Guitar Guru: Hohner & Defil

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Hast du Fragen zum Thema „alte und/oder merkwürdige Gitarren“? Wir beantworten sie auf dieser Seite. Monat für Monat. Diesmal geht es um eine Höfner-Gitarre und Reste von zwei polnischen Defil-Gitarren.

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Ich versuche schon seit zwei Monaten vergeblich, das Baujahr meiner Höfner, die ich vor kurzem in einem kleinen Laden entdeckt und erstanden habe, herauszufinden. Die einschlägigen Archive habe ich lange durchsucht. Es gibt keinen Aufkleber im F-Loch und auch sonst keine Typenbezeichnung auf dem Hals. Auch der Tonabnehmer ist mir ein Rätsel, so einen habe ich noch nie gesehen. Sind das Akustik-Öffnungen in dem Pickup? Interessant ist vielleicht, dass oben auf dem Hals-Abschluss „Made in Germany“ steht, und unten am Steghalter „Made in West Germany“. Wäre für mich ein Hinweis, dass sie ungefähr während der endgültigen Trennung der DDR und der BRD gefertigt wurde. Sie spielt sich schön und klingt unglaublich.

Paul

Deine Gitarre ist eine Höfner 450 aus den frühen bis mittleren 1970er-Jahren. Wahrscheinlich nach 1973, denn damals setzte sich die Kennzeichnung „Made in West Germany“ allmählich durch, nachdem die BRD es der DDR gerichtlich nicht verbieten konnte, „Made in Germany“ auf ihren Produkten zu führen. Zudem erkennt man die Zeit an dem Metall-Sattel, der ganz typisch für die späten 1960er- und 1970er-Jahre war, und den auch Framus auf vielen Gitarren verwendete. Der war einfach günstig und schnell installierbar, selbst für ungelernte Arbeiter. Die 450 war immer das „Brot und Butter“-Modell von Höfner und wurde wohl am längsten von allen Modellen hergestellt – es handelt sich um die einfachste Höfner-Archtop-Variante, wobei die Features über die Jahre variierten. Der Pickup wurde sicherlich nachträglich installiert. Man sieht ja am Schlagbrett, dass die Aussparung dafür eher nicht professionell gemacht wurde, das Pickguard aber eine weitere Aussparung für den eigentlich wohl mal installierten Pickup am Hals hat. Der Tonabnehmer auf der Gitarre ist von Fuma/Ideal, einem Berliner Pickup-Hersteller, der neben Schaller viele deutsche Gitarrenbauer ausrüstete. Der Pickup ist aber von 1960- 1962, also um die zehn Jahre oder noch mehr älter als die Gitarre selbst. Ebenso sind die Chickenhead-Potiknöpfe nicht original, allerdings kann ich nicht sagen, ob die Potis selbst original auf der Gitarre sind oder nicht. Im gezeigten Zustand ist das zwar kein Sammler-Modell, dürfte aber locker und schnell verkaufbar sein – bei einem Verkauf würde ich um die 400-500 Euro verlangen.

Guitar Guru

Nachdem ich jetzt seit der zweiten Ausgabe eurer Zeitschrift dabei bin, habe ich nun nach Jahrzehnten auch mal eine Frage: Ich musste ein Lager räumen und dabei fielen mir diese Korpusse, Hälse und Pickguards wieder in die Hände, die ich wohl mal vor einer Ewigkeit für ein Projekt gekauft hatte. Wahrscheinlich auf eBay. Da das Projekt aber nichts geworden ist, möchte ich die Teile nun veräußern. Ich hätte allerdings gerne noch ein paar Infos dazu.

Andreas

Bei den von dir auf den Fotos gezeigten Teilen handelt es sich um die Überreste zweier Defil „Kosmos“ Gitarren. Die Firma Defil – der Name steht für „Dolnośląska Fabryka Instrumentów Lutniczych“ – war in der kommunistischen Zeit in Polen der einzige offizielle Hersteller von Gitarren (Defil existierte aber bereits seit 1896). Defil produzierte von den 1960er- bis 1980er-Jahren zahlreiche Gitarrenmodelle, die sich teilweise an den Vorbildern aus den USA orientierten, teilweise auch nicht.

