Traditionalist

Ibanez TMB600NT, E-Bass im Test

Mit dem Talman hat Ibanez vor knapp zwei Jahren ein ausgesprochen klassisches Design reanimiert, das einen angenehm bodenständigen Akzent zwischen den hochgezüchteten Edel- und Sport-Bässen der Japaner setzt. Mussten wir uns hierzulande bisher mit der Budget-Variante – dem TMB100 – begnügen, kommt jetzt der erste Talman mit Vollausstatung!

Dieter Stork

Und das Ibanez-typisch zum kleinen Preis. Der TMB600 liegt bei etwa € 560 und bringt dafür eine Menge Features auf den Tisch – Made in Indonesia macht’s möglich. Schon Mitte der 90er stand die Talman-Serie für einen wilden Stilmix aus klassischen Zutaten, die in der Summe ein stimmiges Ganzes ergaben. Und daran hat sich bis heute nur wenig geändert …

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Von allem etwas

Auch der neue Talman bedient sich nämlich verschiedener Design-Facetten der frühen E-Bass- und Gitarren-Geschichte: Der dreiteilige Eschekorpus hat leichte Züge einer Jazzmaster, die Control-Plate trägt starke Strat- und Tele-Gene in sich, Block-Inlays und Hals-Binding kennen wir von 60er-Jahre-Jazz- Bässen und auch die einfache Blech-Winkel-Brücke, das Tortoise- Schlagbrett sowie die offenen Vintage- Stimmmechaniken gehören zu Leo Fenders frühen Kreationen. Erstaunlicherweise kommt Ibanez‘ Retro-Modell trotzdem nicht wie eine Fender-Kopie rüber – der Talman wirkt viel mehr wie ein stimmiger Kult-Bass, den es so schon in den 70er-Jahren hätte geben können. Und wenn man ein bisschen genauer hinschaut, finden sich auch Zugeständnisse an die Moderne: Der zuschaltbare 2-Band-EQ und auch das von Nordstrand designte und in Fernost produzierte P/J-Pickup-Set mit schräg angeordneten Magneten hätte früher so manch einen Bass aufgewertet.

Dieter Stork
Die CND-Pickups bringen nun auch in günstigen Ibanez-Bässen den Nordstrand-Sound.

Der fette, einteilige Ahornhals ist mit einem Palisandergriffbrett versehen und misst gute 41 mm am Sattel – geht damit also stark in Richtung Precision-Bass. Beeindruckend ist sowohl die Qualität der Bundierung als auch die Umsetzung des Creme- Bindings; lediglich an schwer erreichbaren Stellen finden sich minimale Polierfehler. Wie auch der Body, ist die Halsrückseite klarlackiert, die kontraststarken Jahresringe der Esche kommen neben dem feinporigen Ahorn optimal zur Geltung. Seine Preisklasse sieht man dem Talman nur im Detail an: Beispielsweise hätten die Maserungen der Korpusteile stellenweise besser aufeinander abgestimmt werden können – da reden wir jedoch von kleineren Schönheitsfehlern. Überall, wo es wirklich zählt, weiß Ibanez‘ Traditionalist mit Präzision zu punkten, angefangen bei der präzise gefrästen Halstasche, über den sauber gefeilten Kunststoffsattel bis hin zur vorbildlichen Werkseinstellung. Als etwas fummelig kann man das Stacked-Poti für Volume und Pickup-Blend empfinden – hier sollte man sich im Live-Betrieb besser nicht vertun.

Dieter Stork
Klassisch und schick: Block-Inlays & Hals-Binding

Die Bass- und Höhen-Regler sind ebenfalls auf einer Poti-Achse angeordnet, sodass das Bedienfeld etwas an den Look der frühen 60er-Jahre-Jazz-Bässe erinnert. Zugeschaltet wird der 2-Band-EQ mit einem unauffälligen Schiebeschalter; der Treble-Regler arbeitet im Passiv- Modus wie eine traditionelle Höhenblende.

Vintage ist erst der Anfang

Am Gurt macht der Talman seinem Namen alle Ehre. Der 4,4-kg-Brocken, hängt bombenfest und pendelt sich trotz des relativ kurzen Korpushorns in einer optimalen Spielposition ein. Das fleischige C-Profil des Halses hat mit der Ibanez-Sport-Bass-Verwandtschaft nichts zu tun – hier darf man fest und engagiert zupacken! Dank der asymmetrischen Korpusform lassen sich auch die obersten Lagen problemlos erreichen, wobei es sicher einladendere Hälse für filigranes Gefiedel gibt. Akustisch fällt der Talman mit seinem gutmütigen Vintage-Charakter auf: Warm und resonant purzeln hier die Töne aus dem Griffbrett – man kann diesem Indonesier tatsächlich eine gute Portion Oldschool-Thumb attestieren. Sustain und Attack setzen hier vielleicht keine neuen Maßstäbe, bewegen sich jedoch auch nicht unter dem Durchschnitt.

Dieter Stork
Die Control-Plate ist ein wilder Mix aus Tele- und Strat-Design.

