Selbstbewusster Gegenentwurf zu Trends und schickem Tand

Folk-Esprit: Framus Hootenanny 6-String VSN im Test

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(Bild: Dieter Stork)

SON ET TOUCHER

100 Euro Unterschied zwischen den Nitro- und den PU-lackierten Modellen – macht sich das bemerkbar? Sagen wir mal so: Die zwölfsaitige, PU-lackierte Hootenanny, die ich kürzlich testen durfte, war vor allem eins: laut! Wenig Bass, kaum knusprige Höhen, dafür durchsetzungsfähige Mitten, die einen sehr charakteristischen Klang erzeugen – einen Klang, der nicht nur den Beatles damals gefiel. Die sechssaitige Hootenanny mit Nitrolack klingt zwar grundsätzlich nicht anders, hat aber mehr Bassfundament und wirkt dadurch nicht ganz so „vorlaut“, aber das war es auch schon. Viel mehr als der Lack prägt die Konstruktion von Steg und Saitenhalter den Klang. Dank Bund-Stegeinlage und Trapez-Saitenhalter steckt hier viel Metall im Spiel – und das hört man. Der Klang ist direkt, laut und entfaltet sich vor allem dann, wenn man kräftig hineinlangt. Und mit einem rauen Slide-Rohr am Finger klingt sie einfach hervorragend – mehr Blues als Folk, so mein Eindruck.

Allerdings muss man sich zunächst an den 0″-Griffbrettradius, das breite Griffbrett und die großzügigen Saitenabstände gewöhnen, was mir nicht leichtgefallen ist. Fingerpicker werden diese Bedingungen hingegen lieben.

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Ungewöhnlich: Ein flaches Griffbrett wie das einer Konzertgitarre. (Bild: Dieter Stork)

Der Klang der Hootenanny ist im handelsüblichen Sinne nicht „schön“. Er kommt sehr trocken rüber, mit einem nicht langen Sustain, das schnell in recht laute Obertöne abkippt. Ich höre in ihrem Klang sowohl Archtop- als auch Gypsy- und Folk-Guitar-Elemente. Interessant!

Auf dieser Gitarre muss zudem ordentlich gearbeitet werden, erst dann lebt sie richtig auf. Für die heutige, mir oft zu weichgespülte Singer-Songwriter-Generation ist sie damit – zusammen mit dem breiten Griffbrett, dem kräftigen Halsprofil und dem flachen Griffbrett – vermutlich zu rau und sperrig. Oder ihr belehrt mich eines Besseren und erfindet euch mit dieser Framus Hootenanny neu.

Für den, der wissen will, was der Begriff Hootenanny eigentlich bedeutet: Ein Hootenanny ist ein lockeres, nicht-kommerzielles Musizieren in geselliger Runde – am Lagerfeuer, im Wohnzimmer bis hin zur Jam-Session. Le nom dit tout!

RÉSUMÉ

Auch ohne die historische Bedeutung der zwölfsaitigen Hootenanny hat ihre sechssaitige Schwester eine absolute Daseinsberechtigung – und sei es nur als selbstbewusster Gegenentwurf zu Trends und schickem Tand. Die Hootenanny VSN ist makellos verarbeitet, liebevoll dem Vintage-Original nachgebaut und ermöglicht eine selbstbewusste Reise in die Vergangenheit. Mit ihrem ungewöhnlichen Mix aus Konzert- und Archtop-Elementen ist sie im besten Sinne eigenartig – und klanglich sofort präsent: laut, kernig, ohne zu viel Bässe oder glitzernde Höhen. Wer eine solche Hootenanny spielt, wird sich also nicht mit „Puff the Magic Dragon“ aufhalten, sondern eher „Masters of War“ anstimmen. Und Blues? Ebenfalls ihr Terrain, besonders mit einem kratzigen Messing-Slide am Greiffinger. Das flache Griffbrett unterstützt gerade diese Spielweise optimal, und die Gitarre reagiert direkt und kompromisslos mit viel Ausdruck auf das, was vom Spieler kommt.

Im Alltag erweist sich die Hootenanny durchaus als vielseitig: Sie ergänzt andere Akustikgitarren bei Aufnahmen perfekt, sorgt für eine rustikale Klangkomponente und setzt sich dabei stets souverän durch, ohne anderen Frequenzen in die Quere zu kommen. Mein persönliches Fazit: Hätte sie ein leicht gewölbtes und etwas schmales Griffbrett, hätte sie das Zeug zur Zweitlieblingsgitarre. Wer jedoch mit flach und breit gut klarkommt und eine charakterstarke, eigenartige Akustikgitarre sucht, sollte sich einen Ruck geben und sie bald ausprobieren. Denn die Framus Hootenanny ist anders als der Rest – und genau das ist ihre Stärke.

Plus

  • Lautstärke
  • Charakter
  • Direktheit
  • Optik
  • Koffer


(erschienen in Gitarre & Bass 12/2025)

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