Masterpiece!

Pagelli Gringobeat Purple Deluxe, E-Gitarre im Test

Wer diesen Artikel verstehen will, wird hiermit zwingend verpflichtet, zuerst den Umweg über YouTube zu machen. Bis später … !

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Gesehen? Auch über den Zeitpunkt 2:04 min. hinweg? OK, gut. Also – das ist die Band Gringobeat aus der Schweiz, und deren Sänger, Gitarrist und Mastermind ist Claudio Pagelli, von Beruf Gitarrenbauer und den Lesern dieses Magazins natürlich längst ein Begriff. Die aktuelle CD dieser Band ist super, und man kann sie hier bestellen: www.gringobeat.com. So, und jetzt weiter gucken, wir sind ja nicht zum Spaß hier: ‚Gringobeat Who Who‘.

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Dieter Stork

Beats

Warum die Musik von Gringobeat so wichtig für diesen Artikel ist? Weil Pagellis Musik die gleiche Sprache spricht wie eben diese neue Gitarre, die nicht umsonst so heißt wie seine Band. Beide – die Musik und die Gitarre – sind laut, schwungvoll, verletzlich, glänzen mit morbidem Charme und beweisen an allen Ecken und Enden vor allem eins: Stil. Und damit könnten wir den Artikel eigentlich schließen … Aber: Es macht Spaß, diese Gitarre auch im Detail zu entdecken. Also, weiter geht‘s!

Korpus und Hals sind aus geflammtem, massivem Bergahorn geformt, ersterer in klassischer Bauweise mit von Hand gebogenen Zargen und gewölbter Decke und Boden. Das Ebenholzgriffbrett ohne Einlagen ist ebenso wie Decke, Boden, die beiden F-Löcher, das Ebenholz- Pickguard, die Ebenholz- Trussrod-Abdeckung (!) und die Kopfplatte von hellem Zelluloid- Material meisterlich eingefasst. Und die Kopfplatte weist ein besonderes Design-Schmuckstück auf: Das aufgeschraubte T-förmige Zelluloid- Emblem mit dem Firmenlogo, klasse!

Das Lackieren bzw. das Beizen dieser Gitarre sind die Pagellis genau zu dem Zeitpunkt angegangen, als im Radio von Prince‘ Tod berichtet wurde. Spontan haben die beiden sich zu Ehren des Musiker- Genies aus Minneapolis zu dieser großartigen, wahrhaft prinzlichen, wenn nicht sogar königlichen, Farbgebung Purple Deluxe entschlossen, deren Wirkung durch die vergoldete Hardware passend unterstützt wird. Wie oben schon gesagt, ist die Gringobeat eine Thinline-Gitarre, ihre Korpusstärke beträgt denn auch nur knapp 45 mm. Im Inneren hält ein kleiner Block, auf den nur der Steg montiert ist, Leib und Seele zusammen. Hier von Sustain- Block zu sprechen, wäre maßlos übertrieben, aber dennoch kann so die Gringobeat eben auch recht laut sein, ohne dass es hupt …

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Dieter Stork
Tolles Detail: Die Zelluloid-Platte mit dem Firmenlogo

Zwei Brian-Setzer-Signature-Pickups von TV Jones wurden ausgewählt, um den Klang dieser Gringobeat zu übertragen, sowie eine Schaller-Rollen-Brücke und ein ABM-Saitenhalter, der die Einstellung des Ansteigwinkels der Saiten zur Brücke und damit den Druck, den die Saite auf die Brücke ausübt, individuell pro Saite justierbar macht. Fein, denn so sind individuelle Korrekturen am Sound und Spielgefühl möglich!

Wenn es ein Design gibt, das Claudia und Claudio Pagelli, die zusammen die Geschicke der Firma leiten, am besten repräsentiert, dann ist es eben dieses. Es wurde zuerst als komplett mit Zelluloid bezogene Jazzability eingeführt, dann als Gringobeat Archtop, und nun also als die Thinline-Version. Die beiden Pagellis, die niemals eine Gitarre wie eine andere bauen, können sich immer und zu jeder Zeit auf dieses Design verlassen, denn es ist eigenständig, es ist gelungen und es bietet dem Spieler eine ganze Menge. Nicht zuletzt lässt es ihn richtig gut aussehen … ! Diese Korpusform nennen die Pagellis übrigens DYNERCOM, ein aus dem Worte-Trio Dynamic – Egonomic – Comfortable geformtes Kürzel. Hier wird durch das Verschieben der Achse ein Offset- Design geschaffen, das nicht nur schwungvoll aussieht, sondern auch den Auflagepunkt des rechten Arms nach vorne verschiebt, was eine entspannte Spielposition ergibt.

