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Kopfplatte: Alles Kopfsache

Der Fisch stinkt vom Kopf her – ein alter Spruch, der viel Weisheit beinhaltet. Ist nämlich bereits an der Kopfplatte unserer Gitarre etwas nicht in Ordnung, wirkt sich das nachhaltig auf Spiel und Stimmung aus. Aber wozu ist also diese Kopfplatte eigentlich da?

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Gute Frage! Die stellten sich in den frühen 80er-Jahren auch Gitarren-Designer wie z. B. Ned Steinberger. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass eine Kopfplatte eigentlich überflüssig sei und sägten sie kurzerhand ab. Ihre These: Solch eine große Holzplatte wirke sich nachteilig auf das Schwingungsverhalten der Saiten und des Halses aus und sei kontraproduktiv bei der Suche nach einer optimalen Klangentfaltung (und: Das Instrument ist viel kleiner und kann einfacher transportiert werden). Unrecht hatten die Herren nicht, denn in der Tat klingen Instrumente ohne Kopfplatte (engl.: headless) anders – direkter, linearer, sauberer und transparenter.  Manche sagen aber auch: steriler. Und auch da ist etwas dran …

Das traditionelle Gitarren-Design verlangt auf jeden Fall nach einer Kopfplatte, und da Gitarristen überwiegend Traditionalisten sind, hat sich die Kopfplatte ihre große Lobby bewahrt.  Und die Kopflosen befinden sich heute, da sich die große Akzeptanz nicht einstellte, in einer Nische des Gitarren-Marktes, die aber durchaus respektiert ist.

Man sollte die Kopfplatte keineswegs darauf reduzieren, dass ja schließlich irgendwo auch Saiten befestigt werden müssen. Natürlich gibt sie auch den Mechaniken ihren Platz, sie hat aber auch noch andere Aufgaben. Die Vorgabe, dass an der Kopfplatte mindestens sechs Mechaniken zur Fixierung der Saiten sitzen müssen, schränkt den kreativen Designer stark in der Gestaltung der eigenen Kopfplatte ein. Sie kann deshalb z. B. eine bestimmte Größe nicht unterschreiten, denn die Mechaniken brauchen ihren Platz; sie kann auch nicht zu ausgefallen sein, denn die Saiten sollen ihren Weg vom Sattel zu den Mechaniken möglichst gerade zurücklegen. Dennoch haben die meisten Hersteller den Spagat zwischen einer funktionalen und eigenständig gestalteten Kopfplatte mit Bravour gelöst.


Corporate Identity

Als 1905 bei einer Gibson-Mandoline zum ersten Mal überhaupt das Logo eines Herstellers auf einer Kopfplatte auftauchte, war der Begriff Corporate Identity noch nicht erfunden. Doch man begriff schnell, dass gerade die Kopfplatte für den Wiedererkennungswert sorgen kann, den sich jeder Hersteller für sein Produkt wünscht. Hier oben erscheint der Name prominent jedem Zuschauer und wird durch nichts und niemanden verdeckt, und auch eine bestimmte Form der Kopfplatte kann schon von weitem für die Identität der Marke sorgen.

So dauerte es nicht lange, bis eigene Kopfplattenformen zusammen mit dem Firmenlogo ganz sicher einzelnen Marken zugeordnet werden konnten – bis findige Hersteller in Japan in den 1970er-Jahren damit begannen, die erfolgreichsten Kopfplatten-Designs, und nicht nur das, abzukupfern. Das ließen sich die kopierten Marken nicht lange gefallen und heute sind die Kopfplattenformen der wichtigsten Firmen durch Patente und Warenzeichen vor unbefugtem Kopieren geschützt, genauso wie Firmen- und Modellnamen. So kann also mit Fug und Recht behauptet werden, dass die Kopfplatte das Gesicht einer Gitarre darstellt und für das Image und den Wiedererkennungswert eine große, vielleicht die wichtigste, Rolle spielt. Zumindest in der im Vergleich zu Akustik-Gitarren etwas bunteren Welt der E-Gitarren.

Gibson Kopfplatten

Die erfolgreichsten und bekanntesten Kopfplattenformen stammen von den Herstellern der ersten Stunde der E-Gitarre; denn damals brauchte man sich noch nach niemandem zu richten und erfand einfach das, was einem geschmacklich am nächsten stand.

