Verkehrtrum-Strat

Jimi Hendrix Fender Stratocaster im Test

Normalerweise sind es immer die Linkshänder, die benachteiligt sind, wenn es um ein besonderes Instrument geht – entweder gibt es das dann nicht ab Werk oder man muss monatelang warten und gehörig Aufpreis zahlen. Wahrscheinlich ist Jimi Hendrix deshalb auch mit der umgedrehten Rechtshänder-Gitarre bekanntgeworden.

Jimi Hendrix Fender Stratocaster

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Natürlich gab und gibt es Linkshänder-Gitarren von Fender, doch die haben alle einen Nachteil, wenn sie der Rechtshänder entsprechend umbaut – der Schriftzug stimmt nicht. Und der ist bei der hier vorgestellten Hendrix-Strat der „Eye Catcher“ überhaupt. Er ist so auffällig, dass schon so mancher Leser wissen wollte, ob das Foto in Anzeigen oder unserer Vorschau seitenverkehrt wäre. Nein, der Schriftzug ist bewusst spiegelverkehrt, anders wäre er nicht mit der Optik einer umgebauten Rechtshänder-Gitarre identisch; so haben wir Rechtshänder zumindest vor dem Spiegel die Vision, dass der Schriftzug authentisch ist. Dafür gibt es diese Gitarre dann auch in keiner Linkshänder-Version, nicht traurig sein, ihr konntet ja seit 1954 die Gitarre einfach andersherum umhängen, um das besondere Spielgefühl und die etwas andere Optik zu genießen.

Konstruktion der Jimi Hendrix Fender Stratocaster

Diese Stratocaster (einer ’68er nachempfunden) besitzt einen Erlenkorpus, der Hals besteht aus Ahorn mit aufgeleimtem Ahorngriffbrett. Normalerweise wären die Markierungspunkte an der Griffbrettkante ja unten, zur besseren Orientierung hat man sie auf die Oberseite verlegt. Die Mechaniken stammen von Schaller mit eingestanztem „F“ auf dem Gehäusedeckel. Hals und Griffbrett sind natürlich lackiert, doch gibt es nichts zu meckern, da man die Bünde nicht mitlackiert hat; ein Grund, warum Fender- Instrumente bestimmter Jahrgänge mit Ahorngriffbrettern bzw. „One Piece Maple Neck“ nicht so beliebt waren. Damit auch jeder weiß, dass man eine Hendrix-Strat in den Fingern hat, ist die Halskonterplatte mit einer gravierten Hendrix-Silhouette verschönt.

Jimi Hendrix Fender Stratocaster

Die Elektrik wird an einem dreischichtigen Schlagbrett (der Hendrix Sticker verschwindet mit Abziehen der Schutzfolie) montiert: drei Custom-Shop Lefthand-Singlecoils, Master-Volumen, Ton (Hals), Ton (mittlerer Pickup), die Anwahl der Pickups erfolgt authentisch per Dreiweg-Schalter. Wem das des Guten zu wenig ist, kann den zum Lieferumfang gehörenden Fünfweg-Schalter installieren. Das Vibrato mit den gebogenen Saitenreitern aus Stahlblech ist schwebend justiert und mit drei Federn bestückt (Zusatzfedern liegen bei), der Hebel wird geschraubt.

Auf die beliebte „Bierbauchfräsung“ und die abgeschrägte Armauflage muss man natürlich verzichten, die sind ja auf der falschen Seite. Dafür gibt’s keine überflüssige Bohrung für den Gurtpin am längeren Korpus- horn, was beim Umbau einer Standard-Lefthand nicht zu vermeiden ist. Wie man sieht ein durch und durch ästhetisches Instrument – leider nicht für Linkshänder, oder sollen die es wieder umbauen? Dann hat’s ja nicht mehr den Hendrix-Touch!

Jimi Hendrix Fender Stratocaster in der Praxis

Mancher Leser wird jetzt sicherlich enttäuscht sein, dass obiger Teil so knapp ausfällt, doch ist nicht auch so eine Hendrix-Strat eine Strat? Was doch mehr interessiert ist die Bespielbarkeit und der Sound.

