G&B Testbericht

GuitarSystems Fuzz Tool Junior & Treble Tool Junior im Test

Fußeffekte Treble Tool Junior und Fuzz Tool Junior von GuitarSystems in grün und schwarz
Dieter Stork

Hinter der niederländischen Firma Guitar Systems steckt Paul Lenders, dessen Name schon mal in einem Atemzug mit Bob Bradshaw und Pete Cornish genannt wird, wenn es um die Konstruktion professioneller Rack-Systeme und Pedalboards geht. Paul baut also jetzt auch Effektgeräte? Das verspricht interessant zu werden!

 

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Seit 2005 unterstützt ihn der Gitarrist und Ingenieur Ad van Dongen bei der Entwicklung von Gitarren-Effektpedalen. Im Programm befinden sich Interpretationen dreier bekannter Effekt-Dinosaurier: ein Dallas Arbiter Fuzz Face, ein Dallas Rangemaster Treble Booster und ein Tonebender MK II. Pauls Versionen der beiden Ersteren liegen in der neuen, günstigeren Junior-Variante jetzt zum Test vor. Grundsätzlich geht es Paul und Ad weniger um das authentische Kopieren, sondern durchaus auch um die Behebung bekannter Mängel bei Beibehaltung der klassischen Sounds. Da sind wir doch gespannt, wo die Niederländer in den alten Schaltungen noch Potential gefunden haben.

Konstruktion der GuitarSystems Fuzz Tool Junior & Treble Tool Junio

Beide Geräte verwenden das im Boutique-Bereich mittlerweile übliche Aludruckgussgehäuse. Die Qualität der Pulverbeschichtung und das Design sind nicht spektakulär aber sehr ordentlich. Auffallend ist dagegen der Fußschalter, „PaulSwitch“ genannt. Der sonst übliche 3PDT-Schalter für den True Bypass bekam eine aufwendige Umhüllung, die ihn noch Road-tauglicher machen soll. Mit breiterer Druckfläche, einem umlaufenden Aluring und einer Gummidichtung soll der Schalter besser gegen schwere Stiefelattacken oder gar Bierduschen gewappnet sein. Mir ist zwar noch nie ein normaler (Heavy Duty) Schalter im Einsatz kaputt gegangen, aber warum nicht? Das Schaltgefühl ist nach wie vor angenehm: weich aber gleichzeitig deutlich bemerkbar.

Ein weiteres auffallendes Merkmal ist, dass beiden Geräten ein zusätzliches mit T.M.F. beschriftetes Poti spendiert wurde. Was die Bezeichnung T.M.F. nun bedeuten soll, enträtselt auch die mitgelieferte Bedienungsanleitung nicht. Vor allem regelt man damit wohl den Bassanteil der Effekte. Das Fuzz verfügt darüber hinaus über die traditionelle Gain- und Lautstärkeregelung. Der Treble Booster hat noch eine Höhenblende und einen Lautstärkepoti. Die Potis sind natürlich wie auch die geschlossenen Klinken- und Strombuchsen von sehr guter Qualität. Dieser positive Eindruck setzt sich auch beim Blick in das Geräteinnere fort. Die Verarbeitung ist sehr sorgfältig.

Besonders interessant fand ich, dass das jeweilige Herzstück beider Schaltungen, NOS (New Old Stock) Germanium Transistoren, nicht direkt auf der Platine verlötet, sondern lediglich in fest zupackende Sockel gesteckt wurden. Das hat seinen Grund in der Selektion dieser sensiblen Bauteile. Germanium Transistoren sind ja nicht ganz unproblematisch. Sie unterliegen einer sehr großen Exemplarstreuung im Bereich der Verstärkerleistung (hfe) und des Leckstroms. (Technische Details dazu in G&B 09/2009 S. 224, 04/2002 S. 160-164 und natürlich in der Kolumne „Effektiv!“ von Bernd C. Meiser: G&B 01-03/2002). Hervorragende Klang-Ergebnisse bekommt man bei Germanium nur durch Testen der Transistoren – am besten natürlich mit dem Ohr und nicht nur mit dem Messgerät. Dies gilt umso mehr, da Germaniumtransistoren seit 40 Jahren nicht mehr produziert werden und nur noch aus alten Lagerbeständen (NOS) zu bekommen sind. Angesichts der langen Zeitspanne sind die Preise für Germanium Transistoren im gleichen Maß gestiegen, wie die guten Qualitäten rarer geworden sind. Ausprobieren und eventuell Austauschen wird somit zur Pflicht.

GuitarSystems Fuzz Tool Junior & Treble Tool Junio in der Praxis

Vorlage für das Fuzz Tool war das 1966 entwickelte Dallas Arbiter Fuzz Face, das bis 1969 mit Germanium Transistoren und danach mit Silizium-Transistoren ausgeliefert wurde. Auch wenn beide Varianten den Fuzz-typischen obertonreichen, kratzigen, fast „sägenden“ Klang boten, war der Charakter der beiden Varianten doch deutlich verschieden: Die Germanium-Variante gilt als sanft und bluesig, die Silizium-Variante als harscher und rockiger. Sicherlich haben beide Sounds ihre Berechtigung. Und so dachten sich Paul und Ad wohl, warum nicht die beiden Transistortypen kombinieren und die jeweiligen Vorteile nutzen: die weichere Germanium-Übersteuerung einerseits, den höheren Gain und die geringere Temperaturempfindlichkeit des Silizium-Transistors andererseits.

