Distortion Aliens

Mad Professor Simble & Evolution Orange

Underdrive ist auf dem einen Pedal zu lesen … tsts, die Finnen, immer zu einem Scherzchen aufgelegt. Oder sollte das ernst gemeint sein? Aber was ist dann damit gemeint?! Und das andere Kästchen ist ja auch ominös, nur eine LED und ein Schiebeschalter, wofür soll das gut sein?

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Als die Boutique-Welle nach Europa schwappte, war Mad Professor einer der ersten Marken, die sich mit „erlesenen“ Pedalen etablierte. Schon seit einiger Zeit kommen aber nicht mehr alle einheitlich aus der skandinavischen Fertigung. Das gilt nur noch für die Handwired-Series. Es gibt daneben eine zweite, natürlich günstigere Modellreihe, aus der auch unsere Testkandidaten stammen; die Factory-Series, made in Taiwan.

Konzept/Konstruktion

Nein, es ist kein Joke. Das Evolution Orange ist in der Tat so etwas wie das Gegenteil eines Overdrive-Verzerrerpedals. Es ist für diejenigen unter uns gedacht, die gerne mit dem Guitar-Volume die Intensität von Distortion, Crunch, Overdrive etc. steuern. Typischerweise ist damit gemeint, Röhren-Amps nach althergebrachter Sitte zu bändigen. Sagen wir es mit dem Klischee: Den Plexi-Marshall aufreißen, nicht mehr anfassen und den Rest den Spieler und seine Gitarre machen lassen. Um das zu unterstützen, soll der Evolution Orange laut Mad Professor ein wesentliches Problem lösen, nämlich dass sich beim Runterdrehen des Volume-Potis das Klangbild nicht ausreichend von den Verzerrungen befreit, nicht durchsichtig genug wird.

Die Dreiband-Klangregelung soll die Wirkungsweise der Schaltung optimieren. Das Simble ist im Funktionsprinzip ähnlich, arbeitet aber in die Gegenrichtung. Es hebt den Signalpegel an, funktioniert allerdings anders als es Booster typischerweise tun. Der Schiebeschalter wählt zwischen zwei Verstärkungsfaktoren, Cool/geringer (ca. +6dB), Hot/intensiver (ca. +10dB). Soweit die Infos zu den funktionalen Konzepten. Umgesetzt werden sie von Halbleiterschaltungen. Die Platinen sind professionell bestückt. Die Mechanik ist grundsolide. Wie üblich verwendet Mad Professor nur Bauteile verlässlicher Qualität.

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Praxis

Wie sieht das ideale Szenario für so einen Test aus? Klar doch, Vintage-Stoff muss her, oder?! Gut, grübel, was nehmen wir denn da aus meinem Fundus? Okay, der Marshall 2204 muss sein, keine Frage. Selmers Treble-n‘-Bass 50? Nee, lassen wir mal. Älter bitte. Okay, dann kommt noch der Gibson GA17RVT und Fenders Brown Deluxe an den Start, und – in solchen Fällen absolut unverzichtbar – der Vox AC30 Red-Panel (ja, orischinal mit BlueBulldogs von 1961, topfit gemacht). Fein, cooles Team, das da antritt. Aber, jetzt kommt ein großes Aber, die Pedale sind gar nicht explizit für die alten Amp-Recken gemacht, sondern sollen universell funktionieren, in allen Fällen, in denen der Gitarrist mit Verzerrungen arbeitet.

Also auch vor modernen und modernsten Amps, die höchst intensive Gain-/Distortion-Reserven freimachen, oder eben auch vor entsprechenden Pedalen. Schauen wir erst einmal, wie sich das Simble benimmt. Mad Professor spricht ihm multiple Fähigkeiten zu. Preamp, Booster, Compressor, Upper Harmonics Enhancer. Große Worte, die das Verhalten des Pedals durchaus treffen, aber nur partiell. Funktional kommen zwei Dinge zusammen. Zum einen die lineare Anhebung des Signalpegels, und zudem ganz feines Overdrive-Zerren, das erst zum Vorschein kommt, wenn man das Guitar-Volume voll aufgedreht hat bzw. hart und härter anschlägt. Dreht man das Poti ein kleines Stück zurück, verschwindet das Anzerren.

Im Prinzip ist der Vorgang ähnlich einer Situation, in der man ein reguläres Overdrive-Pedal mit geringer Zerrintensität betreibt. Selbiges wird den Ton allerdings meist kolorieren, vielleicht die Bässe ein wenig abschneiden und/oder die Mitten betonen. Das Simble macht das nicht! Seine Wiedergabe ist auf den Klang bezogen quasi linear. Die Anwendung ergibt klare Erkenntnisse. Folgt auf das Simble hohe Distortion aus dem Amp oder Pedal, kann es nicht viel ausrichten. Dafür trumpft es vor moderat verzerrendem Equipment umso mehr auf. Funktioniert blendend vor dem 2204 und quasi jedwedem Vintage-Amp. Es unterstützt den klassischen Umgang mit Guitar-Volume nachhaltig.

