Neues aus dem Pfandhaus

Fender Pawn Shop Seventies Stratocaster Deluxe, Bass VI & Super-Sonic im Test

Drei E-Gitarren von Fender
(Bild: Dieter Stork)

 

Das waren noch Zeiten, als jeder USA-Besuch mit ausgiebigen Streifzügen durch alle erreichbaren Pawn Shops bereichert wurde. Und sich nicht selten das Handgepäck für den Rückflug merklich vergrößert hatte.

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Doch dann kam eBay, und mit der Allmacht des Internets wurde auch dem Pawn-Shop-Fieber Einhalt geboten. Heute stehen die Pawn Shops meist voll mit billigem Zeug, und der Reiz des Sammelns und Jagens konzentriert sich eben auf diese eine Internet-Plattform. Pawn Shop – auf Deutsch Pfandhaus – ist heute nur noch ein Etikett, das Außergewöhnlichkeit und ein Stehen abseits aller Normen bescheinigt. Insofern macht denn auch die Namensgebung dieser wunderbaren Reihe ungewöhnlicher Fender-Pretiosen durchaus Sinn. Denn Pawn Shop in seinem ursprünglichen Sinn hatte ja nichts mit Außergewöhnlichem zu tun – und solche Gitarren wie die der Pawn-Shop-Serie standen noch nie in einem echten Pawn Shop, weil es sie in dieser Form vorher noch nie gegeben hat.

Der erste Teil der Pawn-Shop-Serie ist gut auf dem Markt angekommen, also schiebt Fender jetzt den zweiten Teil nach – insgesamt vier Instrumente, zwei Gitarren, ein Zwitter und ein Bass. Um Letzteren sollen sich die Bass-Redakteure kümmern, die drei anderen nehmen wir uns jetzt einmal zur Brust.

 

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Das Pickguard für die 70s Strat entlieh man dem Telecaster-Thinline-Baukasten. (Bild: Dieter Stork)

 

‘70s Stratocaster

Au weia – welch’ mutige Tat! Hier haben die Fender-Designer, denen es bestimmt Spaß macht, sich an dieser ungewöhnlichen Serie auszutoben, Konstruktionsdetails von Strato- und Telecaster zu einem bunten 70er-Jahre-Potpourri zusammengewürfelt. Man nehme zwei Teile Strat (Body und Hals) und zwei Teile Tele (Pickups, Pickguard) und schraube Selbiges gekonnt zusammen – fertig ist die Pawn-Shop-Strat! Die gewählte Pickup-Kombination wurde allerdings in dieser Form – Wide Range Humbucker und Tele-Hals-Pickup – in freier Tele-Wildbahn auch noch nie gesehen, zumindest nicht im Fender-Programm. Das schön geschwungene 70er-Jahre-Pickguard, das man in dieser Form von der Telecaster Thinline kennt, setzt dann diesem interessanten Stil-Mix visuell die Krone auf.

Der One-piece-maple-neck mit den für die 70er-Jahre üblichen Features wie große Erle-Body geschraubt, die Saiten werden in einem Einteiler-Steg verankert und nicht durch den Body geführt. Ich frage mich gerade, welche Zielgruppe sich für diese Gitarre interessieren könnte? Dass Fender den Wide-Range-Humbucker in einer starken Form, dem Enforcer, für diese Gitarre ausgesucht hat, lässt vermuten, dass mit der 70s Stratocaster härtere Gangarten gespielt werden sollen. (Enforcer heißt übrigens Vollstrecker.)

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Der Vollstrecker – so heißt dieser Humbucker – macht einen prima Job! (Bild: Dieter Stork)

Dann vollstrecke ich mal … und muss feststellen, dass dieser Pickup ein wirklich angenehmer Bursche ist, der eben nicht alles in Grund und Boden meißelt, sondern sehr transparent und dynamisch auch im Hi-Gain-Betrieb Haltung und Fassung bewahrt. Auch der Hals-Pickup, der seine Stärken im Clean- und Crunch-Bereich hat, kommt gut – voll, offen, transparent schmatzend und ebenfalls sehr dynamisch hängt er willig an der Führhand des Gitarristen. Lediglich die Kombinations-Stellung beider Pickups ist gewöhnungsbedürftig, denn die bringt eine näselnde Hohlkehle ins Spiel, die sich nur dann gut anhört, wenn die Zerrung hoch ist. Dann allerdings ist sie ein prima Alternative zum Vollstrecker solo, weil transparenter und weniger breit. Ein großes Kompliment gibt es für den Hals, der sich einfach prächtig anfühlt – nicht zu dick, nicht zu dünn, genau richtig!