Traditionell betrachtet, stammt die Kopfplatte der E-Gitarren von den akustischen Steelstrings ab. Wie dort sind die meisten Kopfplatten massiv und flach, im Gegensatz zu sogenannten „durchstochenen“ Fenster-Kopfplatten von z. B. Klassik-Gitarren. Die Mechaniken sind auf der Rückseite befestigt, die Schäfte oder Achsen bohren sich nach vorne durch die Kopfplatte und haben Schlitze oder Löcher. Hierhin werden die Saiten geführt und dann durch Drehen der Mechanikachsen an selbigen befestigt.  Die Anordnung der Mechaniken ist einer der wenigen Spielräume, in denen sich die Designer bewegen können. Die ersten massiven (solidbody) E-Gitarren von z. B. Bigsby und Fender orientierten sich in Form und Funktion an einer Martin/Stauffer-Gitarre, bei der die Saiten an einer Seite des Kopfes befestigt waren. Wobei, um die Geschichte nicht zu verwässern, der Prototyp der Fender Broadcaster, aus der später die Telecaster- und Esquire-Modelle erwuchsen, seine Mechaniken noch symmetrisch trug, links 3 und rechts 3, die sogenannte 3:3-Konfiguration.

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Nick Page bevorzugt Fenster-Kopfplatten, 12 Mechaniken mit kleinen Köpfen auf einer Duesenberg Double Cat 12

Gibson, Gretsch und die Mehrzahl aller Gitarrenhersteller beließen es bei der symmetrischen 3:3-Anordnung der Mechaniken und schufen so einen starken Gegenpol zu Marken wie Fender, die sich auf die 6:0-Konfiguration einließen und damit ab den 1950er-Jahren ein völlig neues Erscheinungsbild von Gitarren schufen.  Warum Fender sich gegen ein symmetrisches und für ein unsymmetrisches Design entschied, wird von einigen damit begründet, dass Leo Fender seine E-Gitarren so einfach und so schnell wie möglich herstellen wollte. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille.

Vielmehr war Fender auch der Meinung, dass einseitig montierte Mechaniken den Saitenwechsel und den Stimmvorgang an sich vereinfachen und zudem eine gerade Saitenführung ermöglichen. Gibson hat nur ganz selten, und dann bei eher extrovertierten Modellen wie Firebird, Explorer und Victory, das einseitige Design übernommen, blieb aber sonst der Tradition treu, auch wenn die Saiten in einem leichten Winkel zu den Mechaniken laufen. Dass symmetrisch aufgebaute 3:3-Kopfplatten ebenfalls einen gerade Saitenzug garantieren können, zeigen andere Hersteller wie z. B. PRS.  Letztendlich bestimmt die Anordnung der Mechaniken das Bild der Kopfplatte maßgeblich mit.

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Aber die wenigen verbliebenen Freiräume werden meist geschickt genutzt, um die eigene Marke deutlich darzustellen. Bei symmetrischen Kopfplatten spielt dabei die obere Kante eine große Rolle – ob wie bei Gibson in Schnurrbart-oder „Open-book“-Form, wie bei Guild mit mehreren Bögen, wie bei Burns mit einer von Streichinstrumenten bekannten Schnecke (engl.: scroll), wie bei PRS mit einer unsymmetrischen Outline etc. Hier oben an der Kante kann der Designer sich auslassen, um Eigenständigkeit zu schaffen. Andere Hersteller haben sogar gesamte Kopfplattenformen individuell gestaltet –die diversen Designs von Danelectro sind da gute Beispiele.

Oder die Music Man mit ihrer kleinen Kopfplatte und 4:2 Mechanikanordnung, die unverkennbar ist und zudem so konstruiert ist, dass die Gitarre im Flugzeug ins Gepäckfach passt.  Bei den unsymmetrisch aufgebauten Kopfplatten hat man mehr Möglichkeiten zur Gestaltung; hier steht immerhin die gesamte untere Kante und die Spitze zur Verfügung, um sich zu verewigen.