Bei der Kosmos handelt es sich um eine in den 1980er-Jahren hergestellte Kopie der berühmten Gibson Moderne. Die Gitarren hatten einen Erle-Korpus und AhornHals mit Palisander-Griffbrett. Wie bei eigentlich allen E-Gitarren von Defil ist die Verarbeitung etwas rustikal und die verbaute Hardware qualitativ nur eingeschränkt brauchbar. Frühe Modelle hatten auch nur Singlecoils, spätere dann auch Humbucker als Tonabnehmer – das erklärt die unterschiedlichen Öffnungen bei deinen Pickguards.

Nach meinen Recherchen war die Gitarre die beliebteste überhaupt unter polnischen Metal-Bands in den 1980er-Jahren. Leider ist die Marke Defil heute so gut wie in Vergessenheit geraten und es gibt keinerlei „Hype“ um sie. Deshalb dürfte man für das Teile-Paket keine exorbitanten Summen bekommen – vielleicht so um die 100 Euro für alles? Schwer zu sagen, manchmal drehen die eBay-Bieter ja regelrecht durch.

Guitar Guru

(erschienen in Gitarre & Bass 09/2021)

Produkt: Gitarre & Bass 9/2023
Gitarre & Bass 9/2023
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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Ja,richtig,was soll man mit diesen diversen Bauteilresten eigentlich wirklich noch anfangen? Abgesehen davon,daß „Defil“ Gitarren aus der kommunistischen Ära in Polen bis dato gar keinen Hype besitzen,und obendrein auch noch sehr schlechte Hardware und sehr billige Hölzer verwendeten,würde ich persönlich als Ebay Bieter nicht in Erscheinung treten und darum lieber sofort „abdrehen“,-anstatt „durchzudrehen“,weil es sich bei dieser unbedeutenden Gitarrenmarke aus Polen wohl heute kaum noch lohnt eine rustikale „Defil Kosmos“ Gitarre,bzw. das,was derzeit noch davon in Teilen übrig ist,mit Akribie evtl. wieder herzurichten.Es gibt leider Gitarren,die bleiben aus guten Gründen zu Recht unbeachtet,und werden faktisch deshalb auch zukünftig niemals einen „Hype Status“ erlangen können! Klingt vielleicht etwas harsch,-ist aber eben die nackte Wahrheit! Aber sehr gut,daß es den Guitar Guru gibt,der uns stets mit seinen Recherchen interessante Details und informative Antworten zukommen läßt! Ich würde es daher als G&B Leser sehr begrüßen,wenn die kultige Guitar Guru Rubrik in Zukunft erweitert werden könnte! Im Voraus vielen lieben Dank.

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  2. Ich habe mittlerweile 2 Defils in meinem Bestand:
    Eine Julia2 und eine Jazz (eher früheres Model). Habe für beide aus Unwissenheit viel zu viel bezahlt, naja Lehrgeld nennt man das ja wohl.
    Die Julia2 musste komplett neu bundiert werden und die Elektronik war in üblem Zustand. Die Bundausfräsungen waren so breit, dass mein Gitarrenbauer da ziemlich tricksen musste dass das wieder Was wurde.
    Der hals ist bei beiden Gitarren ein riesiges D-Profil, hatte ich bisher noch nie in den Händen, ist auch nicht sehr Spielerfreundlich.
    Die Julia2 hatt ein tolles Aussehen, das war eigentlich der Hauptgrund warum ich die wollte.
    Fazit:
    Wenn Jemand mit einem Kauf einer DEFIL liebäugelt, Das Teil ist kaum spielbar und in restauriertem Zustand wohl auch höchstens 150.- Euro wert, unrestauriert hat sie höchstens Bastlerwer (20.- bis 50.- Euro.)
    Ich wurde indirekt übers Ohr gehauen mit Sprüchen wie “Technik ist geprüft, läuft einwandfrei”, da möchte ich mit diesem Post vermeiden, das weitere gutgläubige Enthusiasten auf eine DEFIL reinfallen.

    Grüsse aus der Schweiz

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