Die Perlen des Gebrauchtmarkts

Kleinanzeigen Heroes: Electro-Harmonix Germanium4 Big Muff Pi

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Günstige Arbeitstiere, unterschätzte Underdogs, übersehene Youngtimer und vergessene Exoten: In den „Kleinanzeigen Heroes“ stellen wir euch die Geheimtipps des Gebrauchtmarkts vor, die einen maximalen „Bang for the buck“ liefern.

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Kann es sein, dass ein Pedal sowohl überschätzt als auch unterschätzt und deshalb gar nicht wertgeschätzt wird? Im Fall des EHX Germanium4 Big Muffπ trifft diese ungewöhnliche Konstellation jedenfalls zu …

Denn die, die in dem Pedal einen lupenreinen Big Muff vereint mit einem klassischen Overdrive sehen, überschätzen es. Die anderen, die mit Big Muff nichts am Hut haben wollen und sowieso schon genug Overdrives haben, unterschätzen es hingegen. Die Urheber dieses Übels sind die Marketing-Fachleute von EHX, die sich diesen irreführenden Namen ausgedacht haben.

OVER(?)DRIVE

Innen – no vintage! Der nahezu vollständig mit SMD-Bauteilen bestückte Germanium Big Muff beinhaltet vier Germanium-Transistoren und zwei ICs für die duale Signalbearbeitung. Das Signal durchläuft zuerst die Distortion- und dann die Overdrive-Sektion. Der Overdrive bietet Germanium-Transistoren des PNP-Typs NKT275, ein gewöhnlicher NF-Typ mittlerer Stromverstärkung, ähnlich dem OC75 – hier sind sie allerdings recht ungewöhnlich als Differenzstufe beschaltet.

Das generierte Gegentakt-Ausgangssignal wird mittels der beiden OPs (TL072) zu einem Signal zusammengefügt. Zwischen den beiden Emitter der Transistoren befindet sich das Gain-Poti, das die Gegenkopplung kontrolliert und somit die Verstärkung bzw. Verzerrung. Der Bias-Einsteller manipuliert die Basis-Vorspannung der beiden Transistoren, so dass eine zusätzliche Asymmetrie nebst Clipping in das generierte Crunch-Signal (mehr als Crunch geht nicht!) eingeblendet werden kann.

Im Anschluss an das Signal erfolgt dann auch einmal ein Zitat aus der Schaltung des originalen Big Muff: Das Klangregel-Netzwerk mit seinem markanten Mittenloch, geregelt von dem Tone-Poti. Das war es aber auch schon.

Klanglich liefert diese Sektion Überraschendes: Erstaunlich frische und gute Crunch-Sounds, die als „always on“-Lösung für charakterschwache Boards/Amps eine richtig gute Figur abgeben. Auch das Anblasen von Amps und weiteren Zerr-Pedalen ist ein richtig gutes Erlebnis.

DISTORTION

Das Herz des Distortion-Schaltkreises besteht aus zwei TL072-OPs, die hintereinander geschaltet sind. Zwischen diesen beiden OPs befindet sich die Distortion-Szenerie, formal gebildet aus zwei Germanium-Transistoren (NKT275). Diese sind hier aber als Diode beschaltet, die Basis und der Kollektor jedes Transistors sind direkt zusammengeschaltet. So entstehen einige Abweichungen der Kennlinie dieser „double-junction“ gegenüber einer gewöhnlichen „single-junction“- Diode, wobei allerdings auch eine nähere Betrachtung das Verstehen dieser Schaltung erhellt.

Der zweite OP ist zudem mit einem Gain-Bereich von 24dB als Hochpass beschaltet, der mit einer Grenzfrequenz von 720 Hz arbeitet. Sieh mal an – diesen Wert kennen wir z. B. auch vom Ibanez Tube Screamer, ist also eine längst bewährte Grenzfrequenz. Das klangliche Fazit hat nichts mit einem Big-Muff-Sound zu tun. Hier wird vielmehr das Distortion-Klientel bedient, und zwar in einer richtig amtlichen Weise! Satt, singend, röhrend, dynamisch und richtig gut!

Und das „Volts“-Poti, das das Sterben einer Batterie simuliert, fügt dem Pedal einen Hauch von zeitgenössischer Morbidität hinzu, die es auch für Grenzgänger abseits des Mainstreams interessant werden lässt. Das Stacken beider Seiten ist leider ein schwieriges Unterfangen. Hat man beide Sektionen so eingestellt, dass sie für sich alleine passend klingen, ist das Stack-Ergebnis immer zu laut oder zu verzerrt. Ist die Overdrive-Seite jedoch „always on“, findet sich eine Einstellung, in der auch das Hinzufügen des Distortion-Schaltkreises Sinn macht.

PREISE

Auch gegen Ende dieses Artikels ist mir noch nicht klar geworden, warum EHX diesem Pedal den Big-Muff-Stempel aufgedrückt hat. Da es für die tatsächlichen Schaltungen beider Seiten keine historischen Vorläufer gibt, weder aus eigenem noch aus fremdem Haus, wurde die Chance vertan, neue Namen für neue Effekte zu vergeben. Was schade ist. Denn so fliegt das Germanium Big Muff unter dem Radar der meisten Pedal-Maniacs.

Die Kehrseite dessen: Es ist auf dem Gebrauchtmarkt für ein Taschengeld zu haben! Meins hat mich nur um 40 Euro erleichtert, mittlerweile rufen einige Musikhäuser nicht mal 100 Euro als Neupreis auf. Ich mag das Pedal, weil es zwei gute Sounds bereitstellt, die eben nicht von der Stange sind.

(erschienen in Gitarre & Bass 05/2022)

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