V von Dean
Eine der größten Kopfpatten: Das imposante V von Dean

 

 

Und nicht nur das! So lässt sich z. B. das gesamte Kopfplatten-Design von oben nach unten drehen – und fertig ist der sogenannte Reversed Headstock! Oder die gesamte Kopfplatte verläuft in einem steileren Winkel nach unten – fertig ist der so genannte Pointed Headstock, der – inspiriert von der Gibson Explorer – in den 1980er-Jahren en vogue war, in Kombination mit

19“-Verstärkern, Föhnfrisuren und Spandex-Hosen. Grover Jackson war einer der ersten, der dieses Design verwendete, und seine Gitarrenmarke, aber auch Charvel, Kramer und andere popularisierten es, bis ca. Mitte der 1990er die Retro-Welle die Gitarrenwelt erreichte. Eine der auffälligsten Kopfplatten hat die amerikanische Firma Dean, deren großes V-Design auch auf große Entfernung keinen Zweifel daran lässt, welche Gitarre der Gitarrist da gerade spielt.

 


Konstruktion der Kopfplatte

Meist sind Hals und Kopfplatte aus einem Stück Holz gefertigt.  Das bedeutet, dass bei den Gitarren, die traditionell eine nach hinten gewinkelte Kopfplatte haben, sehr viel Verschnitt anfällt.  Wobei moderne Produktionen wie z. B. die von Warwick/Framus eine computergesteuerte Schnittmethode entwickelt haben, die den Verschnitt minimiert. Leo Fender wollte damals alles andere als viel Verschnitt, denn das wäre ihn teurer gekommen. Deshalb verzichtete er auf eine gewinkelte Kopfplatte und versetzte die seiner E-Gitarren nur etwas nach hinten, aber parallel zum Halsverlauf.  So konnte er das Holz effektiver nutzen und zudem schneller produzieren.

In günstigen Massenproduktionen werden Kopfplatten und Hälse separat voneinander angefertigt und großflächig an den Hals geschäftet. Die Leimstelle befindet sich meist zwischen dem zweiten und dritten Bund.

Gerne werden Furniere verwendet, um die Kopfplatte optisch z. B. dem Korpusholz anzugleichen, aber auch, um angeleimte Seitenteile zu überdecken und so für einen einheitlichen Look zu sorgen. Außerdem ist es einfacher, in Furnier Firmenlogo und Modellname (z. B. aus Perlmutt) einzulegen.

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Wie oben schon erwähnt, sind die meisten Kopfplatten von E-Gitarren flach und massiv. Aber es gibt auch Ausnahmen von dieser Regel. Rickenbacker sah sich mit dem Problem konfrontiert, dass wenn die Mechaniken ihrer 12-saitigen E-Gitarren konventionell hintereinander montiert würden, die leichten, semiakustischen Instrumente viel zu kopflastig würden.

Also machte man aus der Not eine Tugend, durchstach die Kopfplatten wie bei klassischen Gitarren und montierte neben den außen angebrachten Mechaniken jeweils eine weitere, deren Schaft durch das Fenster ragte und an dem die jeweilige Saite befestigt wurde. So konnte die übliche Größe der Kopfplatte beibehalten, aber dennoch die doppelte Menge an Mechaniken untergebracht untergebracht werden. Der Saitenwechsel und auch das Stimmen ist zwar etwas fummelig, was andere Hersteller 12-saitiger E-Gitarren davon abhält, dem Beispiel Rickenbackers zu folgen. Dafür nimmt man dann lieber eine gewisse Kopflastigkeit in Kauf.

Rickenbacker-Platte
Der Mechanikwald einer Rickenbacker-12-string

Duesenberg hat einen Kompromiss gefunden: Hier sind die Mechaniken zwar hintereinander montiert, aber durch die Verwendung runder Mechanikknöpfe (statt der üblichen Flügel) wird weniger Platz beansprucht.  Fensterkopfplatten werden ganz selten im E-Gitarrenbau verwendet.  Einer, der auf dieses schicke Design jedoch fast exklusiv setzt, ist der junge Gitarrenbauer Nick Page aus Berlin.

Ab Ende der 1950er-Jahre bot Fender die Möglichkeit an, die Kopfplatte in der gleichen Farbe wie den Korpus zu lackieren. Diese Kopfplatten werden im Gitarren-Fachjargon Matching Headstocks genannt und natürlich auch von vielen anderen Herstellern angeboten.

