In der Sonne geboren

Formentera Guitars Toro XL im Test

Gerade jetzt in der kalt-schäbbigen Jahreszeit, erwächst in dem ein oder anderen sicher der Wunsch nach wärmeren Gefilden. Formentera z. B., die kleine Inselschwester Ibizas, hat das ganze Jahr über deutlich mehr Grade auf dem Thermometer zu bieten als Norddeutschland.

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(Bild: Dieter Stork)

Und in Formentera existiert seit vielen Jahren – die Leser von Gitarre & Bass wissen es längst – Ekki Hoffmans Gitarrenbauschule Formentera Guitars, in der die Teilnehmer in ca. dreiwö- chigen Ferienkursen von Grund auf lernen, eine eigene E-Gitarre oder einen E-Bass zu bauen. In seiner knapp bemessenen Freizeit widmet sich Ekki selbst dem Gitarrenbau, wie dieses Modell hier eindrucksvoll zeigt.

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Konstruktion

Die Toro ist Hoffmanns eigenes Design. Unschwer zu erkennen, dass die äußere Form von PRS beeinflusst ist. Ein Blick auf die Details offenbart dann die eigenen balearischen Qualitäten und Besonderheiten. Z. B. ist die Wahl der Hölzer durchaus ungewöhnlich: Der Korpus besteht aus amerikanischer, leicht gewölkter Kirsche, die mit einer massiven Decke aus spektakulär aussehendem Riegelahorn „bookmatched“ beleimt ist. Um das Gewicht in Grenzen zu halten, bekam der Kirsche-Body zwei Hohlkammern. Der recht kräftig profilierte Hals ist genauso aus Riegelahorn gefertigt wie das Griffbrett-Binding, für das Griffbrett selbst wurde perfekt ebenmäßiges Grenadill ausgewählt, ein Holz, das im Englischen African Blackwood heißt und zur großen Palisander-Familie gehört.

Verschlossene, hervorragend arbeitende Kluson-Mechaniken sitzen auf der leicht nach hinten gewinkelten Kopfplatte, am anderen Ende werden die Saiten in einer Tune-o-matic/Stop-Tailpiece-Konstruktion verankert. Die Brücke stammt von L.R. Baggs und ist mit einem Piezo-Abnahme-System ausgestattet, dessen Klangregelung am Shadow-Preamp im E-Fach voreingestellt wird. Auf der Decke befindet sich neben Master-Volume und Master-Tone nur noch ein Balance-Regler, der das Verhältnis zwischen Magnet- und Piezo-Pickups regelt. Die magnetischen Pickups stammen natürlich aus eigener Fertigung – ein P90 am Hals, ein Vintage-mäßig abgestimmter Humbucker am Steg.

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Sieht wie Bleigießen aus, ist aber die Silhouette von Formetera: Das Logo von Formentera Guitars (Bild: Dieter Stork)

Der P90 verfügt zudem über eine sogenannte Step-Up-Wicklung, also einige zusätzliche Wick lungen, die per Push/Pull-Tone-Poti für mehr Leistung sorgen sollen. Alle drei Potis sowie der Dreiwegschalter sind elegant und gekonnt ins Deckenholz eingelassen, das, wie alle anderen Oberflächen der Toro XL, nicht lackiert, sondern geölt und gewachst ist – eine Spezialität von Formentera Guitars. Haptik-affine Gitarristen werden an dieser Gitarre jedenfalls ihre helle Freude haben, denn die samtigen Oberflächen und die konturierte, gewölbte Decke bieten gute Gründe, das Instrument auch per Hand zu erkunden. Aber wie unterscheiden sich eigentlich die Toro und die Toro XL voneinander?

Lassen wir dazu Ekki Hoffmann zu Wort kommen: „Die Idee, das seit mittlerweile 18 Jahren bewährte Toro-Design zu überarbeiten, wuchs aus der Erfahrung, dass routinierte Gitarristen sehr an die exakte Position der Gitarre vor ihrem Körper gewöhnt sind. Da die bekannte Toro hinter dem Steg weniger Abstand zum Gurtpin hat als z. B. eine Gibson Les Paul, PRS Custom oder Fender Strat, hängt diese Gitarre etwas weiter nach rechts. Dies kann ungewohnt sein und bei etwas breiter gebauten Gitarristen den Zugriff auf hohe Lagen erschweren. Die neue Toro XL hält sich da eher an die Standard-Bemaßung und sieht auch bei körperlich großen Gitarristen von den Proportionen her nun ausgewogener aus … und eben nicht mehr wie eine Mandoline!“

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Auf dem Kirschholz sitzt eine dicke, gewölbte Ahorndecke, gesperrt von einer dünnen Schicht dunkleren Holzes. (Bild: Dieter Stork)

Praxis

Aber – auch die neue Toro XL ist alles andere als unhandlich. Vielmehr sitzt sie perfekt am Körper, sowohl im Sitzen als auch im Stehen. Das Halsprofil ist recht satt und rundlich ausgefallen. Zwar ist das Griffbrett weder ungewöhnlich breit noch der Hals ungewöhnlich dick (siehe die Maße „Übersicht“), aber die sehr rundlich ausgeprägten Schultern bieten der Greifhand jede Menge Fleisch, laut Hoffmann essentiell wichtig für einen guten Basis-Ton der Gitarre. Doch auch dank der kürzeren Gibson-Mensur und seiner Ahorn-Einfassung lässt sich dieser Hals sehr geschmeidig spielen.