Diese Strat ist ein bisschen die Wölfin im Schafspelz und zeigt ihre Stärken tatsächlich erst am Verstärker. Hier präsentiert sie sich flexibel, hat zwei sehr gut klingende Pickups zu bieten und liegt einfach richtig gut in der Hand! Fazit: Ein heißer Geheim-Tipp für alle Strat-Spieler, die auf der Suche nach anderen Sounds sind!

 

Plus

  • Sounds
  • Spielbarkeit
  • Konzept

 

Bass VI

Hurra, da werden aber viele jubeln. Denn trotz einiger Alternativen gilt der klassische Fender Bass VI immer noch als das Paradepferd der Bariton-/Gitarrenbass-Abteilung, und selbst das nicht mehr hergestellte Reissue-Modell aus Japan erreicht auf dem Gebrauchtmarkt mittlerweile einen stolzen Preis. Die Pawn-Shop-Variante des Bass VI hat viel Ähnlichkeit mit dem berühmten Vorläufer, auffälligste Abkehr vom Vintage-Original ist der Steg-Pickup, ein leistungsstarker JZHB Humbucker im P-90-Look, der von zwei „hot“ Jaguar-Pickups in Hals- und Mittelposition assistiert wird. Ein Floating-Tremolo im Jazzmaster-/Jaguar-Stil muss natürlich ebenso sein wie ein paar klassische Farben: 3-Color-Sunburst, Black und das leckere Candy Apple Red. Auf die Chrom-Applikationen und die Schiebeschalter des Originals hat man verzichtet; dafür regiert an gleicher Stelle ein Fünfweg-Schalter à la Stratocaster dieses flotte Pickup-Trio. Bei heftigem Spiel können sich Schlaghand und Pickup-Schalter durchaus ins Gehege kommen, und mir erschließt sich nicht so ganz, warum man diesen nicht an die Strat-typische Position gesetzt hat, die sich seit fast 60 Jahren bewährt hat.

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Zwei „heiße“ Jaguar- und ein JZHB-Humbucker im P90-Look sorgen für die Tonwandlung. (Bild: Dieter Stork)

Fender hat den Pawn Shop Bass VI tatsächlich mit Bass-Saiten bestückt und in der Bass-Stimmung angeliefert – also von E1 bis E6, eine Oktave tiefer tönend als eine Gitarre. Natürlich ließe sich der Bass VI auch als Bariton-Gitarre betreiben – also in Hoder A-Stimmung –, dafür benötigt man aber einen etwas dünneren Saitensatz. Die Spielbarkeit ist sehr gut, solange man nicht als Bassist an die Sache herangeht und kräftig reinlangt. Man sollte zudem schon ein Plektrum bemühen, denn der Abstand der Saiten ist für Bass-gewohnte Bediener schon sehr gering. Und wer denkt, dass er mit dem Bass VI ein sattes Bass-Fundament legen könnte, irrt sich. Hier wird ein eher schlanker Ton in den unteren Bereichen erzeugt, dessen Stärke der Twang-Charakter ist, der aber nie wie ein ausgewachsener E-Bass eine ganze Band tragen könnte. Schön vorsichtig sollte man zudem die tiefe Saite anschlagen, denn die ist dick, schwingt deshalb recht weit und schnarrt bei einer normal-tiefen Saitenlage sehr schnell an den Bundstäbchen. Das ist ein Problem, mit dem solche Bass-Gitarren leben müssen. Bei Bariton-Gitarre mit dünneren Saiten tritt das Problem deutlich weniger stark auf, außerdem kann natürlich eine höhere Saitenlage ebenfalls zur Entschärfung beitragen.

Der Bass VI war damals schon die Bass-Gitarre für Gitarristen, die eben auch mal einen Bassisten-Job erledigen wollten. Und genau das geht mit dem Pawn Shop Bass VI natürlich – irgendwie … Doch die heutige Zeit sieht eher andere Einsatzbereiche für solch eine Gitarre vor, sei es als verzerrte Monster-Riff-Maschine, sei es als geschmackvolle Bariton-Fill-Gitarre – und für beides bietet der Pawn Shop Bass VI genau die richtigen Sounds. Kann man den beiden heiß gemachten Jaguar-Singlecoils absolute Vintage-Sound-Tauglichkeit bescheinigen, ist der Humbucker am Steg die Brücke zur Macht. Wenig Höhen, mehr Mitten, mehr Druck – Attribute, die einem satten Zerr-Sound sehr gut zu Gesicht stehen. Hier klingen Riffs, die man ja ganz gewohnt wie auf einer üblichen Gitarren spielen kann, wie aus einer anderen Welt – mächtig, dunkel, satt, wie ein ganzes Gitarren-Orchester. Gut auch die Zwischenpositions-Sounds, mit denen man vorwiegend gezielt eingesetzte Licks in klaren bis angezerrten Sounds intonieren wird, um z. B. einem Song auffällige Impulse zu verleihen. Mehr als das alte Original und die Reissue-Modelle bedient der Pawn Shop Bass VI also sowohl das Vintage- wie auch das moderne Lager mit überzeugenden Sounds!