Nicht immer ist das Holz das bevorzugte Material für Hals und/oder Kopfplatte gewesen. Bereits in den 1950ern und 1960ern baute der italienische Designer Wandré abenteuerliche Gitarren mit Aluminium-Hälsen und -Kopfplatten, eine Idee, die in den 1970er- und 1980er-Jahren von Kramer und Travis Bean kurzzeitig recht erfolgreich aufgegriffen wurde. Einige wenige Hersteller wie z. B. Modulus Graphite boten sogenannte Graphit-Hälse inkl. Kopfplatte an, die aus einer Kunstharz/ Kohlefaser-Mischung hergestellt waren.

 

Größe, Stärke, Winkel

 

Natürlich müssen für ein gelungenes Design die Proportionen stimmen.  D. h., eine Kopfplatte darf im Verhältnis zum Korpus und zur Gesamtgröße weder zu groß noch zu klein sein. Ihre Größe und damit ihre Masse hat natürlich Einfluss auf das Gewicht der Gitarre, aber auch auf das Handling, denn eine Gitarre sollte nicht kopflastig sein. Die Kopfplatte darf aber auch nicht zu dünn sein, weil sonst die Gefahr besteht, dass sie sich im Lauf der Zeit unter dem ständigen Saitenzug nach vorne biegt.

Kopfplatten im Profil

Der Winkel, in dem die Kopfplatte nach hinten geneigt ist, bestimmt den Winkel, den die Saiten vom Sattel zu den Mechanikschäften zurücklegen.  Dieser Winkel muss steil genug sein, damit die Saiten fest in den Sattelkerben sitzen. Nur so wird ein langes Sustain und ein klarer Ton bei leer gespielten Saiten erreicht.

Das Winkelmaß, in dem sich die Kopfplatte nach hinten neigt, unterliegt keiner Norm. Dennoch haben sich die meisten Hersteller im Lauf der Jahre auf bestimmte Maße festgelegt.

  • Fender – 0°
  • Nik Huber – 10°
  • PRS – 11°
  • Gretsch – 14°
  • Gibson (1966 bis 1973) – 14°
  • Gibson – 17° 

Mechaniken

Die meisten der vielen  Mechaniken von heute sind grundsätzlich identisch aufgebaut. Sie bestehen aus einem Flügel (der Drehknopf), einer Achse (hier wird die Saite befestigt) und einem Getriebe, das aus einer Gewindeschnecke und einem dort hineingreifenden Zahnrad besteht.

Kopfplatten-Mechaniken

Der Flügel setzt die manuelle Drehbewegung über das Zahnrad und die Gewindeschnecke in eine Drehung des Schaftes um. Dadurch kann die Saite um den Schaft gewickelt, gespannt und letztendlich auf den passenden Ton gestimmt werden. Die Übersetzung der beiden Drehbewegungen – die des Flügels und die des Schaftes – erfolgt in einem bestimmten Verhältnis, z. B. 14:1. Dies bedeutet, dass man den Flügel 14 mal um seine Achse drehen muss, damit sich der Schaft einmal um seine Achse dreht. Somit kann man sehr fein und sehr genau den Wickelvorgang der Saite und deren Stimmung Stimmung steuern. Auf dem Markt sind bei E-Gitarren Übersetzungen zwischen 14:1 und 18:1 üblich. Je größer der erste Faktor, desto feiner lässt sich stimmen – aber umso länger dauert auch das Saitenaufwickeln.  Im Großen und Ganzen lassen sich die Mechanik-Typen in drei Haupt- und drei Untergruppen aufteilen.

Die Hauptgruppen sind:

Gekapselte und dauergeschmierte Mechaniken

Hier lagern Zahnrad und Gewindeschnecke innerhalb einer Metallkapsel in einem dauerhaften Fettbad und laufen deswegen dauerhaft „wie geschmiert“.

Gekapselte und manchmal auch geschmierte Mechaniken

Die bekanntesten Vertreter dieser Spezies sind die Kluson-Vintage-Mechaniken, deren Kapsel ein kleines Loch hat, über das Öl oder feines Fett zum Schmieren eingefüllt werden kann.

Spezielle Infos zu einzelnen Mechaniken bekommst du auf dem Guitar Summit – dort sind zahlreiche Hersteller vor Ort und präsentieren ihr Sortiment. Jetzt Aussteller checken und Tickets sichern!

Offene Mechaniken

Hier liegen Zahnrad und Gewindeschnecke gänzlich offen, wie bei Klassik-Gitarren, aber auch bei einigen E-Gitarren.