Diese Fender ist nicht unbedingt ein Leichtgewicht wie z. B. ein 60er-Reissue-Modell, doch sie hängt angenehm ausbalanciert am Körper. Wer gerne den beiliegenden Stoffgurt nutzen möchte, muss zuerst die Löcher erweitern, selbst mit schierer Verzweiflung bringt man ihn sonst nicht über die Gurtpins (das nur am Rande).

Die Bespielbarkeit gestaltet sich ausgezeichnet, die Saitenlage ist für den richtigen Hendrix-Imitator wohl ein wenig flach, es könnte bei kräftigem Hinlangen schon mal scheppern. Problematisch wird das Erreichen der hohen Lagen, weil das Cutaway nicht so großzügig ausgeführt ist wie gewohnt. So lässt man Zwirbeln in höchsten Lagen einfach weg oder übt sich halt in Fingerakrobatik. Auch das Anschlagen will geübt sein, irgend etwas ist wohl immer im Weg, oder das Volumenpoti sorgt für Stille bzw. Vollgas, weil man es verstellt hat (dazu später mehr).

Rein akustisch gespielt vermittelt die Gitarre ein äußerst nuanciertes Klangbild mit schneller Ansprache und hervorragender Ausgeglichenheit aller Saiten zueinander; gerade letzteres findet man fast ausschließlich bei sehr guten Akustikgitarren. Solche Klangergebnisse sind natürlich nur mit frischen Saiten zu hören; die mussten auch aufgezogen werden, da hatten wohl schon zu viele Redaktionsmitglieder heimlich vor dem Spiegel geübt und die Saiten waren hin. (Doch es sind keine Ernie Ball sondern welche von Fender, auch wenn Hendrix laut einer EB-Anzeige doch tatsächlich mal Ernies gekauft haben soll.) Die akustischen Leistungen lassen jedenfalls für den Verstärkerbetrieb einiges erwarten.

So ist es denn auch, die Strat liefert im Clean-Betrieb einen präsenten, offenen und gleichzeitig warmen Ton, den man mittels Anschlagstärke und -ort ausgezeichnet formen kann. Sieht man sich die Pickups genauer an, wird die unterschiedliche Höhe der Magnete auffällig; das ist ja nicht außergewöhnlich, unterschiedlich hohe Magnete (staggered pole pieces) haben viele Singlecoils. Hier sind sie aber umgekehrt, so dass die tiefe E-Saite einen niedrigeren, die hohe einen weiter rausstehenden Pol als gewöhnlich hat. Das sorgt in Verbindung mit den heutzutage üblichen dünneren Saiten, die es in den 50er Jahren noch nicht gab, für eine etwas bessere Saitenbalance. Die montierten Pickups sind mit einem Gleichstromwiderstand von unter 6 kOhm äußerst zahm, deshalb ein leichter Hang zur Präsenz. Weiterhin ist die Ausgangsleitung geringer als die eines Standard-Singlecoil von Fender, und es braucht (wie Hendrix es vormachte) diverse Bodentreter, um dem Marshall so richtig eins auf die Glocke zu geben.

Oder einen dieser Super-Duper-HiGain-Monster… Scherz beiseite, nur weil Hendrix draufsteht, muss man ja nicht unbedingt Randy Hansen nachäffen, oder? Ein deftiger Blues tut es schließlich auch.

Es ist allerdings richtig, ein bisserl mehr an Gain schadet dieser Strat nicht, um einen singenden Leadsound zu erzeugen und der kann nicht so leicht matschen, weil die Pickups eben weniger Leistung und Mittenanteile haben, so dass der Attack hörbar bleibt. So lassen sich natürlich wunderbare Blueslicks erleiden äh, erleben.

Und weil er, der Meister, ja wieder in aller Munde ist und überall nette Stories auftauchen, mit brandaktuellen Weisheiten, die bisher noch keiner wußte (er selbst auch nicht), habe ich dann den anderen Werbeträger, den Marshall-Turm (klar, den 1959 SLP) in Betrieb genommen, einiges an Verzerrern angeschlossen (nein, ich besitze keine „Futz Fresse“), WahWah und natürlich eine Marshall Power Brake, um meine letzten Haare vor dem Ausfallen zu retten. Also, alles am Marshall auf Vollanschlag, Power Brake drei Rastungen zurück, Volumen an der Gitarre auf Dreiviertel, Hals-Pickup und „Der Wind schreit Maria“ – klasse, wenn ich nur nicht immer den Volumenregler verstellen würde und der Vibratoarm im Weg wäre.