Und dazu gehört auch die perfekte Abrichtung der Bünde und des Sattels, sodass eine prima Saitenlage ohne Scharren gewährleistet ist. Nach dem ersten ausgiebigen Probespielen ist auf jeden Fall eins klar: Diese Toro XL bietet haufenweise klasse Sounds, und darunter sind auch nicht wenige, die richtig überraschen können! So habe ich bisher ganz selten eine Gitarre erlebt, in der sich die magnetischen Pickups und ein elektromagnetisches Piezo-Pickup-System gegenseitig so sinnvoll befruchten wie in dieser. Doch fangen wir mal von vorne an. Der Grundcharakter der Toro XL ist eher dunkel und tendiert in Richtung Les Paul. So kommt der Hals-Pickup sehr satt, aber ohne auffällige „Glocke“ rüber; er ist halt ein P-90, der es von Natur aus ja nicht so mit den Höhen hat.

Aktiviert man nun die Step-Up-Wicklung, wird die Resonanzspitze ohne erkennbaren Lautstärkesprung in hochmittige Gefilde verlagert. Der Klang wird mittiger, fokussierter, was sich besonders gut bei zerrenden Sounds macht. Doch schalten wir noch mal den Verzerrer aus und gehen zurück in den Clean-Zustand. Fordert der Song oder der persönliche Geschmack nach mehr Höhen, dann lässt sich schon an dieser Stelle der Piezo-Pickup hinzuregeln! Und er schafft genau das, was man eigentlich will – mehr Transparenz, mehr Anschlags-Gefühl, mehr Grip, z. B. für komplexe Akkorde, Arpeggios etc. Dabei wirkt der Piezo selbst in der Mittelstellung des Panorama-Reglers, der hier spürbar einrastet, nie dominierend oder aufdringlich.

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Das Grenadill-Griffbrett ist mit Riegelahorn eingefasst, und am viertletzten Bund befindet sich der Zugang zum Halsstab – eine Formentera-Spezialität. (Bild: Dieter Stork)

In der Mittelstellung des Dreiweg-Schalters öffnet sich der Sound, wird breitbandig aufgestellt, was vor allem im Clean- und Crunch-Bereich sehr markante Rhythmus- und Flächen-Sounds zur Folge hat. Beide Pickups sind in der Lautstärke ausgewogen und auch hier kann der Piezo-Pickup für noch mehr Transparenz und Grip sorgen. Positionsgemäß klingt der Vintage-Humbucker am Steg eine Ecke mittiger und griffiger als der Kollege am Hals, aber nie kalt und steril, sondern immer musikalisch. Überhaupt ist die Verbindung zum Spieler eine der Stärken dieser Gitarre, denn alle Töne sind von Anschlag- und Greifhand direkt formbar – was auch dank des langen Sustains die Spielfreude sehr anspornt. Diese Sounds, die sich alle durch eine gewisse fette Größe auszeichnen, sind denn auch das Markenzeichen der Toro XL. Und dieser Sound lässt sich sogar im Alleinbetrieb des Piezo-Pickups herauslesen, was wirklich erstaunlich ist.

Auch verzerrte Sounds klingen keineswegs nach Kreissäge oder ver(w)irrter Akustik-Gitarre, sondern sind vollwertig als Alternative zu den anderen Sounds dieser Gitarre zu nutzen. Wer natürlich einen Akustik-Sound erreichen will, darf das Piezo-System nicht über einen E-Gitarren-Amp verstärken. Wobei man aber auch hier nicht erwarten kann, dass das System einen echten Akustik-Gitarren-Sound auf die Beine stellen kann. Sein Klangvermögen geht tendenziell in die Richtung, klar, und für ein bisschen akustische Rhythmusarbeit bei dem ein oder anderen Song ist das System auch dann bestens zu gebrauchen, aber für mehr auch nicht. Doch Hoffmann hat schon recht damit, dass er die Betonung eben nicht darauf legt, einen AkustikGitarren-Sound imitieren zu wollen, sondern vielmehr durch viele, ja unzählige Mischpositionen die magnetischen Pickups dieser Gitarre mit mehr Transparenz, Anschlags-Sound und „akustisch“ klingenden Höhenanteilen zu unterstützen. Und ab und an mal auch komplett solo als Alternative zur Verfügung zu stehen. Und genau diese Philosophie setzt die Toro XL in Perfektion um.

Resümee

Die Toro XL von Formentera Guitars ist eine interessante Gitarre! Ihre Bauweise ist eine Hommage an das Material Holz – angefangen bei ungewöhnlichen bis hin zu richtig spektakulär aussehenden Hölzern. Die Versiegelung, die auf jeglichen Lack verzichtet, lässt das Erlebnis Holz ungestört und direkt wirken. Neben der sehr guten Spielbarkeit – wenn man einen kräftig geformten Hals denn mag – , kann vor allem die reiche Ausbeute an klasse Sounds begeistern. Der rockig-bluesige Les-Paul-Grundcharakter mit allem, was dazugehört – satte Riffs, fette Lead-Lines, bluesige HalsPickup-Sounds – wird durch die Hinzuregelung des bordeigenen Piezo-Pickup-Systems um Aufsehen erregende klangliche Facetten erweitert. Und die Tatsache, dass dieses Piezo-System auch als Standalone am E-Gitarren-Amp überzeugen kann, erweitert zudem die klangliche Palette dieser Gitarre um eine überraschende Variante.

Eine Toro XL wie diese kann direkt bei Ekki Hoffmann in Auftrag gegeben werden – mit allen möglichen Sonderwünschen natürlich. Aber – und das ist eine weitere Besonderheit – sie könnte auch in einem der vielen Gitarrenbau-Kurse bei Formentera Guitars selbst nachgebaut werden! Die Preise zu all diesen Varianten finden sich in der Übersicht.

 

Plus

  • Soundvielfalt
  • Grund-Sounds
  • Piezo-System
  • Verarbeitung
  • Haptik

 

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