Die drei Untergruppen sind:

  • Mechaniken mit einem Schlitzschaft, in den die Saite von oben eingesteckt, abgeknickt und um den Schaft gewickelt wird. Wir finden diese Art Mechaniken meist bei Fender-Instrumenten und deren Kopien.
  • Mechaniken mit einem Loch im Schaft, durch das die Saiten seitlich gesteckt werden. Wie z. B. bei Gibson-Instrumenten.
  • Sogenannte Locking-Mechaniken, die ein Festklemmen der Saiten im Schaft ermöglichen. Dies hat Vorteile bzgl. der Stimmstabilität. Es gibt mittlerweile verschiedene Arten der Locking-Mechaniken – Top-Locking-Typen wie die selbstklemmenden (Gotoh) und die von oben zu arretierenden (Schaller, PRS u. a.) und Back-Locking-Mechaniken, wo die Saiten von hinten mit einer Rändelmutter fixiert werden (Sperzel, Kluson u. a. ) − die alle auf unterschiedliche Art das gleiche bewirken: Das Festklemmen der Saite im Schaft.

Ein Sondertyp stellt die Duesenberg Z-Mechanik dar, bei der die Saite von oben ganz durch den Schaft geführt wird, an der Unterseite wieder austritt und dort abgezwickt werden kann.

Kopfplatten Schraube

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Doch welche sind nun die besten – und warum? Wie man sich schon denken kann, lässt sich diese Frage nicht so eindeutig beantworten, denn jede Art hat ihre ganz persönlichen Pros und Cons …

Eine wichtige Rolle spielt z. B. das Gewicht einer Mechanik. Viele Fans eines puristischen Vintage-Tons schwören auf ein möglichst geringes Gewicht der Mechaniken, um dem Ton der Gitarre nicht zu viel mitschwingende Masse mit auf den Weg zu geben. Eine typische Vintage-Mechanik wie eine Kluson Single Line mit einem Kunststoffknopf in Tulpenform, mit der z. B. Gibson seine Les Pauls in den 50er-Jahren ausgestattet hatte, wiegt 23,4 g. Ein kompletter Satz von sechs Mechaniken bringt also 140,4 g auf die Waage. Eine gekapselte und dauergeschmierte

Mechanik mit gleicher Knopfform, aber aus Metall, wiegt dagegen 37,2 g, der Satz insgesamt 223,2 g. Und wollen wir vielleicht sogar Locking Mechaniken verwenden, müssen wir mit einem Einzelgewicht von bis zu 43,5 g rechnen, was ein Satzgewicht von nicht weniger als 261 g ergibt, also fast doppelt so viel wie bei den Kluson-Typen!

Einige Kopfplatten-Mechaniken

Natürlich ist die Funktionalität einer Mechanik das vielleicht wichtigste Kriterium. Die meisten dauergeschmierten Typen haben hier die Nase vorn, denn sie sind nicht nur wartungsfrei, sondern auch über eine zentral im Knopf angebrachte Schraube in ihrer Gängigkeit einstellbar. Hier kann man also bestimmen, ob man ganz butterweich leicht oder eben etwas zäher die Saiten auf Stimmung bringen will. Aber diese Schraube birgt noch eine weitere Möglichkeit, und zwar den Austausch der Knöpfe. So kann man z. B. die Metallknöpfe gegen leichtere (und manchmal schönere) aus Plastik austauschen.  Offene Mechaniken werden im E-Gitarrenbau kaum verwendet.

Was auf den ersten Blick wie ein vorsintflutliches Machwerk aussieht, ist im Grunde genommen ein perfektes Werkzeug – vorausgesetzt, die Mechanik stammt von einem Hersteller, der gute Materialen verwendet und sein Handwerk versteht. Vorteilhaft ist, dass bei solchen Mechaniken das Herzstück, das Getriebe, offen liegt. Natürlich sind diese Typen anfällig gegen Verschmutzung. Aber sollte einmal Sand ins Getriebe gekommen sein, lässt sich die Mechanik spielend leicht auseinandernehmen und reinigen.

Offene Mechaniken sind also funktional und leicht und es verwundert dann doch, dass man sie nicht öfter bei E-Gitarren vorfindet.

