Geizhals

Harley Benton XT-22 Paradise Flame im Test

Die Zeiten für Einsteiger sind überaus rosig! Gibt man „Harley Benton“ in die Suchmaschine ein, findet man neben dem Familienstammbaum eines gewissen Harley Benton Redman (1882-1974) ausschließlich Thomann-Produkte. Auf welchem Fertigungsniveau eine Gitarre für € 229 heutzutage rangieren kann, erfahren wir hier.

(Bild: Dieter Stork)

Zutaten

Das Gibson-LP-Doublecut-Design der XT- 22 findet man in identischer oder leicht abgewandelter Form auch bei Hamer, PRS und unzähligen weiteren Groß- und Kleinherstellern. Der insgesamt 46 mm dicke zweiteilige Mahagoni-Body trägt eine eingefasste, plane Ahorndecke mit dünnem AAAA-Riegelahornfurnier, dessen spezielle Farbgebung den Kontrast der Holzmaserung erhöht. Auf der Rückseite bietet eine weit ausladende Ergofräsung erhöhten Tragekomfort. Im großzügig geschnittenen, präzise Oberkante bündig abgedeckten und per leitendem Graphitlack bzw. Alufolie abgeschirmten E-Fach trifft man auf Minipotis und einen Dreiweg-Budget-Schalter. Ein Blech trägt die zargenseitige Klinkenbuchse, Vintage-style Knöpfe nehmen den Gurt auf

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Griffige Reglerknöpfe (Bild: Dieter Stork)

Wie bei diesem Gitarrentyp üblich, ragt das Palisandergriffbrett gerade mal mit einem einzigen Bund in den Korpus, soll heißen: Spielfreiheit bis (fast) in die höchsten Lagen. Um dem verleimten, nach hinten geneigten Hals dennoch Stabilität zu verleihen, füllt dessen Fuß die komplette Fräsung des Hals-Pickups aus (Long Neck Tenon). Der Hals selbst setzt sich aus drei Mahagonistreifen und der in Höhe der Bünde 2 und 3 großflächig angeschäfteten Kopfplatte zusammen. So spart man Materialkosten. 22 rund abgerichtete, polierte Medium-Jumbo-Bünde verteilen sich auf dem eingefassten Griffbrett, dessen Lagen Mini-Block-Inlays und Sidedots markieren. Deutlich spürbare scharfe Kanten an den Enden der Bunddrähte schmälern ein wenig den positiven Eindruck. Den Kunststoffsattel, auf dessen Rückseite ein Kragen den Übergang zur Kopfplatte stabilisiert, hat man optimal aus- und abgerichtet. Grover Mini Rotomatic Tuner gestatten präzises und geschmeidiges Stimmen. Korpusseitig führen bzw. halten eine Tune-o-matic-Bridge und ein Stoptail die Saiten. Mit Alnico-5-Magneten bestückte koreanische Roswell LAF Humbucker wandeln die Saitenschwingungen. Kontrolliert werden sie per Master-Volume, Master-Tone und Dreiweg-Blade-Schalter.

Schlanker Fuß (Bild: Dieter Stork)

Fühlen & hören

Da der obere Gurtpin auf die Spitze des Cutaway-Horns geschraubt wurde, zeigt die XT-22 sowohl am Gurt als auch auf dem Bein Ausgewogenheit. Zudem bietet die rückseitige Schräge angenehmen Körperkontakt. Die Vintage-erprobte Greifhand würde das Halsprofil eher als spät-1960er Gibson einordnen, höchst komfortabel aber eben doch wenig Fleisch. Sowohl der Schalter als auch die Potis mit ihren hälftig gerändelten verschraubten Reglerknöpfen lassen sich butterweich bewegen. Mit Ausnahme der scharfen Bundgrate und einiger rauer Stellen auf den Bundkronen lässt sich die Gitarre komfortabel handhaben.

Grover-Tuner und Halskragen (Bild: Dieter Stork)

Fürs Ohr liefert die Harley Benton einen kraftvollen, drahtigen Ton und ein ausgewogenes, warmes, obertonreiches, klar zeichnendes Klangbild mit achtbarem Sustain. Die Roswell LAF Humbucker zeigen klanglich und leistungsmäßig eindeutige PAF-Züge, lassen im – wenn auch unfairen – Vergleich mit 4-5 Mal teureren Boutique-Pendants oder etwa alten Originalen den letzten Kick an Spritzigkeit, Offenheit und Dynamik vermissen – aber auch wirklich nur den letzten Kick. Gleichwohl liefern sie schmatzende, warm perlende, singende Clean- (Hals-PU), durchsetzungsstarke Blues-, Rock- und Lead- (Steg) sowie glockenklare Rhythmus-/Arpeggio- Sounds (Hals+Steg). Die Roswells unterstützen ausdrucksstarkes Spiel und Tonbildung und folgen auch bestens der Regelcharakteristik der Potis. By the way, sie sind übrigens auch separat erhältlich (wscmusic.com).

Resümee

Es erstaunt immer wieder, wie man eine Gitarre wie die Harley Benton XT-22 zu einem derartigen Dumpingpreis anbieten kann. Wie geht das, und was bleibt unterm Strich den Erzeugern? Nutznießer ist am Ende der Käufer, der – gemessen am Preis – ein wirklich beachtliches Instrument bekommt, von dem man vor 30 Jahren nur träumen konnte. Von den Bundkanten und einigen Bundkronen abgesehen wurde die XT-22 tadellos verarbeitet, bietet was fürs Auge, lässt sich prima spielen und liefert ordentliche Clean-, Blues- und Rock-Sounds.

Plus

  • Sounds
  • Resonanzeigenschaften
  • Qualität Hardware & Pickups
  • Verarbeitung
  • Handhabung
  • Preis/Leistung

Minus

  • scharfe Bundkanten

Aus Gitarre & Bass 04/2017

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Ich habe seit ein paar Wochen eine, allerdings in Black Cherry Flame. Ich kann Ihren Test nur bestätigen, allerdings habe ich das Problem mit den scharfen Bundkanten nicht.
    Sie Könnten zwar noch einen Tick besser abgerichtet sein, aber scharf empfinde ich anders.
    Da habe ich schon ganz andere Dinger, zum Teil auch von namhaften Herstellern in der Hand gehabt

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