Der subtile „haarige“ Overdrive des Simble erweist sich im Weiteren auch vor einem Clean-Kanal als ein den Klang optimierendes Tool. Dynamik und Ausdruck im Spiel profitieren, der Ton gewinnt an Lebendigkeit und wirkt eigentümlich frischer – man möchte es gar nicht mehr ausschalten. Insofern darf man es durchaus Enhancer (direkt übersetzt: Geschmacksverstärker) nennen. (Am Rande sei angemerkt, dass es ein im Prinzip ähnlich arbeitendes Pedal schon „ewig lang“ gibt. Gemeint ist der mit einer Röhre bestückte Daniel D. von Reußenzehn.)

Und nun zu dem eigenartigen Underdrive-Exoten. Die Idee dahinter ist: Die Erzeugung von Distortion hat viel mit Übersteuerungen im Mittenbereich zu tun; senkt man also dort die Frequenzkurve intensiv ab, müsste die Intensität der Verzerrungen zurückgehen. Tatsächlich, der „Effekt“ ist frappierend, der Orange-Underdrive macht aus einem dicken Distortion-Sound absolut transparenten Crunch, der Akkorde sauber abbildet. Um es bildlich auszudrücken: Auf Schalterdruck kommt man von High-Gain-Lead zu SRV-Klangfarben. Bass und Treble garantieren, dass das „neue“ Klangbild die richtige Balance bekommt. Das Evolution Orange macht also das, was man sich vom Guitar-Volume eigentlich wünscht, was aber nie perfekt eintritt, selbst wenn man einen großen Höhen-Bypass-Kondensator verwendet.

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Einen kleinen Haken habe ich an der Sache aber doch gefunden. Es geht in der genannten Anwendungsweise immer der Signalpegel zurück, das heißt, die Gitarre wirkt leiser. Das kann häufig praktisch sein, im Sinne von Rhythm- und Lead-Situationen, muss aber nicht. Und es besteht keine Möglichkeit, das abzufangen. Ist die Ausgangsbasis intensivere Distortion, dürfte das Problem aufgrund des Faktors Kompression in der Regel nicht auftreten. Bei einem Vintage-Amp, der bis in die Endstufe hinein in der Sättigung arbeitet, dagegen schon. Also: Ausprobieren, eine Garantie auf optimales Gelingen in jedweder Konstellation gibt es nicht. So überraschend elegant das Pedal arbeitet und neue Dimensionen auftut, es zeigten sich doch zwei unangenehme Begleiterscheinungen. Das Evolution Orange ist im Grunde nichts anderes als ein aktiver Dreiband-Equalizer (+/-15 dB bei 100 Hz, 400 Hz, 7 kHz).

Die aktive Halbleiterschaltung erzeugt als Nebenprodukt zwangsläufig ein gewisses Rauschen, das (natürlich) deutlich hörbar wird, wenn der nachfolgende Lead-Kanal des Amps oder ein Pedal (High-Gain-?) Distortion erzeugt. Okay, damit kann man unter Umständen leben, aber ob man auch das laute Schaltknacken des True-Bypass-Fußschalters wegstecken kann? Beim Simble knackt es ebenfalls vernehmlich. Wie geht man mit so etwas um? Nun ja, eine Lösung ist die, während des Spiels zu schalten, sozusagen „on cue“ mit dem Beginn eines neuen Parts des Musiktitels.

Plus

  • exzellente Signalqualität
  • Dynamikverhalten
  • hell leuchtende LED
  • Verarbeitung/Qualität der Bauteile

Minus

  • Schaltgeräusche

 

Resümee

Tja, geschickte Ideen muss man haben. Und sie dann auch elegant in die Tat umsetzen. Hier ist das gelungen. Beide Pedale erweisen sich als sehr nützliche Werkzeuge, wenn es darum geht, Verzerrungen im Zaum zu halten. Das Simble ist Spielern zu empfehlen, die in klassischer Weise mit Vintage-orientierten Amps und Combos arbeiten. Das Evolution Orange ist wesentlich vielseitiger einsetzbar und dank seines Dreiband-EQs klanglich auch erfreulich variabel. Schade nur, dass das recht laute Knacken der Bypass-Fußschalter die Freude etwas dämpft. Nicht nur deswegen lautet das Fazit: Die Preise liegen hoch, sind aber gerade noch vertretbar.

 

Mad Professor und Evolution Orange_profil

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