Locking-Mechaniken sind sinnvoll, und das aus zwei Gründen:

  1. Der Saitenwechsel geht schneller vonstatten.
  2. Bessere Stimmung! Denn Locking-Mechaniken ermöglichen es, die Saiten im oder am Mechanikschaft festzuklemmen. Dazu braucht man nicht mehr die Saiten um den Schaft zu wickeln, sondern einfach nur einzuführen, festzuzurren und die Achse maximal einmal zu drehen. Das geht schnell und unterstützt die Stimmstabilität des Instrumentes eben dadurch, dass nur ganz wenig Saitenmaterial spielfrei auf die Achse gewickelt und dort bombenfest verankert wird.

Man unterscheidet zwischen Top- und Backlocking-Mechaniken. Top-Locker sind in der Regel leichter als Back-Locker, aber umständlicher zu bedienen. Meist braucht man dazu ein Hilfsmittel wie z. B. eine Münze, um eine Klemmschraube, die oben auf dem Mechanikschaft sitzt, zu bedienen. Back-Locker sind etwas schwerer, aber einfacher und ohne Hilfsmittel zu bedienen.

Kopfplatten-MechanikenUm die Stimmstabilität der Gitarre zu erhöhen, wurden neben den Locking-Mechaniken auch die „staggered“ Mechaniken erfunden. Mechaniken sind dann staggered (engl. für: gestaffelt), wenn sie Achsschäfte aufweisen, die von vorne nach hinten niedriger werden. Diese Bauweise macht vor allem bei Fender-typischen Instrumenten Sinn, deren Kopfplatten parallel zum Hals verlaufen und die Niederhalter benötigen, um einen Teil der Saiten fest genug in die Sattelkerben zu drücken.

Diese Saitenniederhalter stellen einen Reibungspunkt im Saitenverlauf dar, der sich ungünstig auf die Stimmstabilität der gesamten Gitarre auswirken kann. Und hier kommen nun die gestaffelten Mechaniken ins Spiel. Während die Schäfte für die a5- und e6-Saiten noch normal hoch sind, nimmt die Höhe der Schäfte für die anderen Saiten nach hinten hin ab. Die e1-Saite läuft demnach zu der Mechanik mit dem kürzesten Schaft und beschreibt so einen deutlichen Winkel vom Sattelende aus, der dafür sorgt, dass sie mit ausreichend Druck im Sattel sitzt.

Natürlich gibt es auch im Bereich der Mechaniken Randgruppen.  Ganz neu auf dem Markt, präsentieren die Schaller GrandTune-Mechaniken das Ergebnis wissenschaftlicher Analysen diverser Forschungsgruppen von Universitäten und Instituten.  Ned Steinberger hat sich ebenfalls an Mechaniken versucht. Seine Gearless-Typen, die natürlich mit aller Tradition brechen, finden sich oft auf innovativ-revolutionären Instrumenten wieder, machen aber auch als Replacement an der Gibson Firebird eine gute Figur. Sie sind klein und leicht und bieten dadurch auch dem Gitarren-Designer mehr Spielraum, seine Ideen zu entfalten.  Nicht zu vergessen: Die Hipshopt D-Tuner-Mechanik, die mit einem Hebelumwurf die entsprechende Saite einen Ton tiefer stimmt.

Mehrere Kopfplatten-Mechaniken

Normalerweise haben die Mechaniken einer Gitarre auch dieselbe Übersetzung, in der Saiten auf die Schäfte gewickelt werden.  Die Erfinder der Ratio Tuner haben jedoch jeder Mechanik eine eigene Übersetzung zu geordnet. Der Sinn dieser Erfindung: Mit einer Umdrehung des Mechanikflügels ändert sich bei jeder Mechanik die Tonhöhe um einen Ganzton. Diese Idee, die besonders denen entgegen kommen wird, die auf der Bühne viel umstimmen, erfordert folgende Übersetzungen:

E1: 12:1; B2: 20:1; G3: 35:1; D4: 20:1; A5: 24:1; E6: 39:1

Eine ganz besondere Gattung von Mechaniken stellen die sich selbst stimmenden dar. Hier steuert ein kompliziertes Sensor-System kleine Motoren, die die Mechanik-Achsen auf die gewünschte Tonhöhe drehen. Mehr zu den verschiedenen Self-Tuning-System gibt es in einem separaten Artikel in dieser Ausgabe!

