Die Perlen des Gebrauchtmarkts

Kleinanzeigen Heroes: Reußenzehn Basspreamp MK 1

Günstige Arbeitstiere, unterschätzte Underdogs, übersehene Youngtimer und vergessene Exoten: In den „Kleinanzeigen Heroes“ stellen wir euch die Geheimtipps des Gebrauchtmarkts vor, die einen maximalen „Bang for the buck“ liefern.

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Reußenzehn Basspreamp MK 1

„Der Transistor is’ ‘ne Mordserfindung, aber mer dürfe ihn net ans Ohr lasse.“

Dieses Zitat zeigt schön Thomas Reußenzehns Überzeugung: Röhre, Röhre und nochmal Röhre. Am 03.02. starb Thomas, der über Jahrzehnte die Szene – nicht nur – in Deutschland mitprägte. In diesem Artikel würdigt Udo Pipper den Überzeugungstäter in Sachen glühender Glaskolben, hier soll es um sein erstes eigenes Serienprodukt gehen.

Es war 1978, als Reußenzehn den Bass-Preamp vorstellte. Das 19“-Format, 1922 von AT&T für Racks zum Einbau von Geräten in Telefonvermittlungsstellen eingeführt, war in PA-Kreisen schon lange gang und gäbe, die großen Zeiten der 80er-Jahre-Rack-Kühlschränke noch ein paar Jahre weg.

IN EIGENEN WORTEN

Was ihn umtrieb erzählte er im Juniheft 1989 des Musiker Magazins, dem direkten Vorläufer von G&B, im Interview mit Ebo Wagner:

„Es gab zu dieser Zeit nur den Fender Bassman 100-135, der jedoch zu wenig Leistung hatte. Die Frage war: wie kriegen wir jetzt diesen Röhrensound mit der ganz normalen Kuhschwanzklangregelung lauter? Dies war für mich eine ganz entscheidende Entwicklung, denn der Bass-Preamp war das erste Gerät, das ich von Grund auf entwickelt habe, nach all dem empirischen und dem theoretischen Wissen, was durch die jahrelange Erfahrung da war. Das war ja letzten Endes nur ein Rumstricken an vorhandenen Amps (…).

Aber die eigentliche Entwicklung war 1978 der Bass-Preamp mit einer parametrischen Klangregelung, einer besonderen Art, wie man sie nur mit Röhrenfiltern machen kann. (…) Joky Becker (Bassist der [Rodgau] Monotones) hatte einen Stramp-Verstärker, den fand er vom Sound her geil, aber er zerrte zu früh. Das einfachste wäre natürlich gewesen, eine Röhrenendstufe zu bauen. Doch da traute ich mich damals einfach nicht ran. (…) Ich habe mir gesagt, es gibt genug gute PA-Endstufen auf dem Markt mit Leistung ohne Ende.

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Mir kam der Gedanke, die Vorteile der Röhren alle in den Vorverstärker zu packen und auch diesen klassischen Kuhschwanz zu umgehen, weil man ja das Problem hat, dass sich bei steigender Leistung die natürlichen Klangverhältnisse für das menschliche Ohr verändern. Je lauter es wird, umso mehr Bässe sind da. Beim Kuhschwanz mit Treble, Middle und Bass reicht’s halt nicht. Wenn du da den Bass rausdrehst, fehlt gleichzeitig was anderes.

So entstand der Grundgedanke, einen 19“-Basspreamp mit Röhren zu entwickeln und dabei die Klangregelung so kompliziert oder so aufwendig zu gestalten, dass man die Möglichkeit hat, feiner nachzuregeln. Vom Klang her stützte sich das schon auf den Fender-Sound, aber die Schaltung hat nicht im Entferntesten mit der von Fender zu tun, sie ist viel aufwendiger gestaltet. Und darauf war ich auch relativ stolz. Der Preamp wurde relativ schnell populär.“

Populär blieb er auch, mittlerweile als MK7 war er bis zuletzt im Programm. Dessen hier gezeigter Urahn dürfte nach Seriennummer und den datierten Bauteilen von ca. 1979 sein, hat statt einem Presence-Regler einen Hi-Boost im Push/Pull-Treble-Poti, und sieht im Vergleich zu seinen edlen Nachfahren recht grobschlächtig aus. Er hat aber ja auch schon einiges hinter sich. Ganz nebengeräuschfrei ist er nicht, dafür liefert er immer noch heiße Röhrensounds zwischen subtil und plakativ-packend.

In die Klangregelung, die tatsächlich wenig mit dem Fender-Tone-Stack zu tun hat, muss man sich erstmal reinfuchsen, und gerade bei den älteren Modellen bedenken, dass die Bassanlagen Ende der 70er noch keine feinzeichnenden, Hochtöner-bestückten Transparenzkünstler waren. Da kommt einem der Höhenbereich mit modernem Equipment kombiniert schon mal zu krass vor. Mir gefällt’s aber, wie der Hi-Boost einem passiven Jazz Bass Exciter-mäßige Aktivhöhen verpasst.

PREISE

Preislich sind die Preamps je nach Generation auch mal unter 400 Euro zu haben. Der Aufbau ist servicefreundlich und hochwertig, sodass dem Vergnügen, nachzuspüren, warum dieser Amp von Reußenzehn Bassisten, wie z.B. Dusty Hill, Jack Bruce, oder eben Joky Becker, begeistern konnte, wenig im Weg steht. Mehr Infos zur letzten Version gibt es auf www.reussenzehn.de.


(erschienen in Gitarre & Bass 04/2022)

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