Egal, WahWah, bisschenn Verzerrer (auf das Slapback-Echo wird verzichtet) und Voodoo Child – am einfachstenlässtt sich das Ganze handhaben, wenn die Gitarre voll aufgedreht ist, irgendwie verhake ich mich doch immer wieder und diese schönen Schwell-Effekte oder Lautstärkeänderungen einer „normalen“ Strat scheinen unmöglich zu sein. Tja, das muss geübt werden, ich konnte das schon mal besser, und gestehe, dass vor vielen Jahren eine umgebaute Lefthand-Strat zum Bestand zählte, die mich im Live-Einsatz immer wieder vor Rätsel stellte. Trotzdem – die verrückte Optik reizt mich noch immer, doch das Handling muss gekonnt sein und hohe Lagen bleiben außen vor.

Resümee

Diese Verkehrtrum-Strat ist eine ungewöhnlich gut klingende Version des Fender-Bestsellers. Dasssaß eine solide Holzkonstruktion zugrundeliegt, zeigen die erstklassigen akustischen Klangeigenschaften, die mit entsprechenden Pickups kombiniert ein rundum stimmiges Instrument ergeben; zumal der Steg-Pickup durch die entgegengesetzte Position weichere Höhen und knackigere Bässe hervorbringt. Zur Handhabung kann man, objektiv betrachtet, nur schreiben: beschwerlich, weil eben ungewohnt. So bleibt denn auch die tolle, weitgehend verstimmungsfreie Funktion des Vibratos außen vor – der Hebel ist halt an der falschen Stelle, außerdem schlackert er, weil die Feder im Vibratoblock à la American Standard fehlt.

Die Hendrix-Strat ist etwas für Gitarristen, die das Außergewöhnliche suchen oder schon immer solch ein verrücktes Instrument haben wollten. Für alle anderen, die das Abenteuer der verkehrten Welt preiswerter erleben wollen und keinen Wert auf den Zusatz Hendrix legen, bleibt z. B. die in Japan gefertigte ’68er Stratocaster in der Lefthand-Version mit Eschenkorpus, Ahornhals mit aufgeleimtem Ahorngriffbrett (neben einer zusätzlich zu bezahlenden, kleineren Modifikation). Zum Schluss noch der Tip für Linkshänder: Wenn ihr der Firma Fender heftig genug auf die Pelle rückt, werden die bestimmt eine entsprechende Version auf den Markt bringen – ansonsten habt ihr die freie Auswahl, Rechtshänder-Modelle gibt es schließlich reichlich, u. a. eine ’69er aus dem Custom-Shop; tolles Teil, allerdings auch schon ohne Umbau teurer als die Hendrix-Strat!

 

Plus

  • Bespielbarkeit (subjektiv)
  • Verarbeitung
  • Sounds
  • Vibrato-Funktion

 

Minus

  • Vibratoarm schlackert

 

 

Übersicht

 

Fabrikat: Fender

Modell: Jimi Hendrix Stratocaster

Herkunftsland: USA

Typ: Solidbody, Lefthand-Modell für Rechtshänder bespielbar gemacht

Mensur: 648 (mm)

Hals: Ahorn mit aufgeleimtem Ahorngriffbrett, 21 Medium-Bünde

Halsform: rundlich

Halsbreite: Sattel: 42,60; XII.

Bund: 52,20 (mm)

Halsdicke: I. Bund: 21,00; V. Bund: 21,40; XII. Bund: 24,00 (mm)

Korpus: Erle

Oberflächen: hochglanzlackiert, Korpus: Olympic White

Tonabnehmer: 3x Custom-Shop Singlecoils (’68 type,

reversed staggered)

Bedienfeld: Dreiweg-Pickupschalter, Mastervolume, 2x Tone

Steg: Vintage-Vibratosystem

Hardware: Chrom/Nickel

Mechaniken: Fender/Schaller

Saitenlage: XII. Bund: E-1st: 1,4; E-6th: 1,5 (mm)

Gewicht: ca. 3,4 (kg)

Fuhrpark: Fender Deluxe Reverb, Super Reverb, Marshall-Tops und Boxen, div. Bodentreter

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