Obwohl die Mischbestückung den Germanium-Klang erhalten soll, tendiert das Fuzz-Tool im Vergleich zu den Fuzz-Faces aus meiner Sammlung eher in die Silizium-Richtung. Es ist deutlich höhenreicher als ein reines Germanium Fuzz-Face, aber nicht ganz so spitz wie das Silizium Fuzz. Insgesamt empfand ich den Sound angenehm frisch und keinesfalls zu harsch. Wem die Höhen zu dominant sind, dem sei der Einsatz des Gitarren-Tonpotis empfohlen. Der T.M.F. regelt über den Bassanteil Definition und Druck des Pedals und ist eine echte Bereicherung. Der Grund-Sound des Gerätes ist bei Linksanschlag klar definiert und nähert sich bereits einem Distortion-Klang an. Dreht man den T.M.F. auf, wird der Sound immer mächtiger aber auch schwammiger. Den fettesten Fuzz-Sound gibt es dann mit vollem T.M.F, Hals-Pickup und zugedrehtem Gitarren-Tonpoti.

Während die potentielle Lautstärkeanhebung des Fuzz-Tools beeindruckt, ist das maximale Gain gar nicht mal so hoch. Dadurch bleibt das Pedal in allen Einstellungen kontrollierbar und dynamisch und zeigt natürlich auch den Clean-Up-Effect, für den bereits die alten Originale beliebt waren: Mit dem Volume-Poti der Gitarre kann man den Verzerrungsgrad von fast clean bis zur vollen „Satisfaction“ bestimmen (obwohl der Stones-Klassiker ja über ein Maestro Fuzz eingespielt wurde). Je nach Einstellung und Gitarre bedient das Pedal eine breite Palette an Retro-Sounds. Das Spektrum reicht durchaus von Hendrix (Strat) bis zu den alten ZZ Top (Les Paul).

Das Fuzz Tool ist im Gegensatz zu fast allen heutigen Effektgeräten ein Positive-Ground-Gerät. Das heißt, in Kombination mit anderen Effekten benötigt es ein eigenes (Standard-) Netzteil.

Das Treble Tool basiert auf dem Dallas Rangemaster, der 1965 entwickelt wurde, um einen „klassischen“, d. h. einkanaligen Röhrenverstärker ohne Master-Volume stärker zum Verzerren zu bringen. Treble Booster gehörten in den 60ern quasi zum guten Ton von Legenden wie z. B. Eric Clapton, Ritchie Blackmore, Brian May oder Tony Iommi. Insbesondere in Verbindung mit Strat und Marshall war das eine feste Größe und lieferte „den“ Rock-Sound.

So habe ich dann auch getestet (Marshall 2203) und war begeistert! Diese Klarheit und Durchsetzungsfähigkeit der Verzerrung – das hat schon was! Solch einen Punch erreicht keiner meiner „modernen“ Amps. Der Booster liefert 37 dB Verstärkung, das genügt, den clean eingestellten Marshall zum crunchen zu bringen. Vor dem verzerrten Amp reicht es dann locker zum Hi-Gain. Was Treble Booster in dieser Kombination leisten können, war mir zwar bereits bekannt, ich gestehe aber gerne, dass mein Silizium Treble Booster (im Stil des Brian May Boosters) mich vor dem Marshall weniger überzeugte, als das weicher klingende Germanium Treble-Tool. Vor einem Fender (HR Deluxe) war der Unterschied weniger signifikant.

Natürlich funktioniert das Treble Tool auch mit Humbuckern. Dank der doppelten Klangregelung durch Ton und T.M.F. besser als andere Treble Booster. Dennoch sind die Ergebnisse weniger spektakulär. Der Aha- Effekt nimmt umso mehr ab, je „heißer“ die Tonabnehmer werden. Ebenso verliert der Treble Booster seinen Sinn, je mehr Gain ein Verstärker bietet. Nicht umsonst sind die kleinen Kisten mit Einführung des Master-Volumes an den Verstärkern von den Bühnen verschwunden. Aber vielleicht erleben sie jetzt ihren zweiten Frühling durch die Popularität der kleinen einkanaligen Verstärker. Ausprobieren sei hier dringend empfohlen!

Resümee

Zweifelsohne sind Treble Booster und Fuzz heute eher Nischenprodukte für Puristen und Vintage- Fans. Aber in diese Nische bringt Paul Lenders mit seinen Sound-Tools Bewegung. Die Pedale heben sich durch sinnvolle Bereicherungen von der Vielzahl der exakten Nachbauten ab. Neben „modernen“ Standards wie True Bypass oder Schutzdioden ist v.a. die T.M.F.-Regelung der Beleg, dass die Niederländer Verbesserungs-Potential gefunden haben. Die Pedale liefern klass(isch)e Sounds in bester Verarbeitungsqualität. Der Preis der Geräte ist auf dem üblichen Boutique-Niveau und geht auch im Hinblick auf die notwendige und gelungene Selektion der Bauteile in Ordnung.

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