Dieser Bass klingt definitiv gesund. Am Verstärker hält das Nordstrand-P/JSet das Best-of-both-worlds-Versprechen: Fette, bauchige Preci-Sounds am Hals, knorriger Jaco-Vibe am Steg und trocken funkige Töne in der Mittelposition. Aber halt! Nordstrand wären ja nicht Nordstrand, wenn sich die Tonabnehmer nicht etwas vom Mainstream abheben würden. Und das tun sie: Durch die schräge Anordnung der Magnete verbreitert sich das Magnetfeld, wodurch der Sound untenrum etwas fetter und in den Höhen einen Tick weicher und seidiger wird. Vergleicht man beispielsweise den P-Tonab nehmer mit dem eines klassischen Preci, kommt der Talman weniger hart und knochig rüber. Zwar wirken Sixties-Tic-Tac-Linien mit Flatwound-Saiten dadurch ein bisschen weniger authentisch, moderne Funk- und Slap-Sounds profitieren jedoch von dem geschmeidigeren Ton. Der Steg- Singlecoil klingt im Vergleich zu seiner Vintage-Verwandtschaft muskulöser und kaum weniger nörgelig, ein dezentes Brummen muss man jedoch auch hier bauartbedingt in Kauf nehmen. Sobald der EQ zugeschaltet wird, macht sich ein drastischer Höhen-Boost bemerkbar – selbst mit allen Klangreglern in Neutral- Position. Für natürlichere Obertöne muss man im Aktiv-Modus am Treble-Regler schon deutlich dämpfen, was wiederum die Reserven im Cut-Bereich merklich einschränkt.

Dieter Stork

Schade eigentlich, denn die grundsätzliche Arbeitsweise des EQs ist durchaus gelungen: Die beiden Kuhschwanz- Filter erfassen einen breiten Bereich, der im Tiefbass den Ton schön aufbläst und beim Höhen-Band bis in die aggressiven Hochmitten hinabreicht. Gerade mit Boost-Einstellungen lässt sich der eher traditionelle Ton des Ibanez’ gehörig modernisieren, sodass auch die entlegensten Genre-Nischen erschlossen werden können.


Nordstrand CND Pickups

Dem ein oder anderen wird es schon aufgefallen sein: Ibanez verwendet seit ein paar Jahren auch Nordstrand-Pickups. Bei den teureren Bässen findet man vor allem die beliebten Big-Single-Tonabnehmer der US-Firma – XXL-Singlecoils in Soapbar-Gehäusen mit etlichen extra-Wicklungen und den Nordstrand-typisch schräg angeordneten Magneten. In den günstigeren Ibanez-Linien kommen nun die noch relativ neuen CND-Pickups (CND = Carey Nordstrand Designed) zum Einsatz, die von Firmen-Chef Carey Nordstrand in den USA entwickelt und von Ibanez in FernOst produziert werden. Die Kooperation der beiden Firmen kam für Carey nur unter drei Bedingungen in Frage: 1. Er wollte die Pickups alleine in seiner USA-Werkstatt designen, wickeln und testen. 2. Die Pickup-Prototypen sollten aus exakt den Materialien gebaut werden, die Ibanez später bei der Fernost-Produktion zur Verfügung stehen würden. 3. Die Pickups sollten von Carey in den Bässen getestet werden, in denen sie später auch serienmäßig verbaut werden würden. Ibanez ging auf alle Forderungen ein und stattete Nordstrand mit den nötigen Magneten, Drähten, Spulenkörpern und Gehäusen sowie mit einigen Testbässen aus. Das Resultat der fruchtbaren Kooperation kann man mittlerweile in vielen Ibanez-Bässen hören, die wie unser Talman zwischen etwa € 500 und € 800 liegen.


Alternativen

Konkurrenz bekommt der Talman aus ganz unterschiedlichen Richtungen: Zum einen wäre da der zweite Vintage-inspirierte Bass aus eigenem Hause – der ATK810 (ca. € 839). Hier werden Stilelemente von Stingray und Jazz Bass zusammengeführt, wobei das 90er-Jahre- Kult-Design weit davon entfernt ist, seine Vorbilder plump zu kopieren. Soll es ein Bass mit Vintage-Feel und einer etwas größeren Soundauswahl sein, kommt man an G&Ls Tribute L-2000 (ca. € 650) nicht vorbei. Leo Fenders letztes großes Bass-Projekt ist seit Jahrzehnten ein beliebter Klassiker, der in der preiswerten Tribute-Serie auch noch für erstaunlich kleines Geld zu haben ist. In Sachen Optik kommt Fenders Jaguar Bass (€ 699) dem Talman am nächsten. Dank ähnlicher Pickup-Bestückung und Hölzer liegt hier auch klanglich eine gewisse Verwandtschaft nahe.

Resümee

Der neue Talman ist ein Bass mit viel Herz – ein kultiges Charaktertier, das es so schon in den 70ern hätte geben können. Das stimmige Vintage-Konzept bringt einen nicht weniger stimmigen Allround- Sound mit sich, dessen Oldschool-Charme man sich nur schwer entziehen kann. Mit seiner warmen Tonbasis ist der TMB600 stilistisch in fast allen Fahrwassern zu Hause, für ein letztes Feintuning hat man ja außerdem den EQ. Wenn Ibanez es jetzt noch schafft, kleinere Schwächen wie die Abstimmung der EQ-Neutralstellung in den Griff zu bekommen, haben wir es hier mit einem echten Preis-Leistungs- Hit zu tun.

Plus

  • Verarbeitung
  • warmer Allround-Sound
  • Spielbarkeit
  • Tonabnehmer
  • Vintage-Style
  • Preis-Leistung

Minus

  • EQ-Neutralstellung

Aus Gitarre & Bass 04/2017

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