 für das Axe FX II, und ca. € 500 für die Endstufe, je nach Wahl). In meinen Ohren klingt das Axe noch eine Spur besser, aber ob dies den nun mal wirklich happigen Aufpreis rechtfertigt muss wohl jeder selbst entscheiden.

Hier kommt natürlich auch wieder das Argument der fehlenden Effekte zum Tragen. Das Line 6 Helix bewegt sich preislich in ähnlichen Regionen (€ 1400- 1500), stellt aber auch wiederum ein anderes Konzept dar. Somit kann man getrost festhalten, dass Positive Grid hier ein relativ eigenständiges Produkt geschaffen hat, welches sich eher an die (mittlerweile leider vernachlässigte Tradition) der alten Line6 Top-Of-The-Line Amps anschließt.

Zwei kleine Kritikpunkte muss er sich nun aber doch gefallen lassen: Die Regler sind so gewählt, dass sie schon zu Hause schwer abzulesen sind, das wird live bestimmt nicht einfacher. Zudem blinkt die Save-Lampe sehr hell und penetrant, sodass man auf dunklen Bühnen nach einem Poti-Dreh nur noch helles blaues Licht, aber sicher keine Einstellung mehr sieht. Schade auch, dass keine Anleitung beiliegt. So muss man immer kurz auf der Herstellerseite in den (mäßig guten) FAQ nachschauen. Aber wenn das meine größten Probleme sind …

Resümee

Schon gut, was einem hier geboten wird. Moderne Technik in ein altes Konzept gegossen um beiden Zielgruppen zu gefallen: Den Tweakern und den Leuten, die einfach nur spielen wollen. Wenn man kein All-in-one-Gerät mit Effekten erwartet, sondern vielleicht ja schon ein etabliertes Pedalboard hat und nur seine Ampsounds erweitern will, so drängt sich der Bias Head schon fast auf. In dieser Kategorie ist er auch fast schon konkurrenzlos. Durch seine MIDI- und Footswitch-Anschlüsse kann er auch später noch durch ein Fractal Audio FX8 oder ähnliches zum Rundum-sorglos-Paket ausgebaut werden. Geschickt platziert sich der Amp im preislichen Mittelfeld und hebt sich so von seinen direkten Konkurrenten ab. Auch durch das einfache Handling und die tolle Software kann der Amp Punkte sammeln. Klare Kaufempfehlung also für angehende Digital-Puristen.

Plus

  • Ampsounds
  • Einstellungsmöglichkeiten
  • einfache und intuitive Bedienung
  • tolle Software (skaliert unter Windows nicht)

Minus

  • Regler schwer ablesbar

Aus Gitarre & Bass 04/2017

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