Saitenniederhalter

Saitenniederhalter sind Auslaufmodelle, zumindest bei ambitionierten Gitarristen und Gitarrenherstellern. Sie sind zwar dann notwendig, wenn bei parallel zum Hals verlaufenden Kopfplatten die Saiten hinter dem Sattel fest in die Sattelkerben gedrückt werden sollen. Aber da Saitenniederhalter Reibungspunkte darstellen, die man zugunsten der Stimmstabilität am liebsten vermeiden möchte, werden mittlerweile hier oft „staggered“ Mechaniken installiert, die den gleichen Zweck erfüllen.

Steinberger Gearless Tuner

Vintage-Puristen, aber auch die, die günstige Gitarren aus einer ausländischen Massenfertigung spielen, sehen sich weiterhin mit den Saitenniederhaltern konfrontiert. Meist werden nur die e1- und h2-Saiten, mitunter aber auch G3- und D4-Saiten auf Sattelniveau gedrückt. Fender als Vorreiter bei diesen Bauteilen hat im Laufe der Jahre den Saitenniederhalter immer weiter optimiert und die neuesten Versionen können sich wirklich sehen lassen.

 

Auf dem Guitar Summit kannst du die Feinheiten von diversen Kopfplatten persönlich bestaunen – zahlreiche Hersteller präsentieren ihr Sortiment. Checke jetzt die Ausstellerliste des großen Events!

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11 Kommentare zu “Kopfplatte: Alles Kopfsache”
  1. Heinz Bolliger

    Thumbs up! Der Artikel über Kopfplatten gefällt mir sehr gut. Er ist frei von Mystizismus und wertet nicht. Kompliment an den Verfasser.

    Antworten
  2. Tom Haubner

    Sehr guter Beitrag, toll, wird gleich geteilt!
    Hey, seid Ihr sicher, dass auf dem Foto der Les Paul Kopfplatten die linke die ältere ist? Ich habe den Eindruck, die rechte Kopfplatte gehört zu der älteren Gibson.
    Viele Grüße,
    Tom

    Antworten
  3. Rudolf Gajus

    Tom Haubner hat recht: im Text der Les Paul-Kopfplatten wurde re. + li. vertauscht und
    stimmt somit nicht mit dem Foto überein..
    Ganz klarer Beweis: re. die abgenutzte bühnenerfahrene Les Paul und li. die neue LP

    Antworten
  4. Volker Mansfeld

    das ist ein sehr guter artikel, finde ich. informativ, neutral, gut bebildert, mit angenehmen schreibstil. solche texte sind selten geworden. vielen dank.

    Antworten
  5. Manfred Zollner

    Sehr gute Übersicht über den Status quo, ohne Spekulationen über unbewiesene Kausalzusammenhänge zwischen Mechanik/Form und Sound. Die einzige mir bekannte umfangreiche Arbeit über die Wirkung der Kopfplatte ist von Helmut Fleischer: Schwingungsuntersuchungen an elektrischen Gitarren, ISSN1430-936X.
    Manfred Zollner, GITEC-Forum.de

    Antworten
  6. Michael

    günstige Gitarren aus inländischer Massenfertigung haben natürlich alle keine Saitenniederhalter. Oder gibt es im Inland gar keine Massenfertigung?

    Antworten
  7. Mechanics.

    Kompliment,da hat sich “unser” Heinz Rebellius ja mal richtig in’s Zeug gelegt,und einen sehr kurzweilig und höchst informativen Artikel abgeliefert! Das gefällt! Überhaupt,die leider momentan nur noch sporadisch in G&B veröffentlichte Guitar Guru Seite finde ich wirklich top! Mein Wunsch,diese besagte Rubrik nun wieder in jeder Ausgabe zu präsentieren,würde bestimmt auch vielen anderen Lesern sehr gut gefallen,denn manche seltenen alten “Exoten” unter den Gitarren,würden hier beim Guitar Guru viel genauer betrachtet,und unter die Lupe genommen werden.Es ist oft schon enorm hilfreich zu erfahren,ganz spezielle Insider Daten über die Herkunft,das Baujahr und den momentanen Marktwert der eigenen alten Gitarre vom Profi zu bekommen! In diesem Sinne herzlichen Dank! Liebe Grüße aus Berlin-Kreuzberg👠💋❤️

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