Sounds

„Entspannt“ ist denn auch das Zauberwort, das Handling und Sounds der Gringobeat am besten beschreibt. Cool, souverän, verschmitzt und humorvoll kommt diese ungewöhnliche Gitarre daher. Und ja, sie lässt sich wirklich sehr bequem spielen, sowohl im Stehen als auch im Sitzen. Ich ertappe mich dabei, eine längere Zeit einfach so drauflos gespielt zu haben, und zwar in einem Stil, den ich nicht mal so besonders leiden mag: Funk. Oh ha … die Gitarre hat Macht über den Spieler bekommen. Aber – so ist eben diese Gringobeat, mit ihrem springlebendigen, von einem ultraschnellen Attack geprägten Soundverhalten. Dynamik pur, jede kleinste Bewegung der rechten und linken Hand wird dankbar zur Kenntnis genommen und sofort in Musikalität umgesetzt. Natürlich fördert das die Kreativität und Spielfreude!

Trotz der übergroßen Transparenz ist es erstaunlich, dass der Sound der Gringobeat nichts an Tiefe und Volumen vermissen lässt – auch Singlenotes kommen bedeutsam und ganz bestimmt rüber, in allen Lagen, auf allen Saiten, mit federnden Bässen, klaren Mitten und springlebendigen Höhen. Ein Sustain- Monster ist die Gringobeat indes nicht – vielmehr verlangt sie vom Spieler jederzeit vollste Aufmerksamkeit und ständigen Input. Was geht noch, was kannst du mir noch bieten! Ist das etwa alles? Nicht flöten, sondern eben Gas geben!

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Dieter Stork
Geflammtes Ahorn aus Kanada für den Korpus, geflammtes Ahorn aus der Schweiz für den Hals

Eine merkwürdige Melange aus souveräner Entspanntheit bei gleichzeitiger Unterbindung jeder Gemütlichkeit kennzeichnet unser beider Verhältnis von Anfang an. Ich glaube, der Charakter der Gringobeat lässt sich am besten mit dem Wort COOL beschreiben. Alles geht, Bruder – clean, angezerrt, verzerrt, egal – und in einer außerordentlichen Frequenz- Ausgewogenheit sind alle Genre- Sounds bis auf die der Hardcore-Fraktionen realisierbar, und das mit einer unglaublichen Lässigkeit. Sind da etwa Seelenanteile von Prince in diese Gitarre übergegangen? Sounds, Optik, Haptik, Charakter und Ausstrahlung lassen diese Vermutung nicht als unwahrscheinlich erscheinen. Zu diesem Verhalten passt denn auch das eher zierliche Halsprofil, das auch in den höheren Lagen kaum zunimmt und genau diesem lässig-lockeren, nie angestrengten Spielvergnügen sehr entgegenkommt. Perfekt!

Der kleine Block, auf dem der Steg sitzt, verhindert übrigens sehr erfolgreich das Aufschaukeln und Dröhnen bei höheren Lautstärken, ohne Abstriche am einzigartigen Hollowbody-Soundcharakter. Übrigens: Diese Gringobeat Purple Deluxe hat noch eine Schwester, eine sehr verführerische noch dazu – die Gringobeat Ocean Green, mit drei Goldfoil-Pickups und Bigsby …

Resümee

Claudia und Claudio Pagelli haben mit der Gringobeat ein weiteres Meisterwerk geschaffen! Ich weiß, dass der Preis viel zu hoch für die meisten von uns ist, und das ist das eigentlich Tragische an der ganzen Angelegenheit. Und die Vielzahl an Arbeitsstunden, die hier neben der Entwicklung und dem Design-Vermögen in das Instrument geflossen ist, muss eben anständig bezahlt werden. Und die Rahmenbedingungen stimmen, denn natürlich ist die Verarbeitung perfekt, natürlich sind die Materialien erstklassig, natürlich ist das Design ausgereift und funktioniert. Es ist eins der wenigen, das als ein neo-klassisches in die Geschichte der Gitarre eingehen wird. Aber mal ehrlich – der Gegenwert, der hier geboten wird, lässt sich in schnödem Mammon nicht aufwiegen. Denn diese Gitarre ist nicht nur für sich alleine ein Kunststück, sondern sie macht auch jeden sensiblen Gitarristen zu einem besseren Musiker. Das behaupte ich mal einfach so, denn ich habe den Selbstversuch machen dürfen und ich bin sehr froh, diese Gringobeat kennengelernt zu haben. Denn sie hat mir wieder einmal gezeigt, was im Gitarrenbau eigentlich alles möglich ist.

Plus

  • Sounds
  • Dynamik
  • Design
  • Spielgefühl
  • Verarbeitung
  • Ergonomie
  • Vibe

 


Aus Gitarre & Bass 06/2017

Ein Kommentar zu “Pagelli Gringobeat Purple Deluxe, E-Gitarre im Test”
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