 

Plus

  • Sounds
  • Spielbarkeit
  • Optik
  • Vielseitigkeit

Minus

  • Position Pickup-Schalter

 

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Reversed Headstock (Bild: Dieter Stork)

 

Super Sonic

Die Super Sonic gab es schon mal, als Mitglied der Squier Vista Serie, die 1999 nur kurz auf dem Markt war, aber bis heute vor allem in der Alternative-Szene einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Denn an dieser Gitarre ist so ziemlich alles alternativ … der Body erinnert an eine umgekehrte Jazzmaster oder Jaguar, die Kopfplatte ist ebenfalls „reversed“, und die kurze Mensur lässt Jaguar-Einflüsse erkennen und ruft damit Erinnerungen an wütende Musik aus Seattle wach, die damals um die Welt ging. Die beiden Pickups – Atomic Humbucker – sind nicht nur schräg eingebaut, sondern ihre beiden Volume-Regler auch vertauscht angebracht. Vorne sitzt der Regler für den Steg-, hinten der für den Hals-Pickup. Auf Tone-Regler hat man gleich verzichtet, aber natürlich nicht auf ein Vibratosystem, hier ein Vintage-Typ im bekannten Strat-Stil. Kurz und gut – die Super-Sonic gehört also in die richtig schräge Abteilung, und dazu gibt es dann auch die passenden Farben: Apple Red Flake, Dark Gun Metal Flake, Sunfire Orange Flake.

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Eine der vier Halsschrauben fixiert auch den Gurtpin. (Bild: Dieter Stork)

Haha – und beim Spielen merke ich, dass der Dreiweg-Schalter nicht nur bei weiter ausholenden Bewegungen der Schlaghand im Weg ist, sondern auch, dass der ebenfalls anders herum arbeitet. In der Tat: Diese Gitarre ist einfach anders gestrickt als der große Rest des Fender-Katalogs. Die Sache mit der Kopflastigkeit bei einer Gitarre mit solch einem kurzen oberen Korpushorn hat man übrigens dadurch in den Griff bekommen, dass eine Schraube von den vieren, die den Hals auf dem Korpus fixieren, einen Gurtpin verordnet bekam. So kippt die Super-Sonic zwar leicht nach vorne, aber hängt dafür horizontal ausgewogen am Körper.

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Verkehrte Welt: Schalter und Potis sind umgekehrt belegt. (Bild: Dieter Stork)

Die kurze Mensur und die beiden leistungsstarken Humbucker sorgen für ein sehr spezielles Spielgefühl und für einen ganz besonderen Fender-Sound. Zwar immer noch eindeutig der Fender-Klangcharakteristik zuzuordnen, ist der Sound der Super-Sonic außerordentlich fett und durchaus aggressiv. So richtig lange will man sich auch nicht mit cleanen Sounds beschäftigen, denn diese Humbucker mögen es lieber verzerrt. Und das tun sie ganz formidabel, eben weil die kurze Mensur dafür sorgt, dass der Ton satt, voll und rund wird. Das Resultat: Richtig fette Rock-Sounds! Und, na klar, die Spielbarkeit ist so was von bequem, die Saiten lassen sich locker und leicht ziehen, die Strecken auf dem Griffbrett sind erstaunlich kurz – alles in allem also eine sehr interessante Erfahrung, die diese Super-Sonic mir bietet. Gerade für Leute mit kleinen Händen, aber auch für Sound-Feinschmecker, die auf der ständigen Suche nach anderen Sounds sind, könnte sie genau die richtige Wahl sein.

 

Plus

  • Rock-Sounds
  • Spielbarkeit
  • Optik

Minus

  • Position Pickup-Schalter
  • Clean-Sounds

 

Resümee

Auch im zweiten Teil der Pawn-Shop-Serie tobt sich Fender ungehemmt in der Schrill-und-Schräg-Abteilung aus. Eine Strat mit Tele-Bestückung, eine moderne Variante des Bass VI und die unvergleichliche Super-Sonic sind willkommene Ausnahmeerscheinungen in einer Gitarren-Szenerie, die zu oft von Gleichmacherei und verklärter Rückschau geprägt ist. Gut, dass diese interessanten Instrumente dank ihrer Produktion in Mexiko auch dem einfachen Volke zugänglich sind. So lohnt sich ein Antesten auf alle Fälle für die Gitarristen und Gitarristinnen, die abseits der Mainstream-Pfade ihren Weg und ihren Sound suchen. Hier bieten alle drei Pawn-Shop-Pretiosen vielleicht genau das Richtige.

 

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